Hans-Friedrich Bormann (Berlin)

Die Zeit des Betrachters: Beckett – Warhol – Nauman

Seit der Romantik erscheint „Langeweile“ als Signatur eines ästhetischen bzw. ästhetisierenden Zugangs zur Welt; zugleich nimmt sie als Topos künstlerischer (Selbst-) Darstellung eine zentrale Position innerhalb der Konstitution moderner Subjektivität ein. In meinem Beitrag möchte ich der spezifischen Produktivität dieses Topos anhand jener Transformationen nachgehen, die in der Kunst der Gegenwart virulent werden.

Diese Überlegungen sind der historischen Kontinuität ebenso wie den Brüchen und Widersprüchen verpflichtet, welche nicht allein auf Veränderungen im alltagspraktischen Verständnis von Zeit (etwa ihrer Ökonomisierung in Form von Arbeits- und Freizeit) zurückzuführen sind. Vielmehr gehe ich davon aus, dass sich in und mit der Kunst der (Post-) Moderne eine Veränderung innerhalb der Wahrnehmung selbst vollzieht: Der Topos der „Langeweile“ erweist sich hier nicht allein als ein Movens schöpferischer Tätigkeit bzw. deren Selbstreflexion, welche sich im und als (Kunst-) Werk objektiviert, sondern als konstitutives Moment der Erfahrung des Lesers bzw. Betrachters selbst. Mit anderen Worten: Er ist kein Motiv (unter anderen) von Darstellung, sondern Schauplatz einer umfassenden Krise der Darstellbarkeit – einer Krise, die sich in den (von Kunstliebhabern oft beklagten) Erfahrungen von Mangel, Entzug und Abwesenheit niederschlägt.

Dagegen wäre das produktive Potential einer Zeit des Betrachters zu setzen, die sich im Anschluss an die jüngsten Ausführungen von Bernhard Waldenfels zur „Phänomenologie der Aufmerksamkeit“ und mit Blick auf ausgewählte Arbeiten von Samuel Beckett, Andy Warhol und Bruce Nauman genauer bestimmen lässt. Bereits die Konfrontation unterschiedlicher Künstler, Werke und Genres (Literatur, Bildende Kunst Theater / Performance) könnte zu der Einsicht verhelfen, dass der Topos der „Langweile“ kein qualitatives Kennzeichen (weder eines Gegenstandes noch seiner Betrachtung), sondern Ausweis eines relationalen Bezugs ist, der die Voraussetzungen (wenn nicht die Möglichkeit) ästhetischer Erfahrung betrifft.