Kulturübergreifende Bioethik

Voraussetzungen, Chancen, Probleme

 

Die DFG hat im Sommer 2002 die Finanzierung eines Forschungsverbunds zum Thema "Kulturübergreifende Bioethik" beschlossen. Der Forschungsverbund hat mit dem Jahreswechsel 2002/03 ihre Arbeit aufgenommen.

Der Forschungsverbund widmet sich einem wichtigen Desiderat der Bioethik: der Suche nach einem kulturübergreifenden, globalen Konsens im Umgang mit den immer brisanter werdenden Fortschritten der biomedizinischen Forschung und Praxis. In mehreren miteinander verbundenen Projekten wird untersucht, wie es um die Chancen und Schwierigkeiten, die empirischen und theoretischen Voraussetzungen eines solchen tragfähigen Konsens bestellt ist und wie gegebenenfalls mit bleibenden Meinungsunterschieden konstruktiv umzugehen ist. Es wird dabei davon ausgegangen, daß eine auch praktisch wirksame globale Verständigung ohne die vorangehenden Schritte eines Verstehens der verschiedenen Kulturen, der zugehörigen Aufarbeitung der in ihnen geführten Diskurse und der Entwicklung eines interkulturellen Gesprächs auf gleichberechtigter Basis nicht erreichbar ist.



1. Ausgangslage und Problemstellung

"Kein anderes Forschungsfeld bewegt die Menschen emotional, rational und intellektuell derzeit so sehr wie die Lebenswissenschaften."

Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, Pressemitteilung des BMBF vom 7.2.01, http://www.bmbf.de/presse01/317.html

Wohl selten hat ein Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung in einem solch starken Maße das öffentliche Interesse auf sich gezogen wie derzeit die mit dem menschlichen Leben verbundenen Biotechnologien, vor allem die Humangenetik. Parallel zum naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt gewinnt dabei die Frage an Dringlichkeit, wie mit den rapide sich entwickelnden diagnostischen, therapeutischen und manipulativen Möglichkeiten und ihren Versprechungen umzugehen sei. Ihre Chancen und Gefahren sind Thema einer ethischen Debatte geworden (s.u.a. Bayertz 1993, Beckmann 1996, Beauchamp u. Childress 1989, Birnbacher 1995, 2000, Brauer 1995, Brody 1993, Caplan 1992 u. 1997, Childress 1997, Cohen 1995, Engels 1998 und 1999, Engelhardt 1996, Habermas 2001, Hare 1993, Irrgang 1995, Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik (Hg. Honnefelder u.a.), Jonas 1987, Kitcher 1998, Koslowski 1982, Lenk 1992, Löw u. Schenk 1993, Markl 1990, Murray u. Mehlman 2000, Reich 1995, Reiter 1990, Sass 1989, Schweidler 2001, Spaemann 1996, Steger 1985, Winnacker 1995, 1999a, 1999b, 2000), die mit der Praxis kaum noch Schritt hält. Die Problemlage ist von einer bislang ungekannten Dramatik, denn nie zuvor war der Mensch ernster, konkreter und unmittelbarer mit der Frage konfrontiert, was und wie er selbst sein wolle. Die Perspektive eines gezielten Umbaus der biologischen Verfassung der menschlichen Spezies erfordert eine Auseinandersetzung, die über vergleichbare bisherige Diskurse zu Fragen der Technikfolgenabschätzung wesentlich hinausgeht.

Die neuen "life sciences" konfrontieren Politik, Recht, Philosophie und Theologie mit täglich neuen Herausforderungen. Die Probleme aber, die zur Entscheidung stehen, sind längst globaler Natur. Um ihnen zu begegnen, bedarf es eines wissenschaftlichen "joint ventures" einer Vielzahl von Disziplinen unter Einschluß der Kulturwissenschaften (Gerhardt 2000, 644). Die Überzeugung, daß die Kulturwissenschaften — hier im Sinne von Wissenschaften der verschiedenen Kulturen — einen signifikanten Beitrag zur Bioethik leisten können und leisten sollten, war der ursprüngliche Anstoß dieses Projektes. Denn gerade unter Bedingungen der "Globalisierung" entfalten sich bioethische Probleme intra- wie international in der Unterschiedlichkeit spezifischer kultureller Milieus, die die Bioethik nicht ignorieren kann.

Die Bedeutung des kulturellen Faktors in einer globalen Bioethik ergibt sich aus einer Reihe von Überlegungen:

Menschheitsbezug

Mobilität der Biotechnologie

Globales Regulierungsgefälle

Gerechtigkeitsfragen

Migrationsfolgen

Kulturelle Divergenzen innerhalb des "Westens"

Die skizzierten Problemfelder zeigen, daß sich eine sinnvoll geführte bioethische Debatte nicht mit einer lokal begrenzten Meinungsfindung begnügen darf. Sie muß nicht nur den Menschen schlechthin, sondern auch den Menschen als Angehörigen bestimmter Kulturen zu ihrem Thema machen (Macer 1994). Sie sollte die Überzeugungen und die Interessen aller Beteiligten und Betroffenen weltweit in Rechnung stellen und die Kenntnis dessen, was in anderen Teilen der Welt geschieht, zu einem wesentlichen Teil ihrer Überlegungen machen. Und sie sollte aufnehmen, was in anderen Teilen der Welt theoretisch diskutiert wird, wobei sie dies durchaus in der Erwartung tun kann, an Substanz zu gewinnen. Die "Welt" und die "Öffentlichkeit", die Wissenschaft akzeptieren und verstehen können muß (Winnacker 1995, 20), ist keine bloß westliche. Die bioethische Debatte braucht eine "kulturübergreifende" Dimension. Es ist "an der Zeit, sich auf die ambivalenten Implikationen einer fairen interkulturellen Ethikdebatte vorzubereiten" (W.-M. Catenhusen, nach Döring 2001b).

Für das Thema einer "kulturübergreifenden Bioethik" liegen bereits eine Reihe von Arbeiten vor. Es gibt seit einigen Jahren einen "emerging international dialogue concerning bioethics and health care policy" (Engelhardt 1997). Der Pionierarbeit von Robert M. Veatch (1989) sind mittlerweile weitere Monographien und Einzelbeiträge gefolgt (Akademie f. Wissenschaft 1998, Baker 1998, Becker 1996 und 2000, Bioethics Yearbook 1992 und 1995, Christakis 1992, Christakis u. Panner 1991, Cowar u. Ratanakul 1999, Döring 1999, Engelhardt 1996, Evanoff 2000, Flack und Pellegrino 1992, Fletcher und Wertz 1989, Fujiki und Macer 1992, Hoshino 1997, Macer 1990, 1992, 1998a, 1998b, Macklin 1999, Marshal et al. 1994, McGee 1999, Nie 2000, Payer 1996, Pellegrino 1999, Reiser und Wang 2000, Sass 1994, Unschuld 1995, Wertz u. Fletcher 2001, Wertz, Fletcher u. Mulvihill 1990, u.a). Auch Zeitschriften wie Journal of Medical Ethics, Bioethics, Hastings Center Report, Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics und Kennedy Institute of Ethics Journal überschreiten in einzelnen Beiträgen die isoliert westliche Perspektive. Hinzu kommen Zeitschriften wie Eubios Journal for Asian and International Bioethics (Christchurch und Tsukuba, s.u.) und Chinese and International Philosophy of Medicine (Lisse), die einen Ostasien-Schwerpunkt besitzen.

Dies ergibt eine gute Ausgangslage für weitere Forschung. Gemessen an ihrer Bedeutung ist die Beschäftigung mit der Thematik aber spärlich geblieben. Sie hat auch im theroretischen Grundlagenbereich mehr Probleme aufgeworfen, als bislang gelöst werden konnten.

Die Tatsache, daß sich Forschung und Märkte immer weniger nationalstaatlich begrenzen und kontrollieren lassen, hat in den vergangenen Jahren auch zu erheblichen Anstrengungen auf der Ebene internationaler Organisationen geführt, weltweit gültige Mindeststandards für viele Bereiche der Biomedizin zu definieren (eine Aufstellung von ca. 350 bioethischen Richtlinien- und Empfehlungskatalogen findet sich unter http://www.biol.tsukuba.ac.jp/~ macer/decl.html). Unterentwickelt geblieben sind dabei jedoch die Anstrengungen auf der eigentlich vorgelagerten Ebene eines wechselseitigen Verstehens der Kulturen bzw. einer Verständigung zwischen ihnen und innerhalb ihrer. Entsprechend bleiben z. B. die bisherigen Initiativen der WHO (Proposed International Guidelines on Ethical Issues in Medical Genetics and Genetic Services, 1997) und der UNESCO (Universal Declaration on Human Genome and Human Rights, 1997) mit sehr vielen Fragezeichen zu versehen. Die für Deutschland getroffene Feststellung Ernst Bendas, des deutschen Vertreters in der UNESCO-Kommission, die die Deklaration von 1997 entwarf, daß "formale Verbindlichkeit nicht weiter bringt, wenn die Menschen das Gefühl haben, das trägt ihren Grundüberzeugungen nicht Rechnung" (Frankfurter Rundschau 1.11.97), gilt um so mehr für andere Länder, in denen die Diskussion mit noch größerer Verzögerung eingesetzt hat oder in denen aufgrund der politischen Verhältnisse "die Menschen" mit ihren Wertvorstellungen — die Öffentlichkeit — erst gar nicht an der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung beteiligt wurden. Und wenn sich etwa die UNESCO-Deklaration an vielen vagen Stellen immer wieder auf die Würde des Menschen und die Menschenrechte beruft, wird eine Übereinstimmung suggeriert, die durchaus fragwürdig ist, denn die Interpretation der Menschenrechte ist ihrerseits umstritten. So liefern die Bemühungen der internationalen Organisationen noch keine "kulturübergreifende Bioethik". Es ist angebracht, zu prüfen, inwieweit sie überhaupt auf interkulturell vermittelten oder vermittelbaren Vorstellungen beruhen, und den hier sich verbergenden Problemen systematisch nachzugehen.

 

2. Projektziele

Das Forschungsprojekt hat sich in dieser Situation die folgenden Ziele gesetzt:

 

3. Allgemeiner Inhalt des Projekts "Kulturübergreifende Bioethik"

Was ist unter dem Titel "kulturübergreifende Bioethik" genau zu verstehen, welche Gegenstände und Inhalte will das Projekt behandeln, welche Fragen will es stellen und beantworten?

3.1. Systematischer Ansatz

Das Projekt baut auf begrifflichen Festlegungen, theoretischen Grundannahmen und Strukturüberlegungen auf, von denen erwartet wird, daß sich ihre Gültigkeit und ihr Sinn im Verlauf der Forschung bestätigt und die andernfalls zu revidieren sind.

3.1.1 Zum Begriff "kulturübergreifend"

Mit dem Begriff "kulturübergreifend" verbindet sich zunächst ein empirischer Anspruch: Nämlich den Blick über den "Westen" hinaus auf die weltweite Diskussion zu lenken, die heute stattfindet, und sich bei der Suche nach Regelungen und Lösungen, die die ganze Menschheit betreffen, nicht auf das Ausloten "abendländischer" Weltbilder zu beschränken. Denn angesichts der hohen Mobilität des theoretischen und praktischen know how wäre nur wenig damit erreicht, sich in einer Region auf eine Position zu verständigen, die in der nächsten als nicht akzeptabel gilt und in der Praxis ignoriert wird.

Das Projekt KBE unternimmt deshalb zunächst eine Bestandsaufnahme: Wie ist der Stand der Probleme in einer Reihe "nicht-westlicher" Kulturen, und wie wird auf sie jeweils reagiert? Welche Argumente und Haltungen gibt es in anderen kulturellen Regionen, die die bei uns bekannten bestätigen, ihnen widersprechen, sie vielleicht widerlegen und sie gegebenenfalls sinnvoll bereichern? Dabei versteht sich das Projekt nicht als kulturhistorisches; es richtet seinen Blick auf die Gegenwart, macht aber kulturelle Traditionen immer dann zum Thema, wenn sie in der aktuellen Debatte in Anspruch genommen werden oder eine erkennbare Rolle spielen.

Mit den obigen Ausführungen wird zugleich klar, daß der hier gebrauchte Begriff "Kultur" nicht in einem radikal nominalistischen Sinn zu verstehen ist. Die am Forschungsprojekt Beteiligten gehen vielmehr davon aus, daß Argumente, die vor unterschiedlichen kulturellen Hintergründen formuliert werden, untereinander kommunizierbar sind und sich wechselseitig etwas sagen, und daß Mitglieder verschiedener Kulturen unbegrenzt voneinander lernen können — allerdings in prinzipiell alle Richtungen.

Ebenso wenig ist ein kultureller Essentialismus unterstellt: Daß Kulturen eine reale Größe und keine bloße Folklore sind ("culture matters"), schließt weder aus, daß sie höchst synkretistische, synchron wie diachron widersprüchliche und wandlungsfähige Gebilde darstellen, noch daß kulturelle Faktoren immer nur in einem Zusammenspiel mit politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Faktoren wirksam werden. Dabei sind diese Faktoren nicht nur als nationale, sondern auch als globale in Anschlag zu bringen.

Schon gar nicht soll "Kultur" als letzte normative Größe mißverstanden werden. In einer kulturellen Tradition zu stehen, ist ein Faktor, dem jede Ethik, gerade auch eine universalistische Prinzipienethik, Anerkennung zu zollen hat, es enthebt aber nicht der Kritik. Im Gegenteil kann die Berufung auf eine bestimmte Kultur sich selbst als ethisch problematisch erweisen. Worum es geht, ist, Argumente zur Kenntnis und ernst zu nehmen, sie zu Gehör zu bringen und sie auf gleichberechtigter Basis in einen gemeinsamen Diskurs einzubringen, ohne dessen Ergebnisse zu präjudizieren (eine Reihe informativer Arbeiten zu verschiedenen systematisch einschlägigen Aspekten von Kultur und Kulturalität findet sich in Matthes 1992; vgl. auch die Arbeiten von E. Holenstein, z.B. Holenstein 1998)

Trotz des zunächst empirischen Anspruchs des Projekts enthält der Begriff "kulturübergreifend" auch eine normative Dimension. Denn die empirische Bestandsaufnahme, die das Projekt zuallererst vornimmt, ist die Voraussetzung, auch die Chancen und Probleme für einen kulturübergreifenden Konsens in bioethischen Fragen zu eruieren — und ohne die Überzeugung, daß das, was sich heute in anderen Regionen der Welt abspielt, auch uns selbst betrifft, wäre das Projekt KBE kaum zustandegekommen. Es in rein objektivierender oder nur komparatistischer Perspektive zu betreiben, widerspräche nicht nur dem Begriff der Ethik selbst. Speziell die Bioethik wäre kein solch leidenschaftlich diskutiertes Thema, wenn sie nicht unmittelbar an elementare Fragen unserer eigenen Existenz und der der Gattung rührte.

Ein bioethischer Konsens erscheint dringend erforderlich, wenn nicht, mit unabsehbaren Folgen, einfach das schlechthin Machbare oder die pure Bedenkenlosigkeit die Standards setzen sollen. Es liegt auf der Hand, daß ein solcher Konsens nicht auf die Bestätigung des jeweils "kulturell Üblichen" — wenn sich ein solches denn eindeutig ermitteln ließe — hinauslaufen kann. Es liegt aber, zumal aus verantwortungsethischer Sicht, auch auf der Hand, daß er nicht über die Köpfe der Beteiligten und Betroffenen hinweg erzielt werden kann, wenn er akzeptierbar sein und von Überzeugungen getragen und damit überhaupt praktisch wirksam werden soll. Der anvisierte Konsens kann deshalb nicht durch eine standardisierte Auslegung der Inhalte universaler Normen ersetzt werden, sondern setzt die Suche nach dem Vorliegen der Möglichkeitsbedingungen einer konstruktiven Verständigung zwischen Kulturen voraus. Es geht also darum, ausgehend von der heuristischen Unterstellung des vernünftigen Interesses aller Beteiligten und Betroffenen an einem normativen Konsens zu untersuchen, welche Voraussetzungen hierfür in den jeweiligen Kulturen gegeben sind und welche gegebenenfalls einvernehmlich und aussichtsreich zur Geltung gebracht werden sollten. Erst im Anschluß daran ist es möglich, einen Konsens inhaltlich zu rechtfertigen und über die Auslegung seiner Inhalte zu diskutieren.

3.1.2 Zum Themenbereich "Bioethik"

Es dürfte zutreffen, daß ein übergreifender Konsens nicht für alle Fälle, die ein Thema der Bioethik sind, in gleicher Weise notwendig ist. Auch wenn aber spezifisch lokale Regelungen nicht durchweg unzureichend oder unangebracht sein mögen, so sind sie doch immer Teil einer Gesamteinstellung zu Fragen des menschlichen Lebens, die Auswirkungen auf die gemeinsame Zukunft hat und uns wechselseitig nicht gleichgültig lassen kann.

Dies ist zugleich der Grund für die thematische Breite des hier konzipierten Forschungsprogramms. Der Themenbereich "Bioethik" unterliegt zwar insofern einer Einschränkung (und entsprechend eingeschränkt ist der oben genannte Begriff der "life sciences" bzw. "Lebenswissenschaften" zu verstehen), als Fragen nach dem Leben überhaupt und somit auch dem nicht-menschlichen, nicht eigens thematisiert werden. Zweifellos ist die Art und Weise, wie der Mensch mit dem außermenschlichen Leben, also mit Pflanzen und Tieren umgeht, nicht nur für sich genommen ein wichtiger Gegenstand der Ethik, sondern auch für den Umgang des Menschen mit sich selbst von großer Bedeutung — zwischen beidem gibt es einen kritischen fließenden Übergang, etwa wenn die Forschung an Tieren zur Vorstufe der Forschung an Menschen wird. Das vorliegende Projekt ist sich dieses Zusammenhangs bewußt und wird ihn an gegebener Stelle thematisieren. Es muß sich aber aufgrund der einer "Forschergruppe" gezogenen quantitativen Grenzen eine sinnvolle Beschränkung auferlegen — nämlich auf die Bioethik im Sinne des richtigen Umgangs mit dem menschlichen Leben selbst.

Innerhalb des gesteckten Rahmens aber sollen eine Reihe systematisch miteinander verwobener Themen bearbeitet werden. In ihrem Zentrum stehen die durch die moderne Gentechnik aufgeworfenen ethischen Fragen. Sie sind von besonderer Brisanz und waren einer der Beweggründe für die Initiierung des Projekts. Es wäre aber wenig sinnvoll, sie isoliert zu behandeln, da die zu ihnen heute bezogenen Positionen erst verständlich werden, wenn man sie in einem größeren thematischen Zusammenhang betrachtet.

Dieser Zusammenhang betrifft allgemein das sich aus verschiedenen Facetten zusammensetzende Bild des Menschen (Schmidt 2002). Aufschlüsse über grundlegende Menschenbilder — bzw.: die praktisch wirksame meinungsbildende Sicht dieser Menschenbilder — geben u.a. die globalen Debatten über die Gültigkeit bzw. Relativität der Menschenrechte (s. z. B. Kühnhardt 1987, Rouner 1988, Hoffmann 1991, Schmale 1993, Maier 1997, Schweidler 1998, Kettner 1998, Schubert 1999a und 1999b, Göller 1999, Paul u.a. 2001) die namentlich die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts bestimmt haben und deren Konfliktlinien in der heutigen bioethischen Debatte wieder auftauchen. Auch diese Debatten sind deshalb im jeweils gebotenen Rahmen zu rekapitulieren.

Repräsentativ für bioethische relevante Menschenbilder sind insbesondere:

  • Vorstellungen von Gerechtigkeit und menschlicher Gleichheit im nationalen wie im internationalen Maßstab. Sie werden in einem assoziierten Projekt auf dem Gebieten der Allokation medizinischer Güter (Problemfeld HIV/AIDS, Projekt Unschuld) thematisiert.

Die einzelnen Projekte widmen sich deshalb nicht nur dem engeren durch die moderne Gentechnologie bestimmten Problembereich, auch wenn diesem aufgrund seiner Aktualität und Zukunftsträchtigkeit besondere Bedeutung zukommt. Sie halten sich offen für unterschiedliche Schwerpunktbildungen in den einzelnen Diskursen und unterschiedliche Zusammensetzungen des jeweiligen Gesamtbildes, in der Erwartung, so auch zu einem besseren Verständnis der Einstellungen zur Gentechnik und ihren Möglichkeiten zu kommen.

3.1.3 Gemeinsames Fragenraster der Projekte

Das Forschungsprojekt thematisiert bioethische Diskurse in einer Reihe unterschiedlicher Kulturen. Es geht davon aus, das abgesehen von der allen bioethischen Einstellungen gemeinsamen Struktur hinsichtlich ihrer Verkoppelung mit Menschenbildern sich in diesen Diskursen wiederkehrende Motive, Themen und Problemlagen finden.

Der Bezug auf diesen Komplex macht die Projekte untereinander kommunizierbar und ermöglicht, daß sie wechselseitig sukzessive von ihrem Fortgang profitieren. So widmen die Projekte dem folgenden Raster von Grundfragen geteilte Aufmerksamkeit:

Diskursteilnehmer

Diskursthemen

Diskursorientierungen

Diskursinhalte

Externe Diskursbedingungen

Angeleitet durch diese Fragen, die im Fortgang der Forschung gegebenenfalls zu ergänzen oder zu modifizieren sind, sollen die zu untersuchenden Materialien aufgearbeitet und in ihren systematischen Zusammenhängen und Kontexten dargestellt werden. In einem regelmäßigen internen Abgleich zwischen den Projekten wird dabei ermittelt, ob die einzelnen Befunde verallgemeinerbar sind bzw. inwiefern den untersuchten Diskursen "typische" gemeinsame Merkmale eigen sind.

Hiermit wird die Basis gelegt, um in einem weiteren Schritt des Projektes Schlüsse für den Fortgang der interkulturellen bioethischen Diskussion ziehen zu können. Anleitende Fragestellungen dieser Projektphase sind:

Das Projekt behandelt somit komplexe Probleme im Schnittpunkt von ethisch-systematischen, empirisch-kulturwissenschaftlichen und medizinisch-naturwissenschaftlichen Fragestellungen. Eine solche Interdisziplinarität ist für die Formulierung einer "kulturübergreifenden Bioethik" unverzichtbar, sollen sich

3.2. Regionaler Bezug

Das Forschungsprojekt verfolgt seine systematischen Themen in einer besonderen Fokussierung auf bestimmte Regionen bzw. Kulturräume: nämlich auf Ostasien, die buddhistische und die islamische Welt und, als ständigen Bezugspunkt des Vergleichs und Gegenstand einer eigenen Analyse (Projekt "Nutzenkultur versus Normkultur. Zu den intrakulturellen Differenzen in der westlichen Bioethik"), den "Westen". Das Projekt will hiermit zunächst ausgewiesene Schwerpunkte setzen, um eventuell später Ausweitungen vornehmen zu können.

Einen solchen Schwerpunkt bildet mit Arbeiten zu China (Projekt: "Menschenbilder in der aktuellen bioethischen Diskussion in China" ), Japan (Projekt: "Bioethische Konflikte und das Bild des Menschen in Japan: Eine Untersuchung des intellektuellen Diskurses, der institutionellen Regelfindung und der öffentlichen Meinungsbildung sowie ihres Zusammenwirkens") und Südkorea (Projekt: "Bioethische Diskurse in Südkorea") die Region Ostasien. Hier vollzieht sich seit einiger Zeit eine besonders dynamische Entwicklung der Biotechnologie und der biotechnologisch gestützten Medizin. "Biotechnology has achieved a high priority status in the whole region which has become a strong contender to the development of biotechnology in North America and Europe." (Brauer 1995, Introduction. S. a. Schmid u.a. 1995, Swinbanks 1998, Döring 2000, Triendl 2000) Ostasiatische Länder sind am Humangenomprojekt beteiligt und intensivieren die Forschung.

Diese Entwicklungen haben zu einer bemerkenswerten bioethischen Diskussion in Ostasien beigetragen, die auch länderübergreifend geführt wird, vor allem über die 1995 gegründete "East Asian Association for Bioethics" EAAB und die 1997 aus ihr hervorgegangene "Asian Bioethics Association" ABA. Wichtigstes Forum ist das 1995 an die Stelle des älteren Eubios Ethics Institute Newsletter getretene Eubios Journal for Asian and International Bioethics (EJAIB) des Eubios Ethics Institute in Christchurch und Tsukuba, die offizielle Zeitschrift der ABA und des "International Union of Biological Sciences (IUBS) Bioethics Program". Gut dokumentiert sind auch bedeutenden Konferenzen in Japan, China und Korea (Bernard u.a. 1988, Fujiki und Macer 1992, 1994 und 1998, Lam 1998, Nihon University 2000, Döring 2001a, Citizen Panel Report 1999).

Die betreffenden, mit großem Selbstbewußtsein auftretenden asiatischen Länder greifen die westlichen Diskussionen auf und orientieren sich über weite Strecken an ihnen. Sie sehen sich häufig aber auch in der Nachfolge alter, spezifischer Werte bzw. Wertesysteme, die sich von denen des "Westens" unterscheiden sollen. Hierbei wird u.a. — in einer modernisierungstheoretisch interessanten Revision Max Webers — die Auffassung vertreten, daß Ostasien auf gentechnischem Gebiet sogar über das größere Entwicklungspotential verfüge, da sich hier - konkret in der konfuzianischen Tradition - der Mensch nicht mit Bedenken gegenüber Eingriffen in eine göttliche Schöpfung herumzuschlagen habe, sondern selbst "Gott spielen" dürfe (Li Ruiquan [Lee Shui-chuen] 1999, 130ff.). Neben der Reklamierung einer eigenen "asiatischen" Rolle gibt es zwischen den ostasiatischen Ländern aber auch eine interne Konkurrenz um "Identität" und signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und Traditionen. So verfügt etwa Südkorea über ein starkes christliches Element.

Die Diskussion in Ostasien lehnt sich somit teils an die westliche an, grenzt sich aber auch teils von ihr ab und greift gegen sie auf eigene Traditionen zurück. Hierbei spielen Argumente, wie sie aus der "Asian values"-Debatte der 90er Jahre bekannt sind (Roetz 2001), eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die betreffenden Stellungnahmen aber nur als Ausdruck eines ideologischen "Asianismus" zu betrachten, hieße zu übersehen, daß sie entscheidend von den offenbaren Defiziten und Unklarheiten der im Westen vertretenen Bioethik bzw. Bioethiken leben — etwa dann, wenn sowohl zwischen den westlichen Ländern wie innerhalb ihrer eine verwirrende Widersprüchlichkeit im Umgang mit menschlichen Embryonen registriert wird oder mit Erstaunen die bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hineinreichende westliche Geschichte der eugenischen Zwangssterilisation (Weingart, Kroll und Bayertz 1992, Kühl 1997) zur Kenntnis genommen wird (Döring 1998). Der Blick nach "außen" zeigt also nicht nur mögliche neue Argumente, sondern erinnert auch an die wunden Punkte des Bekannten.

Sehr ähnliche Beobachtungen lassen sich in anderen asiatischen Regionen und Kulturen machen. Wichtig ist neben Ostasien die Region Süd- und Südostasien mit einer Reihe wirtschaftlich aufstrebender Staaten, die von sehr verschiedenen Traditionen beeinflußt sind. Zu diesen Traditionen gehören vorrangig die des Buddhismus. Die aktuellen einschlägigen Entwicklungen in der buddhistischen Ethik sind Gegenstand von Projekt 4. Der Buddhismus, der auch für die genannten ostasiatischen Länder von Bedeutung ist, liefert im Vergleich zu den anderen im Projekt untersuchten Ethiken äußerst interessante und herausfordernde alternative ethische Paradigma. So lehnen buddhistische Ethiker beispielsweise die Organtransplantation als unethisch ab, sehen aber kaum ethische Probleme hinsichtlich der Technik des Klonens.

Von starkem Einfluß auf die asiatischen Gesellschaften ist ferner der Islam, der Gegenstand des Projekts:  "Bioethische Fragen im Kontext des islamischen Rechts und seiner Rezeption durch Angehörige des medizinischen Standes" ist und auch in Projekt "Gesundheitsmündigkeit, kulturübergreifend. Medizinethische und kulturgeschichtliche Wurzeln und aktuelle Herausforderungen" thematisiert wird. Der Islam ist mit ca. 1 Milliarde Anhängern eine der großen Weltreligionen und kann auf eine reiche medizinethische Tradition zurückblicken. Eine Gemeinsamkeit mit Ostasien — und damit eine gute Vergleichsbasis — ergibt sich aus der (partiellen) Frontstellung zum "Westen". Der Islam ist auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil in Deutschland zahlreiche Muslime leben, die das hiesige medizinische System in Anspruch nehmen. Das Forschungsprojekt thematisiert die gegenwärtig im Islam entwickelte biomedizinische Ethik (Projekt "Bioethische Fragen im Kontext des islamischen Rechts und seiner Rezeption durch Angehörige des medizinischen Standes") zunächst mit Blick auf die arabischen Länder, um sich dann auch dem indischen und südostasiatischen Islam zuzuwenden.

Bei einer möglichen künftigen regionalen Ausweitung des Projektes ist vor allem an eine Ergänzung um Afrika (inzwischen mit Kamerun und Südafrika mit zwei Sitzen im Board of Directors der "International Association for Bioethics" IAB vertreten) Lateinamerika, Osteuropa und die jüdische Bioethik gedacht. Es ist zu erwarten, daß die bis dahin vorliegenden Ergebnisse und Erfahrungen, vor allem hinsichtlich der Erarbeitung systematischer Fragestellungen und einer Klärung des bioethischen Kulturbegriffs, auch für andere regionale Kontexte signifikant sind und auf sie übertragen werden können.

 

4. Die Einzelprojekte des Forschungsverbunds "Kulturübergreifende Bioethik": Übersicht und Kurzbeschreibung

5.1. Systematische Übersicht (Projekte 2002-2007)

    A. Projekte mit regionalem Kulturbezug:

"Menschenbilder in der aktuellen bioethischen Diskussion in China"

(Prof. Dr. phil. Heiner Roetz, Geschichte und Philosophie Chinas, Ruhr-Universität Bochum)

"Bioethische Konflikte und das Bild des Menschen in Japan: Eine Untersuchung des intellektuellen Diskurses, der institutionellen Regelfindung und der öffentlichen Meinungsbildung sowie ihres Zusammenwirkens"

(Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Josef Kreiner, Japanologie, Universität Bonn,

Prof. Dr. phil. Wolfgang Marx, Philosophie, Universität Bonn)


"Bioethische Diskurse in Südkorea"

(Prof. Dr. phil. Marion Eggert, Sprache und Kultur Koreas, Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. phil. Christofer Frey, Ev. Theologie, Ruhr-Universität Bochum)


"Bioethische Fragen im Kontext des islamischen Rechts und seiner Rezeption durch Angehörige des medizinischen Standes"

(Prof. Dr. phil. Gerhard Endreß, Arabistik/Islamwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum)


B. Projekt mit kulturenübergreifender Sachthematik

"Das Konzept der informierten Zustimmung (Informed Consent) und seine Konkretisierung in der internationalen Bioethik"

(Prof. Dr. med. Claudia Wiesemann, Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Göttingen, PD Dr. med. Dr. phil. Nikola Biller-Andorno,  Lehrstuhl für Biomedizinische Ethik, Ethik-Zentrum, Universität Zürich)


Assoziiertes Projekt

"Wertfindung und Wertumsetzung im interkulturellen Vergleich am Beispiel der Reaktion auf HIV/AIDS in Deutschland/USA und in China"

(Prof. Dr. phil. Dr. med. habil. Paul Ulrich Unschuld, Geschichte der Medizin, Universität München)


KBE-Projekte 2002-2005


4.2. Kurzbeschreibungen aller Projekte  

Menschenbilder in der aktuellen bioethischen Diskussion in China (H. Roetz, Mitarbeiter: Dr. des. Ole Döring)

Aufgrund seines Bevölkerungsreichtums, seiner boomenden Industrien, seiner im internationalen Vergleich stets wichtiger werdenden Forschung, seiner starken Präsenz in internationalen Gremien, seines Anspruch auf einen eigenen, vom "Westen" unterschiedenen Weg und seiner entsprechenden Sprachrohrfunktion für viele "nicht-westliche" Länder kommt China für das Thema einer kulturübergreifenden Bioethik eine Schlüsselrolle zu.

Das Projekt widmet sich dem Menschenbild bzw. den unterschiedlichen Menschenbildern in der zeitgenössischen bioethischen Diskussion in China — vor allem in der Volksrepublik, aber auch in Taiwan und Hongkong —, die für die konkrete Ausrichtung der Bioethik in Theorie und Praxis grundlegend bzw. kennzeichnend sind, und untersucht ihren Niederschlag vor allem in spezifischen Anwendungsfeldern, vor allem in der Reproduktionsmedizin.

Bioethische Konflikte und das Bild des Menschen in Japan: Eine Untersuchung des intellektuellen Diskurses, der institutionellen Regelfindung und der öffentlichen Meinungsbildung sowie ihres Zusammenwirkens (J. Kreiner, W. Marx, R. Horres, H. D. Ölschleger, Mitarbeiter: Dr. Christian Steineck)

Japan-Projekt weist als einziges asiatisches Land einen gleichen Modernisierungsstand auf wie die nordatlantischen Industrieländer. Dies gilt auch für die Hochtechnologien, die besonderer Diskussion auf institutioneller wie gesellschaftlicher Ebene bedürfen. Für eine kulturübergreifende Bioethik ist Japan deshalb sowohl als Vergleichsgegenstand wie auch als Dialogpartner von großer Bedeutung.

Das Projekt untersucht in je einer philosophischen, politologischen und soziologischen Teilstudie a) die Menschenbilder, die in den bioethischen Debatten in Japan eine normative Funktion erfüllen und die ethischen Argumentationen auf den Ebenen intellektueller Diskurse, b) die institutionelle und politische Regelfindung in Fragen der modernen Biotechnologie und c) die bioethisch relevanten gesellschaftlichen Wertorientierungen. Spezielles Gewicht wird dabei auf die kritische Untersuchung von Entwürfen gelegt, die mit dem Anspruch einer eigenen, spezifisch japanischen Wertorientierung auftreten.

Bioethische Diskurse in Südkorea (M. Eggert, Ch. Frey, Mitarbeiter: Dr. Phillan Joung, Joon Huh M. A.)

Südkorea zählt wirtschaftlich und politisch zu den wichtigsten Ländern Asiens. Es hat einen entwicklungstheoretisch interessanten, trotz seiner Problematik oft als modellhaft angesehenen Weg in die industrielle Moderne genommen und verfolgt derzeit ambitionierte und weit gediehene Programme im Bereich der Gentechnologie. Die koreanische Gesellschaft ist ferner ein Schmelztiegel, in dem sich das Aufeinandertreffen der verschiedensten Kulturen in seinen Auswirkungen auf die Bioethik exemplarisch verfolgen läßt.

Das Forschungsvorhaben unternimmt zunächst eine Aufarbeitung der aktuellen bioethischen Diskurse in Südkorea vor dem Hintergrund der praktisch-technischen Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen der Identität und Integrität menschlichen Lebens vor allem im Problemfeld der Gentechnologie, aber auch in den Problemfeldern Schwangerschaftsabbruch, Euthanasie und Hirntod. Untersucht werden die Entwicklungstendenzen, die Argumentationsmuster und das normative Grundvokabular der öffentlichen, christlich-kirchlichen, politischen und fachinternen Diskurse.

Da im Falle Koreas die traditionellen Medizinethiken und die noch heute in Rechnung zu stellenden traditionellen Menschenbilder so gut wie nicht aufgearbeitet sind, sind auch sie Gegenstand des Projekts.

Buddhistische Bioethik: Grundlagen und aktuelle Positionen (K. Klaus, Mitarbeiter: Dr. Jens Schlieter)

Die Lehren und ethischen Paradigmen des Buddhismus sind für den asiatischen Raum von zentraler Bedeutung. Kern des Projekts ist die Darstellung und Analyse der im zeitgenössischen Buddhismus geführten bioethischen Diskussionen, vor allem in der Theravâda- und der Mahâyâna-Tradition. Ein besonderes Interesse gilt dabei den Punkten (z. B. Klonen und Organspende), an denen die buddhistische Tradition zu anderen Begründungen und Bewertungen als der "Westen" kommt.

Das Projekt untersucht ferner die anthropologischen und philosophischen Fundamente der ermittelten bioethischen Positionen. Leitfrage wird dabei sein, welchen Stellenwert die Lehren von Karma und Wiedergeburt, die Vorstellung der Person und die Maxime des "Nicht-Verletzens" in den gegenwärtigen Diskussionen haben.

Bioethische Fragen im Kontext des islamischen Rechts und seiner Rezeption durch Angehörige des medizinischen Standes (G. Endreß, Mitarbeiter: Dr. Thomas Eich)

Das Projekt widmet sich der gegenwärtigen innerislamischen Diskussion, in der bioethische Fragen einen breiten Raum einnehmen. Die Relevanz dieser Diskussion für eine interkulturelle Untersuchung zur Bioethik ist angesichts des hohen Anteils islamisch geprägter Gesellschaften an der Weltbevölkerung offenkundig.

Das Projekt untersucht den Themenkomplex im Hinblick auf Paradigmen in der Beziehung zwischen der islamischen Jurisprudenz und ihren Vertretern auf der einen Seite sowie Angehörigen des medizinischen Standes auf der anderen Seite. Dabei soll neben der Herausarbeitung bioethisch relevanter Stellungnahmen und ihnen zugrundeliegender Prinzipien im islamischen Kontext die Rolle und das Ausmaß der normativen Funktion des islamischen Rechts für die Lösung eines zeitgenössischen Problemkomplexes aufgezeigt werden.

Nutzenkultur versus Normkultur. Zu den intrakulturellen Differenzen in der westlichen Bioethik (W. Schweidler, Mitarbeiter: Dr. Henrik Lesaar)

Das Projekt untersucht einen strukturellen Grundkonflikt in der europäischen Bioethik zwischen einer rigoristischen Ethik des absoluten Schutzes der Menschenwürde und der Unantastbarkeit jeden menschlichen Lebens auf der einen Seite und einer utilitaristischen Ethik der Steigerung und Sicherung der Lebensqualität einer möglichst großen Anzahl von Menschen unter Inkaufnahme der Relativierung der Rechte anderer menschlicher Wesen auf der anderen. Es geht den Auswirkungen des Konflikts auf die aktuelle Gesetzgebung und seinen Hintergründen in den unterschiedlichen Rechtstraditionen der europäischen Geistesgeschichte nach.

Das Projekt macht hiermit darauf aufmerksam, daß kulturelle Differenz als Ursache ethischer Konflikte nicht nur als ein Problem des Gegensatzes zwischen "dem Westen" und anderen Zivilisationen angegangen werden kann. Es arbeitet die innerkulturellen Divergenzen heraus, die verschiedenen Traditionen und geschichtlichen Hintergründen "unseres" ethischen Bewußtseins entspringen und die innerhalb des Ringens um die Bewältigung des biomedizinischen Fortschritts zu Spannungen, Inkonsistenzen und dilatorischen Kompromissen führen.

Das Konzept der informierten Zustimmung (informed consent) und seine Konkretisierung in der internationalen Bioethik (C. Wiesemann, N. Biller-Andorno, Mitarbeiter: Florian Braune M. A.)

Die "informierte Zustimmung" (informed consent) als Voraussetzung medizinischer Interventionen zu therapeutischen oder Forschungszwecken ist ein in internationalen Deklarationen anerkanntes Schlüsselkonzept der bioethischen Praxis. Es handelt sich dabei jedoch um ein allgemeines, unterbestimmtes Prinzip, das einer Konkretisierung bedarf, die in Abhängigkeit vom jeweiligen soziokulturellen Kontext vorgenommen wird. Diese Ausgestaltungen, die entweder mehr die individuelle (individual informed consent) oder die gemeinschaftliche (community consent) Zustimmung betonen, fallen in der europäisch-nordamerikanischen ("westlichen") Bioethik häufig anders aus als etwa in der chinesischen.

Projekt untersucht das konkrete Verständnis von informed consent in einer Reihe ostasiatischer (China, Korea, Taiwan) und westlicher (Deutschland, England, Frankreich, USA) Gesellschaften und seine genaue Rolle in normativen Texten internationaler Organisationen wie WHO und UNESCO.

Gesundheitsmündigkeit, kulturübergreifend. Medizinethische und kulturgeschichtliche Wurzeln und aktuelle Herausforderungen (H. M. Sass, Mitarbeiter: Dr. med. Dr. phil. Ilhan Ilkilic)

Das Projekt erschließt Konzepte zur Gesundheitsmündigkeit von Laien (health literacy) anhand von Regelwerken und Anweisungen zu Gesundheitspflege, Ernährung, Beruf und Lebenswandel und Krankheitsvermeidung aus einschlägigen Werken der historischen und gegenwärtigen Medizinliteratur Chinas, des Nahen Ostens und Europas.

Das Projekt nähert sich der Frage der Kulturalität in der Medizin gleichsam "von unten her" aus der Perspektive der Patienten und medizinischen Konsumenten unterschiedlicher Kulturen. Es untersucht die Rolle der Nutzer medizinischer Produkte, um Probleme, Handlungsmotive und Werte in der medizinisch-pharmazeutischen Alltagspraxis besser zu verstehen. Die erarbeiteten Materialien sollen transkulturell zur Verfügung gestellt und in die sich abzeichnenden Diskussionen um Leistungen und Grenzen einer prädiktiven und präventiven Medizin in einer sich globalisierenden Markwirtschaft eingeführt werden.

 

Assoziiertes Projekt:

Wertfindung und Wertumsetzung im interkulturellen Vergleich am Beispiel der Reaktion auf HIV/AIDS in Deutschland/USA und in China (P. U. Unschuld)

Das Projekt vergleicht die Reaktionen zweier üblicherweise als kulturell stark divergent eingeschätzten Regionen, nämlich Deutschland/USA auf der einen und China auf der anderen Seite, auf eine konkrete medizinische Herausforderung mit weitreichenden ethischen Implikationen — die gemeinsame Bedrohung durch HIV/AIDS. Es untersucht die Dynamik der Wertfindung und der politischen und administrativen Wertumsetzung und eruiert dabei den Anteil der jeweiligen kulturellen, historischen, politischen und ökonomischen Bedingungen. Die Analyse des Verhaltens in einer provozierenden Krisensituation soll Aufschluß geben über die Frage, ob traditionelle Weltanschauungen oder aber die Zwänge der jeweiligen politischen, gesellschaftlich-strukturellen und schließlich ökonomischen Situation maßgebend sind, und zugleich die realistischen Chancen zukünftiger Konvergenzen in der Bioethik beleuchten.

 

5. Interdisziplinarität des Forschererbands

Das Forschungsprojekt ist nur in einer breiten Interdisziplinarität durchführbar. Es erfordert insbesondere drei Gruppen von Kompetenzen:

Die Betreuer/innen und Mitarbeiter/innen der Einzelprojekte vertreten entsprechend ein weites Spektrum von Fachrichtungen. Vertreten sind die Fächer Philosophie, Theologie, Sinologie, Japanologie, Koreanistik, Indologie, Arabistik und Islamwissenschaft, Medizinethik, Medizingeschichte und Medizin.

Die Mehrzahl der Projekte des Forschungsverbunds sind an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) angesiedelt. Hier gibt es bereits bedeutende biomedizinische Initiativen, die ein günstiges Umfeld schaffen:

Weitere Projekte des Forschungsverbunds werden an den Universitäten Bonn und Göttingen durchgeführt.

Als Fachberater des Forschungsverbunds stehen u. a. klinische Mediziner der RUB zur Verfügung, die sich seit längerem mit Fragen der Medizinethik beschäftigen und Mitglieder des "Zentrums für Medizinische Ethik" sind (Prof. Dr. med. Herbert Neumann, PD Dr. med. Johann Spittler, Prof. Dr. med. Michael Zenz). Der Forschungsverbund steht überdies in intensivem Kontakt mit einer Vielzahl ausländischer Bioethiker und Naturwissenschaftler.

 

 

 

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