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Prof. Dr. Anja Hartmann Juniorprofessorin

Biographische Rahmendaten:
Anja Hartmann lehrt und forscht seit dem Jahr 2000 an der RUB und hat zwei Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren.

Motto für Forschung und Lehre: “Questions of science, science and progress, do not speak as loud as my heart”. (Coldplay)

Anja Hartmann

Interview mit Anja Hartmann

Frau Hartmann, Sie sind Juniorprofessorin an der Fakultät für Sozialwissenschaft. Worum geht es bei Ihrer Arbeit?

Die Denomination für die Juniorprofessur lautet Gesundheit und Sozialstruktur. Mein Auftrag besteht darin, die Verbindungen aufzuzeigen zwischen sozialen Milieus, demographischen Entwicklungen, dem sozioökonomischen Status und dem gesundheitlichen Befinden der Bevölkerung. Mein zweites Standbein ist die Gesundheitspolitik. Ich untersuche, wie zum Beispiel die Gesundheitspolitik auf diese Verknüpfungen reagiert, die ich geschildert habe. Wer sind die treibenden Kräfte für die Gesundheitspolitik, wer sind die Blockierer? Wer plant gerade welche Gesundheitsreform? Und wie entwickelt sich das deutsche Gesundheitswesen langfristig? Das macht sehr viel Spaß!

Was fasziniert Sie besonders an Ihrem Forschungsfeld?

Faszinierend daran ist, dass es ein interdisziplinäres Forschungsfeld ist. Man kann sich als Soziologin nicht mit Gesundheitswissenschaften beschäftigen, wenn man nicht auch ein gewisses Interesse für Naturwissenschaften und Medizin, vielleicht sogar auch Technik  mitbringt. Trennungen wie solche zwischen Geist, Seele und Körper, die man aus vielen akademischen Diskursen, gerade auch sozialwissenschaftlichen Diskursen, kennt, lösen sich auf, wenn man in einem Fach wie Gesundheitswissenschaft arbeitet. Das ist sehr herausfordernd.

Haben Sie schon während des Studiums eine akademische Karriere geplant?

Ich habe schon eine wissenschaftliche Tätigkeit in Erwägung gezogen, aber nie direkt angestrebt, Juniorprofessorin zu werden. Aber mich hat es schon auf dem Gymnasium gereizt, in die Wissenschaft zu gehen. Mich hat die akademische Auseinandersetzung mit einem Thema als solchem angezogen, auch losgelöst von dem Nutzenwert, den sie hat.

Was war Ihr Plan B? Was hätten Sie gerne beruflich gemacht, wenn Sie nicht Wissenschaftlerin geworden wären?

Ich wäre irgendwo gelandet, wo ich Lehr- oder Beratungsfunktionen inne gehabt, Menschen unterrichtet hätte. Allerdings nicht im Schuldienst, wahrscheinlich im Bereich der Sozialarbeit.

Was macht Ihnen im Bereich der Lehre besonders Spaß?

Was mir besonders Spaß macht, ist bei den Studierenden das Interesse zu wecken für Themen, die auf den ersten Blick fast ein wenig langweilig wirken. Zu sehen, wie sich im Laufe des Seminars aus der vermeintlich trockenen Materie sehr spannende und gesellschaftspolitisch brisante Fragestellungen entwickeln können.

Karriere und Familie/Partnerschaft: Wie bringt man das unter einen Hut?

Schwierig. Das ist nur mit vielen Abstrichen möglich. Man darf sich nicht einbilden, man könnte die perfekte Mutter spielen, die im Herbst Kastanien sammelt (es ist Anfang Oktober 2010), zu allen Elternabenden geht usw. Man muss auch beruflich Abstriche machen. Man kann sich nicht vergleichen mit Kolleg/innen, die auf der „Vollmission“ sind und 60 Stunden in der Woche in Forschung und Lehre investieren. Man ist gezwungen, Feierabend zu machen: mit unbeantworteten E-Mails, nicht gelesenen Texten. Ich wünschte, es gebe so etwas wie „Teilzeit“-Professuren: Die sehe ich in Deutschland aber noch nicht.

Was tun Sie gerne, wenn Sie nicht arbeiten?

Ich mache Yoga, ich arbeite gerne im Garten, ich lese viel, ich fotografiere. Und ich würde gerne mehr verreisen, wenn ich die Zeit hätte.

Wenn Sie heute Rektorin der RUB wären, was würden Sie als erstes tun?

Als erstes würde ich mich mit der Frage beschäftigen, was passiert, wenn die Landesregierung Ernst macht und die Studiengebühren wegfallen. Wie kann ich dafür sorgen, dass die Infrastruktur, die aufgebaut worden ist, die personellen Kapazitäten, die geschaffen worden sind, erhalten werden können?

Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft sehen, was möchten Sie dann erreicht haben?

Laut Plan sollte ich in zehn Jahren auf einem ordentlichen Lehrstuhl sitzen. Ich weiß aber nicht, ob das tatsächlich klappt und halte mir die Perspektiven offen.