Vergangenheit und Zukunft sozialer Sicherungssysteme am Beispiel der Bundesknappschaft und ihrer Nachfolger


Pakt für Forschung und Innovation

2007 - 2009


 
 
 

Projektbeschreibung



1. Einleitung

Die sozialen Sicherungssysteme stehen heute in der Bundesrepublik vor tiefen Umbrüchen, um der sich ändernden wirtschaftlichen Situation (insbesondere ausgelöst durch technischen Fortschritt und internationale Marktöffnung) und dem demographischen Wandel auch zukünftig gerecht werden zu können. So sollte das im Jahr 2010 anstehende 750-jährige Jubiläum der Gründung der ehemaligen Bundesknappschaft, die im Jahre 2005 in die „Deutsche Rentenversicherung Knappschaft - Bahn - See“ umgewandelt worden ist, als Chance und Aufforderung begriffen werden, eine der bedeutendsten Institutionen der deutschen Sozialversicherung von ihren Wurzeln her umfassend zu untersuchen und ihre Aufstellung für die Zukunft unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung zu analysieren.


Bisher liegen weder für den historischen Werdegang noch für die gegenwärtige Situation und Zukunftsperspektiven der Sozialversicherung „Knappschaft – Bahn - See“ bzw. ihre Vorläufergesellschaften entsprechende Untersuchungen vor, deren Erarbeitung daher ein dringendes Desiderat darstellt. Durch eine vernetzte Kooperation von historisch und wirtschaftswissenschaftlich orientieren Forschungsinstitutionen der Leibniz-Gemeinschaft mit der nationalen wie internationalen universitären Forschung sowie dem Unternehmen selbst soll die bestehende Lücke geschlossen werden. Deshalb haben sich die Antrag stellenden wissenschaftlichen Einrichtungen gemeinsam entschlossen, das nachfolgende interdisziplinäre Forschungsvorhaben im Rahmen des Wettbewerbs „Pakt für Innovation und Forschung“ der Leibniz-Gemeinschaft mit der Bitte um Bewilligung der zur Durchführung notwendigen Mittel einzureichen. Sie gehen davon aus, dass die Realisierung des Vorhabens nicht nur die zentrale Fragestellung nach der künftigen Rolle der knappschaftlichen Organisation sozialer Sicherung beantworten kann, sondern darüber hinaus den Aufbau einer zukunftsweisenden, sektions-übergreifenden Netzwerkstruktur und langfristigen Kooperation der beteiligten Institutionen und Disziplinen fördern und befruchten wird.



2. Fragestellungen und Zielsetzung des Vorhabens

2005 wurden die Bundesknappschaft, die See-Sozialversicherung und die Bahnversicherungsanstalt zusammengeschlossen und bilden seither einen der größten Versicherungsträger in Deutschland: die „Deutsche Rentenversicherung Knappschaft - Bahn - See“. Alle drei Zweige wurzeln in Branchen von außerordentlicher Bedeutung für die industrielle Entwicklung. Der Bergbau und die Schifffahrt besitzen in Gestalt der „Knappschaft“ und der „See-Kasse“ die ältesten deutschen Sozialversicherungssysteme; sie stammen bereits aus dem Mittelalter, wäh-rend das der Eisenbahn aus dem 19. Jahrhundert datiert. Die Besonderheit der knappschaftlichen Organisation der sozialen Sicherung liegt dabei in der engen Bindung an den Wirtschaftszweig der Beschäftigten einerseits und in ihrer so genannten Bifunktionalität andererseits. Die Knappschaft diente sowohl als Ersatzkasse für die gesetzliche Invaliditäts- und Alterssicherung als auch als zusätzliche betriebliche Alterssicherung. Alle drei Branchen bilden angesichts der zentralen Bedeutung von Energieversorgung und Mobilität für die wirtschaftliche Prosperität der künftigen Wissensgesellschaft die Basis künftiger Wirtschaftsstrukturen. Dies gilt insbesondere für die Verknüpfung von Rohstoffversorgung und Transportsystemen zu Land und zu Wasser.


Andererseits stellen die großen Umbrüche, die mit dem umfassenden Strukturwandel dieser Bereiche einhergehen, diese historisch bewährten sozialen Sicherungssysteme auf einen neuen Prüfstand, dessen Erkenntnisse in Zeiten demographischen Wandels von erheblichem Gewicht sind. Die Gruppe Knappschaft - Bahn - See hat zudem als Besonderheit eigene Klinikbetriebe und ist speziell der Arbeitsmedizin und ihrer Entwicklung verbunden. Die Entwick-lung dieser für Deutschland und seine Geschichte äußerst wichtigen Institution der sozialen Sicherung bedarf dringend einer (Neu-)Bearbeitung, da bislang sowohl eine Gesamtschau der Fakten fehlt als auch offene Fragen bestehen, warum die Entwicklungen in der Form verlaufen sind wie historisch beobachtet. Hinzu treten Fragestellungen, ob und wie diese Art der sozialen Sicherung Aufgaben erfüllt hat und zukünftig erfüllen kann, die ihre möglichen Alternativen, allen voran die Integration in die allgemeine Rentenversicherung, nicht erfüllt hätten. Aus den Erkenntnissen lässt sich die Frage beantworten, welchen Beitrag die Knappschaft bis zur Gegenwart geleistet hat bzw. welche Zukunftsperspektiven von der modernen Variante der Knappschaft erwartet werden.



3. Struktur des Forschungsvorhabens

Die Entwicklung, die gegenwärtige Aufstellung und die Zukunftsperspektiven des umrissenen Bereichs sollen in enger interdisziplinärer Kooperation zwischen Geschichts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und dem Versicherungsträger selbst in fünf Feldern untersucht und adäquat dargestellt und veröffentlicht werden: Geschichte der Sozialversicherung in den Be-reichen 1. Bergbau, 2. Seefahrt und 3. Bahn sowie 4. Entwicklung der Arbeitsmedizin als historische Stränge, die 5. in einem Querschnittsprojekt in wirtschaftswissenschaftlicher Analyse der gegenwärtigen Situation und Zukunftsperspektiven verknüpft werden. Zur Verwirklichung des Vorhabens wird eine Kooperation und Vernetzung zwischen wissenschaftlichen Institutionen des außeruniversitären und universitären Bereichs und mit einem führenden Unternehmen der Versicherungswirtschaft angestrebt.


In drei Teilprojekten, die am Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM; Leitung Prof. Dr. Rainer Slotta), am Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven (DSM; Leitung Prof. Dr. Lars U. Scholl) und an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg (HSU; Professur für Neuere Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte; Leitung Prof. Dr. Hans-Joachim Braun) angesiedelt werden, sollen alle relevanten historischen Aspekte, die zur Entstehung und Entwicklung dieser Systeme bis zur Fusion geführt haben, wissenschaftlich untersucht werden. Ein weiterer Teilaspekt – die medizinhistorischen Bezüge (z. B. die Unfallforschung und die Krankenversorgung) – soll vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität Bochum (RUB; Leitung Prof. Dr. Irmgard Müller) bearbeitet werden. Die heutige volkswirtschaftliche Bedeutung der ehemals selbstständigen, jetzt zu einer Einheit (zwangsweise) zusammengeschlossenen Versorgungseinrichtungen und ihre Zukunftschancen sollen vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung Essen (RWI Essen; Leitung Prof. Dr. Christoph M. Schmidt) untersucht werden. Die Ergebnisse aller Teilprojekte sollen den jeweiligen fachlichen Bedingungen entsprechend in referierten Fachorganen bzw. als Monographien publiziert werden. Ein vergleichender Ergebnisband bündelt und bilanziert die wissenschaftlichen Erkenntnisse.


Für den Ergebnistransfer am Ende des Forschungsprojektes ist ferner ein zweitägiges Symposium vorgesehen. Die Ergebnisse des Vorhabens sollen auch die Grundlage für eine gemeinsame Ausstellung bilden, die, als Wanderausstellung konzipiert, sowohl im DBM als auch im DSM sowie in den Dienststellen der Knappschaft im Jubiläumsjahr 2010 präsentiert werden soll und ein wichtiges Komplement zum hier beantragten Projekt darstellt. Diese Ausstellung, die den Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft quasi auf den Leib geschnitten ist, ist nicht Teil dieses Antrags, sondern wird über anderweitig einzuwerbende Drittmittel finanziert; das hier beantragte Projekt ist jedoch unverzichtbarer Teil des Gesamtprojektes.


Mit dem beantragten Forschungsprojekt wird ein Netzwerk zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Hochschulen konzipiert, das den wissenschaftlichen Nachwuchs in großem Umfang einbindet und Institute der Leibniz-Gemeinschaft sektionsübergreifend miteinander vernetzt. Nicht zuletzt verfügt das RWI Essen über die direkte Anbindung an die Ruhr Graduate School in Economics (RGS Econ). Es wird als lange wirkendes Vorhaben mit Zukunftswirkung verstanden und die Vernetzung innerhalb der WGL nachhaltig fördern. Die Kooperation der Institute und beteiligten Personen soll durch den Aufbau einer speziellen Internet-Plattform unterstützt werden. Die Projektkoordination soll über das DBM erfolgen. Die Arbeitsgruppe - bestehend aus den Bearbeitern der Teilprojekte und den Projektbetreuern - tagt in regelmäßigen Abständen. Ein noch zu benennender Wissenschaftlicher Beirat begleitet das Forschungsprojekt. Er setzt sich aus wissenschaftlich ausgewiesenen Fachleuten zu jedem Teilprojekt zusammen und tagt jährlich mindestens einmal. Als Zeitrahmen ist eine Dauer von drei Jahren zu veranschlagen (01. Januar 2007 bis 31. Dezember 2009).



4. Synopse

Als Ergebnis werden zunächst in einer Synthese vergleichbare Aspekte in der Entwicklung der einzelnen Bereiche des neuen Rentenversicherungssystems aufgezeigt: Sie sind vor allem für die Bereiche Bergbau und Schifffahrt zu erwarten, da beide Bereiche über eine vergleich-bar lange Geschichte und ein gemeinsames Ziel - die Schaffung eines Sozial- und Versicherungssystems gegen die Gefahren und Unbilden der Natur - verfolgt haben. Darüber hinaus werden wichtige, auch strukturelle Unterschiede herausgearbeitet. Die Erforschung der historischen Wurzeln und Entwicklungen werden entscheidende Hinweise darauf geben, welche Aufgaben auf die neuen sozialen Sicherungssysteme zu kommen, und was diese Einrichtung auch nach einer vollständigen Privatisierung des Bergbaus und des Verkehrswesens leisten muss.