Empirisch-rekonstruktives DFG-Projekt (2015-2017)



Kindertheologie und schulische Alltagspraxis. Eine rekonstruktive Studie zum Verhältnis von kindertheologischen Normen und eingeschliffenen Routinen im Religionsunterricht.

Ein Kernelement von Religionsdidaktik ist die Frage nach gutem Religionsunterricht (RU). Zu dieser Frage wird derzeit in der (v.a. deutsch-sprachigen) Religionspädagogik das Leitbild der Kindertheologie breit diskutiert. Es qualifiziert die Gedanken von Kindern zu existentiellen Fragen als Theologie und stellt sie in den Mittelpunkt schulischen Religionsunterrichts. Das Leitbild der Kindertheologie trägt damit explizite normative Erwartungen an den RU heran. Das Projekt fokussiert das Verhältnis von programmatischem kindertheologischem Anspruch und schulischer Alltagspraxis. In fachdidaktischer Perspektive befragt das Projekt videographierte Szenen aus dem RU des schulischen Alltags an Grundschulen daraufhin, welche Sequenzen als ge- bzw. misslungen anzusehen sind, wenn das Leitbild der Kindertheologie als Maßstab angelegt wird. Das Projekt gibt in dieser Perspektive Aufschluss darüber, wie nah oder fern das Leitbild der Kindertheologie der schulischen Alltagspraxis ist. Diese Nähe oder Ferne wird nun aber nicht – wie es bei VertreterInnen der Kindertheologie bisher durchaus üblich ist – einseitig auf die (mangelhafte) Professionalität der Lehrkraft zurückgeführt, worauf mit konkreten Handlungsempfehlungen und entsprechenden Schulungen zu reagieren wäre. Vielmehr – hierin liegt der innovative Zug – nimmt das Projekt eine in der erziehungswissenschaftlichen Unterrichtsforschung etablierte, praxeologische Perspektive ein. In diesem Schritt suspendiert das Projekt die Frage nach gutem Religionsunterricht und betrachtet die am Unterricht Beteiligten in ethnomethodologischem Sinn als kompetente Akteure. Unterrichtliche Praxen werden daraufhin analysiert, welche Regeln und Normen in sie eingelagert sind. Praxen sind dabei als Routinen in einem sozialen Feld gefasst, die von ihren Akteuren weder thematisiert noch hinterfragt werden.

Das Projekt leistet damit dreierlei: Es erhebt erstens, welche kindertheologischen Erwartungen der RU des schulischen Alltags erfüllt und welche er enttäuscht. Es beschreibt zweitens Regeln und Normen, die in Praxen des Religionsunterrichts eingelagert sind und zielt somit darauf, einige Selbstverständlichkeiten des Religionsunterrichts sichtbar zu machen. Das Projekt präzisiert drittens, an welchen Stellen zwischen den normativen Erwartungen des Leitbildes der Kindertheologie einerseits und rekonstruierten Normen und Regeln aus der schulischen Alltagspraxis andererseits Spannungen auftreten können. Es kann so die Frage nach der (tatsächlichen oder möglichen) Passung zwischen normativem Leitbild und unterrichtlicher Praxis auf empirischer Basis deutlich schärfer profilieren als bisher, ohne dabei einseitig auf ggf. mangelhafte Professionalität der Lehrkräfte abzuheben. So kann nicht nur Unterrichtspraxis vom Leitbild der Kindertheologie her einer kritischen Prüfung unterzogen werden, sondern es kann erstmals auch umgekehrt das Leitbild der Kindertheologie von der Unterrichtspraxis her kritisch in den Blick genommen werden.

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft