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                        IDF - PUBLIK 32          25. Februar 2003          Seite 3              

 

„Den Okkultisten in die Hände gefallen“

Pekuniäre und andere Traumatisierungen im „wilden Jahr“ 1923

Von Frank Hoffmann


„Wählt man sein Thema? Nein, man schreibt und redet von dem, was einem auf den Nägeln brennt“, entschuldigt sich im Frühjahr 1923 Thomas Mann vor den Zuhörern seines Vortrags in der Münchner  ...-Gesellschaft. „Während die Welt voll ist von Problemen“, wie er einleitend feststellt, deren sorgfältige Erörterung dem Schriftsteller öffentliches Ansehen eintragen würde, tritt er vor sein Publikum, weil ihn ganz neue Erfahrungen gepackt haben, „schrullenhaft, abwegig, gewissermaßen ehrlos“ - kurz: Okkulte Erlebnisse. Im Hause des Münchner Neurologen und Parapsychologen Dr. Albert von Schrenck-Notzing hatte Mann wenige Wochen zuvor, an der Jahreswende 1922/23, zum ersten Male in seinem Leben an einer Séance teilgenommen, die Schrenck-Notzing mit dem Medium Willi S. veranstaltete. Anwesend ist eine bunte Runde bekannter Persönlichkeiten der Stadt. Tatsächlich kommt es nach einer recht langen, wohl auch langweiligen Wartezeit, nach Unterbrechungen, nach Erfüllung besonderer Wünsche des Mediums wie Musik, Umstellen von Möbeln und leiser Unterhaltung - fast droht schon der ergebnislose Abbruch der Sitzung ... - endlich also kommt es zu einer zuerst noch bescheidenen Taschentuch-Elevation. Diesem „Eröffnungsphänomen“ - das „Taschentuch hatte sich vom Boden erhoben und war aufgestiegen“, ohne oder eigentlich doch mit Zutun einer freilich unsichtbaren Hand, eines „Greiforgans, das schmäler als eine Menschenhand, klauenartig erschien“ - folgt dann eine ganze Kette von Phänomenen: eine Glocke wird geläutet, eine Druckklingel bedient, ein Korb purzelt herunter, beinahe stößt es eine Spieluhr vom Tisch, schließlich fabriziert Minna, des Mediums alter ego, auf der Schreibmaschine einige unverständliche Buchstabenreihen und - tatsächlich - ganz am Ende gibt es noch „rasch, eilig und flüchtig folgende kleine Offenbarung: Eine Erscheinung tritt dort hervor, ein längliches Etwas, schemenhaft, weißlich schimmernd, von der Größe und ungefähren Form eines Unterarmstumpfes mit geschlossener Hand“ ... - Thomas Mann wird übel bei diesen Erlebnissen, er fühlt sich von Seekrankheit und Ekel angeflogen, nicht eigentlich von Grauen. Und die folgenden sieben Seiten des kleinen Textes sind erfüllt von Relativierungen, naturwissenschaftlichen, psychologischen und philosophischen Deutungs- und Erklärungsansätzen, die auf ebenso charmante wie hilflose Weise Manns vorzügliche Kenntnis der einschlägigen, zeitgenössischen Diskurse belegen und seine verzweifelte Unfähigkeit, es zu erklären: „das Unmögliche  [... ], das dennoch - geschieht.

Wie gut paßt das kleine, große Dichtererlebnis - im Zauberberg wird es ein wichtiges Kapitel im Schlußteil inspirieren - in unseren Rückblick auf 1923, von dem der Historiker Jürgen von Kruedener als einem „wilden Jahr“ gesprochen hat. Thomas Mann hat selbst in der einführenden Deutung seines Erlebnisberichts auf die gewandelte Zeitsituation hingewiesen: Schrenck-Notzing, der spiritistische Gastgeber, hatte vor dem Ersten Weltkrieg für den ersten Band seiner „Materialisations-Phänomene“ Hohn und Spott geerntet: „Das Publikum [...] hielt sich den Bauch vor Lachen“, und Schrenck schien „als Gelehrter rettungslos kompromittiert“. Aber nach dem Kriege, der so ganz „unerträumte Umwälzungen und Abenteuer“ mit sich gebracht hatte, stieß der zweite Band auf weit weniger „Spott und Schimpf“. Es schien so, „als sei beides weniger kraftvoll, von nicht ganz so behäbiger Zuversicht getragen wie ehemals, und nicht ohne einen Einschlag von Resignation, von fatalistischem Gewährenlassen. Man hat soviel Ungeahntes hinnehmen, so krasse Dinge über sich ergehen lassen müssen, daß der Entrüstung [...] eine unverkennbare Neigung zum Paktieren beigemischt war.“ - „Ganz ähnlich wie in der Politik“, fährt Mann an dieser Stelle fort, indessen um die unterschiedlichen Schulen linker und rechter Okkultismus-Bewertung zu differenzieren. Doch ganz von Ungefähr kommt der Bezug auf die Politik wohl nicht. Denn Manns sensible Analyse der zeitgenössischen Empfänglichkeit für das Übersinnliche, der Wendung gegen die

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Letzte Änderung: 10.10.2003  | Ansprechpartner: Inhalt & Technik