Deutsche Neulateinische Gesellschaft






 

Jakob Balde: Tityrus (Silvae 2,2)

vorgestellt von Roswitha Simons

 

Einleitung

Zu den herausragenden Dichtern des deutschen Barock gehört der aus dem elsässischen Ensisheim stammende Jesuit Jakob Balde SJ (1604–1668), der als Rhetorikprofessor und Hofprediger in verschiedenen Städten Bayerns (v.a. Ingolstadt, München, Neuburg a.d. Donau) tätig war. Sein Ansehen beruht jedoch vor allem auf seiner neulateinischen Dichtung, für die er europaweit berühmt und als „deutscher Horaz“ gepriesen war. Sein umfangreiches Werk umfasst neben den von weltlichen Themen (Politik, Freundschaft, Literatur, Gesellschaft) geprägten Dichtungen auch geistliche Lyrik, insbesondere eine von religiöser Liebe inspirierte Marienlyrik, in der, den Bestrebungen und Tendenzen der Gegenreformation entsprechend, eine neue, innerliche Religiösität ihren Ausdruck findet.
            Das zweite Buch der Silvae (Erstdruck München 1643) enthält einen Zyklus von fünf geistlichen Eklogen (Silvae 2,1–5), in deren Zentrum Geburt und Tod Christi stehen; dabei wird dieser mit dem viel gerühmten, paradigmatischen Hirten Daphnis identifiziert. Diese Gedichte stellen eine Synthese paganer vergilischer Hirtendichtung und christlichen Gedankenguts dar. Ausgangspunkt für die Identifizierung ist das christliche Bild des Guten Hirten und die Anbetung des Christuskindes durch die Hirten in der Weihnachtsnacht (Lukas 2). Die geistliche Schäferlyrik dieser Art entsteht Mitte des 15. Jahrhunderts in Italien. Nachhaltige Wirkung entfaltet diese Tradition im Zuge der Gegenreformation, insbesondere auch in der deutschsprachigen barocken Schäferlyrik (z.B. Friedrich v. Spee; Johann Klaj; Kirchliches Liedgut).
           
Trotz der durchgängigen Orientierung an Vergil gebraucht Balde, worauf er im Vorwort explizit hinweist, nicht das typische Versmaß der Eklogen, den Hexameter, sondern lyrische Versmaße des Horaz. Eher narrative Partien, die erste und vierte Ekloge sowie der Rahmenteil der hier behandelten zweiten Ekloge (V. 1–19; 68–79), sind in kleinen Asklepiadeen verfasst, panegyrisch-hymnische Passagen wie die 3. und 5. Ekloge sowie der Mittelteil der zweiten (V. 20–67) haben hingegen Strophenform (3. asklepiadeische Strophe).
           
Vorlage für Baldes zweite Ekloge, die hier nur in einem Auszug (V. 1–39) präsentiert werden kann, ist Vergils dritte Ekloge. An dieser orientiert sich besonders die Struktur des Rahmens mit dem provozierenden Wortgefecht, das in der Herausforderung zum dichterischen Wettstreit mündet, und mit der Einsetzung eines Schiedsrichters, der sich zum Abschluss des Gedichts sowohl bei Vergil (Eclogae 3,108–111) als auch bei Balde (V. 68–75) nicht in der Lage sieht, einen Sieger zu benennen. Während der Rahmen ganz pagan inspiriert ist, dominiert in dem eingeschalteten, 12 Strophen umfassenden Wechselgesang (carmen amoebaeum) schon aufgrund des Themas, der Liebe der Hirten zum Christkind bzw. zur Mutter Gottes, der christliche Charakter. In ihrem Lied bedienen sich die beiden liebenden Hirten sowohl der Sprache und Bildlichkeit der Bukolik und Liebeslyrik als auch der des Hohenliedes. Dabei wird die Erotik der paganen Dichtung, von der sich beide Hirten abschließend distanzieren (V. 52–67), sublimiert zu einer verinnigten „jungfräulichen“ Liebe zum göttlichen Kind und zur Jungfrau Maria.

Textgrundlage: Opera Poetica Omnia, Neudruck der Ausgabe München 1729, hrsg. und eingel. von Wilhelm Kühlmann und Hermann Wiegand, Frankfurt a. Main 1990 (Texte der Frühen Neuzeit 1), Bd. 2 Sylvae, 38–40.
            Literatur: Balde und Horaz, hrsg. v. E. Lefèvre, Tübingen 2002 (NeoLatina 3); Jacob Balde im kulturellen Kontext seiner Epoche. Zur 400. Wiederkehr seines Geburtstages, hrsg. v. T. Burkard / G. Hess / W. Kühlmann / J. Oswald SJ, Regensburg 2006 (Jesuitica 9); Acta zum 11. Freiburger Neulateinischen Symposion „Jakob Balde S.J.: Sylvae“, hrsg. v. E. Lefèvre / E. Schäfer, Tübingen (NeoLatina) [im Druck]; Heider, Andreas: spolia vetustatis. Die Verwandlung der heidnisch–antiken Tradition in Jakob Baldes marianischen Wallfahrten: Parthenia, Silvae II Nr. 3 (1643), München 1999.

 

Text

Tityrus. Certamen pastoritium Parthenii Amoris, erga puerum Iesum, et Virg. Matrem. Alexis. Corydon. Tityrus.

(v. 1–39)

A. Quid dicis, Corydon, invidia macer?

Victus praeterita luce, suam mihi

submisit senior Varus arundinem.

C. Submisit! Timide sum tibi credulus.

Tu primum iuvenis, nec bene iungere                       5

ceras doctus: at hic carmine notior,

quot fregit calamos, rursus et abstulit?

A. Et vates ego sum. Me Satyri quoque

laudant, et Dryades nec metuo parem:

Quid si, mi Corydon, te quoque provocem?             10

C. Quid si bos catulum gignat, aprum lepus,

praegnans agna bovem? Sed quoniam libet

insanire, ferocem experiar virum.

Nostrae te statuo litis in arbitrum.

Hac procumbe super, Tityre, fraxino.                        15

T. Procumbo. Corydon, ventriculo Lyrae

dignos sume animos et Puerum cane

divinum. Placidis alter amoribus

laudeis substituet Virginis. incipe.

 

carmen amoebaeum.

C. Qui te, care puer, diligit, in nive                           20

occursare feris nil metuat lupis.

            Et dormire lacertas

            ausit gramineas prope.

A. Qui te, mater, amat; sentit amabilem

Austri temperiem sub cane Sirio.                              25

            Nec, cum torquet aratrum,

            lassari queritur pedes

C. Sic te, blande puer, diligo, ut aestuem.

Ac, si forte petas amplius, aestuo

            flammis, pinguia quales                                 30

            possint findere iugera.

A. Sic te, mater, amo, totus ut ardeam.

Nec, si forte roges, quomodo? dicere

            possum. Cancer aristas

            caelo lentius usserit.                                      35

C. Non te, dulce decus, parvule, diligam?

Fratrem quippe meum. Sic Lycidas mihi

            dicebat pater. O si

            te solum inveniam foris!

 

Übersetzung

Tityrus.

Hirtenwettstreit in der jungfräulichen Liebe zum Jesuskind und zu seiner Mutter der Jungfrau.

Alexis, Corydon, Tityrus.

A. Was sagst du, Corydon, dürr vor Neid? Am vergangenen Tag besiegt, hat Varus der Ältere mir seine Flöte überlassen.

C. Dir überlassen! Kaum kann ich dir glauben. Du einerseits gerade erst herangewachsen [5] und kaum geübt, das Wachs wohl zu verbinden; dieser aber, schon recht bekannt durch seinen Gesang, wie viele Rohrflöten hat er hingegen zerbrochen und [siegreich] davongetragen?

A. Und ein Seher bin ich. Mich rühmen Satyrn und Dryaden und keinen fürchte ich als gleichwertig: Was, mein Corydon, wenn ich auch dich herausfordere? [10]

C. Was, wenn das Rind ein Hündchen gebiert, einen Eber der Hase, das trächtige Lamm ein Rind? Aber da du von Sinnen sein willst, will ich den rasenden Mann prüfen.

Dich bestimme ich zum Richter unseres Streits, Tityrus; setz dich ferner unter diese Esche. [15]

T. Ich sitze. Corydon, fasse Mut, dem Bauch der Lyra würdig, und besinge den göttlichen Knaben. Der andere setze an die Stelle der sanften Liebe das Lob der Jungfrau. Fang an.

wechselgesang

C. Wer dich, liebstes Kind, liebt, [20] braucht nicht zu fürchten, im Schnee den wilden Wölfen zu begegnen, und könnte es wagen, bei den Eidechsen im Gras zu schlafen

A. Wer dich liebt, Mutter, fühlt unter dem Hundsstern die liebliche Milde des Südwinds [25] und klagt nicht über die müden Füße, wenn er den Pflug wendet.

C. So liebe ich dich, süßer Knabe, dass ich glühe. Und wenn du mehr verlangen solltest, so stehe ich in Flammen, die fettes Land bersten lassen könnten. [31]

A. So liebe ich dich, Mutter, dass ich ganz brenne. Und wenn du fragen solltest „Wie?“, so könnte ich es nicht sagen. Der Krebs verbrennt sicherlich milder vom Himmel herab die Ähren. [35]

C. Dich sollte ich nicht lieben, süße Zier, du Kleiner? Meinen Bruder ja. So sagte mir mein Vater Lycidas. Oh, wenn ich dich draußen allein träfe!

 

Anmerkungen

Alexis. Corydon: liebende Hirten in Vergils 2. und 7. Ekloge.

Tityrus: herausragender Dichter-Hirte in Vergils Eklogen; vielfach als persona Vergils interpretiert.

2–13 Victus … experiar virum: Die Verse sind eine Variation von Vergil, Eclogae 3,20–29 (Übersendung des Siegespreises, Zweifel des anderen an der dichterischen Überlegenheit, wechselseitige Herausforderung).

3 submisit senior Varus arundinem: Ein Varus, dessen Identität umstritten ist, ist Adressat von Vergils 6. Ekloge, in deren Proömium Vergil erklärt, warum er nicht im Epos dessen Taten verherrlicht, sondern zur Hirtenflöte (arundo; Vergil, Eclogae 6,6–8) passende bukolische Dichtung verfasst. Balde mag hier, wie auch in Silvae 2,3,38 (et Varo placuit Niconoe sua), auf einen neulateinischen Dichter anspielen.

14–19 Nostrae te statuo … Incipe: Die Einsetzung eines dritten Hirten als Schiedsrichter ist nach dem Vorbild von Vergil, Eclogae 3, 50–59 gestaltet; dort legt dieser allerdings lediglich die formalen Bedingungen (Wechselgesang, Reihenfolge) fest, nicht den Gegenstand des Liedes.

19 laudeis: Die Schreibung -eis wird wiederholt für die Nom./Akk.Pl.-Endung der 3. Deklination -es verwendet.

22 lacertas: Die Eidechse repräsentiert die Kategorie der Schlangen und anderer am / im Boden lebender Kriech- und Kleintiere, die im Alten Testament zu den unreinen Tieren gezählt werden (Leviticus 11,30). Sie steht damit, ebenso wie die Winterwölfe zuvor, für eine doppelte, körperliche und moralische, Gefährdung, der sich der Schläfer durch Christi Liebe geschützt aussetzen kann.

25 sub cane Sirio: Der Aufgang des Sirius, eines besonders leuchtenden Sterns im Sternbild des Großen Hundes, ist ab Mitte Juli sichtbar; daher wurde die heißeste Zeit des Jahres, Mitte Juli–Mitte August, von Griechen und Römern als Tage des Sirius / Hundstage bezeichnet.

34–35 Cancer … usserit: Der Sommersonnenwendepunkt fällt in das Sternbild des Krebses; es steht daher ebenfalls metonymisch für die große sommerliche Hitze.

37–38 Sic Lycidas … pater: Lycidas ist der Name eines der wettsingenden Hirten im 7. Idyll Theokrits und in Vergils 9. Ekloge. Hinter der Bezugnahme auf die Worte des Vaters steht bei Balde sowohl hier als auch in seiner ersten Ekloge (Silvae 2,1,10–14) der Verweis auf das Alte Testament.
In der 1. Ekloge De Salvatoris Nostri Nativitate von Antonius Geraldini (ca.1449–1488) stellt Lycidas verschiedene Vorausverweise des Alten Testamtents auf Christus dar.

37–39 Fratrem … foris: Balde zitiert hier Worte der Braut aus dem Hohen Lied, Kap. 8,1: „Ach wärst du mir wie ein Bruder (fratrem meum)… Träfe ich dich draussen (inveniam te foris), ich küsste dich, ohne dass mir es jemand verübelte!“ Die Liebe der Braut des Hohen Liedes zu ihrem Bräutigam wird in typologischer Allegorese als Bild für die Liebe der Glaubenden zu Christus interpretiert.