Die Geschichte der Padana bis ins frühe Mittelalter


Die Po-Ebene war seit der Steinzeit besiedelt, weil die Fruchtbarkeit des Landes seit jeher Menschen angezogen hatte. Wir wollen uns aber mit der Geschichte der Landschaft erst von dem Zeitpunkt an beschäftigen, als die Etrusker sie durchquerten.

Etrusker in der Padana

Die Etrusker wohnten südlich des Apennin und hatten seit dem 8. Jh. v. Chr. eine Stadtkultur ausgebildet, die durch Fernhandel mit Puniern und Griechen über das tyrrhenische Meer zu erstaunlichem Wohlstand gelangt war. Die Punier sind Phönizier, die als Neugründung um 800 v. Chr. die Stadt Karthago anlegten, deren Bewohner von den Römern Punier genannt wurden. Zu den Etruskern kamen über das Meer Punier und Griechen, keine ungefährliche Fahrt für behäbige Handelsschiffe. Es musste also etwas ganz Wichtiges bei den Etruskern zu holen sein, um das Risiko einzugehen, viele hundert Kilometer weit an der italienischen Westküste entlang zu segeln.

Womit handelten die Etrusker? Der Goldschmuck in den frühen Gräbern von Cerveteri, Praeneste und anderen Orten, der von Reichtum schon in der etruskischen Frühzeit zeugt, die Berge von verhüttetem Metall in Populonia weisen in eine Richtung: Eisenerz bauten die Etrusker auf der Insel Elba ab, die der Stadt Populonia gerade gegenüber liegt, das begehrteste Metall der Eisenzeit, und Eisen war im gesamten Mittelmeergebiet nirgendwo so reichlich zu haben, wie gerade in Etrurien. Sie machten damit den entfernt wohnenden Alpenvölkern Konkurrenz, die ebenfalls Eisenerz abzubauen verstanden, aber deren Eisenbarren auf dem unwirtlichen Landweg transportiert werden mussten. Die Etrusker förderten außerdem in ihrem Land zwischen Arno und Tiber: Silber, Kupfer, Quecksilber, Blei, Antimon, Zinn und Zink.

In Etrurien hatte sich im Verlauf des 6. Jhs. v. Chr. eine eigenständige Produktion von hochwertigen und formschönen Bronze-Arbeiten entwickelt, unter denen Kandelaber, Hydrien und Kannen hervorragen. Mit diesen begehrten Fertigprodukten fingen nun die Etrusker einen schwunghaften Handel mit den Alpenvölkern an, wobei sie die Po-Ebene durchqueren mussten. Die Alpenvölker - außer der bodenständigen Bevölkerung waren es vor allem die Kelten (Gallier), die bis auf den Balkan vordrangen - verkauften (tauschten) diese etruskischen Bronzekannen, Siebe, Schöpfkellen und Mischkrüge an die nördlich und westlich gelegenen Fürstenhöfe. In den keltischen Burgen und Fürstengräbern wurden bei archäologischen Ausgrabungen mehr etruskische Bronzekannen gefunden als in Etrurien selbst. Auf diesen Handelswegen ist auch der mannshohe Bronzekrater von Vix gebracht und einer keltischen Fürstin mit ins Grab gegeben worden. Er befindet sich heute im nahe gelegenen Museum von Chatillon, also vor den Toren von Paris. Die Fachleute streiten sich noch immer, ob er etruskischen, tarentinischen oder spartanischen Ursprungs sei. Kein Zweifel besteht aber daran, dass er durch den Fernhandel der Etrusker auf den Weg gebracht wurde.

Der Transport etruskischer Bronzen löste ganz unerwartet eine Lawine von Eigenproduktionen verschiedener keltischer Völker aus. Am bekanntesten ist die Nachahmung dieser Gefäße bei den Menschen der Hallstattkultur, die mit Steinsalz handelten, das unter Tage abgebaut wurde (6./5. Jh. v. Chr.). Aber ein anderer Stamm, der auf der Nordseite der Po-Ebene siedelte und den die Etrusker, wenn sie über den Apennin kamen, antrafen, nämlich die Leute der Este-Kultur, hatten die Technik, Bronze zu treiben, und bestimmte Formen der Darstellung wie die Einteilung in Frieszonen von den Etruskern gelernt, gestalteten aber völlig neue Bildergeschichten. Bei der Este-Kultur, die auf den vorgeschobenen Euganeischen Bergen westlich von Padua ihren namengebenden Hauptort Este (lat. Ateste) besitzt, streitet man sich, ob es sich um keltische oder einheimische venetische Bevölkerung handelt. Jedenfalls waren die Eimer (Situlen) und Gürtel der Este-Kultur so begehrt, dass sie sich bis auf den Balkan und bis nach Bologna, der alten etruskischen Stadt Felsina, verbreitet haben.

Es ist unbekannt, wo und wie die Etrusker das Haupthindernis der Po-Ebene, nämlich den Fluss selbst, überwunden haben. Die Landschaft war zu dieser Zeit noch ungegliedert und wild. Es gab keine Straßen, keine Brücken. Der Po hatte noch keine von Menschen geschaffenen Deiche und mäandrierte ohne starkes Gefälle über weite Strecken, bildete Sümpfe und Sandbänke und veränderte seinen Lauf von Jahr zu Jahr. Am schlimmsten aber waren die unberechenbaren Überflutungen, die weite Teile des Landes unter Wasser setzten, wobei es ungewiss war, welche Stellen im folgenden Jahr passierbar seien. Dennoch haben die Etrusker diese Schwierigkeit während des gesamten 6. Jhs. und wohl auch im beginnenden 5. Jh. v. Chr. bewältigt.

Es gibt antike Berichte (Livius 5,7-11), die davon sprechen, dass die Etrusker im 6. Jh. v. Chr. zwölf Städte in der Po-Ebene angelegt hätten, entsprechend der Dodekapolis (12-Städte-Bund) in Campanien und ihren eigenen zwölf Hauptorten in Etrurien. Während es in Campanien rund um Capua tatsächlich archäologische Beweise für eine etruskische Dominanz in dieser Zeit gibt, fehlen uns heute noch die Belege für eine dauernde etruskische Besiedlung der Po-Ebene. Ausgeschlossen ist eine permanente Anwesenheit von Etruskern in Oberitalien aber nicht. Atria, das heutige Adria, wird von Livius als etruskische Kolonie bezeichnet, das etruskische Spina, in den heutigen Sümpfen bei Comacchio gelegen, hatte sogar ein Schatzhaus in Delphi. Neue Ausgrabungen der Universität von Ferrara haben südöstlich von Rovigo in San Cassiano di Crespino nördlich des Po zum ersten Mal ein aus Stein errichtetes etruskisches Gebäude, wohl ein Herrenhaus, an den Tag gebracht. Südlich von Rovigo und ebenfalls nördlich des Po wurden in der Gemarkung Balone vier Gräber freigelegt, die etruskische Bronzen, attische und venetische Keramiken enthielten. Einzelne etruskische Bronzen sind an verschiedenen Stellen der Padana aufgetaucht. Die Präsenz der Etrusker ist aber auch in der westlichen Padana durch Inschriften auf Stein gesichert, so etwa bei Turin und zwischen Como und Chiasso. Aber es fehlt an etruskischen Friedhöfen und "Städten", um die antike Vermutung zu belegen, die Etrusker hätten die gesamte Po-Ebene im 6. Jh. v. Chr. beherrscht.

Seit der Mitte des 6. Jhs. v. Chr. floriert der Handel zwischen Griechen und Etruskern auf der neuen Route über die Adria. In einem natürlichen Hafen an der Adria, in Spina, entstand in sumpfigem Gebiet einer tiefen Bucht eine Pfahlbausiedlung mit einer Sicherung aus Palisaden.

Ein zweiter Adria-Hafen wurde kurz darauf eröffnet: Atria (Adria), das auf festem Land hinter den noch heute im Luftbild sichtbaren antiken Dünen an der Mündung eines Po-Arms liegt. In beiden Städten wurden massenhaft attische Gefäße gefunden, die nie ihren Bestimmungsort in Etrurien erreichten. In einer Bochumer Doktorarbeit wurde dargelegt, dass die Athener gegen Geld vor der Seeräubergefahr in der Adria wahrscheinlich Geleitschutz des Inselstaates Korkyra (Korfu) erhielten.

Die Funde aus der Pfahlbau-Siedlung Spina befinden sich heute in dem Museo Archeologico von Ferrara, das seinen Sitz in dem schönsten Renaissance-Palast hat, dem Palazzo di Ludovico il Moro, während die Funde aus dem Stadtgebiet von Adria im Museo Nazionale di Adria untergebracht sind. Beide Sammlungen beherbergen kostbarste Zeugnisse attischer Keramik, die jeder Tourist besuchen sollte. Die Funde aus Balone und San Cassiano di Crespino sind neuerdings im Museo dei Grandi Fiumi in Rovigo ausgestellt, das im ehemaligen Olivetaner-Kloster im Süden der Stadt untergebracht ist.

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Veneter in der östlichen Padana

Deutlichere Spuren als die Etrusker haben in der Padana die Veneter hinterlassen. Es ist die bodenständige Bevölkerung der Region Veneto, die wir an ihrer besonderen Schrift und ihrer Keramik erkennen. Nach den Fundorten erschlossen, erstreckte sich ihr Gebiet von Ravenna bis Verona, von dort entlang des Alpenfußes bis nach Belluno und fast bis Aquileia. Antike Nachrichten finden sich schon bei Herodot, ausführlich aber berichtet relativ spät Polybios im 3. Jh. v. Chr. über sie (2. Buch, 17. Kapitel): Die Veneter bilden einen Puffer zwischen den unruhigen Illyrern einerseits, die ihr Stammesgebiet hinter Triest auf dem Balkan haben, und den Kelten in der Po-Ebene: in ihrer Tracht gleichen sie den Kelten, haben aber eine eigene Sprache. Die Veneter sind, soweit wir das heute beurteilen können, tatsächlich eine eigene Kulturregion, die sich zwar dem griechischen Flair geöffnet hat, aber das Griechische oder Etruskische nicht imitiert. Vielmehr folgen die Veneter den Traditionen der Este-Kultur und setzen sie fort in den Zeiten, als in Este selbst diese Kultur erloschen ist. Da die Veneter an der Küste der Adria siedeln, gilt unser Interesse im folgenden speziell diesem Stamm.

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Kelten in der westlichen Padana

Seit der Mitte des 5. Jhs. v. Chr. haben die Kelten vor allem die westliche Po-Ebene okkupiert. Sie kamen aus Frankreich oder aus den Alpen in die weitläufige Ebene, weil diese fruchtbare Landschaft ihr Interesse geweckt hatte. Polybios bietet mit einem großen Exkurs im 2. Buch seines Geschichtswerkes die anschaulichste Darstellung der Po-Ebene und der Kelten. Als erste nennt er die Taurisker, die sich in der Gegend von Turin niedergelassen hatten, dann - neben kleineren Keltenstämmen - die Insubrer rund um Mailand und die Cenomanen zwischen Mantua, Verona und Brescia. Südlich des Po siedelten Anaren und Bojer, Lingonen und Senonen. Livius 5,33-34 schreibt zum Jahr 391 v. Chr., dass eine Gruppe Kelten, von der Fruchtbarkeit des Landes und der Menge des Weines angelockt, die Cottischen Alpen überschritten und sich bei Turin niedergelassen hätten; ihnen folgten unter ihrem Anführer Elitovius die eben genannten Cenomanen über den Grossen Sankt Bernhard. Dann kamen die Bojer und Lingonen, die südlich des Po siedeln und das Gebiet den Etruskern und Umbrern genommen hätten (Livius 5,35,1-2). Aber dieser Einwanderung von Kelten im frühen 4. Jh. v. Chr. waren bereits 200 Jahre früher Kelteneinfälle und Kämpfe mit den Etruskern voraus gegangen (Livius 5,33,5-6).

Die Kelten trieben in der Hauptsache Vieh- und Landwirtschaft, wohnten in unbefestigten Dörfern und waren gefürchtete Krieger. Diese Verteilung der Kelten und Veneter in der Po-Ebene wird von den archäologischen Funden, hauptsächlich Friedhöfen mit keltischem Geschirr und schwerem Bronzeschmuck, bestätigt: von den Westalpen bis ins mantuanische Gebiet reichen sie, finden sich aber nicht in Venetien. Die Kelten, sagt Polybios, haben die Etrusker aus der Po-Ebene vertrieben. Dass die Kelten die Padana einnehmen konnten, ohne auf ernsthaften Widerstand der Etrusker zu stoßen (jedenfalls berichtet keine antike Quelle davon), macht deutlich, dass die Präsenz der Etrusker nicht auf eine dauerhafte Okkupation der Po-Ebene ausgerichtet war.

In dieser Zeit, die der griechischen Klassik und dem Hellenismus entspricht, sind die Kelten überall als beunruhigendes Element der Stadtkulturen am nördlichen Rand des Mittelmeers und der Ägäis virulent. Für Rom aber stellten sie eine existentielle Gefährdung dar, seit sie auf ihren Streif- und Raubzügen erstmals 390 v. Chr. sogar die römische Hauptstadt bis auf das Capitol - die kapitolinischen Gänse hielten Wacht - erobert hatten (Livius 5,37-47). Unter ihrem Anführer Brennus hatten die Kelten zuvor die Römer an der Allia in die Flucht geschlagen, nur 11 Meilen vor der damaligen Stadtgrenze Roms. Tagelang konnten die Kelten in Rom ungestört plündern und brennen, bevor sich die Römer von diesem Schock erholten und sich endlich unter Camillus zur Abwehr formierten.

Kelteneinfälle nach Mittelitalien wiederholten sich immer wieder im 4. und 3. Jh. v. Chr. Nach vielen Kämpfen mit den Kelten entschlossen sich endlich die Römer, die Kelten mit militärischer Macht aus der Po-Ebene zu verdrängen.

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Römische Besetzung der Padana

Die Römer unterwerfen zunächst Etrurien, das sich zeitweise mit den Kelten gegen Rom verbündet hatte, und weiten dadurch ihren Machtanspruch bis zum Apennin aus. Im Verlauf des 1. Punischen Krieges (264-241 v. Chr.) wird die Padana als Schwachstelle im römischen Verteidigungssystem erkannt. Rom reagiert: mit einer römischen Besetzung und Kolonisierung der südlichen Po-Ebene am Ende des 3. Jhs. v. Chr. werden einerseits die Kelten in die Alpen zurückgedrängt, andererseits ein Vorfeld außerhalb des römischen Stammlandes geschaffen. Nach etwa 180 Jahren geht damit die keltische Herrschaft hier zu Ende, aber noch nicht nördlich des Po (Transpadana). Die Römer, denen die Sicherung der Padana aufgetragen war, trafen auf eine durchaus gemischte Bevölkerung, die unter der neuen Herrschaft vor allem eine effiziente Verwaltung kennenlernte. Straßenbau, Anlage von römischen Städten (coloniae) und später die Einrichtung der Provincia Gallia Cisalpina waren die Mittel der Herrschaft. Es war aber keineswegs ein Austausch der Bevölkerung durch "echte Römer". Dennoch hatte die neue Ordnung die Romanisierung der Padana zum Ziel, die kulturelle und zivilisatorische Einheit ohne Ansehen der ursprünglichen Stammeszugehörigkeit.

Als erstes werden einige befestigte militärische Kolonien angelegt, Vorgänger der heutigen Städte Cremona (218 v. Chr.), Pisaurum/Pesaro (189 v. Chr.), Parma und Mutina/Modena (183 v. Chr.) als Militär-Kolonien, Piacenza (219/218 v. Chr.), Bononia/Bologna (189 v. Chr.), Aquileia und Luca/Lucca (181 und 180 v. Chr.) als latinische Kolonien. Es ging in dieser Phase offensichtlich darum, die Landschaft südlich des Po in Besitz zu nehmen, nur Cremona bildete einen Brückenkopf zur nördlichen Po-Ebene (Transpadana).

Die frühesten Kolonien wurden im 2. Punischen Krieg (218-201 v. Chr.) bereits wieder von Hannibal zerstört. Neugründungen erfolgten unmittelbar nach Ende des Krieges, verbunden mit dem aufwendigen Bau einer ersten Heer- und Landstraße (via publica) = Staatsstraße), nämlich der Via Aemilia.

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Die Staatsgrenze

Die Entwicklung der neu geschaffenen römischen Provinz Gallia Cisalpina ("das Gallien diesseits der Alpen" von Rom aus gesehen) lässt sich an den Daten des Straßenbaus recht gut ablesen. Zunächst galt das Interesse der Römer in der ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. dem Land südlich des Po. Erst in der zweiten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. werden Straßen und Städte im Land nördlich des Po (Transpadana) angelegt; doch es ist nicht geklärt, wann genau die Provinz eingerichtet wurde und seit wann die Transpadana zu ihr gehörte. Jedenfalls lag die römische Staatsgrenze bis ins Jahr 43 v. Chr. weiterhin am Rubicon, etwa 12 km nördlich von Rimini entfernt. Solche Grenzen sind für die Römer von besonderer ritueller Bedeutung. Ein Feldherr durfte zwar mit seinen Legionen in den Provinzen Kriege führen, er durfte aber mit seinen Legionen diese Grenze nicht überschreiten. Lucan schreibt im 1. Buch seines Epos über den Bürgerkrieg:

Spärlich ergießt sich vom Quell und fließt, ein dürftiges Rinnsal,
Rötlich der Rubicon während der glühenden Hitze des Sommers,
Schleicht durch Talgründe hin und bildet die sichere Grenze
Zwischen der Gallischen Flur und Ausoniens pflügenden Bauern.

Als Caesar diese Grenze im Jahre 49 v. Chr. mit seinen Truppen überschritt, bedeutete das Krieg mit Rom, Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius auf römischem Boden ("Ausonien").

Nach Caesars Tod kam es bei Mutina/Modena im Jahre 44/43 v. Chr. zu einer tragischen Schlacht zwischen dem konsularischen Heer und den Truppen des Marcus Antonius, in dessen Verlauf die beiden Konsuln Hirtius (der das 8. Buch des “Gallischen Krieges” verfasst hat) und Pansa umkamen, Antonius aber in die Provence entfliehen konnte: er hatte die Statthalterschaft über die Gallia Cisalpina beansprucht, während der Senat sie dem D. Iunius Brutus zugesprochen hatte. Der spätere Kaiser Augustus, der die Konsuln unterstützen sollte, war mit seinen Einheiten nicht rechtzeitig erschienen, bemächtigte sich aber jetzt Roms. Obwohl sich die Auseinandersetzungen mit Antonius noch bis zur Schlacht von Actium (31 v. Chr.) hinzogen, löste Augustus schon 43 v. Chr. die Provincia Gallia Cisalpina auf und schlug sie dem römischen Staatsgebiet zu. Das ermöglichte Rom, die Veteranen aus den Armeen des Bürgerkriegs in großem Umfang in der Padana anzusiedeln. Von der Landverteilung unter Augustus, die gleichzeitig Enteignungen großer Ländereien nötig machte, war auch der Dichter Vergil betroffen, dessen väterlichen Güter in der Nähe von Mantua lagen.

Die neue Ordnung nach Regionen, die Augustus eingeführt hatte, ist in Abb. 4 eingetragen. Die Regio VI Umbria und die Regio VII Etruria liegen südlich am Apennin, die Regio IX Liguria reicht im Westen vom Mittelmeer bis an den Po, die Regio X Venetia ist größer als das heutige Venetien, denn es umfasst die Gegend von Mantua bis Aquileia; westlich schließt sich die Regio XI Transpadana an, die das heutige Piemont und die Lombardei umfasst.

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Stadt und Land während des römischen Kaisertums

Das Aufblühen der römischen Städte in Oberitalien seit der frühen Kaiserzeit veranschaulichen Orte mit bedeutenden römischen Ruinen wie Aosta, Turin, Susa, Como, Brescia, Sirmione am Gardasee, Verona oder, ganz im Osten Oberitaliens, Aquileia. Weitere ließen sich anfügen, die heute über keine sehenswerten Reste römischer Architektur mehr verfügen: Cremona, Piacenza, Modena oder Mantua. Im 3. Buch der Georgica spricht Vergil von Stiftungen, die er seiner Vaterstadt Mantua bringen will: Tempel, Theater und Festspiele. Durch eigene Wirtschaftskraft und durch Stiftungen gewinnt die Padana bereits im 1. Jh. v. Chr. ein eigenes Gesicht, eine reiche Gegend Italiens, deren Städte expandieren. Wenige Nachrichten nur sind in der antiken Literatur überliefert, so dass die Archäologie die Geschichtsschreibung vertreten muss. Neue Straßen vervollständigen das ursprüngliche Straßennetz. Allein die Wirtschaftskraft des Landes, die sich in den Städten akkumuliert, bringt diese Blüte hervor. Hinzu kommen kaiserliche Domänen wie jene in Voghenza bei Ferrara, wo in trajanischer Zeit Bauholz für Schiffe geschlagen wurde: Bestattungen in Marmorsarkophagen und reichste Beigaben von Silber, Gold und Bernstein der Domänen-Angestellten machen klar, auf welch hohem Niveau sich das Leben in der ehemaligen Provinz abspielte.

Dennoch gab es Störungen. So fanden nach Neros Tod im Drei-Kaiser-Jahr 69 n. Chr. gerade in der Padana die beiden entscheidenden Schlachten des Kaisers Vitellius statt: am 14. April siegen seine Truppen über die des Kaisers Otho, am 24. Oktober aber unterliegt Vitellius den Truppen des Kaisers Vespasian. Der Schauplatz dieser Kämpfe war jeweils Bedriacum, das in der Mitte zwischen Cremona und Mantua liegt. Kämpfe zwischen mehreren römischen Legionen aber müssen schwere Verwüstungen angerichtet haben: eine Legion hat eine Sollstärke von 5600 Soldaten.

Aber ebenso wie die Hochwasser des Po oder Seuchen, von denen Vergil schreibt, sind auch diese Störungen nicht von Dauer. Die Sammlung der Meilensteine in der Padana durch M. Calzolari und ihre Kartierung zeigt, dass die Straßen bis in die Spätantike instand gehalten wurden. Dasselbe gilt sicherlich für die gesamte Infrastruktur.

Neben den Städten sind es vor allem die Gutshöfe auf dem Lande, die nur existieren konnten, so lange das Land entwässert wurde, die Kanäle offen gehalten und die Flüsse reguliert oder eingedämmt waren. Im 6. Jh. n. Chr. versumpft die Padana wieder und ist bis ins 10. Jh. hinein vermutlich unbewohnbar.

Die ungeschützten Höfe abseits der Städte zeigen uns, dass die Padana während der Kaiserzeit als eine Landschaft galt, die keine äußeren Feinde mehr zu fürchten hatte. Zu ihrem Aufschwung trug bei, dass bereits Kaiser Augustus Ravenna zum wichtigsten Militärstützpunkt an der Adria gemacht, als er hier die Hälfte der römischen Flotte stationierte; die andere Hälfte lag am tyrrhenischen Meer nahe bei Neapel in Misenum. Aber erst zu Beginn des 4. Jhs. wuchs Mailand durch die diokletianische Verwaltungsreform zum Regierungszentrum für Italiens heran, wo im gesamten 4. Jh. n. Chr. der Sitz des Vicarius Italiae lag: die Verwaltung Italiens war von Rom abgezogen worden. Im Jahre 402 n. Chr. verlegte Kaiser Honorius sogar die kaiserliche Residenz des Westreiches von Rom nach Ravenna. Diese Verlagerung des Machtgefüges erklärt auch, warum Alarich (403-410 n. Chr.), der König der Westgoten, Rom im Jahre 410 einzunehmen vermochte, ohne auf massive Gegenwehr zu stoßen. Die Padana war aufgestiegen zur wichtigsten Landschaft Italiens.

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Die Padana in der Völkerwanderungszeit

Die Zeit des Römischen Imperiums geht im 5. Jh. ihrem Ende entgegen. Schon zu Beginn des 4. Jhs. hatte sich Konstantin, der nachmalig der Grosse genannt wird, durch Siege über seine Mitregenten der Tetrarchie, also der vernünftigen Viererherrschaft, die das Riesenreich gemeinsam beherrschen wollten, wieder zum Alleinherrscher wie in der früheren Kaiserzeit gemacht. Zuvor hatte er 313 das Toleranzedikt zu Mailand erlassen, das völlige Religionsfreiheit und Gleichberechtigung des Christentums und Abschaffung des Staatskultes dekretierte, und dann 330 die neue christliche Reichshauptstadt Konstantinopolis (Byzantion, Byzanz) in bewusstem Gegensatz zum heidnischen Rom gegründet. Unter seinen Nachfolgern zogen sich wieder die Wolken über dem römischen Reich zusammen, indem die Hunnen, die Jahrhunderte vorher aus China vertrieben worden waren, bis zur südrussischen Steppe vordrangen und dort 375 n. Chr. das Ostgotenreich zerstörten, das nördlich der Krim nach der Einwanderung der Ostgoten aus Nordeuropa entstanden war. Von da an sprechen wir von der Völkerwanderungszeit, die nun allen Kaisern in Ost- und Westrom zu schaffen machen wird und die nicht etwa mit der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern in der Champagne bei Troyes 451 gegen die Hunnen endet. Attila wird dort geschlagen und an weiteren Eroberungen im Westen gehindert, aber nur zeitweise geschwächt. Im Frühjahr 452 zog er dann nach Italien, nahm die berühmte Stadt Aquileia ein, plünderte das reiche Mailand und Pavia und empfing in der Nähe von Mantua den Papst Leo, der um Waffenstillstand bat und im Namen der Römer eine jährliche Tributzahlung anbot. Zum Glück für Italien hatte eine Armee des oströmischen Reiches die Hunnen in ihren Sitzen in der ungarischen Tiefebene gerade in diesem Moment angegriffen, so dass Attila dem Vorschlag Leos zustimmte und aus Italien abzog. Die endgültige Rettung vor den Hunnen war Attilas Tod im nächsten Jahr, worauf bald danach das Hunnenreich auseinander fiel.

Diese bewegte Zeit hat sich auch in unserem Ort Ficarolo niedergeschlagen. Das Treffen zwischen Papst und Hunnenkönig hatte schließlich nur etwa 60 km entfernt davon stattgefunden, keine große Strecke für die Steppenreiter. 1991 gruben wir in Chiesazza, nur 500 m von Chiunsano entfernt, einen Teil eines Friedhofes mit 60 Toten aus, der wie frühmittelalterliche Friedhöfe angelegt war (Abb....): die Toten lagen in Reihen und in christlicher Art orientiert, der Kopf im Westen und die Füße im Osten, Beigaben waren keine niedergelegt worden (Abb. ...). Nur ein einziger Kamm fand sich, der aber das Haar eines Toten bei seiner Bestattung zusammen gehalten hatte. Die Datierung des Friedhofes war daher nicht einfach. Doch es kamen uns mehrere Dinge zu Hilfe: die Toten lagen zwar zum Teil in gleicher Ausrichtung und gewissem Abstand voneinander, aber einige waren doch so übereinander begraben, dass die Bestattungen in längerem Abstand erfolgt sein mussten. Die Belegung des Friedhofs hatte mindestens drei Generationen gedauert. Die anthropologische Untersuchung der Skelette brachte Erstaunliches zutage: bestattet waren nicht nur einheimische Italiker, sondern auch Rätoromanen aus den Alpenregionen, Ostgermanen und mindestens zwei Tote, die aus Verbindungen mit zentralasiatischen, hunnischen Männern vor ein oder zwei Generationen herrührten. So war der Friedhof also nach 452 angelegt und konnte bis 600 benutzt worden sein. Bestattet wurde hier die Landbevölkerung dieser Gegend, während die Angehörigen der Führungsschicht einzeln und mit Beigaben auf ihrem eigenen Anwesen Gräber bekamen, wie sie in Chiunsano bei Ficarolo bei unserer Grabung im Jahre 1992 überraschend auftauchten. Der gesundheitliche Status der in Chiesazza beerdigten Leute war erstaunlich gut, was die Feststellung der Historiker untermauert, dass sich am Ende der Kaiserzeit der wirtschaftliche Schwerpunkt von den Städten, in denen der Wohlstand sank, und oft anarchische Zustände herrschten, auf das Land verlagert hatte. Die ethnische Vielfalt der Bevölkerung illustriert hingegen besser als jede historische Abhandlung die Zustände während der Völkerwanderungszeit und den Hunnenzug in die Po-Ebene.

Doch nach Italien zogen vor allem die gotischen und germanischen Stämme, die von den Reiternomaden aus ihren östlichen Ländern verdrängt worden waren. Schon 377 gab es eine staatliche verordnete Ansiedlung einer Gotenschar in der Po-Ebene, nachdem sie von den Römern an der Grenze zu Illyrien geschlagen worden war.

Später kamen dann Teile der germanischen Heruler und anderer Verbände als Söldner nach Italien. Obwohl sie in römischem Dienst standen, strebten diese germanischen Gruppen doch nach einer gewissen Autonomie und wählten Odoaker, der Skire, Rugier oder Heruler war, zu ihrem gemeinsamen König. Als König residierte er - wie später Theoderich d.Gr. - in Pavia, als Vertreter des byzantinischen Kaisers aber in Ravenna: dort hatte er den letzten weströmische Kaiser Romulus Augustus (Augustulus) 476 abgesetzt und wurde als dessen Nachfolger vom römischen Senat und dem byzantinischen Hof anerkannt; wir würden heute sagen: mit der Regierung Westroms kommissarisch beauftragt, denn Odoaker nahm den Titel Augustus (Kaiser) nicht an.

Als sich Spannungen zwischen Odoaker und dem byzantinischen Hof einstellten, wurde der Ostgotenkönig Theoderich d.Gr. 486 von Kaiser Zenon beauftragt, gegen Odoaker vorzugehen. Theoderich d.Gr. zog nun 489 mit seinem gesamten Volk in Italien ein, belagerte Odoaker drei Jahre lang in Ravenna und tötete ihn eigenhändig 493 bei einem offiziellen Waffenstillstandsgespräch. Diese Episode ist in die germanische Heldensage eingegangen in der Gestalt des Dietrich von Bern (= Theoderich von Verona).

Theoderich d.Gr. stammte aus dem Geschlecht der Amaler; geboren 453, wurde er mit zwanzig Jahren 473 zum König seines Stammes gewählt. In seiner Jugend war er als Geisel am oströmischen Hof in Konstantinopel erzogen worden und kannte also die militärischen und diplomatischen Regeln der Staatsführung aufs beste. 474 wurde Theoderich d.Gr. vom byzantinischen Kaiser Zenon zum Reichsfeldherrn und Patricius ernannt, später (484) zum Konsul designiert und wegen militärischer Erfolge in Kleinasien mit einer Reiterstatue in Konstantinopel geehrt. Seine Regierung Italiens fand ungeteiltes Lob ebenso am byzantinischen Hof wie im Senat von Rom, so dass er als loyaler Vertreter des oströmischen Kaisers in die Geschichte eingegangen ist. Theoderich d.Gr. hatte das Recht, den kaiserlichen Purpur zu tragen und einen der beiden römischen Konsuln, und zwar den westlichen, zu benennen. Diese glückliche Zeit endete 526 mit dem Tod des Theoderich. Denn seine Nachfolger, die nach einer Unabhängigkeit von Byzanz strebten, entfachten die Gotenkriege, die von Prokopios von Caesarea, dem byzantinischen Historiker des 6. Jhs., anschaulich beschrieben wurden und die zur völligen Vernichtung der Goten in Italien führten.

Gleichwohl pflegte Theoderich d.Gr. dynastische Verbindungen zu seinen germanischen Königskollegen: so war seine Frau die Schwester des Frankenkönigs Chlodwig, zwei seiner Töchter heirateten den König Sigismund von Burgund und den Westgotenkönig Alarich II. Erst 507 kam es zu Spannungen mit Chlodwig, der die Alamannen vertrieben hatte. Theoderich d.Gr. nahm die Alamannen in sein oberitalisches Reich auf; außerdem verwehrte er Chlodwig den Zugang zum Mittelmeer, indem er die von Chlodwig bedrängten Westgoten in Südfrankreich unterstützte.

Nach der Gotenzeit scheint es in der Gegend um Ficarolo wirklich öde geworden zu sein. Nicht eine einzige langobardische Scherbe oder eine mittelalterliche Münze fand sich, nur Ortsnamen der Gegend verraten noch langobardischen Ursprung. Die Po-Ebene war versumpft. Die wichtigen mittelalterlichen Stätten um 1000 n. Chr. sind die in weiterer Entfernung liegenden Benediktiner-Abteien von Nonantola bei Modena und Pomposa nördlich von Ravenna, von denen die Wiederbesiedlung der Padana ausging, nachdem man die Entwässerung der Sümpfe systematisch durchgeführt hatte.

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Bernd Lehnhoff, 21.12.2002