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"Dies ist der Chicago River", und er zeigte auf einen kleinen schlammigen Wasserlauf, der übersäht war mit den Masten der gewaltigen Wanderer aus weitentfernten Gewässern ... Mit einem Schnaufen, einem Klirren und einem Klappern der Schienen war er vorüber.
(Theodore Dreiser. Sister Carrie.)

Die Geräuschkulisse ist heute ähnlich, wenn man eine der Chicagoer Zugbrücken überquert, und ebenso wird der Fluss kurz wahrgenommen und wieder verdrängt, denn was ist das must-see für Touristen in Chicago? – die Architektur und nicht der Chicago River. Doch der Fluss sieht heute anders aus als in Theodore Dreisers Roman Sister Carrie für das Jahr 1889 beschrieben. Verschwunden sind die Frachtschiffe, verschwunden das Gefühl der Verbundenheit zur großen weiten Welt – was man sieht, ist zwar nach wie vor ein Wasserlauf, jedoch einer, der eher nüchtern, wie eine weitere große Straße in der Metropole anmutet.

In den letzten Jahren hat der Chicago River dennoch mehr und mehr an Diskussionsraum eingenommen. Autoren, maßgeblich David Solzman in seinem Buch The Chicago River, zeigten die Geschichte und Bedeutung des Flusses auf. Zunächst war der Aufstieg der Stadt untrennbar mit dem Chicago River verbunden. Er half, den Kontinent gen Westen zu öffnen, und machte das am Michigansee gelegene Chicago zur Drehscheibe für die Transportindustrie sowie zum führenden Produktionszentrum. Mit der Eröffnung des Erie-Kanals im Jahr 1825 gelang es, die großen Seen von Osten her leicht erreichbar zu machen, und der Illinois-und-Michigan-Kanal öffnete ab 1848 den Weg weiter von Chicago zum Mississippi. Bereits im Jahr 1871 erreichten die Stadt mehr Schiffe als New York, Philadelphia, Baltimore, Charleston und San Francisco zusammen. Im Jahr 1889 liefen mehr als 22.000 Schiffe Chicago an und machten die Stadt zum geschäftigsten Hafen der Welt. Der Chicago River war das Hafenbecken. Doch nicht nur das: Er war auch Auffangbecken für die Abwässer und Abfälle, die Chicago produzierte. Alles floss hinein, einschließlich Resten aus der gigantischen Chicagoer Fleischproduktion. Was noch schlimmer war, der Fluss transportierte das vergiftete Wasser hinaus in den See. Da von dort das Trinkwasser gewonnen wurde, traten immer wieder Epidemien auf. Ende des 19. Jahrhunderts eskalierte die Situation, und den Chicagoern wurde klar, dass etwas geschehen musste. Wiederum entschied man sich für den Bau eines Kanals, diesmal um die Abwässer von Chicago weg zum Mississippi zu transportieren. Im Jahr 1900 waren der Kanal sowie Schleusen in der Flussmündung fertiggestellt, so dass die Fließrichtung des Chicago River umgekehrt und der Fluss in den Kanal gelenkt werden konnte. Da die Mississippi-Gemeinden verständlicherweise alles andere als begeistert über diese Aktion waren, wurde der für die Stadt rettende Coup in einer Nacht- und Nebelaktion durchgeführt. So sicherte sich die Stadt eine gute Qualität des Seewassers und belastete andere mit ihren sanitären Problemen.

Längst ist der Industriehafen in den Calumet River weiter südlich ausgelagert, und der Chicago River spielt als Transitweg für Güter und Menschen keine Rolle mehr. Somit ist das Flair der Fremde, das die Personen in Dreisers Roman wahrnahmen, verschwunden. Freizeitkapitäne und Ausflugsschiffe, deren Terrain der Fluss und der Michigansee ist, beherrschen heute den Flussabschnitt in der Innenstadt, dessen Ausmaße im Vergleich zur Gesamtausdehnung der Drei-Millionen-Metropole klein sind: Der Bereich mit den berühmten Hochhäusern erstreckt sich in einem Rechteck von bis zu 1,5 km Breite und gut 3 km Länge. Der Chicago River durchschneidet diesen den downtown-Bereich, wobei der Flusslauf ein nach links gekipptes "T" beschreibt. Er teilt sich auf in den in Nord-/Südlinie verlaufenden Abschnitt, in dem der Nordarm, der sogenannte North Branch, in den Südarm, South Branch genannt, übergeht, sowie in den sich dazu im 90°-Winkel befindenden Hauptarm, den Main Stem, der ihn mit dem Michigansee verbindet.

Seine Eigenschaft als integraler Bestandteil der Innenstadt machte den Chicago River seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer mehr zum Diskussionsgegenstand. Beanstandet wurde, dass man vor lauter Architekturbegeisterung und wirtschaftlichem Fortschrittsdenken den Fluss vergessen habe. Wohl sei die Industrie ausgelagert, der Fluss aber fast unverändert zurückgeblieben und er stelle eher einen optischen Schandfleck für die Stadt dar, als seine Bedeutung für die Stadt widerzuspiegeln. So wurde vor gut 20 Jahren im Rahmen von Sanierungsplänen und der vorgesehenen Revitalisierung der Innenstadt auch die beautification, die Verschönerung des Chicago River beschlossen. Neben der Stadt ist ebenfalls die Organisation der Friends of the Chicago River aktiv, um die ökologische Gesundung des Flusses herbeizuführen und den Fluss in das Bewusstsein der Bürger zu rücken. In diesem Sinne wirkt auch das Chicago River Schools Network, das Schulen dazu bewegen will, Kurse in den Stundenplan aufzunehmen, die sich mit der Geschichte und dem Ökosystem des Flusses befassen.

Die Sanierung der Flusslandschaft ging nur stockend voran, doch in den letzten Jahren hat das Vorhaben stark an Bedeutung gewonnen. So wird die Stadtverwaltung Chicagos auf ihrer Internet-Seite nicht müde, die Bedeutung des Flusses zu loben. Seine Vorzüge für Bürger und Touristen werden herausgestellt, insbesondere die Wichtigkeit der Flussuferpromenaden für das Image und den Erholungswert des Chicago River. Es handele sich um malerische Attraktionen, die die Vitalität der Chicagoer Innenstadt und des Flusses verstärkten. Die Promenaden – der sogenannte Riverwalk – böten spektakuläre Ausgangspunkte für Kultur- und Freizeit-Aktivitäten, so lautet das offizielle Marketing die Stadt. Leider ist dies zum größten Teil nur Wunschdenken. Es gibt zwar Flussuferpromenaden, sie sind jedoch nicht miteinander verbunden und weisen eine stark unterschiedliche Qualität auf.

Der von Dirk Lohan, Ludwig Mies van der Rohes Enkel, neu gestaltete Riverwalk östlich der Michigan-Avenue-Brücke ist eine angenehme, luftige Promenade, die sich fast bis zum Seeufer erstreckt (s. Abb. 1). Sie scheint jedoch nur von wenigen Einwohnern benutzt zu werden und ist selbst an schönen Tagen touristenleer, denn außer dem See wartet keine Attraktion an ihrem östlichen Ende. Das nördliche Flussufer westlich der Michigan Avenue Bridge ist nur teilweise begehbar. Das Südufer ist in bedauernswertem Zustand und teilweise gesperrt (s. Abb. 2). Das zur Zeit einzige längere Stück begehbarer Uferpromenade liegt weit im Westen der Innenstadt, im Bereich des nördlichen South Branch von der Randolph Street bis hinunter zur Höhe der Union Station (s. Abb. 3). Die Promenade und die Restaurants in diesem Abschnitt des Riverwalk werden hauptsächlich von Angestellten der angrenzenden Bürotürme benutzt. Touristen finden nur selten ihren Weg hierher, denn wiederum hat die Besichtigung von anderen Sehenswürdigkeiten im straffen Urlaubsprogramm Vorrang, und der Weg dorthin ist kürzer durch das Häusermeer als am Fluss entlang. Die South Riverside Plaza im nördlichen Bereich dieses Promenadenabschnitts wird von Libby Hill in ihrem Buch The Chicago River: A Natural and Unnatural History als Ort beschrieben, an dem man angesichts der Schönheit und Idylle des Flusses die Seele baumeln lassen kann. Von einem verträumten Ort zum Verweilen kann dort jedoch nicht die Rede sein. Es ist wahr, dass die Promenade Ausblicke auf das Leben am Fluss gibt, und blickt man geradeaus, so trifft der Blick angenehm auf entweder ein weiteres Stück Promenade bzw. gegenüberliegende Häuser. Doch am Blick auf den Fluss kann man sich nur bei schönem Wetter erfreuen, wenn einen die gehobene Stimmung angesichts des Sonnenscheins die unschönen, nicht aufgearbeiteten Teile der Häuserfassaden in Wasserhöhe übersehen lässt. Denn blickt man hinunter auf den Fluss, so muss man viel Phantasie aufbieten, um das heruntergekommene Ufer auf der anderen Seite zu übersehen (s. Abb. 4 u. 5).

Trotz der Unzulänglichkeiten gibt sich auch Kenan Heise, Autor und Chicago-Kenner, ebenfalls schon jetzt zufrieden mit diesem Teil des Riverwalk, verweist jedoch gleichzeitig auf das, was noch kommen soll: Die Stadt habe ja gerade erst angefangen, das Flussumfeld zu verschönern. Auch David Solzman rät abzuwarten, die Stadt habe große Pläne. Die sind auch nötig, denn zur Zeit ist der Zustand des Flusses, trotz erster Sanierungserfolge, noch immer reine Potentialverschwendung. War der Chicago River einst Ressource für den Gütertransport und Grundlage für eine florierende Industrie, so könnte er heute für die Stadt sowohl eine Ressource für eine hohe Lebensqualität als auch Einnahmequelle durch die Touristen sein. Die Stadt ist bemüht, in einem high-profile-Projekt diesen Herausforderungen zu begegnen – in den Zeiten einer Rezession wahrscheinlich keine schlechte Idee. Angestrebt ist, in den kommenden Jahren den Fluss kontinuierlich dem erfolgreichen Konzept der Ufergestaltung des Michigansees nachzubilden, mit viel Grün und unbegrenztem öffentlichen Zugang zum Wasser.

Die Bewohner der Häuser am Fluss erwarten einen sauberen Wasserweg, Bootsanlagen direkt an den Wohngebäuden sowie ein sicheres und attraktives Wohnumfeld. Dies sind Forderungen, die sich mit entsprechender Planung erfüllen lassen. Doch was muss geschehen, um den Fluss für die Touristen attraktiv zu machen? Hier ist die Sache komplizierter. Zwar kann man zahlreiche Besucher mit Hilfe der Architekturbootsfahrten auf den Fluss locken, doch obwohl während dieser Fahrten am Rande auf die Historie des Flusses eingegangen wird, bleibt die Hauptattraktion die Architektur. Der Blick wird also weg vom Wasser hinauf in den Himmel gelenkt, was sich auch lohnt, da die Bootstouren mit der beste Weg sind, um einen umfassenderen Eindruck von der Architektur in Chicago zu erhalten. Sind die Touristen zu Fuß in der Stadt unterwegs, nehmen sie während der Jagd nach architektonischen Besichtigungstrophäen den Fluss kaum wahr, obwohl sie ihn wahrscheinlich mehrmals überqueren. Nur wenn eine der berühmten Zugbrücken hochgeht, werden sie gezwungen innezuhalten. Auch dann geht der Blick zuerst mit der Brücke nach oben (s. Abb. 6). Wenn sich jedoch kein Auto in Blues-Brothers-Manier nähert, um mit Vollgas die Kluft noch zu überspringen, richtet sich das touristische Interesse auf das, was sich unten auf dem Fluss tut. Erst die Zugbrücken ermöglichen also für den Großteil der Touristen die wirkliche Wahrnehmung des Chicago River. Sie bilden die Verbindung zwischen der vertikalen und der horizontalen Ebene.

Doch wie kann es gelingen, das Interesse der Touristen am Fluss für längere Zeit zu erhalten? Hier hat sich die Stadt schon einiges einfallen lassen. Während der Sommermonate werden im Innenstadtbereich eine Reihe von Aktivitäten auf dem Wasser angeboten: Man kann Kajaks oder Ruderboote oder gar Wasserfahrräder mieten. Tatsächlich gibt es auch einige Stellen im Innenstadtverlauf des westlichen Haupt- sowie Südarms, an denen kleine Vegetationslichtblicke den Anblick verschönern und dem Fluss pittoreske Qualitäten verleihen (s. Abb. 7). Die Farbe der Flora ist an den meisten Tagen auch die Farbe des Flusses, nur am St. Patrick’s Day wird er zu Ehren der irischen Einwanderer noch grüner gefärbt. Die Stadt und die touristisch orientierten Unternehmen bemühen sich, solche Flecken als typisch für den Fluss herauszustellen. Filme wie High Fidelity scheinen dieses Bemühen zu unterstützen. Hier wird der Fluss als eine Naturoase und als ein Ort der Reflektion präsentiert. Er bietet dem Protagonisten John Cusack Licht in seiner dunklen Alltagswelt und lässt die Hochhäuser der Skyline im Hintergrund wie wohlwollende Betrachter der Szene auftreten.

Die neueste Marketingstrategie der Stadt, die der Unterstützung und dem weiteren Ausbau des Erholung und Kultur versprechenden Images des Flusses dienen soll, sind Gondeln, mit denen im Sommer singende Gondolieri nach venezianischem Vorbild Touristen über den Fluss nahe der Riverside Plaza schaukeln. Die Marketingstrategen griffen hier eine Idee wieder auf, die in Chicago erstmals im Jahr 1893 Einzug gehalten hatte. Während der Columbian-Weltausstellung, für die auf einem Areal nahe der Innenstadt ein eigener Komplex errichtet wurde, der ein amerikanisches Venedig darstellen sollte, hatte man Gondeln aus Venedig importiert, um die Authentizität und die romantisierende Wirkung der für die Ausstellung errichteten, in Wasserwege eingebetteten Gebäude zu verstärken. Was damals funktionierte, das funktioniert auch heute, so dachte sich wohl die Stadt. Hinzu mag die Überlegung gekommen sein, dass die Gondeln in Venedig auch kein üppiges Grün zum Erfolg benötigen und die Kanäle trotz unansehnlicher Wasserfronten eine Touristenattraktionen sind. In dieser Hinsicht wird der Chicago River zum "Chicago Grande". Und da die Amerikaner durch das Kasino-Hotel Venetian in Las Vegas schon an die Idee von Gondeln in den USA gewöhnt sind, war das Projekt in diesem ersten Sommer ein Erfolg, und es wird wohl auch im nächsten Jahr Gondeln in Chicago geben. Sie machen jedoch nur einen prozentual geringen Teil im Tourismusgeschäft aus.

Das Image, das dem Fluss dadurch jedoch zusätzlich übergestülpt wird, wurde bereits vor einigen Jahren im Kino für ein weltweites Publikum von potentiellen Touristen angelegt. Julia Roberts erlebt in Die Hochzeit meines besten Freundes einen romantischen Moment während einer Besichtigungsfahrt auf dem Chicago River, den man eher einer Seine-Fahrt in Paris zuschreiben würde. Leider verpatzt sie ihn – oder gut so. Denn die dort projizierte, verklärte Aura will überhaupt nicht nach Chicago passen, in die City of Big Shoulders, wie sie sich selbst gerne nennt, die Arbeiterstadt, die Stadt der Macher. Chicago kann Erlebniswelten, wie sie in Venedig oder Paris zu finden sind, nur suggerieren. Schaut man genau hin, entpuppen sie sich schnell als schlechte Nachahmung.

Die Stadt scheint selbst bemerkt zu haben, dass sich Vergleiche mit europäischer Atmosphäre nur schwer aufbauen lassen. Offiziell sind daher die weiteren, für die kommenden Jahre geplanten Sanierungen und Neubauten im Rahmen des Riverwalk-Konzeptes an das Model des Riverwalk in San Antonio, Texas, angelehnt. Aber auch diese Parallele hinkt. Die Promenade und die Nutzung des San Antonio River funktioniert, weil dort eine lässige, mexikanisch geprägte Atmosphäre herrscht und die ornamentale Architektur die verspielte und romantische Aura des Flusses unterstützt. Solch eine Szenerie kann es in Chicago jedoch nie geben. Trotzdem existiert ein eigenes Chicago-Flair. Aber es unterscheidet sich grundsätzlich von dem in Venedig, Paris oder San Antonio. In Chicago schwingt nicht das Hintergrundwissen um Amouren, der Mystik des Karnevals, von mittelalterlichen oder südländischen Mythen mit – in Chicago ist der Fluss eingebettet in das Image einer Stadt, in der es ums Geschäft und nicht die Liebe, um organisiertes Verbrechen und nicht um Ritterlichkeit, um Fakten und nicht um Träumereien ging und geht, und die nüchterne, sachliche Chicago-Architektur reflektiert dies.

Doch immerhin sind die Pläne der Stadt ein Anfang. Sie muss jedoch aufpassen, dass dem Fluss im Rahmen der Maßnahmen auch wirklich eine eigenständige Rolle in der Übermacht der Beton- und Glastürme ermöglicht wird. Große Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Umgestaltung des Wacker Drive, der südlichen Uferstraße des Hauptarms, in einen flussfreundliche Verkehrsweg zu, der ebenfalls einen neuen, repräsentativen Riverwalk erhalten soll. Dort, wo der westliche Teil des Wacker Drive beginnt, direkt gegenüber des Wrigley Building, ist bisher die attraktivste Stelle des Flusses aus der Sicht der Touristen. Wird der Riverwalk hier ansprechend angelegt, werden sie vielleicht auch bereit sein, ihm weiter nach Westen zu folgen. Eine gelungene Promenadengestaltung an dieser Stelle wird die visuelle und erholungsbietende Qualität des Flusses aus der Sicht der Touristen definitiv verstärken. Auf lange Sicht ist geplant, den Riverwalk über die ganze Länge der Chicagoer Innenstadt ununterbrochen dem Flussverlauf folgen zu lassen. Gibt es bislang nur Restaurants und Cafés auf der Promenade oberhalb des Flusses, so sind im Verlauf des Umbaus auch Einrichtungen in Wasserspiegelhöhe vorgesehen. Im Zuge dessen werden sich langfristig hoffentlich auch die zur Zeit störenden Ausblicke zum Besseren hin verändern.

Doch ohne eine Umstellung in der Außenwerbung wird die Stadt ihr Konzept nicht erfolgreich umsetzen können. Chicago darf nicht mehr nur als Architektur-Mekka – die meisten der in den letzten zehn Jahren gebauten Hochhäuser ähneln sich ohnehin – vermarktet werden, sondern als Stadt, in der man beides kann: Die Architektur erleben sowie sich auf und am Fluss treiben lassen. Nur wenn der Stadt dieser Umschwung gelingt, wird das Riverwalk-Projekt erfolgreich sein, denn nur dann werden ansprechende Restaurationen und Entertainment-Angebote auf der Promenade entstehen und sich auch rechnen. Womit die Stadt schon seit längerem wirbt, ist die große Anzahl von Kunstobjekten im öffentlichen Raum. Hier könnte im Rahmen der Flusssanierung ebenfalls noch viel mehr getan werden. Statt, wie bisher, die Werke der großen Künstler wie Picasso, Chagall und Calder auf Plätze inmitten des Häusermeers zu platzieren, wo sie von den Architekturgiganten im Schatten gehalten und förmlich erdrückt werden, könnte man in Zukunft freie Flächen am Riverwalk als effektvolle Standorte nutzen. Auch bietet sich ein neugestalteter Riverwalk als zusätzliche Fläche für erfolgreiche Kunstaktionen wie Cows On Parade oder Suite Home Chicago an.

Um den Fluss für das heutige Publikum wieder als ebenso interessantes Objekt erscheinen zu lassen, wie er im Eingangszitat gegen Ende des 19. Jahrhunderts empfunden wurde, und ihn gleichzeitig als eigenständigen, positiven Erlebnisraum aufzubauen, an dem es sich zu verweilen lohnt, bleibt also viel zu tun. Das langfristige Ziel, dass alle Planer und Kommentatoren gemeinsam verfolgen, fasst David Solzman so zusammen: Der Fluss müsse den gehobenen Ansprüchen des 21. Jahrhunderts genügen, nachdem er erst als Wegbereiter und dann so lange als Industriekorridor und Abwässerkanal fungiert habe. Nur Geduld müsse man haben, meint er, und ein paar Jahre warten. Der Fluss fließt weiter grün und hoffnungsvoll – und wartet. Alle anderen auch.
 

Quellen (Auswahl):
Dreiser, Theodore. Sister Carrie. New York: Penguin, 1981.
Hill, Libby. The Chicago River: A Natural and Unnatural History. Chicago:
Lake Claremont Press, 2000.
Solzman, David M. The Chicago River: An Illustrated History and Guide to the River
and Its Waterways. Chicago: Wild Onion Books, 1998.
Wolfe, Gerard R. Chicago. In and Around the Loop: Walking Tours of Architecture
and History. New York: McGraw-Hill Companies, 2000.