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Deutsche Neulateinische Gesellschaft | ||
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Norm und Poesie. Zur expliziten und impliziten Poetik in der lateinischen Literatur der Frühen Neuzeit Bericht über das 4. Arbeitsgespräch der Deutschen Neulateinischen Gesellschaft im Universitätsclub Bonn Das 4. Arbeitsgespräch der Deutschen Neulateinischen Gesellschaft fand turnusgemäß am 05./06. Februar 2010 statt, und zwar in den Räumen des Bonner Universitätsclubs, womit die Gesellschaft nach den Tagungen in Bad Homburg, Frankfurt und Bochum wieder an ihren Gründungsort zurückgekehrt ist. Als Mitveranstalter fungierte das an der Bonner Universität ansässige Centre for the Classical Tradition, das die Tagung logistisch und finanziell unterstützte. Weitere Förderer waren die Philosophische Fakultät der Universität Bonn und das Generalkonsulat des Königreichs der Niederlande. Den Auftakt machten Christoph Pieper aus Leiden und Jan Bloemendal aus Amsterdam mit zwei sehr unterschiedlichen Poetiken. Christoph Pieper präsentierte zwei Fassungen eines Kommentars zu Horazens Ars poetica aus der Feder eines prominenten Florentiner Dichters aus dem 15. Jahrhundert, nämlich den publizierten Kommentar Cristoforo Landinos sowie eine handschriftlich erhaltene Mitschrift seiner Vorlesung zur Ars poetica. Jan Bloemendal beschäftigte sich mit dem Einfluß expliziter Poetiken, namentlich der Poeticae Institutiones des Theologen, Historikers und Philologen Johannes Gerhardus Vossius aus dem 17. Jahrhundert, auf zeitgenössische Dichtung. Die Bonner Forscher Marc Laureys und Roswitha Simons untersuchten implizite poetologische Aussagen in den streitbaren Gattungen Satire und Invektive, das Verhältnis dieser Gattungen zueinander, ihre Funktionalisierung im Rahmen von literarischen Auseinandersetzungen und Literaturkritik, ihre Anbindung an die von antiken Satirikern gestiftete Tradition, die Individualität der von einzelnen Autoren über die Charakterisierung ihrer Vorgänger konstruierten Traditionslininien oder Kongruenz und Inkongruenz dieser Charakterisierungen mit zeitgenössischen Poetiken. Auch Wilhelm Kühlmann leistete mit seinen Ausführungen zu Fiktionsironie und Autorbewußtsein in Johannes Bisselius’ Deliciae veris einen Beitrag zum Verständnis impliziter Poetik, in diesem Fall zur Poetik in jesuitischer Barocklyrik. Es folgten drei weitere Vorträge zu jesuitischen Poetiken. Sowohl Barbara Mahlmann als auch Martin Korenjak beschäftigen sich hierbei mit dem Zusammenhang von Poetik und religiös fundierter Moral. In beiden Fällen ging es um den Gegensatz zwischen heidnischer (mythologischer) und religiöser Dichtung. Doch während der Titel von Antonio Possevinos 17. Buch der Bibliotheca selecta, das Barbara Mahlmann vorstellte, bereits eine direkte Opposition zwischen der paganen und der religiös korrekten, papsttreuen Poetik aus jesuitischer Sicht signalisierte, führte Martin Korenjak mit Antonius Erbers Metamorphosis poesis elegiacae von 1731 die Entwicklung oder Metamorphose der letzteren aus der ersteren mit dem Zielpunkt des Jesuitentheaters vor. Hermann Wiegand präsentierte mit dem Werk Franz Neumayers eine weitere, späte Jesuitenpoetik, die als Schulbuch konzipiert ist. Zwei Vorträge über Schulbücher schlossen die Tagung ab. Hans Schönemann gab einen Einblick in die Produktion von Schülerarbeiten anhand gängiger Poetiken an protestantischen Schulen. Der Vortrag von Karl August Neuhausen und Hermann Krüssel über das Schulbuch Tyrocinium poeticum des Pantaleon Eschenbrender nahm den jesuitischen Faden insofern noch einmal auf, als auch Eschenbrender dem Jesutitenorden angehörte. Die beiden stellten einerseits die Poetik Eschenbrenders, andererseits eines seiner exempla vor.
Das neulateinische Drama Bericht über das 3.
Arbeitsgespräch der Deutschen Neulateinischen Gesellschaft Am 23./24. Februar 2007 fand an der Ruhr-Universität Bochum in Zusammenarbeit mit dem dortigen Seminar für Klassische Philologie das 3. Arbeitsgespräch der Deutschen Neulateinischen Gesellschaft (DNG) statt. Das Thema lautete: Das neulateinische Drama. Auf eine Eingrenzung des Themas (etwa auf Fragen des in den Philologien oft diskutierten performative turn') war bewusst verzichtet worden, da die Konzentration oder Beschränkung auf bestimmte Forschungsparadigmen für ein Gebiet, das trotz zahlreicher Einzelstudien immer noch weithin unerforscht ist, nicht sinnvoll erschien. Die Tagung sollte vielmehr erst dazu dienen, Forschungsansätze und -desiderate deutlich zu machen. Solche kristallisierten sich im Laufe der Tagung auch deutlich heraus: Die beiden Eröffnungsvorträge von Matthias Dall'Asta (Reuchlin-Forschungsstelle Pforzheim), "Histrionum exercitus et scommata" - Schauspieler, die Sprüche klopfen. Johannes Reuchlins Sergius und die Anfänge der neulateinischen Komödie" und J. Klaus Kipf (Universität München), "Der Beitrag einiger Poetae minores zur Entstehung der neulateinischen Komödie im deutschen Humanismus 1480-1520" ließen die relative Undeterminiertheit und Ambivalenz der Gattungsbegriffe Comoedia' und Tragoedia' in der Frühzeit des neulateinischen Dramas (später kommen noch Tragicocomoedia' und Comicotragoedia' hinzu) besonders hervortreten. Eine diachrone Untersuchung der Gattungsbezeichnungen für die vielfältigen Formen des neulateinischen Dramas wurde hier als Desiderat benannt. Der Vortrag von Carmen Cardelle de Hartmann (Universität München), "Die Dialogi sacri des Sebastianus Castellio als Lehrbücher der lateinischen Sprache", zeigte, dass auch die sogenannten humanistischen Schülergespräche aufgrund ihrer dramatischen Faktur und nicht zuletzt ihrer pädagogischen Funktion durchaus als Teil der Gattung Drama' begriffen werden können. Benedikt Jeßing (Universität Bochum), "Zur Rezeption des morall play vom Everyman in der neulateinischen und frühneuhochdeutschen Komödie: Georg Macropedius, Hans Sachs" machte die internationale Verflechtung und Wechselwirkung lateinischer und volkssprachlicher Literatur am Beispiel des Jedermann-Stoffes deutlich: Das englische bzw. niederländische Jedermann-Drama (Priorität umstritten) wirkte auf das neulateinische, dieses wiederum auf das deutsche. Außerdem wurden hier verschiedene konfessionspolitische Instrumentalisierungen deutlich, die im Verlauf der Tagung noch ein prominentes Thema werden sollten. Reinhold F. Glei (Universität Bochum), "Didos Hofnarr. Zum Personal von Heinrich Knausts Dido (1566)" wiederum betonte das Phänomen der Gattungsmischung am Beispiel einer Dido-Tragödie, die durch komödienhafte Elemente (der Narr als Fortentwicklung des Parasiten der römischen Komödie) angereichert wird. Der Zusammenhang mit der humanistischen Narrenidee (Brant, Erasmus) wurde herausgestellt und als weiteres Forschungsdesiderat benannt. Robert Seidel (Universität Frankfurt a.M.), "Lateinische Theaterapologetik am Vorabend des Sturm und Drang. Die Vindiciae scenicae von Philipp Ernst Raufseysen (1767)" zeigte in seinem Vortrag anhand einer Greifswalder Disputatio die Relevanz des neulateinischen Dramas auch in theoretischen Schriften in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf. Den bereits angesprochenen konfessionspolitischen Fragen waren zwei ganze Sektionen gewidmet: Zum einen untersuchten Jürgen Leonhardt (Universität Tübingen), "Der Priscianus vapulans des Nicodemus Frischlin und die zeitgenössische Lateinkultur" und Nicola Kaminski (Universität Bochum), "Polyglossie, Polysemie: zum konfessionspolitischen Standort von Nicodemus Frischlins Phasma" Frischlins Dramen hinsichtlich des Zusammenhangs von Sprache und konfessionspolitischer Stellungnahme - ein bisher kaum beachteter Aspekt, der sich als besonders innovativer Forschungsgegenstand empfahl und teilweise kontroverse Diskussionen hervorrief; zum anderen befassten sich vier Vorträge mit dem für das neulateinische Drama in seiner Bedeutung kaum zu unterschätzenden Jesuitentheater: Stefan Tilg (Universität Bern / Corpus Christi College, Oxford) machte in seinem Überblick "Die Entwicklung des Jesuitendramas vom 16. bis zum 18. Jahrhundert: eine Fallstudie am Beispiel Innsbruck" die Flexibilität deutlich, mit der die Jesuiten in ihren theatralen Formen und Inhalten auf politische Veränderungen reagierten; ähnliches zeigte Barbara Mahlmann-Bauer (Universität Bern), "Jesuitische Bibeldramen um 1600" am Beispiel der Paderborner Jesuitenbühne, die in konfessionell prekärer Lage sowohl katholische wie protestantische Zuschauer anhand alttestamentlicher Bibelstoffe zu fesseln wussten. Gleichzeitig wurde die implizite Poetik der Unterscheidung von Tragödie (Judith) und Komödie (Tobias) anhand der vermeintlichen biblischen Urtypen' deutlich. Fidel Rädle (Universität Göttingen), "Zum dramatischen Oeuvre Georg Bernardts SJ (1595-1660)" gab einen Einblick in die vielfältige und besonders in sprachlicher Hinsicht virtuose Handhabung des lateinischen Dramas im Jesuitenorden am Beispiel von vier Tragödien Georg Bernardts, der u.a. so wirkmächtige Stoffe wie die Faust-Sage oder die Ermordung des Erzbischofs von Canterbury, Thomas Beckett, behandelte. Wilfried Stroh (Universität München) schließlich zeigte in seinem furiosen, auch für die breitere Öffentlichkeit angekündigten Abendvortrag "Vom Kasperletheater zur Märtyrerpassion: Jacob Baldes Schulkomödie Iocus serius (1629)" die dramatische Kunst des bayerischen Jesuitendichters und Deutschen Horaz' eindrucksvoll auf. Insgesamt erbrachte die Tagung eine Vielzahl von Anregungen und Denkanstößen für die Erforschung des neulateinischen Dramas, unter denen Gattungstheorie und -poetik sowie konfessionspolitische Fragestellungen den dringendsten Bedarf aufzuweisen scheinen. Die Tagungsbeiträge werden in einem von Reinhold F. Glei und Robert Seidel herausgegebenen Sammelband veröffentlicht werden. Als Thema des 4. Arbeitsgesprächs, das 2010 in Bonn stattfinden wird, wurde vereinbart: "Explizite und implizite Poetik in der lateinischen Literatur der Frühen Neuzeit". Im Rahmen der Tagung fand auch eine Mitgliederversammlung der DNG statt, auf der ein neuer Vorstand gewählt wurde. Erster Vorsitzender: Robert Seidel; Zweite Vorsitzende: Beate Czapla; Beisitzer: Carmen Cardelle de Hartmann und Stefan Tilg; Schatzmeisterin: Iris Heckel. Reinhold F. Glei
'Parodia' und Parodie. Aspekte intertextuellen Schreibens in der lateinischen Literatur der Frühen Neuzeit Bericht über das 2. Arbeitsgespräch der Deutschen Neulateinischen Gesellschaft (DNG) am 17./18. Februar 2005 Die Deutsche Neulateinische Gesellschaft (DNG) hat im Februar 2005 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main ihr zweites Arbeitsgespräch abgehalten. Die Tagung knüpfte an die Vorgängerveranstaltung insofern an, als hier zwischen den im Dreijahresturnus stattfindenden Konferenzen der International Association of Neo-Latin Studies (IANLS) kleinere, vor allem von Vertretern der deutschsprachigen Länder organisierte Tagungen etabliert werden sollen. Die finanzielle Förderung wurde, wie schon beim ersten Arbeitsgepräch (1), dankenswerterweise von der Werner Reimers-Stiftung (Bad Homburg) übernommen. Als Mitveranstalter fungierte diesmal das Zentrum für die Erforschung der Frühen Neuzeit, das in Frankfurt ansässig ist und Räumlichkeiten sowie logistische Unterstützung zur Verfügung stellte. Das Phänomen der Intertextualität in der Frühen Neuzeit - und damit auch in der neulateinischen Literatur - ist spätestens seit dem von Wilhelm Kühlmann und Wolfgang Neuber herausgegebenen Sammelband (2) als Objekt der Literaturwissenschaft geläufig. Genuin frühneuzeitliche Verfahren der Textkonstitution (zu nennen wäre etwa das übergreifende Prinzip von imitatio' und aemulatio') sind in ihrer epochenspezifischen Relevanz hinreichend analysiert worden, so daß die Untersuchung einzelner literarischer Praktiken auf soliden literarhistorischen Grundlagen aufbauen kann. Gleichwohl fehlte es bislang an Studien, die sich in historischem oder systematischem Zugriff mit speziellen Verfahren der Adaptation von Einzeltexten oder Textklassen auseinandersetzen. Texttypen wie die Parodia Horatiana' oder die akademische Scherzdisputation sind der Neolatinistik zwar durchaus vertraut, fundierte Arbeiten zur Entwicklung, Verbreitung und Funktion der einschlägigen Quellencorpora lagen jedoch bislang kaum vor. (3) Daß es indessen an der Zeit war, sich dem Thema in methodisch avanciertem Zugriff zu nähern, zeigt schon ein Blick auf die Fortschritte der neueren Forschung zur Parodie und ihren Nachbarphänomenen, wie sie etwa von Theodor Verweyen und Gunther Witting oder Gérard Genette betrieben wird. (4) Vor dem Hintergrund dieser texttheoretischen Erkenntnisse und unter Berücksichtigung der immer zahlreicher werdenden Publikationen neulateinischer Quellen - nicht zuletzt in digitalisierter Form - erschien es lohnend, den Studien zu komischen wie ernsten Adaptationen von Texten und Textklassen aus dem Bereich der lateinischen Literatur der Frühen Neuzeit ein eigenes wissenschaftliches Forum zu bieten. Für die Tagung waren textnahe, theoriegestützte Einzelanalysen ebenso eingefordert worden wie kategorisierende oder systematisierende Untersuchungen an größeren Textcorpora. Von besonderem Interesse waren auch zeitgenössische Klassifizierungsversuche, wie sie sich etwa am unterschiedlichen Gegenstandsbereich von (frühneuzeitlicher) parodia' und (moderner) Parodie' abzeichnen. Bei genauerer Analyse der disparaten Quellenbestände stellen sich zahlreiche Fragen, etwa ob die Bearbeitung einer Vorlage überhaupt deren Autorität zu steigern bzw. zu beeinträchtigen vermochte, ob sich im Laufe der Zeit Verschiebungen in der Bevorzugung von Textklassen- bzw. Einzeltextadaptationen beobachten lassen oder ob die Übernahme konstitutiver Merkmale eines kanonisierten Prätextes bereits in der heute beobachteten Weise dem literatur- und gesellschaftskritischen Diskurs zugerechnet wurde. - Vor dem Hintergrund dieser Ausgangssituation wurde die Tagung, über die hier zu referieren ist, initiiert. Untersuchungen, die ihren Quellenfundus über den deutschen Kulturbereich hinaus ausdehnen, waren auch im Rahmen einer DNG-Veranstaltung ausdrücklich willkommen, galt es doch vor allem, die in deutscher Sprache kommunizierenden und in räumlicher Nähe zueinander wirkenden Forscher zwischen den internationalen Großkongressen zu einem problembezogenen Gedankenaustausch in kleinerem Rahmen zusammenzuführen. Die Tagungsteilnehmer kamen von deutschen und österreichischen Universitäten. Da die Veranstaltung sich nicht zuletzt als Forum für Nachwuchswissenschaftler verstand, waren jüngere Vertreter der Neolatinistik - zu etwa gleichen Teilen institutionell der Klassischen Philologie und der Germanistik zugeordnet - besonders stark vertreten. Als Moderator und vielseitiger Anreger konnte indessen auch der führende Repräsentant der (germanistischen) Parodienforschung, Theodor Verweyen, gewonnen werden. (5) Die Konferenz wurde vom Verfasser dieses Berichtes geleitet, der zusammen mit Reinhold F. Glei, dem Ersten Vorsitzenden der DNG, die Beiträge - um drei nachträglich verfaßte Studien erweitert - herausgeben wird. Mit einer Veröffentlichung in der Reihe "Frühe Neuzeit" (Max Niemeyer Verlag) ist Ende 2006 / Anfang 2007 zu rechnen. Der folgende knappe Tagungsbericht soll dieser Publikation nicht vorgreifen, ein zusammenfassendes Referat der Vorträge ist nicht beabsichtigt. Statt dessen werden zunächst die Titel der Vorträge wiedergegeben, danach sollen einige methodische Leitlinien und inhaltliche Schwerpunkte der Konferenz hervorgehoben werden. Die Vorträge wurden - soweit möglich - nach den zugrunde liegenden Prätexten angeordnet, dabei ergab sich folgendes Programm:
In einem einführenden Referat faßte Robert Seidel den Stand der Intertextualitätsdebatte und der Parodieforschung mit Blick auf die Arbeiten zur neulateinischen Literatur zusammen. Während die weitere Klärung bzw. Ausdifferenzierung des Parodiebegriffes als Forschungsdesiderat und konkretes Ziel der Tagung im Raum stand, wurde im Hinblick auf das Intertextualitätsphänomen vorab ein Konsens hinsichtlich eines (gegenüber poststrukturalistischen Ansätzen) enger gefaßten Begriffsverständnisses postuliert, wie es sich im Verlaufe der Tagung auch tatsächlich einstellte: Einig waren sich alle Teilnehmer darüber, daß von den beiden derzeit konkurrierenden Konzepten von Intertextualität' allein dasjenige für eine erfolgversprechende Textanalyse zugrunde zu legen sei, das verifizierbare Bezüge zwischen Einzeltexten bzw. zwischen Einzeltext und Textklasse in den Blick nehme. Derartige Bezüge, so die übereinstimmende Ansicht, seien am konkreten Fall nachzuweisen sowie historisch und funktional zu interpretieren. Insofern sei eine wie auch immer modifizierte sozialhistorische Ausrichtung literaturwissenschaftlichen Arbeitens auch und gerade für die Erforschung neulateinischer Texte und deren intertextueller Referenzen am ergiebigsten. (6) Die einzelnen Vorträge zeigten, daß die Teilnehmer sich methodisch an den aktuellen Paradigmen - soweit sie sich als operationalisierbar erwiesen haben - orientierten, dabei zugleich den Forderungen einer philologisch fundierten Textanalyse verpflichtet blieben. In der Regel ging den jeweiligen Ausführungen eine knappe literaturtheoretische bzw. methodische Einleitung voraus, auf deren Basis dann ein konkreter Einzeltext oder ein Textkorpus unter literarhistorischen, gattungsspezifischen und kommunikationstheoretischen Gesichtspunkten analysiert wurde. Die Spannweite des methodischen Zugriffs reichte von der differenzierten Funktionszuschreibung bestimmter Textverarbeitungsstrategien (zum Cento: Reinhold F. Glei) über die praktische Erprobung verbreiteter intertextueller Modelle (Genettes Auffächerung der Transtextualität': Robert Seidel) bis hin zu eigenwilligen Adaptationen sprachphilosophischer Ansätze (Raimund Weinczyk). Inwieweit die literarhistorische Forschung von neuen Methoden digitalisierter Recherche und den daraus gewonnenen statistischen Befunden profitieren kann, zeigte der Beitrag von Rüdiger Niehl zur Entstehung und Entwicklung der - seit Eckart Schäfer in der deutschen Neolatinistik prominenten - Parodia Horatiana. Weitgehend auf der metaliterarischen Ebene vollzogen sich die Überlegungen von Jörg Robert, der die Stellungnahmen neulateinischer Autoren zum Phänomen der Parodia' systematisch untersuchte und problematisierte. Unter den antiken Prätexten, die den untersuchten neulateinischen Quellen zugrunde lagen, bildete die Vergilische "Aeneis" (Beiträge Glei, Klecker, R. G. Czapla, auch Schaffenrath) einen erkennbaren Schwerpunkt. Darüber hinaus wurden auch solche epischen Gedichte untersucht, die auf der Basis des Catullischen Epyllions carmen 64 (Beitrag Kofler) konzipiert waren, ja es rückte mit Jacob Bidermanns erzählender Hendekasyllabendichtung sogar ein Texttypus in den Blick, der epische Darstellungsstrategien im Anschluß an volkssprachliche Gattungskonventionen realisierte (Beitrag Kühlmann). Auf diese Weise stand die neulateinische Epik, eine von der Forschung häufig vernachlässigte Gattung, insgesamt im Mittelpunkt der Untersuchungen. Gewissermaßen auf dem Umweg über die Intertextualitätsforschung wurde so das Potential einer literarischen Großform evident, die sich u.a. zu erbaulichen (R. G. Czapla), panegyrischen (Klecker) und poetologischen Zwecken (Schaffenrath) aktualisieren läßt. Neben dem Epos waren - anläßlich des großen Gewichts der Gelegenheitsdichtung in der Frühen Neuzeit nicht überraschend - Catulls Hochzeitscarmina als Prätexte vertreten (Beitrag B. Czapla, vgl. auch Kofler), außerdem spielten der seit je parodierte' Horaz (Beiträge Niehl, B. Czapla) und die Ovidischen "Heroides" (Beitrag Pieper) und "Tristia" (Beitrag Weinczyk) eine wichtige Rolle. Was den etwas pointiert formulierten Obertitel der Tagung betraf ("Parodia' und Parodie"), so orientierten sich die meisten Beiträger tatsächlich an Texten, bei deren Analyse sich die Frage nach der konkreten Schreibstrategie im Spannungsfeld zwischen dem - weiteren - lateinischen und dem - enger gefaßten - deutschen Wortgebrauch stellte. Kontrovers diskutiert wurden denn auch die Thesen einiger Beiträger (z.B. Glei, Klecker), wonach neulateinische Autoren partiell tatsächlich Kritik' an Vergil als dem Heros der lateinischen Epik geübt hätten; die auch in der neuphilologischen Forschung virulente Frage nach der möglichen - vielleicht sogar unbeabsichtigten - Beschädigung' eines renommierten Prätextes durch den schieren Umstand seiner intertextuellen Adaptation ist für die lateinische Textproduktion der Frühen Neuzeit nicht weniger spannend. In anderen Vorträgen wurden komplexe intertextuelle Referenzen thematisiert, wenn etwa mehrere frühneuzeitliche Autoren sich im Gestus virtuosen Spiels aufeinander und auf antike Prätexte bezogen (Beitrag B. Czapla) oder wenn - nach dem Modell Gérard Genettes - ein ganzes Spektrum transtextueller' Strategien an einem einzigen Text nachzuweisen war (Beitrag Seidel). Doch auch diejenigen Vorträge, in denen neulateinische Texte behandelt wurden, die ihre Vorlagen nach dem übergreifenden Konzept von imitatio' und aemulatio' in spielerischer oder kontrafaktischer Absicht nutzten (das ganze Spektrum der Möglichkeiten angedeutet im Beitrag von Rüdiger Niehl), waren stets um den Nachweis präziser funktionaler Zuschreibungen bemüht, nicht anders als die eher literaturtheoretisch bzw. poetikgeschichtlich orientierten Referate (Beiträge Weinczyk, Robert). In mehreren Fällen konnten die Vortragenden Ergebnisse ihrer aktuellen Arbeiten referieren (z.B. Dissertationsprojekte: Beiträge Pieper, Schaffenrath) und dabei auch auf größere Forschungsvorhaben aufmerksam machen. Exemplarisch anzuführen wären hier das Digitalisierungsprojekt CAMENA der Universitäten Heidelberg und Mannheim (Beitrag Niehl), das Wiener Projekt zur Habsburg-Panegyrik (Beitrag Klecker) sowie die geplanten Editionen, Übersetzungen und Kommentierungen der lateinischen Werke von Martin Opitz (Beitrag Seidel) bzw. der lateinischen Lyrik des 17. Jahrhunderts (Teilprojekt Jesuitendichtung: Beitrag Kühlmann).
Anmerkungen
Robert Seidel
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