Medienkunst im Hochofenwerk Phoenix

Verstreute Momente der Konzentration

Seit einigen Jahren veranstaltet der Hartware Medien Kunst Verein (HMKV) in Dortmund Ausstellungen mit medialer Kunst. Seit Oktober 2003 wird dazu das 1895 erbaute, ehemalige Reserveteillager des stillgelegten Hochofenwerks Phönix-West genutzt. In der Ausstellung „Verstreute Momente der Konzentration. Urbane und digitale Räume“ (14. Mai–17. Juli) geht es um die Darstellung der Überschneidung digitaler und urbaner Räume.

Es sollen die Auswirkungen neuer Kommunikationstechnologien, wie Mobiltelefone und GPS-Empfänger gezeigt werden. Diese bilden digitale Datenräume und legen sich über architektonisch gegebene „Realräume“. Der so entstandene „erweiterte Raum“ (Lev Manovich) und seine Konsequenzen sind das Hauptthema der Ausstellung. Zwölf KünstlerInnen, die mit insgesamt achtzehn Werken vertreten sind, nähern sich dem Thema auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Es sind jedoch nicht „nur“ die Kunstwerke, die die Ausstellung interessant und reizvoll machen. Die Präsentation von Medienkunst in einem ehemals industriell genutzten Gebäude kann geradezu als Sinnbild für das Thema der Ausstellung – die Überschneidung urbaner und digitaler Räume – gelesen werden. Die Wirkung der Kunstwerke wird durch den Raum, indem sie gezeigt werden, unterstrichen. Der für das Ruhrgebiet so wichtige Strukturwandel von der Industrie- in eine Technologieregion wird sichtbar.

Raum und Zeit

So weitläufig das Thema der Ausstellung ist, so vielfältig sind die künstlerischen Ansätze. Die KünstlerInnen kommen aus allen Teilen der Welt. Der polnische Künstler Jozef Robakowski beobachtet in seinem Video „From my Window 1978–1999“ die Menschen seiner Umgebung. Von seinem Fenster aus hat er zwanzig Jahre lang am 1. Mai mit seiner Kamera die Geschehnisse auf der Strasse festgehalten, bis dort schließlich ein Hotel hochgezogen wurde und ihm die Aussicht versperrte. Ein Sprecher kommentiert die Bilder mit lakonischer Stimme aus dem Off. Wirkung erzielt diese ästhetisch eher schlicht gehaltene Videoinstallation vor allem durch den Aspekt der Zeit, der für dieses Werk bestimmend ist. Die schwarz-weißen Videosequenzen zeigen weniger den politischen Wandel einer sozialistischen in eine post-sozialistische Gesellschaft als alltägliche Geschehnisse trivialeren Charakters. So wird eine sehr persönliche Sicht der Dinge in jahrelangen Beobachtungen manifestiert.

Der Clou liegt im Detail

Andere Werke setzen auf den dokumentarischen Aspekt künstlerischen Arbeitens. Der türkische Künstler Osman Bozkurt stellt in einer Videoinstallation eine im dichtbebauten Istanbul praktizierte, nicht ungefährliche Freizeitgestaltung vor. Grünflächen in der Mitte von Autobahnkreuzen werden dort als Ort der Erholung genutzt. In Anlehnung an den französischen Philosophen Michel de Certeau wird eine zeitgenössische „Kunst des Handelns“ erkennbar, die durch die Aneignung des öffentlichen Raums praktiziert wird. In einigen Arbeiten steht der ästhetische Charakter im Vordergrund. Die Fotografin Heidi Specker zeigt in ihren digital bearbeiteten Drucken Details scheinbar trivialer architektonischer Elemente an funktionalen Bauten. Sie zeigt, dass das, was uns auf den ersten Blick im architektonischen Gesamtzusammenhang als unästhetisch erscheinen mag, unter einem sehr nahen fotografischen Blick zu einer von Harmonie und Symmetrie geprägten Form werden kann. Damit transportiert sie geradezu die Aufforderung, den Blick auch für die eigene Umwelt zu schärfen und bei manchen Dingen vielleicht ein zweites Mal hinzuschauen. Ihre Bilder, die auf der Ausstellung zu sehen sind, zeigen unter anderem fotografisch ausgeschnittene Details an der Universität zu Köln.

Ästhetik und Politik

Ein explizit politischer Hintergrund ist Arbeiten wie denen von Chris Oakley und Daniel Pflum immanent. Oakleys Videoinstallation „The Catalogue“ ähnelt einem Überwachungsvideo. Er bezieht sich auf eine Technologie, die es ermöglicht, Waren jeglicher Art elektronisch zu identifizieren. Kritisiert werden soll die Möglichkeit der absoluten Überwachung, die durch die Überschneidung von Daten im urbanen Raum möglich wird. Daniel Pflum thematisiert in seinen Werken Zeichen, mit denen wir täglich konfrontiert werden. Dabei handelt es sich um Werbelogos, die decodiert werden sollen. Pflum verwendet dazu verschiedene „Methoden“. Zum einen schneidet er in seiner Videoinstallation „Paris“ die Labels und Markenlogos der verschiedensten Firmen und Produkte in sehr rascher Abfolge und thematisch völlig unzusammenhängend aneinander. Unterlegt von Minimal-Techno, werden dann im zweiten Teil des Videos Menschenmassen gezeigt, die sich ganz im Takt der Musik durch die Stadt wälzen. Zum anderen nutzt er die Logos selbst als Medium. Indem er die Schriftzüge herausnimmt und die Logos so auf ihre graphischen Elemente reduziert, verdeutlicht er, dass diese Zeichen auch ohne eindeutige Kennzeichnung funktionieren und durch jahrelanges Einprägen von uns gelesen werden können.

Bleibender Eindruck erwünscht

Und so soll es in „Verstreute Momente der Konzentration“ nicht um ein bloßes Konsumieren der Kunstwerke gehen, sondern um einen gedanklichen Prozess, der über den Besuch der Ausstellung hinaus wirksam bleibt. „Ich erhoffe mir, dass die Besucher, wenn sie die Ausstellung verlassen, etwas mitnehmen und nicht zwei Stunden wie in einem schwarzen Loch verbracht haben“ sagt Inke Arns die Kuratorin. Diese Hoffnung ist durchaus berechtigt.

mc

Verstreute Momente der Konzentration. Urbane und digitale Räume.
Eine Ausstellung des Hartware Medien-Kunst-Vereins
14. Mai – 17. Juli, Phoenix Halle Dortmund.

Weitere Informationen: www.hmkv.de