Das Projekt will Antwort geben auf
die Frage, wie die Menschen seit der Antike das Vermögen der Imagination im Zusammenspiel
mit anderen Fähigkeiten des Denkens und Handelns in seiner Funktionsweise erklärt und in
ihre soziale Praxis integriert haben. Diese Frage wird zum einen in einer historischen
Perspektive gestellt: Indem die Teilprojekte sich jeweils auf geschichtlich eingegrenzte
Felder beziehen (Antike, Mittelalter, Renaissance, Frühe Neuzeit, Aufklärung, Romantik,
Moderne), verfolgen sie arbeitsteilig eine diskursiv vermittelte Theoriegeschichte und
rekonstruieren damit die Ausdifferenzierungen und Veränderungen einer anthropologischen
Grundgegebenheit. Zum anderen wird die Frage in bezug auf die unterschiedlichen
Wissensformen, Wissenschaften und Künste gestellt, die das Vemögen der Imagination
entweder zu ihrem Gegenstand haben oder als Werkzeug ihres Tuns benutzen: Theologie,
Erkenntnistheorie, Wissenschaftslehre, Menschenkunde, Pädagogik, Rhetorik, Poetik,
Literatur und bildende Künste sind die Disziplinen, in denen der Imagination eine
tragende Rolle zugewiesen wird und wurde. Indem die Teilprojekte im interdisziplinären
Verbund die Berührungen und Überlagerungen von Problemfeldern zwischen diesen
Wissenbereichen in bezug auf die Imagination erforschen, profilieren sie das
anthropologische Substrat, das diesen Disziplinen zugrunde liegt.
Da die Imagination dem Menschen das
Mögliche als Teil des Wirklichen vor Augen führt, ist sie eine Voraussetzung und ein
Gestaltungselement von Kultur: Die Formung des Natürlichen zu einem modellierbaren System
von Ordnungen im Menschen und in seiner Umwelt beruht ja auf der Fähigkeit, faktisch
Gegebenes durch Vorstellungen des Möglichen zu überschreiten und damit in seiner Geltung
zu suspendieren. Das Projekt verfolgt die Entwicklung und die Ausprägung des imaginativen
Vermögens deshalb nicht als bloße Theorie- und Begriffsgeschichte, sondern fragt
ausdrücklich nach der strukturierenden Leistung, mit der die Imagination Kultur in
unterschiedlichen Zeiten und Räumen 'herstellt'. Umgekehrt fragt das Projekt auch nach
den Begrenzungen, die je gegebene Kulturen dem imaginierenden Vermögen setzt, um sich
nicht selber zu gefährden und die gesetzten Ordnungen preiszugeben.