Die Dame von Ficarolo


Der spektakulärste Fund unserer Ausgrabungen seit 1990 war das Grab einer hochgestellten Frau der frühen Völkerwanderungszeit auf dem Gelände des Gutshofs von Chiunsano, die in ihrem vollem Trachtenschmuck bestattet worden war. Schmuck und Einzelbestattung „im Vorgarten" unterstreichen den hohen Rang der Dame, deren Angestellte vielleicht auf dem gleichzeitigen Friedhof von Chiesazza beerdigt wurden. Da Ficarolo im Herrschaftsgebiet des ostgotischen Königs Theoderich liegt, darf die Dame von Ficarolo als Ostgotin bezeichnet werden.

Das Bild gibt die Lage des Schmucks am Körper der Dame wieder: 1 Haarpfeil, 2 Armreif, 3 eine der beiden Fibeln, 4 Fingerring, 5 Gürtelschnalle, 6-7 Perle und Ringe von einer Halskette,

Die Dame war in ausgestreckter Rückenlage bestattet worden, den Kopf im Westen, die Füße im Osten, wie es der Ausrichtung von Christen entspricht. Alle Teile des Schmucks wurden in ihrer Lage zum Körper genau beschrieben und gezeichnet. Offenbar war der Gürtel mit der Gürtelschnalle bis zu den Knien herabgeglitten. Am linken Finger aber stak noch der silberne Fingerring, am linken Handgelenk saß noch der schwere silberne Armreif. An der rechten Kopfseite hinter dem Ohr trug sie die lange, vergoldete Silbernadel, die zur Frisur gehörte und eine Oxydationsspur am Schädel hinterlassen hat. Rechts neben dem Oberarm lagen zwei kleine bronzene Ringe und eine große bunte Glasperle, die zusammen ein Halsschmuck waren, den die Dame als Amulett trug. Schließlich wurde zwischen den Füßen die eine von zwei prächtigen Fibeln gefunden, die die Dame einst auf der Schulter getragen hatte. Es ist ein Zufall, dass uns die zweite Fibel genau ein Jahr später beim Einfüllen des Grabungsschutts in die Hände fiel. Sie hatte sich aus irgendeinem Grund aus der Fundlage bei der Dame entfernt, war in die Ackerschicht geraten und mit dem Baggeraushub abgelagert worden.

In der Umgebung der Dame fanden wir verstreute Knochen von einem gestörten Begräbnis oder besser gesagt: beiseite geschobene Reste. Jedenfalls ist es die Stelle, an der eine zweite Gürtelschnalle aus derselben Zeit gefunden wurde.

Die anthropologischen Untersuchungen in der Universität Göttingen haben ergeben, daß die Dame von Ficarolo nur ein Alter von nicht viel mehr als 40 Jahren erreichte. Ihre Körperknochen sind jedoch durch harte Arbeit oder häufige Geburten frühzeitig gealtert. Wir schätzen nach den Schmuckstücken die Beisetzung auf das Jahrzehnt 500 bis 510 n.Chr., dem zweiten Jahrzehnt der ostgotischen Herrschaft in Italien; das Geburtsdatum der Dame von Ficarolo fällt demnach in den Zeitraum um 460 n.Chr.

Dieses Foto des Schmucks der Dame von Ficarolo wurde bei Kunstlicht aufgenommen, so dass auch die silbernen Teile golden erscheinen (s.a. das Titelbild). Oben liegt der Haarpfeil, an dem nur der quadratische Teil vergoldet ist; es folgt der silberne Kolbenarmreif. Unten und rechts sind Gürtelschnalle und Fibel zu sehen.

Die Bedeutung des Fundes liegt nicht nur in der Schönheit und Seltenheit des Schmucks, sondern auch darin, daß es In Italien erst eine Handvoll gut beobachteter ostgotischer Gräber gibt. Das erklärt sich daraus, daß die Ostgoten für die hochgestellten Personen keine Friedhöfe anlegten, sondern ihre Toten in der Nähe ihrer Häuser bestatteten. Männergräber bleiben jedoch ohne kennzeichnende Beigaben, so dass in der Regel nur Frauengräber identifiziert werden können. Etwa 10 m von der Dame entfernt lag aber das Grab eines Mannes aus derselben Zeit, der mit der auf Bild 56 dargestellten kleinen Bronzeschnalle bestattet worden war. Es ist also möglich, dass der schon 500 Jahre alte Gutshof von Chiunsano über längere Zeit von Ostgoten bewohnt wurde. Münzen dieser Zeit wurden bisher weder hier noch in der näheren Umgebung gefunden.

Links die zeichnerische Aufnahme einer der beiden Fibeln durch die Graphikerin des Römisch-Germanischen Museums in Köln; rechts das 1992 gefundene Original. Auf der Zeichnung sind sehr gut die schwarz eingelegten Dreiecke an den Rändern und am Bügel zu sehen. Ein zweites Exemplar wurde auf den Tag genau ein Jahr später gefunden.

Das Leben der Dame lässt sich anhand der Schmuckstücke etwa so darstellen: Sie wurde in der ungarischen Tiefebene zwischen Donau und Theiß geboren und erhielt dort als Mädchen die zwei vergoldeten Silber-Fibeln, die tatsächlich am meisten vom Gebrauch abgerieben sind. Danach ist sie an den Oberrhein gezogen, wo sie bei Basel oder Lörrach, vielleicht um 480, einen Alamannen heiratete: alamannisch sind die Haarnadel, der Fingerring und der Armreif. Dann aber wurden die arianischen Alamannen im Jahre 506 von dem katholischen Frankenkönig Chlodwig vertrieben und fanden Aufnahme im ostgotischen Reich des Theoderich. Er siedelte die Alamannen an den südlichen Abhängen der Alpen an als Puffer gegen die andrängenden Franken und Germanen. Unsere Dame von Ficarolo lebte zuletzt in dem schon 500 Jahre alten Gutshof von Chiunsano und erwarb sich wahrscheinlich in diesen letzten Lebensjahren die Gürtelschnalle mit den neun Almandinen. Hier starb sie und wurde um 510 n.Chr. begraben. - Mag die Lebensbeschreibung auch große Lücken aufweisen und hinsichtlich der Heiraten unsicher sein, so spiegelt der Schmuck doch ein typisches Schicksal aus der Zeit der frühen Völkerwanderungszeit wieder.


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Bernd Lehnhoff, 18.12.2002