Nie zuvor war es für Vampire so leicht sich Zutritt zu verschaffen: Ob als ewig gutaussehende Teenager oder galante Südstaatengentlemen – heute bitten wir sie nur allzu gern über die Schwelle. Aktuell ist kein Medium vor ihnen sicher: Nicht nur im heimischen Bücherregal, sondern auch auf dem Bildschirm und der Kinoleinwand treiben sie ihr Unwesen – und das mit großem Erfolg, wie die Verkaufszahlen von Stephenie Meyers Twilight-Saga, die Besucherzahlen der dazugehörigen Kinofilme sowie die Einschaltquoten von Fernsehserien wie True Blood und The Vampire Diaries belegen. Der große Anklang letzterer belebte wiederum den Verkauf der Romanreihen, auf denen sie basieren (Charlaine Harris’ Sookie Stackhouse Novels und L.J. Smiths The Vampire Diaries), aufs Neue.
Die Geisteswissenschaft reagiert weltweit auf die derzeitige Popularität der vampirischen Figur und ihre multimedialen Präsenz: In Harvard werden Vampire zum Seminarthema (s. http://www.business-spotlight.de/news/global/vampires-at-harvard), die Universität in Hertfortshire (UK) führt gar einen eigenen M.A. Studiengang in „Vampire Literature“ ein. In Bochum wurde im Dezember 2010 mit „Letting the Vampire In“ eine transdisziplinäre Tagung für NachwuchswissenschaftlerInnen abgehalten. AkademikerInnen aus England, Deutschland, Österreich, Schweden und den USA untersuchten hier den gegenwärtigen Erfolgszug des Vampirmotivs und diskutierten unterschiedliche Lesarten seiner Ursachen und Konsequenzen in Literatur und visuellen Medien. Die Schwerpunkte der Diskussion waren literatur- und kulturwissenschaftlich orientiert: Neben der Figurengeschichte und -theorie des Vampirs standen Fragen nach Identitätskategorien wie Gender, Race und sozialer Klasse und den damit zusammenhängenden Machtstrukturen in Vampirgeschichten im Mittelpunkt des Interesses. Des Weiteren wurde die multimediale Vermarktung und Fankultur des aktuellen Vampirtrends, die insbesondere in Bezug auf dass sehr erfolgreiche Twilight-Franchise bedeutsam wird, diskutiert. Im Laufe der 35 Vorträge wurde immer deutlicher, dass der Vampir von heute mit Figuren wie etwa Bram Stokers Graf Dracula nur noch wenig gemein hat: Vom ambivalenten Bösewicht ist der Vampir zum Leitbild einer neuen Generation geworden.
In aktuellen Vampirnarrativen verkörpern die Blutsauger einen ganz bestimmten Lifestyle. Sie fahren schnelle Autos, tragen modische Kleidung und halten sich als ewige Jugendliche an amerikanischen High-Schools auf. Den Beginn dieses Phänomens, so argumentiert Simon Bacon, stellt der Film The Lost Boys von 1987 dar. In „People are Strange: Re-Viewing ‘The Lost Boys’“ kombiniert er eine Analyse zentraler Stilelemente des Films mit einem Überblick über kultur- und literaturwissenschaftliche Positionen zur Vampirfigur.
In Meyers Twilight-saga ist der – schon fast engelsgleiche – Vampir sogar Schönheitsideal. In dieser Romanreihe ist der weibliche, menschliche Körper vor der Verwandlung monströs konnotiert, um nach der Verwandlung zum Vampir das körperliche Ideal darzustellen – bis dato völlig untypisch für das Genre. Viel eher, so argumentieren Heike Steinhoff und Maria Verena Siebert in ihrem Beitrag „The Female Body Revamped: Beauty, Monstrosity and Body Transformation in the Twilight-saga“, lässt sich Twilights Transformationsnarrativ mit ‚extreme makeover’ Fernsehshows wie The Swan vergleichen. |
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Dass der Vampir längst nicht mehr als ambivalentes Monster, sondern als vorwiegend positive Figur auftritt, gilt jedoch nicht nur für Vampirromanzen wie Twilight, wie Florian Bast und Marie-Luise Löffler in „Bites from the Margins: Contemporary African American Women’s Vampire Literature“ darstellen. Innerhalb der Werke afroamerikanischer Schriftstellerinnen wie Octavia Butler und Jewelle Gomez fungiert der Vampir durch seine Randposition als Darstellungsmittel für die besondere Stellung der afroamerikanischen Frau; durch seine übermenschlichen Kräfte und besonderen Freiheiten wird er zum Zeichen ihrer Ermächtigung und dient der kritischen Hinterfragung von Machtstrukturen.
Die derzeitigen Narrative haben zudem gemein, dass der Vampir seine osteuropäischen Wurzeln verloren hat. Im Laufe seiner Amerikanisierung ist er uns zumindest kulturell nähergerückt – sein Habitat bleibt jedoch abgelegen. Evangelia Kindinger stellt fest, dass aktuelle Vampirnarrative vor allem in ländlichen Gegenden Nordamerikas angesiedelt sind. In „Regionalism in Paranormal Fiction: Of ‘Vamps,’ ‘Supes’ and Places that ‘Suck’“ schlägt sie unterschiedliche Lesarten vor: Hier, im kleinen gemeinschaftlichen Rahmen abseits der Großstädte, tritt Andersartigkeit deutlich zutage und wird reglementiert. Andererseits sucht und findet der Vampir gerade an diesen abgelegenen Orten ein angepasstes Dasein.
Die erwähnten Vampirnarrative werfen überdies die Frage nach ihrer Abnehmerschaft auf. Auf der Tagung wurde dieser mit einem Schwerpunkt zum Thema Fankultur entsprochen. Dieser wird in dieser Ausgabe des onlinejournal kultur & geschlecht durch den Beitrag „Fankulturwirtschaft. Der Beitrag der Fans zum Erfolg des Twilight-Saga-Franchise“ von Sophie G. Einwächter repräsentiert. Digitale Medienplattformen und soziale Netzwerke führen Fan-Tätigkeiten neue Bedeutungen zu und sind zugleich die Orte, an denen der Vampir-Boom der letzten Jahre seinen Anfang nahm.
Die Veranstalterinnen der Tagung, Sophie G. Einwächter und Maria Verena Siebert möchten an dieser Stelle noch einmal allen TeilnehmerInnen der Tagung und insbesondere den AutorInnen dieser Sonderausgabe sowie dem Team von kultur & geschlecht für die produktive Zusammenarbeit danken.
Die Gastherausgeberinnen
Sophie G. Einwächter und Maria Verena Siebert
Die #8 des onlinejournal kultur & geschlecht erscheint in Kooperation mit der Ruhr-University Research School.

Das onlinejournal kultur & geschlecht bietet ein Forum für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum, die zu Geschlechterfragen und ihren Kontexten forschen.
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