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Deutsche Neulateinische Gesellschaft | ||
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Jakob Balde: Tityrus (Silvae 2,2)vorgestellt von Roswitha Simons
EinleitungZu den herausragenden Dichtern des deutschen
Barock gehört der aus dem elsässischen Ensisheim stammende Jesuit Jakob Balde
SJ (1604–1668), der als Rhetorikprofessor und Hofprediger in
verschiedenen Städten Bayerns (v.a. Ingolstadt, München, Neuburg a.d. Donau)
tätig war. Sein Ansehen beruht jedoch vor allem auf seiner neulateinischen
Dichtung, für die er europaweit berühmt und als „deutscher Horaz“ gepriesen
war. Sein umfangreiches Werk umfasst neben den von weltlichen Themen (Politik,
Freundschaft, Literatur, Gesellschaft) geprägten Dichtungen auch geistliche
Lyrik, insbesondere eine von religiöser Liebe inspirierte Marienlyrik, in der,
den Bestrebungen und Tendenzen der Gegenreformation entsprechend, eine neue,
innerliche Religiösität ihren Ausdruck findet. Textgrundlage:
Opera Poetica Omnia, Neudruck der Ausgabe München 1729, hrsg. und eingel. von
Wilhelm Kühlmann und Hermann Wiegand, Frankfurt a. Main 1990 (Texte der Frühen
Neuzeit 1), Bd. 2 Sylvae, 38–40.
TextTityrus. Certamen pastoritium Parthenii Amoris, erga puerum Iesum, et Virg. Matrem. Alexis. Corydon. Tityrus. (v. 1–39) A. Quid dicis, Corydon, invidia macer? Victus praeterita luce, suam mihi submisit senior Varus arundinem. C. Submisit! Timide sum tibi credulus. Tu primum iuvenis, nec bene iungere 5 ceras doctus: at hic carmine notior, quot fregit calamos, rursus et abstulit? A. Et vates ego sum. Me Satyri quoque laudant, et Dryades nec metuo parem: Quid si, mi Corydon, te quoque provocem? 10 C. Quid si bos catulum gignat, aprum lepus, praegnans agna bovem? Sed quoniam libet insanire, ferocem experiar virum. Nostrae te statuo litis in arbitrum. Hac procumbe super, Tityre, fraxino. 15 T. Procumbo. Corydon, ventriculo Lyrae dignos sume animos et Puerum cane divinum. Placidis alter amoribus laudeis substituet Virginis. incipe.
carmen amoebaeum. C. Qui te, care puer, diligit, in nive 20 occursare feris nil metuat lupis. Et dormire lacertas ausit gramineas prope. A. Qui te, mater, amat; sentit amabilem Austri temperiem sub cane Sirio. 25 Nec, cum torquet aratrum, lassari queritur pedes C. Sic te, blande puer, diligo, ut aestuem. Ac, si forte petas amplius, aestuo flammis, pinguia quales 30 possint findere iugera. A. Sic te, mater, amo, totus ut ardeam. Nec, si forte roges, quomodo? dicere possum. Cancer aristas caelo lentius usserit. 35 C. Non te, dulce decus, parvule, diligam? Fratrem quippe meum. Sic Lycidas mihi dicebat pater. O si te solum inveniam foris!
ÜbersetzungTityrus. Hirtenwettstreit in der jungfräulichen Liebe zum Jesuskind und zu seiner Mutter der Jungfrau. Alexis, Corydon, Tityrus. A. Was sagst du, Corydon, dürr vor Neid? Am vergangenen Tag besiegt, hat Varus der Ältere mir seine Flöte überlassen. C. Dir überlassen! Kaum kann ich dir glauben. Du einerseits gerade erst herangewachsen [5] und kaum geübt, das Wachs wohl zu verbinden; dieser aber, schon recht bekannt durch seinen Gesang, wie viele Rohrflöten hat er hingegen zerbrochen und [siegreich] davongetragen? A. Und ein Seher bin ich. Mich rühmen Satyrn und Dryaden und keinen fürchte ich als gleichwertig: Was, mein Corydon, wenn ich auch dich herausfordere? [10] C. Was, wenn das Rind ein Hündchen gebiert, einen Eber der Hase, das trächtige Lamm ein Rind? Aber da du von Sinnen sein willst, will ich den rasenden Mann prüfen. Dich bestimme ich zum Richter unseres Streits, Tityrus; setz dich ferner unter diese Esche. [15] T. Ich sitze. Corydon, fasse Mut, dem Bauch der Lyra würdig, und besinge den göttlichen Knaben. Der andere setze an die Stelle der sanften Liebe das Lob der Jungfrau. Fang an. wechselgesang C. Wer dich, liebstes Kind, liebt, [20] braucht nicht zu fürchten, im Schnee den wilden Wölfen zu begegnen, und könnte es wagen, bei den Eidechsen im Gras zu schlafen A. Wer dich liebt, Mutter, fühlt unter dem Hundsstern die liebliche Milde des Südwinds [25] und klagt nicht über die müden Füße, wenn er den Pflug wendet. C. So liebe ich dich, süßer Knabe, dass ich glühe. Und wenn du mehr verlangen solltest, so stehe ich in Flammen, die fettes Land bersten lassen könnten. [31] A. So liebe ich dich, Mutter, dass ich ganz brenne. Und wenn du fragen solltest „Wie?“, so könnte ich es nicht sagen. Der Krebs verbrennt sicherlich milder vom Himmel herab die Ähren. [35] C. Dich sollte ich nicht lieben, süße Zier, du Kleiner? Meinen Bruder ja. So sagte mir mein Vater Lycidas. Oh, wenn ich dich draußen allein träfe!
AnmerkungenAlexis. Corydon: liebende Hirten in Vergils 2. und 7. Ekloge. Tityrus: herausragender Dichter-Hirte in Vergils Eklogen; vielfach als persona Vergils interpretiert. 2–13 Victus … experiar virum: Die Verse sind eine Variation von Vergil, Eclogae 3,20–29 (Übersendung des Siegespreises, Zweifel des anderen an der dichterischen Überlegenheit, wechselseitige Herausforderung). 3 submisit senior Varus arundinem: Ein Varus, dessen Identität umstritten ist, ist Adressat von Vergils 6. Ekloge, in deren Proömium Vergil erklärt, warum er nicht im Epos dessen Taten verherrlicht, sondern zur Hirtenflöte (arundo; Vergil, Eclogae 6,6–8) passende bukolische Dichtung verfasst. Balde mag hier, wie auch in Silvae 2,3,38 (et Varo placuit Niconoe sua), auf einen neulateinischen Dichter anspielen. 14–19 Nostrae te statuo … Incipe: Die Einsetzung eines dritten Hirten als Schiedsrichter ist nach dem Vorbild von Vergil, Eclogae 3, 50–59 gestaltet; dort legt dieser allerdings lediglich die formalen Bedingungen (Wechselgesang, Reihenfolge) fest, nicht den Gegenstand des Liedes. 19 laudeis: Die Schreibung -eis wird wiederholt für die Nom./Akk.Pl.-Endung der 3. Deklination -es verwendet. 22 lacertas: Die Eidechse repräsentiert die Kategorie der Schlangen und anderer am / im Boden lebender Kriech- und Kleintiere, die im Alten Testament zu den unreinen Tieren gezählt werden (Leviticus 11,30). Sie steht damit, ebenso wie die Winterwölfe zuvor, für eine doppelte, körperliche und moralische, Gefährdung, der sich der Schläfer durch Christi Liebe geschützt aussetzen kann. 25 sub cane Sirio: Der Aufgang des Sirius, eines besonders leuchtenden Sterns im Sternbild des Großen Hundes, ist ab Mitte Juli sichtbar; daher wurde die heißeste Zeit des Jahres, Mitte Juli–Mitte August, von Griechen und Römern als Tage des Sirius / Hundstage bezeichnet. 34–35 Cancer … usserit: Der Sommersonnenwendepunkt fällt in das Sternbild des Krebses; es steht daher ebenfalls metonymisch für die große sommerliche Hitze. 37–38
Sic Lycidas … pater: Lycidas ist der Name eines der
wettsingenden Hirten im 7. Idyll Theokrits und in Vergils 9. Ekloge. Hinter der
Bezugnahme auf die Worte des Vaters steht bei Balde sowohl hier als auch in
seiner ersten Ekloge (Silvae 2,1,10–14)
der Verweis auf das Alte Testament. 37–39 Fratrem … foris: Balde zitiert hier Worte der Braut aus dem Hohen Lied, Kap. 8,1: „Ach wärst du mir wie ein Bruder (fratrem meum)… Träfe ich dich draussen (inveniam te foris), ich küsste dich, ohne dass mir es jemand verübelte!“ Die Liebe der Braut des Hohen Liedes zu ihrem Bräutigam wird in typologischer Allegorese als Bild für die Liebe der Glaubenden zu Christus interpretiert. |
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