Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft

Über Gott und die Welt

Kardinal Melchior de Polignacs lateinisches Lehrgedicht Anti-Lucretius

von Reinhold F. Glei

 

Man stelle sich vor, ein Kardinal der katholischen Kirche verfaßte ein langes lateinisches Lehrgedicht über die aktuellen Probleme der Naturwissenschaft, beschriebe darin Quarks und Neutrinos, Quantensprünge und Chaostheorie, diskutierte über Neuroinformatik und Künstliche Intelligenz, Evolutionsbiologie und Gentechnik, schriebe über Quasare und Schwarze Löcher, schließlich über globale Erwärmung und das Ozonloch - eine absurde Vorstellung! Vor gerade einmal 250 Jahren wurde ein vergleichbares Werk zum Bestseller.

 

Melchior de Polignac ?
Diplomat im Dienst Ludwigs XIV.Kardinald Melchior de Polignac.

Melchior de Polignac, geboren am 11. Oktober 1661 auf dem Stammsitz einer alten französischen Adelsfamilie bei Puy-en-Velay (Haute-Loire), ausgebildet in Paris bei den Jesuiten, Doktor der Theologie an der Sorbonne, machte eine glänzende Karriere am Hof Ludwigs XIV., der ihn 1693 als Botschafter Frankreichs nach Warschau schickte. Als 1696 der polnische König Johann III. Sobieski (der die Belagerung Wiens durch die Türken beendet hatte) starb, konnte Polignac den Kandidaten Frankreichs für die Nachfolge nicht durchbringen und wurde deshalb 1697, nachdem August der Starke, Kurfürst von Sachsen, den polnischen Thron bestiegen hatte, zurückbeordert. Auf der Rückreise, die ihn über die Niederlande führte, traf Polignac in Rotterdam mit Pierre Bayle (1647-1706), einem der bedeutendsten Philosophen der französischen Aufklärung, zusammen. Bayle vertrat - damals verbreitete - freigeistige Ansichten über Religion, die er gern mit Versen des römischen Epikureers und Dichters Lukrez (gest. ca. 55 v. Chr.) zu untermauern pflegte. Aus diesem Anlaß beschloß Polignac, Lukrez sozusagen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen und einen lateinischen Anti-Lucretius zu verfassen, in dem er die Religion gegen die Bedrohung des Atheismus verteidigen wollte. Er sollte dazu bald Gelegenheit haben, denn der Sonnenkönig verbannte den glücklosen Diplomaten für vier Jahre (1698-1702) in die Abtei Bonport (Normandie), wo dieser die ersten fünf Bücher des Anti-Lucretius verfaßte.

 

Paris und Rom ?
Stationen einer ungewöhnlichen Karriere

1702 an den Hof zurückgekehrt. diskutierte Polignac den Entwurf seines Gedichts mit den führenden Philosophen, vor allem Malebranche (1638-1715), und holte, was die künstlerische Seite angeht, den Rat des damaligen "Literaturpapstes" Boileau (1636-1711) ein, der sich sehr lobend äußerte. Ein erster Höhepunkt der neuen Karriere war 1704 die Aufnahme in die Académie Francaise. 1706 wurde Polignac an das päpstliche Berufungsgericht, die sogenannte Rota, nach Rom berufen. Papst Clemens XI. zeigte Interesse an dem gelehrten Diplomaten und an dessen Anti-Lucretius. aus dem Polignac ihm vortragen durfte. 1712 machte der Papst ihn zum Kardinal. Glückwünsche kamen unter anderem von Leibniz (1646-1716), der ihn drängte, doch endlich den Anti-Lucretius zu veröffentlichen Doch Polignac hatte im Moment Wichtigeres zu tun: Er vertrat Frankreich auf der Konferenz von Utrecht, auf der der spanische Erbfolgekrieg beigelegt werden sollte. Am Rande der Friedensverhandlungen ließ sich Polignac überreden, das erste Buch des Anti-Lucretius zu rezitieren. Der in Amsterdam lebende Schweizer Theologe Jean LeClerc, der der Dichterlesung beiwohnte, behielt eine Reihe von Versen im Gedächtnis und druckte sie in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Bibliothèque Choisie ab, sehr zum Ärger Polignacs.

 

 

Im Zirkel der Duchesse du Maine

Die folgenden Jahre verbrachte der Kardinal vornehmlich am sogenannten "kleinen Hof" der Louise Benedicte de Bourbon, der Duchesse du Maine, in Sceaux,
Das Schloß von Sceaux bei Paris (Stich von J.Rigaud)
wo er nicht nur die Duchesse in seinen Bann zog, sondern durch seine Dichterlesungen auch den Duc du Maine und den Duc du Bourgogne, den Enkel Ludwigs XlV., zu französischen Teilübersetzungen des Anti-Lucretius anregte. In diesem Kreis verkehrte auch der junge Voltaire (1694-1778), der Polignac später in seinem "Temple du Goût" (1733) ein Denkmal setzen sollte. 1718 fiel Polignac erneut in Ungnade, da er in eine Intrige der Duchesse gegen Kardinal Dubois, den neuen starken Mann in Versailles (1715 hatte der fünfjährige Ludwig XV. den Thron geerbt), verwickelt war. Polignac mußte sich für drei Jahre in seine Abtei Anchin zurückziehen, was ihm Gelegenheit gab weiter am Anti-Lucretius zu arbeiten, 1721 wurde er zurückgerufen; eine Frucht seiner Studien sehen wir 1722, als er vor der Académie des Sciences Experimente zur Newtonschen Farbenlehre durchführt. Auch Newton (1643-1727), mit dem Polignac korrespondierte, drängte ungeduldig auf die Publikation des Anti-Lucretius.

 

Letzte Jahre in Rom und Paris

1724 reiste Polignac erneut nach Rom, um an der Papstwahl teilzunehmen, vor allem aber, um sein neues Amt als Geschäftsträger Frankreichs beim Vatikan anzutreten. Acht Jahre lang blieb er in Rom;Die Abtei Bonport in der Normandie im Jahre 1696 in dieser Zeit trug er eine gewaltige Sammlung von Kunstschätzen - Gemälde, Skulpturen, Münzen, Edelsteine, antike Statuen usw. - zusammen, die später Friedrich der Große aus dem Nachlaß erwarb und die heute den Staatlichen Museen zu Berlin gehören. Polignacs Plan, den Tiber eine Zeitlang trockenzulegen, um antike Funde zu bergen, scheiterte allerdings an den Kosten. Aber auch der Anti-Lucretius ließ ihn nicht los: 1729 notiert Montesquieu (1689-1755) in sein Reisetagebuch voll Bewunderung, daß er einer Lesung Polignacs beigewohnt habe. 1732 kehrte dieser, inzwischen kränkelnd, nach Paris zurück, wo er noch weitere neun Jahre lebte; bis zuletzt arbeitete er, von Wassersucht und Fieberanfällen geplagt, am Anti-Lucretius. Schließlich starb er, achtzigjährig, am 20. November 1741.

 

Polignacs Vermächtnis: der "Anti-Lucretius"

Auf dem Totenbett vertraute er sein wichtigstes Erbe, das (heute verschollene) Manuskript des Anti-Lucretius, dem Abbé Charles d'Orléans de Rothelin an, seinem langjährigen Freund und Hausgenossen. Dieser unterzog sich der mühevollen Aufgabe, den von Polignac immer wieder geänderten und überarbeiteten Text in eine sinnvolle Druckfassung zu bringen, doch starb er selbst 1744, ohne diese Aufgabe erfüllt zu haben; erst Charles LeBeau, Professor der Beredsamkeit an der Universität von Paris, machte das doppelt verwaiste Werk druckfertig, das schlie8lich 1747 in Paris erschien. Es wurde ein beispielloser Erfolg. Innerhalb der nächsten 20 Jahre erschienen insgesamt 15 Auflagen des lateinischen Textes in Paris, Brüssel, Leiden, Amsterdam, London, Leipzig und Venedig; außerdem entstanden Übersetzungen ins Französische, Italienische, Englische und Deutsche, darunter allein fünf verschiedene französische Übersetzungen mit insgesamt an die 20 Auflagen. Im späteren 19. und vollends im 20. Jahrhundert geriet das Werk jedoch in Vergessenheit, da auch bei den Gebildeten die Neigung abnahm, lange lateinische Gedichte zu lesen, und da die von Polignac vertretenen Theorien inzwischen wissenschaftlich überholt waren.

 

Neun Bücher "Über Gott und die Welt"

Das erste Buch "De Voluptate - Über die Lust" macht programmatisch den Zusammenhang zwischen Wissenschaft, Religion und Ethik deutlich - heute aktueller denn je. Eine Ethik kann nach Polignac verbindlich nur aus der Religion abgeleitet werden; es galt also, Versuchen, die oft als hedonistisch mißverstandene individualistische "Lust" - Ethik Epikurs (342 ? 271 v.Chr.) zu rehabilitieren ? Polignac nennt hier namentlich Pierre Gassendi (1592-1655) und Thomas Hobbes (1588-1679) - entgegenzutreten und vor allem deren physikalische und anthropologische Grundlagen, d.h. die Atomlehre und die materialistische Psychologie, zu widerlegen. Polignac stützte sich dabei auf das System des Rene Descartes (1596-1650), das er bereits in seiner Jugend bei den Jesuiten kennen- und schätzen gelernt hatte. Buch I bildet somit nur den Auftakt zu einer geradezu enzyklopädischen Behandlung der neuzeitlichen Naturwissenschaft. Die Bücher II bis IV ("De Inani - Über das Leere", "De Atomis - Über die Atome", "De Motu - Über die Bewegung") behandeln, wie zu erwarten, zunächst die physikalischen Prinzipien. Polignac versucht (mit streng wissenschaftlichen Argumenten!) die Unmöglichkeit eines absoluten Vakuums. die Spaltbarkeit der Atome und die sogenannte Ätherhypothese zu beweisen, die erst durch Einsteins Relativitätstheorie überwunden wurde. Die Bücher V bis VII ("De Mente - Über den Geist", "De Belluis - Über die Tiere", "De Seminibus - Über die Fortpflanzung") beschäftigen sich mit der belebten Welt; die wichtigsten Themen sind die Immaterialität des Geistes und der Denkprozesse. die Frage nach der Existenz einer Tierseele und dem Wesen des Instinktes sowie die Rolle von Zufall und Notwendigkeit in den Mechanismen der Fortpflanzung. Buch VIII ("De Mundo - Über das Weltall") stellt das moderne heliozentrische Weltbild (im wesentlichen nach Kepler) dar, und für die folgenden beiden ursprünglich geplanten Bücher war die Behandlung geophysikalischer Phänomene vorgesehen; das Werk bricht jedoch kurz nach dem Beginn von Buch IX ("De Terra et Mari - Über Land und Meer") ab.

 

Einheit von Natur- und Geisteswissenschaften

Das Werk Polignacs neu zu entdecken und zu erschließen, lohnt sich: Zum einen ist es nicht nur für Titelblatt der Erstausgabe des Anti-Lucretiusden Latinisten von größtem geistesgeschichtlichem Wert, da es ein nahezu vollständiges Bild der wissenschaftlichen Diskussion um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert vermittelt; zum zweiten ist es ein beeindruckendes Dokument universaler Bildung. die Polignac nicht hinter berühmteren Zeitgenossen wie Leibniz oder Newton zurückstehen läßt und in gewisser Weise den Enzyklopädismus der Aufklärung vorwegnimmt (1751-1722 erschien Diderots berühmte Enzyklopädie); schließlich aber, und dies scheint mir das Wichtigste zu sein, demonstriert der Anti-Lucretius die Interdependenz, ja Einheit von Natur- und Geisteswissenschaften (einschließlich der Sozialwissenschaften) und stellt somit eine Herausforderung dar, die durch die übermäßige Spezialisierung hervorgerufene gegenseitige Verständnislosigkeit im interdisziplinären Gespräch zu überwinden.

 

 

 

 

 

Die Erstellung einer modernen Ausgabe

Um dafür die notwendige Grundlage zu schaffen und das Werk Vertretern aller Disziplinen wieder zugänglich zu machen, wird zur Zeit eine zweisprachige wissenschaftliche Ausgabe erarbeitet. Dazu müssen alle Druckfassungen (einschlie8lich verschiedener Vorabdrucke in Zeitschriften) sowie die Übersetzungen verglichen, die Fehler beseitigt und alte Abweichungen und Besonderheiten in einem textkritischen "Apparat" unter dem Text dokumentiert werden. Die uneinheitliche Orthographie und die oftmals sinnentstellende Interpunktion der Drucke werden nach heutigen Maßstäben gestaltet; außerdem werden wörtliche und motivische Parallelen bei antiken und neulateinischen Autoren. die Polignac benutzt hat, in einem "Similienapparat" aufgelistet, so daß das Spektrum seiner literarischen Leistung deutlich wird. Dem lateinischen Text gegenübergestellt wird eine mit gliedernden und erläuternden Zwischenüberschriften versehene moderne deutsche Prosaübersetzung, die dem Leser den Gehalt des Textes - freilich nicht dessen ästhetischen Reiz - erschließen soll. Ein Kommentar gibt notwendige Sacherläuterungen und zusätzliche Informationen über philosophie- bzw. wissenschaftsgeschichtliche Zusammenhänge. Die neue Ausgabe soll möglichst 1997 erscheinen, 250 Jahre nach der Pariser Erstausgabe. Angesichts des gewaltigen Umfangs des Gedichts (ca. 12000 Hexameter) könnte freilich die Situation des Herausgebers durch nichts besser beschrieben werden als durch einen Tagebucheintrag Goethes vom 12. Januar 1810: "Nachts Anti-Lucretius von Polignac."

 


 

zu den Bildern:

Kardinald Melchior de Polignac. Stich von F. Chereau (1729) nach einem im Louvre befindlichen Portrait Polignacs von Hyacinthe Rigaud, dem Hofmaler Ludwigs XIV.

Das Schloß von Sceaux bei Paris. (Stich von J. Rigaud) In den Jahren 1713-18 verkehrte der Kardinal hier im Kreis der Duchesse du Maine. Der Anti-Lucretius wurde rezitiert, diskutiert und teilweise ins Französische übersetzt. Zu Polignacs Hörern zählte auch der junge Voltaire.

Die Abtei Bonport in der Normandie im Jahre 1696. Hier lebte Melchior de Polignac, bei Ludwig XIV in Ungnade gefallen, von 1698-1702. In dieser Zeit verfaßte er die ersten fünf Bücher des Anti-Lucretius. (Stich nach einem Aquarell von Roger de Gaigniäres, Cabinet des Estampes, Bibliothèque Nationale, Paris).

Titelblatt der Erstausgabe des Anti-Lucretius: "Anti-Lucretius, oder über Gott und die Welt, neun Bücher. Nachgelassenes Werk seiner Eminenz, des Kardinals der Heligen Römischen Kirche, Melchior de Polignac; vom hochwürdigsten Abt Charles d'Orléans de Rothelin besorgt und herausgegeben. (Erschienen) Zu Paris, bei Hippoöyte-Louis und Jacques Guérin, 1747. Mit Druckerlaubnis und Privileg des Königs."

 

 

 

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