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IfM: Locarno hat in diesem Jahr den Status eines A-Festivals
erhalten. Wie würden Sie diese Entwicklung einschätzen?
C. Jungen: Zunächst muß man sagen, was
A-Festival bedeutet. A-Festival bedeutet eigentlich nur soviel,
daß ein Festival nicht mehr spezialisiert ist, sich
nicht mehr auf eine besondere Kategorie beschränken muß;
also zum Beispiel auf Erstlingsfilme oder Kurzfilme sondern,
daß ein Festival alle Filme zeigen kann. Das war bislang
nicht der Fall.
Bis vor drei Jahren war Locarno ein Entdeckungsfestival, das
ausschließlich Erstlings- und Zweitlingswerke im Wettbewerb
hatte. Nun könnte es theoretisch auch den zehnten Spielfilm
eines Regisseurs in den Wettbewerb bekommen.
IfM: Wie wird diese Entwicklung seitens der Major-Studios
gesehen?
C. Jungen: Seitens der Hollywood-Major Studios hat
sich nicht viel verändert, weil Locarno das kleinste
der großen Festivals ist und das größte der
kleinen. Und es hat vor allem einen Nachteil, wenn es um große
Filme buhlt: es findet 10 Tage vor Venedig statt. Jedes Hollywoodstudio,
das seinen Film lancieren möchte über ein Festival
wird den Film in Venedig zeigen, weil Venedig ein größeres
Festival ist und vor allen Dingen, weil Venedig viel mehr
akkreditierte Presse hat. In Venedig sind zweieinhalbtausend
Journalisten akkreditiert, in Locarno sind es tausendzweihundert.
Das heißt wenn ein Hollywood-Majorstudio einen Film
lancieren möchte, gibt es viel mehr Resonanz in Venedig.
Und deshalb hat sich eigentlich für Locarno mit diesem
A-Status, was die großen Produktionen betrifft nichts
geändert. Es hat nach wie vor kaum eine Chance an solche
Produktionen für den Wettbewerb heranzukommen. Anders
sieht es aus, wenn ein großes Studio einen Film auf
der Piazza Grande zeigen möchte, dies ist durchaus möglich.
IfM: Wie sehen Sie die Entwicklung, daß man
weg von den Erstlings- und Zweitlingswerken geht? Sehen Sie
darin eher einen Vorteil oder Nachteil für das Festival
in Locarno?
C. Jungen: Wenn man jetzt sieht was für eine
Stimmung um das Festival herrscht in diesem Jahr, dann kann
man nicht behaupten, das sich das positiv ausgewirkt hätte.
Meiner Meinung nach hat Locarno zur Zeit ein Profil-Problem.
Es weiß gar nicht genau, was für ein Festival sind
wir eigentlich. Bislang war immer klar: Locarno, das ist ein
Entdeckungsfestival. Das hat eine große Geschichte.
In Locarno wurde Jim Jarmusch entdeckt, in Locarno wurde Spike
Lee entdeckt, Ken Loach; das war bislang das Profil. Nun hat
man den Horizont erweitert, aber eben man kommt nicht wirklich
an diese großen Filme ran. Und deshalb bestehen sehr
viele Unsicherheiten. Und die Aufwertung zum A-Festival hat
auch eine Erwartungshaltung geschürt, die Locarno kaum
einlösen kann. Und deshalb bin ich eigentlich eher skeptisch,
das das etwas gebracht hätte. Meiner Meinung nach, muß
sich das Festival in nächster Zeit ziemlich genau überlegen,
was ist unser Profil? Worauf wollen wir uns konzentrieren?
Denn wir sind in einer Zeit der Event-Kultur; Film-Festivals
boomen. In diesem ganzen Kampf der Festivals hat nur der eine
Chance, der sich ein klares Profil gibt und der ein Programm
hat, das sich von den anderen unterscheidet. Sundance in America
hat das zum Beispiel sehr erfolgreich gemacht, die haben gesagt,
wir spezialisieren uns auf Independent-Filme und dafür
sind wir dann auch die Experten. Und Locarno ist nun ein bißchen
weg gekommen von diesem klaren Profil und muß sich für
die Zukunft genauer überlegen in welche Richtung es gehen
will und ob es nicht wieder zurück will zu den Erstlings-
und Zweitlingswerken.
IfM: Wo würden Sie die Zukunft von Locarno sehen?
Welche Entwicklung wäre wünschenswert?
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Biographie
Christian Jungen, geboren 1973, berichtet seit mehreren
Jahren vom Filmfestival in Locarno. Als Filmjournalist
schreibt er unter anderem für den Schweizer "Blick".
Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität
Zürich und schreibt seine Dissertation über
"Das Verhältnis der Mayor Studios zu den europäischen
Filmfestivals".
(c) Foto by Bernd
Schäfer
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C. Jungen: Meiner Meinung nach müßte sich
Locarno wieder auf diese Frühwerke spezialisieren. Locarno
muß wieder der Ort sein, wo neue Talente entdeckt werden
und es dann in 10 Jahren heißt: ach, der wurde damals
in Locarno entdeckt. Damit würde die Tradition, die Geschichte
eigentlich weitergeführt und andererseits zwingt die
ganze Situation, die ganze Konstellation mit diesen vielen
Festivals Locarno dazu, diese Ausrichtung wahrzunehmen. Wie
gesagt 10 Tage nach Locarno findet Venedig statt. Das ist
ein Generalisten-Festival. Und jeder Produzent, der einen
Film gemacht hat, und selbst, wenn es ein Schweizer ist, der
geht nach Venedig, weil dort einfach der Publicity-Power viel
stärker ist. Und insofern zwingt auch diese Konkurrenz-Situation
Locarno eigentlich dazu, wieder ein Entdeckungs-Festival zu
werden. Locarno hat aber geschichtlich gesehen noch eine zweite
Identität gehabt, es war das Festival wo neue Talente
entdeckt werden, es war aber auch immer das Festival, das
ein reiches Rahmenprogramm hatte, eine hoch qualitative Retrospektive,
da wurde immer auch ein Buch herausgegeben zu diesen Retrospektiven
und so hat Locarno eigentlich sein Renommee erreicht. Entdeckungs-Festival
und auf der anderen Seite Rückschau auf große Meister
oder auf wichtige Epochen in der Filmgeschichte.
IfM: Neben einer eigenen Sektion für schweizer
Filme, der "Appellations Suisse" besteht auch eine
eigene Sektion für Filme eines anderen Landes oder einer
Region, in diesem Jahr "Porte Aperte: Cuba". Das
legt die Frage nach einer Rezeption im Rahmen einer nationalen
Kinematographie nahe.
Wie wird der deutsche Film in der Schweiz gesehen?
C. Jungen: Man muß hier unterscheiden: die Wahrnehmung
im Rahmen eines Festivals und sonst im Kino. In den letzten
Jahren, eigentlich seit "Der bewegte Mann" hat es
wie eine Welle gegeben von deutschem Kino. Und deutsche Filme,
vor allem die neue deutsche Komödie mit ihren "bewegten
Männern" usw., die hat eigentlich großen Anklang
gefunden. Filme wie zum Beispiel "Der Schuh des Manitu"
haben im Verhältnis zu Deutschland fast den gleichen
Erfolg erreicht in der deutschen Schweiz wie in Deutschland.
Insofern kann man sagen, daß das Interesse am deutschen
Film in der Kinoauswertung in den Städten gestiegen ist.
Etwas anders sieht es an den Festivals aus, weil da natürlich
ein Fachpublikum zugegen ist, das hat eine andere Sensibilität
und einen anderen Filmgeschmack. Dieses Derbe, was zum Beispiel
die neue deutsche Komödie hat, ist im Rahmen eines Festivals
eher weniger geschätzt worden und deutsche Filme hatten
auch eher einen schweren Stand hier am Festival.
Man muß allerdings sagen, daß letztes Jahr ein
deutscher Film gewonnen hat: "Das Verlangen". Aber
das hat ihm nicht viel genützt, der Film hat zwar hier
den "goldenen Leoparden " gewonnen, aber keinen
Verleiher gefunden und ist in keinem Land noch nicht einmal
in Deutschland überhaupt ins Kino gekommen.
IfM: Nach "Der bewegte Mann", also Sönke
Wortmann, war der deutsche Film, was die Zuschauerzahlen angeht,
auch in der Schweiz sehr beliebt. Wurde deshalb auch "Das
Wunder von Bern" für die Piazza Grande ausgewählt?
C. Jungen: Der Film ist sicherlich auch ausgewählt
worden, weil ihn Venedig nicht wollte, insofern ist das eine
indirekte Aussage zur Qualität des Films. Auf der anderen
Seite, hat sich das natürlich strategisch angeboten,
denn der Film heißt "Das Wunder von Bern".
Insofern kann man damit rechnen, daß der Film in der
Schweiz einiges an Interesse hervorruft. Und für einen
deutschen Film ist es nicht schlecht in Locarno lanciert zu
werden, weil hier der ein oder andere deutsche Journalist
zugegen ist. Wie ich das beurteilen kann, hat es auch eine
kleine Feuilleton-Debatte gegeben in deutschen Zeitungen.
IfM: Die Darstellung der deutschen Geschichte in "Das
Wunder von Bern" wurde von uns durchaus kritisch gesehen,
teilweise als sehr problematisch beurteilt. Wie wurde das
von der nicht-deutschen Presse ihrer Meinung nach bewertet?
C. Jungen: Der Film zeigt, wie man unterschiedlich
reagiert, je nach Nationalität. Das war in der Schweizer
Presse überhaupt kein Thema und die Deutschen hat das
sehr stark beschäftigt. Das zeigt sich auch immer an
der Berlinale, wenn da ein Film läuft, der irgendetwas
mit Nationalsozialismus oder deutscher Geschichte zu tun hat,
dann ist das immer sehr problematisch und die Deutschen reagieren
immer viel betroffener und viel kritischer als das ausländische
Beobachter tun.
IfM: Herr Jungen, wir danken Ihnen herzlich für
dieses Gespräch.
Die Fragen stellten Martina Dressel, Simone Manzo und
Anke Sohn. Die technische Leitung des Interviews hatte Rudolf
Hirth.
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