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Julia Bandow

Interview mit Anjana Devi

Sie sind Professorin in der Fakultät für Chemie und Biochemie – Worum geht es bei Ihrer Arbeit?
Derzeit leite ich die AG „Chemie anorganischer Materialien“ und forsche zu materialwissenschaftlichen Themenschwerpunkten. Bei meiner Arbeit geht es im Kern um die Transformation metallorganischer Verbindungen, die als Materialien für Dünnschichten in der Nanotechnologie eingesetzt werden.

Was fasziniert Sie besonders an Ihrem Forschungsfeld?
Das spannende an meiner Arbeit ist, dass ich an grundlegenden Zusammenhängen forsche, die Ergebnisse zugleich auch nutzbar mache für die Anwendung in der Industrie. Die meisten Dinge, die wir im täglichen Leben antreffen, besitzen Oberflächen, die durch chemische Verfahren aufgetragen wurden. Ich finde es sehr faszinierend an meinem Forschungsfeld, dass ich an der Entwicklung zukünftiger Technologie beteiligt bin.

Haben Sie bereits während Ihres Studiums eine akademische Karriere geplant?
Ja! Früh im Studium habe ich meine Leidenschaft für die Wissenschaft entdeckt und mich um einen Studienplatz im Masterprogramm des Department of Chemistry an der Mangalore University beworben. Nach Abschlusss des Mastergrades konnte ich am renommierten „Indian Institute of Science“  (IISc) eine PhD Stelle antreten. Ich strebte eine PostDoc Position im Ausland an, da dies ein wissenschaftlicher Karrieremotor ist. So bin ich als Humboldt Stipendiatin schließlich nach Deutschland gekommen.

Karriere und Familie/Partnerschaft: Wie bringt man das unter einen Hut?
Es ist nicht einfach, aber es ist möglich und alles eine Frage der Organisation! Ich habe hochschwanger meinen Vertrag für die Stelle als Juniorprofessorin unterschrieben und bin wenige Tage danach in den Mutterschutz gegangen. Dieses Timing hat mir den Start in die Stelle nicht einfach gemacht. Ich war nach der Zeit des Mutterschutzes formal in Teilzeit beschäftigt und konnte mein Kind vormittags bei den Unizwergen unterbringen. Nachmittags habe ich es abgeholt und am Abend im „Home Office“ gearbeitet.

Was tun Sie gerne, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich liebe meine Arbeit! Nachdem ich zu Hause Kind und Haushalt versorgt habe, setze ich mich abends wieder an den Rechner, checke zum Beispiel meine E-Mails oder schreibe Manuskripte und Anträge. Ich kann nicht anders. Mein Job ist meine Leidenschaft, ich gehe in meiner wissenschaftlichen Arbeit auf und habe eine starke Beziehung zu meinen Studentinnen und Studenten, die ich sehr gerne betreue und als meine weiteren Kinder sehe.

Wenn Sie heute Rektorin der RUB wären, was würden Sie als erstes tun?
Ich schätze die Arbeit unseres Rektorats sehr und erhalte viel Unterstützung seitens der Leitungsebene. Persönlich konnte ich viele Erfahrungen in Gremien und Kommissionen sammeln und war zum Beispiel in den Strategiesitzungen zur Exzellenzinitiative beteiligt. Allerdings denke ich, dass Projekte und Initiativen, die durch das Rektorat beschlossen werden, in den Fakultäten nicht immer mit der gleichen Bedeutung bemessen und getragen werden. Als Rektorin würde ich die Beteiligung der Fakultäten stärken und sie intensiver an Entscheidungsprozessen beteiligen.
Ein zweites Anliegen wäre mir, die Ausstattung von Forschungsgruppen zu verbessern. Ich erlebe immer wieder, dass hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Arbeit an Grenzen stoßen, die durch die Ressourcenverteilung abzubauen wären.
Mein drittes Anliegen betrifft die Stellung der Frau. Ich erlebe es als Wissenschaftlerin und als Frau selbst immer wieder, dass wir uns weltweit in einer patriarchalen Gesellschaft bewegen. Frauen werden aufgrund ihres Geschlechts unterschätzt und nicht anhand ihrer Qualifikationen beurteilt. Meiner Ansicht nach haben wir kein Nachwuchsproblem, ich kenne brillante Studentinnen. Wichtig wäre es, diesen Frauen ihrer Kompetenz angemessen zu begegnen und sie zu ermutigen, ihrer Leidenschaft zu folgen. Eine respektvolle und sachliche Kultur jenseits einer geschlechterstereotypen Mentalität sollte für die wissenschaftliche Community selbstverständlich werden.
Ein weiteres Thema ist für mich die interdisziplinäre Arbeit. Zwar gibt es hierfür die Research Departments oder weitere interdisziplinäre Forschergruppen, doch sehe ich noch viel mehr Potenzial auf Fakultäts- und Lehrstuhlebene zur Vernetzung und Kollaboration der Disziplinen.

Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft sehen- was möchten Sie dann erreicht haben?
Ich möchte das von mir initiierte EU-Projekt ENHANCE gewachsen und verstetigt sehen. Im Projekt habe ich meine persönlichen Kontakte zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Industrie international vernetzt. Wir werden durch die EU gefördert und haben ein Top-Ranking erreicht. Es wäre mir ein großes Anliegen, dieses einzigartige Projekt auszubauen und seinen Erfolg nachhaltig zu steigern.

Was ist Ihr Motto für Forschung und Lehre?
In der Lehre ist es entscheidend, Grundlagen zu vermitteln und das Interesse für Spezialgebiete zu wecken. Meine Studierenden wollen lernen und ich möchte ihnen das Rüstzeug geben, ihr Wissen zu eigenen Fragestellungen nutzbar zu machen und ihre eigenen Schwerpunkte zu finden. Aktuell habe ich getreu dem Motto der RUB der „forschungsnahen Lehre“ ein innovatives Format für Studierende in der Masterphase entwickelt: Ich stelle den Studierenden die Aufgabe, eine Versuchsreihe in ihrem Interessengebiet durchzuführen. Ihre „Forschungsergebnisse“ haben die Studierenden am 16.12.2011 im Rahmen eines „Kongresses“ mittels einer Posterpräsentation vorgestellt. In Vorbereitung darauf haben sie gelernt, wie wissenschaftliche Poster aufgebaut sein müssen und in einem gemeinsamen „Peer-Review-Verfahren“ diese Poster beurteilt. In diesem Training können Studierende früh die Methoden wissenschaftlicher Kommunikation üben. Diese Skills sind wichtig für ihre wissenschaftliche und berufliche Zukunft.

 

15. Dezember 2011