Arbeitsmedizin Vorlesung SS‘97

ohne Gewähr

Mitschrift der Vorlesung Arbeitsmedizin im SS '97, gehalten durch Mitarbeiter des BGFA

1. Grundlagen der Sozialgesetzgebung und Begutachtungskunde (Baur) 09.04.1997

Ziele der Arbeitsmedizin: Minimierung der Gesundheitsgefahr, Gesundheitsförderung,

Gestaltung der Arbeit und des Arbeitsplatzes.

Sozialversicherungszweige (Abb.1) - Träger der gesetzlichen Unfallversicherung:

1. gesetzliche Kranken-,

2. gesetzliche Pflege-,

3. gesetzliche Renten-,

4. gesetzliche Arbeitslosen- und

5. gesetzliche Unfallversicherung, die aus folgenden Trägern besteht:

· gewerbliche Unfallversicherungen (Berufsgenossenschaften: Unfallverhütungs- vorschriften UVV; Vorsorgeuntersuchungen),

· landwirtschaftliche Unfallversicherungen,

· Seeunfallversicherung,

· Unfallkassen (Eisenbahn, Post),

· Unfallversicherungen der öffentlichen Hand.

Unfälle im Arbeitsbereich / Berufskrankheiten

Das V. Sozialgesetzbuch (SGB V) definiert als

"Krankheit" einen regelwidrigen, körperlichen oder geistigen Zustand, der Heilbehandlung erfordert oder Arbeitsunfähigkeit bedingt (DR, 138).

"Arbeitsunfähigkeit", daß der Versicherte nicht oder nur unter der Gefahr, seinen Zustand zu verschlechtern, die bisherige Erwerbstätigkeit ausüben kann (DR, 137).

= Berufsunfähigkeit: andere Tätigkeiten sind möglich (DR,138),

Erwerbsunfähigkeit: Tätigkeiten sind generell nicht mehr möglich (DR, 138)

Das VII. Sozialgesetzbuch (SGB VII) definiert

Die häufigsten gemeldeten Berufserkrankungen:

    1. Hauterkrankungen
    2. Lärmschwerhörigkeit
    3. obstruktive Atemwegserkrankungen

 Die häufigsten entschädigten Berufserkrankungen:

    1. Lärmschwerhörigkeit
    2. Asbestinduzierte Tumoren
    3. Hauterkrankungen
    4. Silikose
    5. obstruktive Atemwegserkrankungen

Arbeitsschutzgesetz vom 21.08.1996

Kernpunkt ist die Pflicht des Arbeitgebers, durch geeignete Maßnahmen für möglichst geringe Unfall- und Gesundheitsgefährdungen zu sorgen. Dazu muß jeder Unternehmer in seinem Betrieb die Gefährdungen der Beschäftigten bei der Arbeit beurteilen. Den Beschäftigten steht zum einen ein Vorschlagsrecht in Fragen des Arbeitsschutzes und zum anderen ein Beschwerderecht zu, wenn sie Verstöße gegen Arbeitsschutzvorschriften feststellen. Die Pflichten des Beschäftigten: aktive Unterstützung der Arbeitsschutzmaßnahmen, Weisungen zu befolgen und Schutzvorrichtungen bestimmungsgemäß zu verwenden sowie Schäden oder Mängel bei Arbeitsschutzvorkehrungen zu melden.

Aufgabe der Unfallversicherung ist es (SGB VII, § 1)

1. mit allen geeigneten Mitteln Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten sowie arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu verhüten,

2. nach Eintritt von Arbeitsunfällen oder Berufskrankheiten die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Versicherten mit allen geeigneten Mitteln wieder herzustellen und sie oder ihre Hinterbliebenen durch Geldleistungen zu entschädigen.

Gesetz über Betriebsärzte etc. vom 12.12.1973

§ 1: Der Arbeitgeber hat Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit zu bestellen...

§ 2: Der Arbeitgeber hat Betriebsärzte ... zu bestellen und ihnen die in § 3 benannten Aufgaben zu übertragen ...

§ 3: (1) Die Betriebsärzte haben die Aufgabe, den Arbeitgeber beim Arbeitsschutz und bei der Unfallverhütung in allen Fragen des Gesundheitsschutzes zu unterstützen:

1. den Arbeitgeber und ... verantwortliche Personen zu beraten,

2. die Arbeitnehmer zu untersuchen, ... zu beurteilen und zu beraten,

3. die Durchführung des Arbeitsschutzes zu beobachten und ...:

a. die Arbeitsstätten regelmäßig zu begehen,

b. auf die Benutzung der Körperschutzmittel zu achten.

§ 8: Unabhängigkeit bei der Anwendung der Fachkunde: Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit sind bei der Anwendung ihrer arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Fachkunde weisungsfrei.

§ 9: Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat

 

2. Ergonomische Arbeitsgestaltung/ physikalische Einwirkungen (Korn) 16.04.1997

Ergonomie: Ergon (= Arbeit), Nomos (=Gesetzmäßigkeit)

Es geht in der Ergonomie um die Anpassung der Arbeitsbedingungen an den Menschen, worin auch die Arbeitssicherheit berücksichtigt wird.

Unfallgefahren:

· Typischer Heimwerker-Unfall: Augenverletzung bei Benutzung eines splitternden Eisenmeißels ("Meißelbart").

· Lackierer: die Anhebephase am Fließband der Werkstücke ist zu weit entfernt, so daß der Lackierer in gebückter Stellung tätig ist: Hebehilfen bei schweren Werkstücken !

· Kontrollmonitore in schräger Stellung, geneigte Pultflächen zur besseren Übersicht.

· Gestaltung des Büroarbeitsplatzes (siehe Skizze).

· Gebücktes Heben belastet die Vorderkanten der Wirbelkörper am stärksten mit der Folge, daß
die Bandscheiben nach hinten in den Rückenmarkskanal gepreßt werden.

· Toxische Substanzen z.B.: Trichlorethan, was Nierenzell-Ca verursacht.

 

Die Belastung setzt sich aus Beanspruchung, Zwangshaltung, Klima, Arbeitsablauf zusammen.

 

Der Ernergieverbrauch ist bei

- statischer Arbeit am geringsten,

- dynamischer Arbeit mit wenig Muskeleinsatz größer,

- dynamischer Arbeit mit zahlreichen Muskeln am größten,

- Kassiererinnen heben bis 3 Tonnen/Tag am Fließband um (Rückwärtskassen sind ergonomisch günstiger als Vorwärts- oder Frontalkassen).

Definition von Lärm: es ist ein belästigender, gesundheitsschädigender Schall.

Schallquelle: ------------------------------> Lärmimmission

Wie mißt man Lärm ?

· Verdopplung des Schalldrucks bedeutet eine Erhöhung um 3 dB: Lg 2 + 70 dB = 73 dB.

· Doppelte Schallintensität = Erhöhung um 3 dB; Vierfacher Schalldruck = Erhöhung um 6 dB.

· Der Eindruck eines Schallereignisses wird doppelt so laut bei 1000 Hz bei Erhöhung um 10 dB oder um 10 phon wahrgenommen.

· > 90 dB (A) über 9 h: Gehörschutz tragen ! = 93 dB (A) über 4,5 h = 96 dB (A) über 2,25 h.

· ab 85 dB (A)über 9 Stunden: Gehörschutz ist anzubieten.

 

3. Durch chemische Einwirkungen verursachte Gesundheitsschäden (Bolt) 23.04.1997

MAK = max. Arbeitsplatzkonz. (meist krebserregende Stoffe in der Luft am Arbeitsplatz)

BAT = biologischer Arbeitsplatz-Toleranzwert (Grenzwerte in Blut/Urin)

TRK = technische Richtkonzentration (für krebserregende Stoffe)

 

Luftgrenzwerte: Gefahrstoffverwendung: verpflichtende Grenzwert- u. Überwachungsrichtlinien.

Lösemittel, die von Bedeutung sind:

Dichlormethan = Methylenchlorid ) CH2Cl2 (Giftung: CO als aktiver Metabolit).

Trichlorethylen, Tetrachlorethylen, 1.1.1.Methylchloroform

 

Welche Konzentrationen sind nicht mehr toxisch für Zulassung am Arbeitsplatz ?

- CO 8 Stunden/Tag bzw. 40 Stunden/Woche

- Atemzeitvolumen 10 m3/ 8 Stunden tägliche Arbeitszeit; 20 m3/ 24 Stunden.

- Empfindliche Kollektive für CO: Koronarpatienten, KVK-Patienten (Claudicatio intermittens).

- CO-Hb-Spiegel von 5% ist tolerabel (z.B. Höhenanpassung) = BAT(Blut) 5% Dichlorethan

MAK-Wert 100 ppm

Luftkonz. von Methylenchlorid, die bei 8 h Arbeitsbelastung/Tag zu CO-Hb-Spiegel <5% führt.

- Der basale Hb-CO-Spiegel durch die Hämoxygenase liegt bei 1 Mol CO pro Mol Hb; bei Rauchern ist der basale Hb-CO-Spiegel höher.

- Es gilt eine Abstaffelung der Werte: 1, 2, 5, 10, 50, 100, 200 ppm für Gase Dämpfe oder mg/m3 für Partikel, Staub, feste oder flüssige Aerosole.

- Trichlorethylen BAT: 5 ppm (Cave: Hangover). Tetrachlorkohlenstoff als Lösemittel verboten.

Lösemittelwirkungen

ZNS-Wirkungen: n-Hexan:--> Polyneuropathie MAK 50 ppm (sehr niedrig)

Dichlormethan (Methylenchlorid)

Trichlorethylen ist nierentoxisch: Nierenzell-Ca

karzinogene Wirkung: Benzol

 

Regulation krebserregender Stoffe

Problem: Grenzwertfestlegung: in USA wird das Krebsrisiko vorher definiert; hier: Minimierungsgebot und technische Richtkonzentration (Konz., die nach dem technischen Stand erreicht werden können).

Vinylchlorid: Hämangiosarkom der Leber (früher wurde diese Erkrankung durch das Rö.-Kontrastmittel Thorotrast und durch Arsen bei Winzern verursacht).

TRK bei Altanlagen 3 ppm in Neuanlagen 2 ppm.

 

Politik ---------------------------> Gesetzgebung

Sozial- ø wissenschaftl. ¯

partner Experten Praxis

 

Länder überwachen die Gesetzgebung des Bundes:

Kategorie 2 + 1: ---> R45 kann Krebs erzeugen

Kategorie 1:--------> Stoffe, die epidemiologisch klar sind: -----> krebserregend

Kategorie 3:--------> Stoffe, die wegen möglicher Krebserzeugung ... R40 irreversibler Schaden möglich.

Für 1,2 sind keine MAK-Werte festlegbar, sondern nur TRK-Werte.

 

4. Durch chemische Einwirkungen verursachte Gesundheitsschäden (Golka) 30.04.1997

[Vgl.: Duale Reihe: Ökologisches Stoffgebiet, 2. Aufl. Stuttgart 1995, hier abgekürzt mit: DR]

 

 

Skizze zur Lokalisation der Aufnahme der toxischen Stoffe im Atemtrakt in Beziehung zu ihrer Wasserlöslichkeit [DR, S.68]: stärker wasserlösliche Substanzen haben ihren Angriffspunkt im oberen Atemtrakt bei geringerer Toxizität, dagegen sind geringer wasserlösliche Substanzen mehr im unteren Atemtrakt wirksam, bei höherer Toxizität.

 

5. Berufsbedingte allergische Erkrankungen (Merget)
07.05.1997

 

Berufskrankheit = berufsbedingte Krankheit entsprechend der Berufserkrankungsliste

Die Erkrankung muß zur Berufsaufgabe führen.

4301: Durch allergisierende Stoffe verursachte Atemwegserkrankungen

4103: Asbest,

4106: Aluminium,

4107: Metallstäube,

4109: Neubildungen durch Nickel,

4110: Neubildungen durch Kokereigase.

 

Häufigkeitsverteilung der Berufserkrankungen:

1. Schwerhörigkeit 33%

2. Hauterkrankungen 24%

3. Asbetosen 11%

4. Allergische Atemwegserkrankungen 9%

5. Silikose 5%

· 1/3 der berufsbedingten Lungenerkrankungen werden asymptomatisch, 2/3 bleiben krank

· bezahlte Umschulungen: 300.000

Primärprävention: Schutzmaßnahmen bevor man krank wird

Sekundärprävention: Schutzmaßnahmen bei drohendem Ausbruch der Erkrankung

 

Internationale Richtlinien für die Diagnose eines beruflich erworbenen Asthmas:

    1. Diagnose durch einen Arzt
    2. arbeitsbezogene Symptome.

 Für ein Gutachten: Sensibilitätsnachweise:

FEV1 = 1 Sekunden Kapazität (20% verfälschen das Ergebnis, 80%sind ehrlich)

PEF = peak flow

Prick-Hauttest (Dünger, Rhizinusstaub) Allergen wird ins Str. papillare eingebracht

RAST = Radio-allergo-sorbent-Test: spezielle IgG gegen Proteine werden nachweisbar

Westernblot = Nachweis von Antikörpern im Serum

Beispiele: Fleischzartmacher Papain, Epoxyharz, Chromatallergie beim Maurer

 

6. Berufserkrankungen durch mechanische Einwirkungen (Stratmann) 14.05.1997

Def.: Arbeitsunfall

Ein Arbeitsunfall liegt dann vor, wenn der Unfall sich im kausalen Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit ereignet und sich der Zeitraum auf höchstens eine Arbeitsschicht erstreckt.

Wegeunfälle sind den Arbeitsunfällen gleichgestellt.

Umwege bleiben versichert (Fahrgemeinschaft, Abgabe des Kindes beim Kindergarten).

Arbeits- und Wegeunfälle sind den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung zu melden, wenn sie eine über 3 Tage hinausgehende Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben oder zum Tode führen.

Sachleistungen zur Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit (Berufshilfe), Ersatz der Verletzungsfolgen. Inhalte der Leistungen:

Geldleistungen: Übergangsgeld, Renten, Abfindungen,
Krankenpflege, Heilbehandlung

Unfallhäufigkeiten: 90% Arbeitsunfälle, 9% Wegeunfälle, 1% Berufskrankheit.

Anerkennung nur in wenigen Fällen möglich: Kausalität: haftungsausfüllend, haftungsbedingend.

Die versicherte Tätigkeit muß mindestens 10 Jahre gedauert haben, die schädigende Einwirkung muß beweisbar sein.

Durch physikalische Einwirkungen verursachte Krankheiten:

2101: Sehnenscheidenerkrankungen,

2102: Meniskusschäden (das durch Zwangshaltung gebeugte Knie nutzt durch Scherkräfte stärker ab, da es rotieren kann),

2103: Erschütterung, Druckluftwerkzeuge (Acromio-Clavicular-/ Ellenbogengelenk: Osteochondrosis dissecans),

2104: vibrationsbedingte Durchblutungsstörungen der Hände (Mondbein: aseptische Nekrose, Arthrodese des Handgelenks),

2107: Abrißbrüche der Wirbelfortsätze,

2108: bandscheibenbedingte Erkrankungen der LWS durch Heben und Tragen schwerer Lasten,

2109: HWS: bandscheibenbedingte Erkrankungen der HWS

7. Psychomentale und zerebrale Belastungen und Beanspruchungen (Kiesswetter) 04.06.1997

Belastungs-Beanspruchungs-Modell, z.B. Rutenfranz 1981:

Stress: shifting of working Û Strain (= Belastung): complaints, diseases

and sleeping hours

intervening variables:

housing conditions,

family situation, personality,

differences in physiological adaptibility.

[Prinzip Zweifel; Popper]

Analyse der Arbeitssituation bezüglich der psycho-physischen Belastung

Instrumentarium ist das AET (= Arbeitswissenschaftl. Erhebungsverf. z. Tätigkeitsanalyse), womit z.B. überprüft werden kann, ob eine Person an ihrem Arbeitsplatz komplizierte Entscheidungen fällen muß. Ziel ist es, ein Arbeitsprofil aufzustellen. Strukturell eingeschränkte Arbeitsprofile sind in der Industrie häufig.

DCS-Modell (Karasek)

job demand: Arbeitsdruck, Termindruck

job control: individuelle Kontrolle der Produktionsbedingungen

social support: emotionale Unterstützung, Rückmeldung

Modellüberprüfungen

1. EU-Studie (1996): 12.500 berücksichtigte Arbeitnehmer: folgender Zusammenhang kann festgehalten werden: je höher die psychische Belastung und je geringer die soziale Unterstützung und die Kontrolle der Arbeitsbedingungen, um so größer ist das Erkrankungsrisiko.

2. Interaktionshypothese: höhere Anforderungen wirken sich vor allem dann ungünstig aus, wenn die eigene Kontrolle der Arbeitsbedingungen gering ist.

3. Krankenhauspersonal wurde bezüglich desEinflusses von Stressoren auf das Einfühlungsvermögen untersucht:

Objectiv stressor Þ subjectiv stressor Þ mood Þ interpersonal

job-performance

(=Pat.-Zahl) (Soz.psycholog.) (=Stimmung) (=Einfühlungsvermögen)

 

Schichtarbeit

Etwa 20% aller Arbeitnehmer sind im Schichtdienst tätig.

Shift-system

ß

gestörte biolog. Rhythmen

gestörter Schlaf

gestörtes Familien-, Sozialleben

ß

Stimmung

ß

chronische

Beschwerden

Schichtsysteme können kurz- (FSNFSNFSN) oder langrotiert sein (FFFFF-NNN)

Freizeit wird von Angestellten und Arbeitern besonders am Abend und am Wochenende am beliebtesten empfunden:

 

8-10 Uhr

 

Mo

 

Di

 

Mi

 

Do

 

Fr

 

Sa

 

So

 

10-12

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

12-14

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

14-16

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

16-18

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

18-20

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

20-22

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nur bei Spätschicht schlafen die Schichtarbeiter normal. Die normale Schlafdauer liegt bei 8 h.

Schlafprobleme:

· der Tagschlaf ist tiefer,

· die Schlaftiefe-Phasen III und IV hängen von der Länge der Wachphasen ab,

· ein verkürzter Schlaf = REM-Schlafentzug (=es ist kein Tiefschlafentzug), man kann nicht vorschlafen,

· durch Nachtarbeit mit morgendlichem Schlafbeginn verlagern sich die Aktiviertheit in die Nachtschicht, dagegen liegt beim Nachmittagsschlaf das Aktivitätsmaximum in den frühen Morgenstunden.

 

· Bei Anpassung an die Nachtschicht kommt es zur Dissoziation und Desynchronisation.

· Die Übergangsphase dauert 3-4 Tage. Die Rückanpassung erfolgt schneller.

· Die Körpertemperatur wird im Nucleus suprachiasmaticus gesteuert.

· Schichtarbeiter und ehemalige Schichtarbeiter neigen zu kardiovaskulären und gastro-intestinalen Erkrankungen und zur emotionalen Labilität (Neurotizismus)

· Melatonin wird bei Dunkelheit ausgeschieden "Schlafhormon"; Licht dämpft die Ausschüttung.

· Chronotoxizität von Aceton: in der Frühschicht ist die gleiche Acetonexposition stärker wirksam als in der Nachtschicht. Die danach ermittelte Schlaftiefe hängt von der Größe der Acetonexpositon ab.

 

Kindling: repetitive elektrische Stimulation führt zu bleibenden Überreaktionen, die auch durch sozialen Streß auslösbar sind.

 

Die toxische Enzephalopathie (Lösemittel)

Die Anamnese muß ergeben, daß eine Exposition vorgelegen hat. 4 Stufen:

Persönlichkeitsveränderungen,

Leistungsstörungen,

neurologische Störungen.

Die gezeigte Abbildung eines Affen sollte darauf hinweisen, daß es zur verzögerten Neurotoxizität kommen kann (z.B. eine erst Jahre später auftretende Neurotoxizität nach Exposition von organischem Quecksilber).

 

8. Durch Staub verursachte Gesundheitsschäden (Reichel)
11.06.1997

Definition des Begriffes Staub [Blatt IX aus der ausgeteilten Blattsammlung]

Rauch = Staub mit an die Staubpartikel angelagerten Gasen, die zum Teil toxisch oder kanzerogen sein können (z.B. Dieselmotorabgas).

fibrogene Stäube: Quartz (Silikose), Asbest, Hartmetall (Tantal, Carbide etc.),

allergisierende Stäube: Mehl (Bäckerasthma).

 

Siliziumoxid (SiO2) amorph/ kristallin; nur der kristalline Anteil ist fibrogen (die fibrogene Wirkung ist an die Faserstruktur, nicht jedoch an die chemische Zusammensetzung gebunden).

Makrophagen phagozytieren die Fasern und gehen dabei zugrunde. Dabei werden Mediatoren freigesetzt, die für die Initiierung und das Unterhalten einer chronischen Entzündung verantwortlich sind. In der Folge kommt es zur Fibrose.

In der Keramikindustrie wird durch feuchte Verarbeitung der Staubgehalt der Luft gesenkt.

In der Ofenbau-Technik werden feuerfeste Steine verwendet, so daß beim Abbrechen alter Öfen hohe Staubkonzentrationen erreicht werden können.

 

Physiologische Schutzmechanismen des Atemorganes

1. Die Filterwirkung der Atemwege (aerodynamische Form der Staubpartikel [siehe Bl. IX d. Blattsammlung])

2. Mukoziliärer Reinigungsmechanismus (Flimmerepithel)

3. Zellulärer Reinigungsmechanismus

4. Lymphogener Abtransport (Lymphotropismus des Quarzes)

Die Ablagerungen auf der Pleura parietalis nehmen mit abnehmender Partikelgröße bis 1µm zu.

Zwischen 0,5 - 1 µm fällt die Ablagerungsmenge wieder ab. Partikel kleiner als 0,5 µm verhalten sich gasartig.

 

Die Silikose ist konzentrationsabhängig: Bergleute haben nur zu 20% eine Silikose.

Hyalinschwielige Veränderungen (silikotische Granulome).

Röntgenbilder: sichtbar sind Herde > 10mm.

DD: granulomatöse Erkrankungen (Miliar-TBC, Sarkoidose)

Typisch für eine Silikose ist die "Eierschalenverkalkung" der Silikosegranulome.

 

Weitere röntgenologische Silikosezeichen: silikotische Schwielen mit nekrobiotischem Schwielenzerfall, Emphysem.

Die TBC ist eine häufige Komplikation bei der Silikose.

 

Bei der Anthrakosilikose tritt die Phthisis atra auf (mit schwarzem Sputum)

Das Kaplan-Syndrom besteht aus Sarkoidose ["Rundherdsilikose"], Psoriasis und Gicht.

Die gleichzeitig bestehende Emphysembronchitis ist behandelbar.

 

Asbestose

Asbest in unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung

Serpentin-Asbest - Weißasbest (spinnbar) Chrysotil: aufgrund der größeren Faserlänge ist dieser Asbesttyp besser eliminierbar,

Amphibol - Blauasbest Krokodylith: dieser Asbesttyp zerfällt in kleinere Fragmente, die länger liegen bleiben, was eine höhere Kanzero- genität bedeutet.

Asbestnadeln sind nur lichtmikroskopisch erkennbar, Asbestkörperchen sind Asbestnadeln, mit Makrophagenablagerungen sind auch lichtmikroskopisch sichtbar.

Asbest ist bei Stahlbetonkonstruktionen als Rostschutz in den Beton gemischt worden: in den Unigebäuden sind möglicherweise bis zu 1000 Fasern/m3 statt normal 50-100/m3.

Asbest-assoziierte benigne fibrotische Erkrankungen der Pleura:

1. Pleuraplaques: hyalines Narbengewebe ohne Veränderungen des Pleuraspaltes,

2. Verkalkte Pleuraplaques,

3. Diffuse fibrotische Verdickungen der Pleura viszeralis (=beginnende Asbestfibrose der Lunge),

4. Asbestpleuritis mit Pleura-Zwerchfellverschwartung (Asbestplaques = Berufskrankheit).

 

Die Asbestexposition mit Gipfel etwa 1980 wird voraussichtlich zu einem Ansteigen der Mesotheliomzahlen bis zum Gipfel im Jahr 2015 führen.

Bearbeitet von Kurt Lohse Juni '97.