„Wählt
man sein Thema? Nein, man schreibt und redet von dem, was einem
auf den Nägeln brennt“, entschuldigt sich im Frühjahr 1923
Thomas Mann vor den Zuhörern seines Vortrags in der Münchner
...-Gesellschaft. „Während die Welt voll ist von
Problemen“, wie er einleitend feststellt, deren sorgfältige
Erörterung dem Schriftsteller öffentliches Ansehen eintragen würde,
tritt er vor sein Publikum, weil ihn ganz neue Erfahrungen
gepackt haben, „schrullenhaft, abwegig, gewissermaßen
ehrlos“ - kurz: Okkulte
Erlebnisse. Im Hause des Münchner Neurologen und
Parapsychologen Dr. Albert von Schrenck-Notzing hatte Mann
wenige Wochen zuvor, an der Jahreswende 1922/23, zum ersten Male
in seinem Leben an einer Séance teilgenommen, die
Schrenck-Notzing mit dem Medium Willi S. veranstaltete. Anwesend
ist eine bunte Runde bekannter Persönlichkeiten der Stadt. Tatsächlich
kommt es nach einer recht langen, wohl auch langweiligen
Wartezeit, nach Unterbrechungen, nach Erfüllung besonderer Wünsche
des Mediums wie Musik, Umstellen von Möbeln und leiser
Unterhaltung - fast droht schon der ergebnislose Abbruch der
Sitzung ... - endlich also kommt es zu einer zuerst noch
bescheidenen Taschentuch-Elevation. Diesem „Eröffnungsphänomen“
- das „Taschentuch hatte sich vom Boden erhoben und war
aufgestiegen“, ohne
oder eigentlich doch mit
Zutun einer freilich unsichtbaren Hand, eines „Greiforgans,
das schmäler als eine Menschenhand, klauenartig erschien“ -
folgt dann eine ganze Kette von Phänomenen: eine Glocke wird
geläutet, eine Druckklingel bedient, ein Korb purzelt herunter,
beinahe stößt es eine Spieluhr vom Tisch, schließlich
fabriziert Minna, des
Mediums alter ego, auf der Schreibmaschine einige unverständliche
Buchstabenreihen und - tatsächlich - ganz am Ende gibt es noch
„rasch, eilig und flüchtig folgende kleine Offenbarung: Eine
Erscheinung tritt dort hervor, ein längliches Etwas,
schemenhaft, weißlich schimmernd, von der Größe und ungefähren
Form eines Unterarmstumpfes mit geschlossener Hand“ ... -
Thomas Mann wird übel bei diesen Erlebnissen, er fühlt sich
von Seekrankheit und Ekel angeflogen, nicht eigentlich von
Grauen. Und die folgenden sieben Seiten des kleinen Textes sind
erfüllt von Relativierungen, naturwissenschaftlichen,
psychologischen und philosophischen Deutungs- und Erklärungsansätzen,
die auf ebenso charmante wie hilflose Weise Manns vorzügliche
Kenntnis der einschlägigen, zeitgenössischen Diskurse belegen
und seine verzweifelte Unfähigkeit, es zu erklären: „das Unmögliche
[... ], das dennoch - geschieht.
Wie
gut paßt das kleine, große Dichtererlebnis - im Zauberberg
wird es ein wichtiges Kapitel im Schlußteil inspirieren - in
unseren Rückblick auf 1923, von dem der Historiker Jürgen von
Kruedener als einem „wilden Jahr“ gesprochen hat. Thomas
Mann hat selbst in der einführenden Deutung seines
Erlebnisberichts auf die gewandelte Zeitsituation hingewiesen:
Schrenck-Notzing, der spiritistische Gastgeber, hatte vor dem
Ersten Weltkrieg für den ersten Band seiner
„Materialisations-Phänomene“ Hohn und Spott geerntet:
„Das Publikum [...] hielt sich den Bauch vor Lachen“, und
Schrenck schien „als Gelehrter rettungslos kompromittiert“.
Aber nach dem Kriege, der so ganz „unerträumte Umwälzungen
und Abenteuer“ mit sich gebracht hatte, stieß der zweite Band
auf weit weniger „Spott und Schimpf“. Es schien so, „als
sei beides weniger kraftvoll, von nicht ganz so behäbiger
Zuversicht getragen wie ehemals, und nicht ohne einen Einschlag
von Resignation, von fatalistischem Gewährenlassen. Man hat
soviel Ungeahntes hinnehmen, so krasse Dinge über sich ergehen
lassen müssen, daß der Entrüstung [...] eine unverkennbare
Neigung zum Paktieren beigemischt war.“ - „Ganz ähnlich wie
in der Politik“, fährt Mann an dieser Stelle fort, indessen
um die unterschiedlichen Schulen linker und rechter
Okkultismus-Bewertung zu differenzieren. Doch ganz von Ungefähr
kommt der Bezug auf die Politik wohl nicht. Denn Manns sensible
Analyse der zeitgenössischen Empfänglichkeit für das Übersinnliche,
der Wendung gegen die