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Jun.-Prof. Dr. Dorothea Kolossa

Biographische Rahmendaten:
Dorothea Kolossa lehrt und forscht am RUB-Institut für Kommunikationsakustik. Sie ist Leiterin der Arbeitsgruppe Digitale Signalverarbeitung.

Motto: Rerum cognoscere causas - Die Ursachen der Dinge erkennen. (Berliner Tagesspiegel)

Julia Bandow

Interview mit Dorothea Kolossa

Sie sind Juniorprofessorin in der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik – Worum geht es bei Ihrer Arbeit?
In meiner Juniorprofessur beschäftige ich mich mit dem breiten Themenfeld der digitalen Signalverarbeitung. Prinzipiell geht es darum, aus Aufnahmen und Messwerten die relevanten Informationen zu rekonstruieren. Mein Schwerpunkt hierbei ist die automatische Spracherkennung. Das Ziel ist, Sprachaufnahmen so zu verarbeiten, dass unser automatisches Spracherkennungssystem deren Inhalte zuverlässig und präzise zu einem geschriebenen Text umsetzen kann.

Was fasziniert Sie besonders an Ihrem Forschungsfeld?
Was ich seit Studienbeginn an der Elektrotechnik interessant finde, ist, zu lernen, wie Aufgaben gelöst werden können, bei denen man spontan davon ausgehen würde, dass sie unmöglich sind. Die Spracherkennung ist ein Beispiel für solche Aufgaben, die zunächst keine Lösungsmöglichkeiten zu bieten scheinen. Wenn ich mir gesprochene Sprache als Signal anschaue, stelle ich fest, dass die selbe Person das gleiche Wort immer wieder auf unterschiedliche Weise äußert. Es ist eine reizvolle Aufgabe herauszufinden, welche Methoden man anwenden kann, um dennoch die bedeutungstragenden Strukturen dieser Signale zu finden. Mithilfe von statistischen Methoden und den passenden Algorithmen wird diese Struktur gut fassbar, und die selbe Herangehensweise kann auch auf andere Anwendungsbereiche übertragen werden.

Haben Sie bereits während Ihres Studiums eine akademische Karriere geplant?
Jein, ich war mir da nicht so sicher. Ich hatte während des Studiums eine Stelle als Tutorin und es hat mir sehr großen Spaß gemacht, zu unterrichten. Ich wollte zwar auch eine Promotion anstreben, wollte das aber in einer Industriepromotion realisieren, um in einem Forschungsinstitut anwendungsnah zu arbeiten. Ich bin dann an die TU Berlin gewechselt, weil mein Institut schließen musste, und bin seitdem in universitären Umfeld sehr zufrieden mit den Möglichkeiten zu Kooperationen und wissenschaftlichem Austausch gewesen.

Sie haben kurze Zeit Journalismus studiert und letztlich ein Informatik Studium abgeschlossen. Was hat Sie zu diesem Fachwechsel motiviert?
Zum Journalismus-Studium habe ich mich entschieden, weil ich als Abiturientin keinen typischen Bürojob ausüben wollte und gerne Länder und Menschen kennen lernen wollte; zudem macht mir das Schreiben Spaß. Während des Studiums ist mir schnell klar geworden, dass es sehr schwierig in dieser Branche ist, tatsächlich einen der begehrten Jobs zu ergattern. Gleichzeitig habe ich Menschen kennen gelernt, die Fächer wie Elektrotechnik oder Mathematik studierten und auch mit einem solchen Studium die Welt bereisten und sehr begeistert von ihrem Fach waren.

Sie haben einige Forschungsaufenthalte im Ausland verbracht. Warum haben Sie sich entschieden, Ihre akademische Karriere in Deutschland weiter zu verfolgen?
Ich bin gern in der Nähe meiner Familie und Freunde. Mit einer Juniorprofessur habe ich die Chance,  auch für einige Zeit Forschungsaufenthalte im Ausland zu planen, so kann ich vielfältige Kooperationen eingehen und darauf in meiner Arbeit hier aufbauen. An der RUB gefallen mir insbesondere das Miteinander und die Kooperationsmöglichkeiten innerhalb der sehr jungen Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik. Ich habe das Gefühl, dass wir nicht konkurrenzorientiert sondern sehr teamorientiert und interdisziplinär zusammenarbeiten.

Karriere und Familie/Partnerschaft: Wie bringt man das unter einen Hut?
Ja, es ist vereinbar, aber sicher ein Spagat. Ich bin verheiratet und mein Mann hat auch eine Anstellung hier an der RUB bekommen. Wir haben selbst keine Kinder, aber unter meinen Bekannten  kenne ich Bespiele dafür, wie Familie und wissenschaftliche Karriere gut verbunden werden; dafür bietet die RUB auch einige Unterstützung.

Was tun Sie gerne, wenn Sie nicht arbeiten?
Vieles! In erste Linie reise ich sehr gerne, und ich gehe gerne Laufen, Badminton oder Tennis spielen. Ich treffe mich gerne mit Freunden und gehe in‘s Impro-Theater oder zu Poetry Slams.

Wenn Sie heute Rektorin der RUB wären, was würden Sie als erstes tun?
Ich habe das Gefühl, dass die gesamte Universität einem enormen finanziellen Stress ausgesetzt wird. Ich würde eruieren, welche Möglichkeiten das Rektorat hat, mehr Spielräume zu schaffen, um allen Beteiligten zu erlauben, jenseits von Rankings und Evaluationsdruck die Lehre und Forschung stärker in den Vordergrund zu stellen. Wir haben den gesellschaftlichen Auftrag, die Grundlagenforschung voranzutreiben und die Studierenden umfassend zu bilden. Es wäre mir also ein Anliegen, die Möglichkeiten dafür in vollem Umfang zur Verfügung zu stellen, aber ich sehe auch, dass dieses Ziel eine enorme Herausforderung darstellen würde.

Was ist Ihr Motto für Forschung und Lehre?
Eigentlich habe ich keins, aber es fällt mir das Motto des Berliner Tagesspiegels ein, das mir sehr sympathisch ist: „rerum cognoscere causas“. Sinngemäß heißt das, „die Ursachen der Dinge zu erkennen“. In der Forschung sehe ich dieses Verständnis als wesentliches Ziel, das auch die Grundlage für eine echte Weiterentwicklung liefert. Und in der Lehre ist es auch die Frage nach den Ursachen, deren Beantwortung ein wirkliches Verständnis der Kernthemen und der wissenschaftlichen Methode ermöglicht. Beispielsweise finde ich es oft wichtiger zu erklären, warum jemand sich die Mühe gemacht hat, eine bestimmte Formel zu entwickeln, als die vollständige Herleitung in allen Schritten immer auszuführen.

24.11.2011