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Rezensionen und Tipps zu aktueller Literatur

Hier veröffentlichen wir regelmäßig Hinweise und Kommentare zu gender-relevanten Veröffentlichungen - falls Du auch eine Rezension oder einen kurzen Kommentar beisteuern möchtest, schreibe uns eine Mail, und der Text wird hier veröffentlicht!


Eva Blome et al.: Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik. Von der Frauenförderung zum Gendermanagement, Wiesbaden: VS-Verlag 2005.


Das Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik ist vielleicht die zentralste Anlaufadresse für ein gebündeltes Kompendium zu gender-relevanten Themen an der Hochschule. Es bietet eine theoretische Aufarbeitung des Gleichstellungsbegriffs und einen Wissenspool zu den wichtigsten Gendertheorien (Gleichheits-, Differenztheorien, poststrukturalistische Ansätze) und zeichnet die Entwicklung der Gleichstellungsarbeit („Von der Frauenförderung zum Gendermanagement“) präzise nach. In einem auf die praktischen Hochschulthemen ausgerichteten Abschnitt werden Anwendungsfelder benannt und strategische Ausrichtungen der Gleichstellungsarbeit diskutiert, so kommen Qualifikationsangebote, Anreizsysteme und Möglichkeiten der Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses zur Sprache. Ebenso wird auf die Wichtigkeit von Vernetzungsstrategien hingewiesen und die Arbeit innerhalb universitärer Kommissionen (z.B. Berufungskommissionen) thematisiert. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Aspekte der Öffentlichkeits- und Beratungsarbeit der Gleichstellungsbeauftragten.


Jutta Dalhoff (Hg.): Anstoß zum Aufstieg – Karrieretraining für Wissenschaftlerinnen auf dem Prüfstand, Grünwald: USP 2006.

Angesichts der nach wie vor geringen Verbreitung von weiblichen Wissenschaftlerinnen im akademischen Betrieb der Universitäten stellt der Band von Jutta Dalhoff verschiedenste Trainingsmethoden und -angebote (i.d.R. für Post-Docs) vor, die dezidiert auf die prekäre Lage der Wissenschaftlerinnen eingehen und versuchen, z.B. auf die Gespräche in Berufungsverhandlungen vorzubereiten. Neben der Vorstellung der individuellen Projekte ist auch ein Beitrag (Inken Lind) enthalten, der die Situation von Wissenschaftlerinnen an deutschen Hochschulen analysiert, aktuelle Zahlen, Trends und Hintergründe nennt und auf etwa 30 Seiten einen guten Überblick über Chancen und Probleme weiblicher akademischer Karrieren bietet.


Heinz-Jürgen Voss: Geschlecht. Wider die Natürlichkeit, 2. Aufl., Stuttgart: Schmetterling-Verlag 2011.

Gibt es eine „natürliche“ Grundlage der Geschlechterkategorien und den daraus üblicherweise gezogenen Konsequenzen? Ausgehend von der begrifflichen Trennung von gender als dem sozialen und sex als dem biologischen Geschlecht untersucht Heinz-Jürgen Voss die historische Relativität von biologischen Geschlechterkategorien. Dabei zeigt er, dass die moderne Biologie so viele Faktoren für die Entwicklung und Ausprägung von Geschlechtsmerkmalen kennt, dass die starre Dichotomie von „männlich“ und „weiblich“ demgegenüber deutlich unterkomplex erscheinen muss. Markant ist sein an Simone de Beauvoir anknüpfendes Plädoyer für die Abkehr von naturalistischen Argumentationstendenzen, die die Unabänderlichkeit scheinbar eindeutiger Kategorien einnormalisieren – dies zudem meist zugunsten sozialer Profiteure. Unabhängig von der empirischen Feststellbarkeit faktischer Unterschiede soll die „Natürlichkeit der Geschlechter“ als biologisierende und überhistorisch-fixierte Metapher in Frage gestellt werden, um sie so vielmehr als Produkt (Stichwort: Embodiment und Habitus) denn als Voraussetzung von Sozialität zu betrachten.


Christine Färber, Ulrike Spangenberg: Wie werden Professuren besetzt? Chancengleichheit in Berufungsverfahren, Frankfurt/M.: Campus 2008.

Christina Färber schildert Berufungsverfahren als zentrale Hürde auf dem Weg zur Professur; diese Verfahren hat sie in einer empirischen Interview-Studie (mit Professorinnen, Gleichstellungsbeauftragten und Kommissionvorsitzenden) untersucht. Die Studie soll Aufschluss über konkrete Erfahrungen, Eindrücke und Probleme geben. Die wichtigsten Ergebnisse: (I) Meist Heterogene Eindrücke der Bewerberinnen, ebenso oft angenehmer wie auch abwertender Umgang mit Bewerberinnen; genannt werden auch Diskrepanzen zu Bewerbungsverfahren im Ausland, die als ruhiger und angenehmer empfunden wurden. Sind die unhöflichen Begegnungen nur subjektiv wahrgenommen? Die Studie spricht sich dafür aus, dass die Behandlung der Bewerberinnen tatsächlich häufig schlechter ist, die Perspektiven der Gleichstellungsbeauftragten scheinen das zu bestätigen. (II) Hinzu kommt eine zunehmende Verunsicherungen in den „Vorsing-Veranstaltungen“, je öfter die Veranstaltungen nicht erfolgreich waren. Mehr als die Hälfte der Befragten rechnen diesen Misserfolg wesentlich auf sich selbst zurück. (III) Viele Beteiligte schildern die scheinbare Willkür bei den Besetzungsverfahren, oftmals ist bereits das Verfahren der Einladung nicht transparent und nachvollziehbar, informelle Netzwerke scheinen im Vorfeld bereits wesentlich an der Entscheidung mitzuarbeiten. Zwar etablieren sich auch Frauen zunehmend in den Netzwerken, was aber an der Chancenungerechtigkeit wenig ändert.


Doris Nienhaus et al. (Hg.): Akademische Seilschaften. Mentoring für Frauen im Spannungsfeld von individueller Förderung und Strukturveränderung, eFeF-Verlag: Wettingen 2005.

Der Band versammelt Beiträge zu Mentoring-Programmen, die im Überblick als Instrumente der Strukturänderung im Hochschulsystem vorgestellt und diskutiert werden. Gemeinsam verstehen sie sich als Reaktion und Gegenstrategien angesichts der empirischen Feststellung, dass weibliche Karrieren in der Wissenschaft noch immer die Ausnahme darstellen und zudem häufig Prozessen der „freiwilligen Selbsteliminierung“, d.h. des Karriereverzichts von Frauen unterliegen. Angesichts dieser Diagnose widmet sich ein einleitender Beitrag der Rekonstruktion der im Wissenschaftsbetrieb eingelagerten Strukturen, die dazu führen, dass Anerkennungsprozesse in der Wissenschaft in der Regel um den Kerngedanken zentralisiert sind, dass Wissenschaft als Lebensform 200%igen Einsatz fordere, was von Frauen z.B. mit Kindern vielfach als Ausschlusskriterium wahrgenommen wird. Die hier vorgestellten Mentoring-Programme begegnen diesen oft impliziten Idealbildern von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, indem sie diese zur Sprache bringen und kritisch reflektieren. So verstehen sie sich langfristig als Instrumente der Strukturänderung im Hochschulsystem.