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Projekte » Krämer » Juniorprofessur für Japanologie » Japan an der RUB

Sozialpolitik in der Krise: Arbeitslosigkeit in Japan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts


In den 1920er Jahren und besonders während der Weltwirtschaftskrise um 1930 wurde Arbeitslosigkeit erstmals weltweit zu einem massenhaft auftretenden Problem. In vielen Ländern beeinflusste die verheerende Erfahrung der Massenarbeitslosigkeit die Tagespolitik entscheidend: In Deuschland versprach die NSDAP in ihren Wahlkämpfen eine schnelle Lösung des Problems und war damit 1930, 1932 und 1933 erfolgreich; in Großbritannien trug Arbeitslosigkeit 1931 zur Bildung des »National Government« unter Ramsay MacDonald bei; in den USA wurde Franklin D. Roosevelt nicht zuletzt aufgrund der Arbeitslosigkeit zum Präsidenten gewählt. In Japan hingegen bestimmte Arbeitslosigkeit während der 1920er und 1930er Jahre zu keinem Zeitpunkt die Innenpolitik.

Dies ist umso erstaunlicher, als die Geschichtswissenschaft festgehalten hat, dass das Ausmaß der Arbeitslosigkeit in Japan nicht weniger schwer war als in anderen industrialisierten Ländern zur selben Zeit. Woher rührt der Unterschied in politischen Prioritäten? Das vorliegende Projekt beantwortet diese Frage durch eine multiperspektivische und, wo möglich, international vergleichende Analyse des Problems Arbeitslosigkeit im Japan der Zwischenkriegszeit.

1. Quantitative Dimension

Arbeitslosenraten international vergleichen ist eine bekanntermaßen schwierige Angelegenheit, auch in der Gegenwart. Obwohl schon 1919 das International Labour Office gegründet worden war, deren Mitglieder sich u.a. dazu verpflichteten, Arbeitslosenstatistiken zu veröffentlichen, gab es während der 1920er und 1930er Jahre keine internationalen Standards für das Sammeln von Daten über Arbeitslose. Häufig blieb überdies unklar, auf welche Quellen oder Definitionen sich die Regierungen bei den von ihnen veröffentlichten Zahlen stützten. Im Japan der 1920er Jahre existierten verschiedene Formen von Beschäftigung, die sich nicht leicht einer der beiden binären Kategorien »beschäftigt« oder »arbeitslos« zuordnen ließen. Zu den zeitgenössischen Begriffen für Beschäftigungsformen gehören die Gegensätze shitsugyô (Verlust einer vorherhergehenden Beschäftigung) vs. mushoku (ohne Arbeit, unabhängig von der vorhergehenden Beschäftigungssituation) und hongyô (Hauptbeschäftigung) vs. fukugyô (Nebentätigkeit) sowie die Kategorien naishoku (Heimtätigkeit) und hiyatoi (Tagelöhner).

Berücksichtigt man dieses Spektrum an Möglichkeiten, so entsteht ein anderes als bisher gezeichnetes Bild der Arbeitslosigkeit in Japan: »Unregelmäßige« Arbeit (d.h. andere Beschäftigungsformen als die von langfristig vollzeitbeschäftigten männlichen Arbeitern) dominierte, so dass vollständige Arbeitslosigkeit von Männern, die alleine das Einkommen für die ganze Familie verdienten, ebenfalls selten war. So betrachtet erscheint Arbeitslosigkeit im Japan der Zwischenkriegszeit in anderem Lichte dazustehen als die in den Ländern, mit denen Japan üblicherweise verglichen wird.

2. Kulturelle Dimension I: Die Erfahrung der Arbeitslosigkeit

In europäischen und nordamerikanischen Ländern wurde die Innenpolitik (und die historische Erfahrung) während der Beschäftigungskrise der 1920er Jahre geprägt durch die Tiefe des Schocks der persönlichen Erfahrung, seine Arbeit verloren zu haben, zumal diese Erfahrung Arbeiter wie Angestellte traf und ganze Familien in Not stürzte. In Japan erhielt das Thema Arbeitslosigkeit erstmals öffentliche Aufmerksamkeit, als um 1925 große Zahlen von Universitätsabsolventen keine Tätigkeit finden konnten. Die Aufmerksamkeit von Bürokraten konzentrierte sich auf Tagelöhner – arbeitslose Vollzeitarbeiter hingegen waren im Diskurs weniger gut sichtbar.

Arbeitslose aller Art hinterließen Berichte ihrer individuellen Erfahrung – in Form von Zeitschriftenbeiträgen, Tagebüchern oder Mitschriften von Befragungen durch Behörden. In jedem Fall wird deutlich, wie Arbeitslosigkeit subjektiv erfahren wurde, wie groß Verzweiflung und Not empfunden wurden. Hier wird von Interesse sein, inwieweit Selbstzeugnisse aus Japan sich von ähnlichen aus Europa und Nordamerika unterscheiden.

3. Kulturelle Dimension II: Die Erforschung der Arbeitslosigkeit

In Europa und Nordamerika wurde Arbeitslosigkeit bald Gegenstand der entstehenden Sozialwissenschaften (vgl. Marie Jahoda, Die Arbeitslosen von Marienthal). Auch in Japan interessierten sich die Sozialwissenschaftlen zunehmend für empirische Studien der Unterschichten, einschließlich der Arbeitslosen. Dies bedeutete eine doppelte Bewegung: Zum einen halfen die Sozialwissenschaften, den Begriff »arbeitslos« und seine Grenzen zu definieren; zum anderen formte die Wahl des Untersuchungsgegenstandes Arbeitslosigkeit auch die noch jungen Sozialwissenschaften.

Freilich waren die meisten Veröffentlichungen über Arbeitslosigkeit Ergebnis von für Behörden unternommenen Untersuchungen. Obschon diese sicherlich ihre jeweiligen Interessen verfolgten, trugen sie doch auch mit dazu bei, Kategorien zu bilden, in denen über Arbeitslosigkeit gedacht wurde, und halfen bei der Entstehung der Sozialwissenschaften mit, indem sie für die Untersuchungen selbst Forscher beschäftigten.

4. Sozialpolitische Dimension

Durch solche Zählungen wurden Arbeitslose sichtbar und zu einen Problem der Politik. Dennoch lautet das Urteil der Geschichtswissenschaft, es seien vor 1945 keine dem Problem angemessenen sozialpolitischen Maßnahmen ergriffen worden. Tatsächlich wurde ein Gesetz über die Arbeitslosenversicherung erst 1947 erlassen, während der einzige in den 1930er Jahren etablierte landesweit gültige Schutz ein deutlich beschränktes Gesetz über Entlassungsgeld war.

Dennoch waren die Arbeitslosen in Japan nicht auf sich allein gestellt. Vielmehr kam ihnen die kommunale Ebene zur Hilfe. In fünf Großstädten wurden während der 1920er Jahre kommunale Versicherungssysteme für diejenigen errichtet, die man für am meisten betroffen hielt, nämlich die Tagelöhner. Über die direkte Wirksamkeit dieser Programme wird auf der Grundlage von lokalen Primärdokumenten zu urteilen sein; es ist jedoch klar, dass sie als Modell für eine im Jahre 1949 vorgenommene Ergänzung des Gesetzes von 1947 herangezogen wurden, als der Schutz vor Arbeitslosigkeit auch auf Tagelöhner ausgeweitet wurde.

 
 
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Letzte Änderung: 18.01.2008  | Impressum | Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik