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"Deutschland, Deutschland über alles auf der Welt",
skandierte die "deutsche Schlachtenkolonie", laut
Radioreport. Helmut Rahn hatte sie mit seinem Schuss zum finalen
Sieg geführt. Darin sind sich alle Historiker einig,
neun Jahre nach Auschwitz und bedingungsloser Kapitulation
flößte der Triumph, die gewonnene WM 1954 den Deutschen
gewaltig Selbstvertrauen ein. Man war wieder wer und brauchte
sich nicht zu verstecken.
Das begriff auch sofort der erste Nachkriegspräsident
des DFB, Peco Bauwens: "Bei den hohen Idealen, die wir
vertreten, hört die Demokratie auf". Und später
im "Münchener Löwenbräukeller", während
der offiziellen WM-Feier, schwadronierte er los vom "Führerprinzip"
und von "Wotan, dem Donnergott der Germanen" der
der Mannschaft in Bern beigestanden habe. Dem Bayrischen Rundfunk
wurde das wohl zu peinlich, denn der brach die Live-Übertragung
kurzerhand ab.
Der deutsche Faschismus und seine Überwindung sind der
komplexe Hintergrund, den der Film "Das Wunder von Bern"
zum Thema hat und nicht zum Thema macht. Laut Sönke Wortmann
(Autor, Regisseur) "eine bewusste Entscheidung".
Dabei verlangt die Story danach. Sie spielt in einer noch
von den Nazi-Inhalten geprägten Zeit. So wurde z.B. erst
kurz vor der WM, 1952, die NSDAP-Nachfolgepartei "SRP"
(1951, 11% in Niedersachsen) vom Bundesverfassungsgericht
verboten.
Sicherlich war nicht jedes NSDAP-Mitglied des deutschen Fußballs
gleichzeitig ein überzeugter Nazi. Aber auch nicht jeder
war so schnell dabei wie der spätere Reichstrainer Sepp
Herberger der gerademal bis Mai 1933 abwarten konnte in die
Partei einzutreten. Von den vielen seiner weitverbreiteten
Sprüche, "ein Spiel dauert neunzig Minuten",
bleibt der nachfolgende weiterhin eher unbekannt: "Ein
guter Fußballer ist auch ein guter Soldat".
"Ich weiß nicht ob es Pflicht ist, neun Jahre
nach Kriegsende ..." meint Sönke Wortmann, "das
Naziding ..." noch zu bringen. Als würde es darum
gehen mit dem erhobenen Zeigefinger rumzulaufen. Dass das
Thema immer noch aktuell ist, zeigen z.B. die Anschlagsvorbereitungen
von Neo-Nazis in Bayern auf jüdische Einrichtungen, oder
das antisemitische Flugblatt von Jürgen W. Möllemann,
der darüber im doppelten Sinn des Wortes abstürzte,
zuerst glücklicherweise, danach bedauerlich und tragisch.
Tragisch ist auch die Geschichte der Filmfigur Richard Lubanski
(Peter Lohmeyer). Der Soldat und Bergmann kommt erst 1954
aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Essen-Katernberg.
Bis dahin hat die Mutter (Johanna Gastdorf) fürs Überleben
gesorgt. Der älteste Sohn (Mikro Lang) ist Kommunist,
klebt Plakate und zieht später in die DDR. Die Tochter
(Birthe Wolter) geht in Discos und flirtet mit Soldaten der
Alliierten. Matthias (Louis Klamroth), der jüngste Sohn,
versteht seinen Vater nicht und ist der Taschenträger
von Helmut Rahn (Sascha Göpel) sowie sein Maskottchen;
ohne ihn trifft Rahn nicht richtig. Mit nach Bern zu fahren,
verbietet jedoch Matthias Vater.
Nur die Kirche verhilft Richard Lubanski erst zur Einsicht
und dann zu einem VW-Käfer, mit dem er mit Sohn Matthias,
durch die bonbonfarbende Schweiz nach Bern donnern kann. Rahn
sieht seinen Glücksbringer und entscheidet das Endspiel.
Bernd Schäfer
Erschienen in: taz. Die Tageszeitung.
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