Literatur | Autor: Jost Schneider
Der Begriff Literatur sowie seine in bestimmten Epochen und Benutzergruppen gebrauchten Synonyme haben sehr viele, teilweise stark voneinander abweichende Festlegungen erfahren. Hier sei die folgende Definition vorgeschlagen, deren wissenschaftlicher Status und deren einzelne Elemente anschließend ausführlich kommentiert werden:
Literatur ist eine - im mathematischen Sinne - diskrete Sequenz von Laut- oder Schriftzeichen, die fixiert und/oder sprachkünstlerisch gestaltet und/oder ihrem Inhalt nach fiktional ist.
Grundsätzlich zu unterscheiden ist zunächst zwischen normativen und deskriptiven Definitionen, wobei letztere - häufig auf induktivem Wege - die gemeinsamen Merkmale der in der breiten Öffentlichkeit bzw. von der Allgemeinheit für literarisch gehaltenen Texte zu beschreiben versuchen, während erstere - oftmals nach deduktiver Methode - die Charakteristika der nur von den Definierenden (und den Anhängern ihrer ästhetisch-weltanschaulichen Positionen) als literarisch anerkannten Texte erfassen sollen.
Beide Definitionsformen haben mit gewichtigen Problemen zu kämpfen. Die deskriptiven Definitionen tendieren zu einem in sich widersprüchlichen, zufällig wirkenden und nicht sehr trennscharf abgegrenzten Literaturbegriff. Die normativen Definitionen sind dagegen im Idealfall zwar in sich stimmig und literaturtheoretisch wohlbegründet, dafür läßt sich jedoch unter Umständen nur eine kleine (weltanschaulich gleichorientierte) Leserschar für einen solchen Begriff gewinnen und auch nur eine begrenztere Anzahl von Texten in den Rahmen dieser - im allgemeinen engeren - Festlegungen einzwängen.
Eine besondere Schwierigkeit ergibt sich aus dem Umstand, daß der Literaturbegriff auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen definiert werden kann. Einer pragmatisch-oberflächlichen Begriffsbildung läßt sich hierbei ein philosophisch-tiefgründiges Bestimmungsverfahren gegenüberstellen, wobei in der kulturellen Praxis offenbar für beide Definitionsformen legitimer Bedarf besteht. Der Herausgeber eines Sammelbandes über das Bild Napoleons in der deutschen Literatur wird z.B. einen pragmatischen Literaturbegriff benötigen, um aufgrund äußerlicher Erkennungsmerkmale entscheiden zu können, ob ein bestimmter Text als literarisch anzusehen und damit in seinen Band aufzunehmen ist.
In der Festrede zur Eröffnung eines neuen Heine- oder Kafka-Archivs dürfte demgegenüber mit einiger Sicherheit auf einen anspruchsvolleren Literaturbegriff zurückgegriffen werden, der durch Bezugnahme auf das - vermeintliche oder tatsächliche - Wesen der Literatur den höheren Nutzen (sowie die kultur- und finanzpolitische Legitimation) einer solchen Institution deutlicher hervortreten läßt.
Wissenschaftliche Nachschlagewerke wie das hier vorliegende bemühen sich in der Regel um eine möglichst deskriptive, auf klar identifizierbare Erkennungsmerkmale rekurrierende Begriffsbestimmung. Drei verschiedene Hauptmerkmale von Literatur werden hierbei immer wieder genannt, deren - weiter unten durch eine Graphik veranschaulichte - Kombination uns zu der Gewinnung von sieben verschiedenartigen Literaturbegriffen führt.
Gemeint ist hiermit die Annahme, daß literarische Texte im Unterschied zu nicht-literarischen einen spezifischen, an besonderem Wohlklang, unkonventioneller Wortwahl, freiem Satzbau und anderen Elementen festzumachenden Stil aufweisen. Wie dieser Stil im einzelnen beschrieben werden kann, ist allerdings umstritten.
Grundsätzlich können wir nur festhalten, daß hierbei meistens auf die besondere sprachgestalterische Komplexität und/oder auf die stilistische Neuartigkeit eines Textes rekurriert wird.
Folgende Erkennungsmerkmale werden in vielen Fällen genannt:
Hierbei wird unterstellt, daß der Inhalt literarischer Texte („nur“) erfunden oder erdichtet ist. Fraglich ist allerdings, was genau unter dieser Bestimmung verstanden werden soll, da viele moderne Schulen der Erkenntnistheorie vom Neukantianismus bis zum Konstruktivismus davon ausgehen, daß unsere gesamte Weltwahrnehmung - also keineswegs nur diejenige des Dichters - teilweise oder sogar überwiegend auf einer Aktivität des erkennenden Bewußtseins beruht. Jedes alltägliche Wahrnehmen oder Denken ist demnach bis zu einem gewissen Grad und in einem gewissen Sinne ein Erdichten; als Menschen sehen wir die Welt immer durch die „Brille“ unseres Denk- und Wahrnehmungsapparates.
Resonanz finden vor diesem Hintergrund vor allem die folgenden Ansätze zur Erklärung von literarischer Fiktionalität:
Hierbei wurde ursprünglich angenommen, daß alles zur Literatur gehört, was in gedruckter Form als Buch vorliegt und z.B. in Archiven oder Bibliotheken gesammelt wird. Die Entdeckung und Analyse der „oral poetry“ sowie die Weiterentwicklung der Speicher- und Kommunikationsmedien haben diese sehr simple Definition, die unterschwellig noch in Begriffen wie Fachliteratur oder Sachliteratur fortlebt, veralten lassen. Heutzutage spricht man genereller von der Fixierung einer Sequenz sprachlicher Zeichen, wobei es zwar technisch, nicht aber vom Prinzip her einen Unterschied ausmacht, ob die Fixierung dieser Zeichen elektronisch auf einer Festplatte, drucktechnisch in einem Buch oder auch rein mnemotechnisch durch Auswendiglernen im Gehirn eines (u.U. schriftunkundigen) Märchenerzählers erfolgte und erfolgt. Im Hinblick auf Hypertexte ist zu betonen, daß die Fixiertheit nicht die Lokalisiertheit impliziert, d.h. daß die Fixierungsmedien und innerhalb derselben die einzelnen konkreten Zeichenträger (einzelne Speicher) beliebig oft wechseln können (vgl. auch unten Abschnitt 4.3).
Für die Fixierung diskreter (bzw. kontrolliert und in begrenztem Maße variierter) Sequenzen von sprachlichen Zeichen, die in mündlicher Form als Laute oder in schriftlicher Form als Buchstaben und Ideogramme auftreten, können hierbei folgende Kriterien in Anschlag gebracht werden:
Diese drei Erkennungsmerkmale können alleine oder in kombinierter Form zur Grundlage einer Definition des Literaturbegriffs gemacht werden. Von allergrößter Bedeutung ist es hierbei, daß der hierdurch variierende Literarizitätsgrad nicht ohne weiteres mit literarischer Qualität korreliert oder gar identifiziert werden darf. Texte, die alle drei genannten Merkmale aufweisen, sind also nicht grundsätzlich besser als solche mit nur einem oder zwei Merkmalen, sondern bloß definitionskonformer, d.h. sie werden von mehreren und unterschiedlicheren Definitionsansätzen erfaßt. Ein Blick auf die sieben Textkorpora, die von den durch Kombination gewinnbaren sieben Literaturbegriffen voneinander abgegrenzt werden, wird diesen Sachverhalt illustrieren.
Zu dieser Gruppe, die im Dreierkreisschema die Zentralposition besetzt, gehören Texte wie z.B. Goethes Wahlverwandtschaften, Thomas Manns Zauberberg oder Hugo von Hoffmannsthals Elektra. So gut wie jeder Interpret wird diese Werke als literarisch bezeichnen; zu den Gegenständen der Literaturwissenschaft wurden sie von jeher hinzugerechnet. Wenn die zuverlässige Abspeicherung im Gedächtnis (dauerhaftes Auswendiglernen) - wie oben vorgeschlagen - als Fixierung aufgefaßt wird, ist darüber hinaus auch der größte Teil der „oral poetry“, die seit den 80er Jahren stärker erforscht wird, dieser Gruppe zuzurechnen.
In diese Gruppe gehören Textgattungen wie z.B. der Brief, das Tagebuch, die Autobiographie, der Reisebericht, die (feuilletonistische) Glosse oder der Essay. Als Beispiele wären etwa Goethes Briefwechsel mit Schiller, Hebbels Tagebücher oder Alexander von Humboldts Reisebeschreibungen zu nennen. Texte dieser Gruppe werden häufig als halbliterarisch bezeichnet, in den Werkausgaben einzelner Autoren sind sie aber jedenfalls in den allermeisten Fällen mit enthalten. Die Literaturwissenschaft hat sich mit ihnen am Rande schon sehr früh, besonders intensiv jedoch erst seit den 60er Jahren beschäftigt, als es im Zusammenhang mit der Studentenbewegung zu einer generellen Ausweitung des Literaturbegriffes kam. Weltanschaulich-programmatische oder poetologische Passagen aus Texten dieses Typs werden sehr häufig zur argumentativen Absicherung von Interpretationen zu Werken der Gruppe L 1 herangezogen.
In diese Gruppe gehört vor allem der ganze Bereich der sogenannten Trivialliteratur. Die sprachliche Gestaltung von Texten dieses Typs wird im allgemeinen (und manchmal vielleicht etwas zu pauschal und zu voreilig) für nicht-komplex und für nicht-innovativ gehalten.
Als Beispiele wären etwa Groschenhefte, Schlagertexte oder Stücke für das Volkstheater zu nennen. Manche Autoren wie Nestroy oder Fontane standen zeitweilig unter Trivialitätsverdacht und gelangten erst allmählich in die oben beschriebene Kategorie L 1. Seit Ende der 60er Jahre werden Werke der Gruppe L 3 im allgemeinen zu den anerkannten Gegenständen
der Literaturwissenschaft gerechnet. Forschungsarbeiten zu diesem Bereich behandeln aber in der Regel keine Einzelwerke, sondern zusammenfassend größere Untergattungen ( also „den“ Kriminalroman, „den“ Heimatroman etc.).
Zu dieser Gruppe gehören vor allem bestimmte Formen der sogenannten Alltagserzählungen, also z.B. spontan improvisierte Gute-Nacht-Geschichten oder gleichnishaft-didaktische Erzählungen, sofern sie ad hoc erfunden und nicht (wie z.B. Nathans Ringparabel) weitgehend aus der Erinnerung geschöpft sind. Die literaturwissenschaftliche Analyse von Texten dieses Typs setzt schwierige empirische Vorarbeiten voraus und ist erst seit den 80er Jahren durch Forscher wie Konrad Ehlich (Erzählen im Alltag. Frankfurt a.M. 1980) oder Uta Quasthoff (Erzählen in Gesprächen. Tübingen 1980) in Gang gesetzt worden. Lyrische und dramatische Texte sind in dieser Gruppe in der Minderzahl.
Hierzu gehören ebenfalls in erster Linie bestimmte Formen der Alltagserzählung, und zwar beispielsweise prahlerische Lügen und Phantasiegeschichten von Jugendlichen (Weiterspinnen von Filmhandlungen, Comicgeschichten u.ä.) oder monologische bzw. selbstgesprächartige, detailliert ausgemalte Rachephantasien. Texte dieses Typs haben die Literaturwissenschaft bisher kaum beschäftigt.
In diese Gruppe gehören z.B. Stegreifansprachen im feierlich-gehobenen Stil, Diskussionsbeiträge in geschliffener Sprache oder Wortspiele in der Alltagskommunikation. Texte (bzw. Textfetzen) dieses Typs sind nur von denjenigen Literaturwissenschaftlern stärker beachtet worden, die das rhetorisch geprägte Sprechen für die (bzw. eine) Grundlage des literarischen Sprechens halten.
Hierzu zählen z.B. Telefonbücher, Gebrauchsanweisungen und Kochrezepte, aber auch - sofern man sie nicht der Kategorie L 2 zuordnen kann - die sogenannte aleatorische Dichtung (Zufallsdichtung), die im Futurismus, Dadaismus und Surrealismus relativ verbreitet war und die neuerdings v.a. in der Computerlyrik eine Wiederbelebung erfährt. Texte dieses Typs finden (verstärkt seit den 60er Jahren) bei denjenigen Literaturwissenschaftlern Interesse, die sich mit (tiefen-)psychologischen Aspekten der Textproduktion oder -rezeption beschäftigen, sowie bei denjenigen, die aufgrund bestimmter sprachtheoretischer Vorannahmen das Lesen für eine aktive, überwiegend kreative Tätigkeit halten.
Die Hierarchie dieser sieben Kategorien korreliert nicht mit Qualität, sondern nur mit Literarizität. Texte der Kategorie L 1 sind also nicht besser, sondern nur literarischer als solche der Kategorie L 4 oder L 7, d.h. sie werden von einer im Vergleich größeren Anzahl von Rezipienten für literarische Texte gehalten und als solche behandelt.
Der Literaturbegriff der Literaturwissenschaften hat sich im Laufe der Zeit erweitert. Umfaßte er zu Beginn (Anfang des 19 Jahrhunderts) nur die Gruppen L 1 und L 2, so ist er ab Ende der 1960er Jahre auf die Gruppe L 3 und seit den 80er Jahren im Rahmen bestimmter Theoriekonzepte (Intertextualität, Dekonstruktivismus) sogar auf alle weiteren Gruppen ausgeweitet worden. Theorie und Praxis klaffen hierbei jedoch nicht selten weit auseinander; literaturwissenschaftliche Einzelanalysen beziehen sich bis heute ganz überwiegend auf Texte der Typen L 1 und L 2.
Das lateinische Wort „litteratura“ bedeutete ursprünglich in einem weitgefaßten Sinne soviel wie „Buchstabenschrift“ bzw. „Geschriebenes“, d.h. daß unter etymologischen Gesichtspunkten das definitorische Erkennungsmerkmal der Fixiertheit (Fixierung einer Sequenz sprachlicher Zeichen) als primär anzusehen ist. Der manchmal als Synonym zu „Literatur“ verwendete deutsche Begriff „Schrifttum“ bewahrt die Erinnerung an diesen Zusammenhang. Die Bedeutung des Wortes „Literatur“, das im Deutschen zuerst 1571 bei Simon Roth (Ein Teutscher Dictionarius) erscheint, war allerdings mannigfachen Wandlungen unterworfen. Von der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert hinein bezeichnete es zunächst die Gelehrsamkeit, und zwar speziell die Schriftgelehrsamkeit. Am Ende des 18. Jahrhunderts erscheint das Wort auch in der Bedeutung von „Bibliographie“ oder „Wissenschaft“, weshalb - als Übersetzung des seit dem 17. Jahrhundert in Frankreich verbreiteten „belles-lettres“ (daher dt. Belletristik) - zu dieser Zeit oftmals in präzisierender Absicht von „schöner Literatur“ gesprochen wird. Ungefähr seit den 1820er Jahren setzt sich dann als Abkürzung für diese zusammengesetzte Formulierung der Begriff „Literatur“ in seiner bis heute üblichen, nicht ganz klar definierten Bedeutung durch.
Während die Begriffe „Belletristik“ und „Sprachkunst(werke)“ das definitorische Erkennungsmerkmal der künstlerischen Sprachverwendung in den Mittelpunkt stellen, legen die Bezeichnungen „Poesie“ (von griech. poiesis = das Machen, Dichten) und „Dichtung“ (nach heutigem Begriffsverständnis) den Akzent auf das Erfinden und Fingieren, also auf das definitorische Erkennungsmerkmal der Fiktionalität.
Wortfeld und Wortgeschichte reflektieren also in vielfältiger Weise die drei vorgestellten Hauptansätze zur Definition des Literaturbegriffs. Literaturwissenschaftliche Methoden und Theorien geben darüber hinaus schon durch ihre Vorliebe für die eine oder andere Gegenstandsbezeichnung zu erkennen, welchem Literatur-Verständnis sie folgen. So bevorzugten beispielsweise existentialistische Interpreten den Terminus „Dichtung“, während Anhänger des Formalismus lieber von Sprachkunstwerken und Befürworter einer Gegenstandserweiterung möglichst neutral von Literatur oder (literarischen) Texten sprachen.
Die literaturwissenschaftliche Definition des Literaturbegriffs unter Bezugnahme auf möglichst eindeutige Erkennungsmerkmale ist heuristisch unentbehrlich, taugt jedoch alleine noch nicht zur Erfassung der Wandlungen der von Autoren und Theoretikern im Verlauf von Jahrhunderten immer wieder veränderten Literaturauffassung. Die normative Festsetzung von Wesensmerkmalen ersetzte oder ergänzte in aller Regel die deskriptive Ermittlung von Erkennungsmerkmalen.
Die Anzahl möglicher Begriffsdefinitionen ist hierbei nicht kleiner als die Vielzahl der Weltanschauungen, Sprachtheorien und ästhetischen Konzepte, die in eine solche Wesensbestimmung mit einfließen können. Über die Einzelheiten der historischen Entwicklung des Literaturbegriffs von wichtigen schulbildenden Autoren, Philosophen und Literaturtheoretikern informiert die Poetikgeschichte. Besonders unterschiedlich sind hierbei die Meinungen über die historische Entstehung, über die „richtige“ Schreibmethode sowie über die Wirkungsziele und -möglichkeiten von Literatur.
Daß der Begriff „Literatur“ heute überwiegend im Singular und in Kombination mit einem bestimmten Artikel verwendet wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Ob es die Literatur überhaupt gibt, kann angesichts der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen durchaus bestritten werden, ja es darf geradezu als ein Hauptanliegen nichtwissenschaftlicher, wesensbestimmender Begriffsdefinitionen bezeichnet werden, diese irritierende Vielfalt zu reduzieren und die unüberschaubare Menge von (im wissenschaftlichen Sinne) literarischen Texten künstlich zu verknappen.
Es gehört zu den Paradoxien des Literaturbetriebes, daß ausgerechnet der Begriff Weltliteratur als ein solcher, besonders prominenter Versuch zur Gegenstandsverknappung anzusehen ist. Der von Goethe (insbesondere) in seinem Gespräch mit Eckermann vom 31. Januar 1827 geprägte Terminus meint nicht in einem neutral-deskriptiven Sinne die Literatur aller Zeiten und Länder, sondern den Kanon der weltweit relevanten, von Weltbürgern für Weltbürger verfaßten Werke.
Immerhin ersetzte Goethes Begriff allerdings die noch engere, seit Ende der 1760er Jahre von Herder bekannt gemachte Bezeichnung Nationalliteratur, die zwar im Kontext der Befreiungskriege eine vorübergehende Konjunktur erlebte, die jedoch - bis zur nationalistischen Umorientierung in Kaiserreich und Nazi-Diktatur - von Goethes kosmopolitischerem Begriffsverständnis weitgehend verdrängt wurde. Nationalliteratur war hierbei ab ovo eine zweideutige Bezeichnung, die gemäß der später von dem Historiker Friedrich Meinecke etablierten Unterscheidung zwischen Kulturnation und Staatsnation entweder alle literarischen Texte in einer bestimmten Sprache oder alle literarischen Texte von Bürgern eines bestimmten Staates bezeichnen konnte. Im Hinblick auf die deutschsprachige Literatur der Schweiz, die französische Literatur Schwarzafrikas, die spanische Literatur Lateinamerikas oder die englischsprachige Literatur Indiens kann es hierbei zu offenkundigen Zuordnungsproblemen kommen, ganz zu schweigen von der umfangreichen und literarhistorisch besonders wichtigen Exilliteratur.
Hinsichtlich der „oral poetry“ (auch „oral literature“) ist zu betonen, daß schriftlose Kulturen zu Unrecht lange Zeit für literaturlos gehalten wurden und deshalb in der Literaturwissenschaft bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein nicht (bzw. kaum) wahrgenommen wurden [vgl. oben die Bemerkungen zur Kategorie L 1].
Die Literaturwissenschaft muß zwangsläufig mit allen anderen (Geistes-, Gesellschafts- und Natur-) Wissenschaften kooperieren. Ursache für diese strapaziöse Universalität ist der Umstand, daß schlechterdings alles zum Gegenstand literarischer Erörterung und Thematisierung werden kann (und größtenteils schon geworden ist). In literarischen Texten finden sich demgemäß nicht nur genuin sprachkünstlerische Elemente, sondern auch z.B. mineralogische Fachtermini (Celan), politisch-historische Anspielungen (Biermann), mathematische Formeln (Novalis), musikwissenschaftliche Erörterungen (Thomas Mann), botanische Lehrsätze (Goethe), psychoanalytische Begriffe (DÖblin), physikalische Hypothesen (Lichtenberg) usw. usw.
Damit der in dieser Situation vom Literaturwissenschaftler zu fordernde Universalismus nicht in universalen Dilettantismus ausartet, bedarf es für den Einzelnen der Spezialisierung auf eine (oder einige) Kontaktdisziplin(en), wie sie z.B. aus der Kombination mehrerer Fächer im Rahmen eines Hochschulstudiums erwachsen kann. Wo keine derartige(n) Zusatzqualifikation(en) vorhanden ist (sind), empfiehlt sich die Konzentration auf genuin philologische Forschungsthemen wie z.B. Metrik, Stilistik, Rhetorik.
Besonders intensiv untersucht worden ist die Relation zwischen Literatur und Geschichtsschreibung. Schon in Heldenepen, Chroniken und Balladen, aber auch im Geschichtsdrama, im historischen Roman oder in der dokumentaristischen Literatur der 60er und 70er Jahre wurden historische Stoffe sprachkünstlerisch bearbeitet. Im Unterschied zur abstrakt-überpersönlichen, neutral-deskriptiven und faktentreu-wirklichkeitsorientierten Historiographie erstrebt die Literatur hierbei seit der Entstehung des historischen Bewußtseins im 18. Jahrhundert vielfach eine konkrete Veranschaulichung am (typischen) Einzelfall, eine politische und weltanschauliche Bewertung und sinnstiftende Erklärung der thematisierten Ereignisse sowie eine Auslotung vorhanden gewesener Handlungsmöglichkeiten (vertane Chancen). Ferner kann die Geschichtsdichtung eine bloße - z.B. Geschichtsdrama, im historischen zensurbedingte - Form der Tarnung von gegenwartsbezogener Gesellschaftskritik sein, sie kann auf die unterhaltende Belehrung wissenschaftsferner Rezipientenkreise abzielen, und sie kann schließlich das nostalgische Bedürfnis nach identifikatorischer Versenkung in eine (dann häufig klischeehaft-positiv ausgemalte) Sphäre von Rittern, Abenteurern oder Schloßbesitzern befriedigen.
Während die Geschichte seit Jahrhunderten immer wieder ein Zentralthema der Literatur bildete, hat umgekehrt die Historiographie im wesentlichen erst in den letzten Jahrzehnten den dokumentarischen Quellenwert von literarischen Texten zu entdecken begonnen. Wesentlichen Anteil hieran hat die Mentalitätengeschichte, eine in Frankreich seit Ende der 1920er Jahre von Forschern wie Marc Bloch und Jacques Le Goff entwickelte, in Deutschland allerdings erst seit den 80er Jahren intensiv diskutierte Forschungsrichtung innerhalb der Historiographie, die das Denken und Empfinden bestimmter Bevölkerungsgruppen innerhalb bestimmter Zeiträume rekonstruieren will und die hierzu auch künstlerische Dokumente als Quellen auswertet.
Die Konjunktur der elektronischen Medien hat besorgte Diskussionen über die Frage ausgelöst, ob die Literatur ihrem Ende entgegengeht. Zur Beantwortung dieser Frage brauchen wir lediglich den Einfluß der neuen Medien auf jene einzelnen Elemente nachzuzeichnen, welche konstitutiv sind für unsere Definition von Literatur, die hier noch einmal wiederholt sei:
Literatur ist eine diskrete Sequenz von Laut- oder Schriftzeichen, die fixiert und/oder sprachkünstlerisch gestaltet und/oder ihrem Inhalt nach fiktional ist.
Wie man unmittelbar erkennt, kann eine Gefährdung der Literatur durch Medienwechsel höchstens aus der Ersetzung von Laut- bzw. Schriftzeichen durch Bilder (ikonische Zeichen) resultieren. Ob der Wortlaut von Heines Gedichten auf Papier gedruckt, auf Festplatte gespeichert oder auf Monitoren wiedergegeben wird, ist im Hinblick auf den Literarizitätsgehalt gleichgültig. Problematisch wird es erst dann, wenn dieser Wortlaut in Bilder übertragen wird, d.h. wenn eine Verfilmung, eine Übertragung in comicartige Formen, in einen Bildroman o.ä. erfolgt und wenn hierbei der Wortlaut nicht ergänzt, sondern (überwiegend) ersetzt wird.
Alle anderen (Erkennungs-)Merkmale von Literatur bleiben hingegen durch einen Medienwechsel im Prinzip unangetastet: Fixierung ist in digitalen Medien mindestens genauso gut möglich wie in analogen; sprachkünstlerische Gestaltung ist im Internet nicht anders realisierbar als im Buch (medienspezifische Stilcharakteristika sind ohne Einfluß auf den Grad der Literarizität); FiktionalitÄt ist durch Medienwechsel nur begrenzt steigerbar oder reduzierbar, soweit es die Literatur betrifft (Raumsimulationen, Cyberspace etc. sind Phänomene, die überwiegend auf der Expansion und Intensivierung von Bildwahrnehmungen beruhen). Auch das Definitionsmerkmal der Diskretheit einer Zeichensequenz wird vom Medienwechsel nicht berührt, da das gemeinschaftliche und u.U. unendlich fortdauernde Verfertigen von (u.U. in mehreren Varianten fortgeführten) Romanen o.ä. zwar eine gewisse Dynamisierung des Werkbegriffes, nicht jedoch eine Aufweichung des Literaturbegriffes nach sich zieht. Diskretheit bedeutet ja gerade nicht Fixiertheit oder Endlichkeit, sondern lediglich Bestimmtheit im Sinne von Unterscheidbarkeit gegenüber beliebigen anderen Zeichensequenzen. Natürlich kann und darf auf dieses Erkennungsmerkmal verzichtet werden, doch anstelle von Literatur hätten wir es dann mit der freikünstlerischen Bearbeitung von sprachlichen Zeichen, die allerdings in der Tat ihren eigenen Wert haben könnte, zu tun. Literatur stellt demnach nicht die einzige Möglichkeit dar, um kreativ (künstlerisch) mit sprachlichen Zeichen umzugehen. Bestimmte Übergangsformen zwischen Literatur und Graphik bzw. zwischen Literatur und Musik haben diesen Sachverhalt bereits in den 1950er und 1960er Jahren veranschaulicht (konkrete Poesie).
Im Hinblick auf die Relation zwischen Literatur und Film ist nach dem bisher Gesagten prinzipiell davon auszugehen, daß die Literatur nicht durch den Film ersetzt, sondern nur - im Sinne einer intermedialen Konkurrenz um das endliche Zeitbudget der möglichen Rezipienten- vom Film verdrängt werden kann. Auch textnahe Literaturverfilmungen können also die semiotische Differenz zwischen Sprach- und Bildwahrnehmung nicht eliminieren. Gerade aus dieser Differenz erwächst aber zugleich die reizvolle Möglichkeit zur Gestaltung eines freien Wechselspiels zwischen beiden Künsten, wobei die Kategorie der Werktreue in den Hintergrund tritt. Anspruchsvolle Filmkunst und anspruchsvolle Literatur können dann in einen Dialog treten, der beide bereichert und der die obsolete Unterordnung des jüngeren Films unter die „altehrwürdige“ Literatur vergessen machen kann. Mehr als das Pochen auf den Eigenwert der einen oder anderen Kunstform wird im Medienzeitalter die pädagogische Sensibilisierung für den Reiz des erwähnten Wechselspiels das Überleben der für viele Rezipienten unvertrauteren von beiden Kunstformen sichern.
Hinweis: Bei dem vorstehenden Artikel handelt es sich um die veränderte Fassung eines Kapitels aus meiner 1998 publizierten Einführung in die moderne Literaturwissenschaft.
Arntzen, Helmut: Der Literaturbegriff. Geschichte, Komplementärbegriffe, Intention. Eine Einführung. Münster 1984
Eicher, Thomas / Wiemann, Volker (Hg.): Arbeitsbuch: Literaturwissenschaft. Paderborn u.a. 1996
Lamping, Dieter: Literatur [Art.] In: Literaturlexikon. Hg. von Walther Killy. Bd. 14. Gütersloh u. München 1993. S. 26-30
Paech, Joachim: Literatur und Film. Stuttgart 1988
Weimar, Klaus: Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahr- hunderts. München 1989