Symposium über Diskursgesetze und Institution

Kirschentod und Politik

Das Symposium „Politik der Vorstellung“ lädt TheoretikerIn-nen und PerformerInnen vom zweiten bis vierten Juni zum Nachdenken über Theater, Theorie und Politik ein.

Eine Exekution nach Plan: Die Frau mit rot befleckter Schürze führt sie mit unbeteiligter Mine aus. Erhängt, ertränkt, durchbohrt, erschlagen oder mit Stromstößen malträtiert... – das Ende der kleinen Opfer kennt viele Variationen. Gewalttätig ist es in jedem Fall. Das vorletzte Opfer isst die Henkerin auf, das letzte landet im Massengrab bei seinesgleichen – bei eingelegten Kirschen. Death is certain lautet der Titel dieser 30 Minuten dauernden Performance, und nur der Witz der Darstellung macht den Blick auf die alltägliche Folter für kurze Zeit erträglich.

Nachdenken über Theater, Theorie und Politik

Die junge Berliner Performerin Eva Meyer-Keller nimmt mit diesem Gastspiel teil an einer internationalen Veranstaltung, zu der das Institut für Theaterwissenschaft der RUB zusammen mit dem Siemens Arts Program und dem Bochumer Schauspielhaus TheoretikerInnen und PerformerInnen ins Schauspielhaus einlädt, um darüber nachzudenken, wie das eigene Tun heute politisch werden kann. Dabei soll vor allem die Politik der eigenen Darstellung und Wahrnehmung in den Blick kommen. Jene Politik, die durch die eigene Institution, ihre Regeln, Verträge, Diskursgesetze und Techniken unmittelbar gegeben wird – die „Politik der Vorstellung“.

Sich der Macht der Medien widersetzen

Um sie geht es nicht zuletzt auch in Quizoola, einer sechs Stunden dauernden Live-Performance der britischen Gruppe „Forced Entertainment“. Sie ist in diesem Rahmen zum ersten Mal in Bochum zu sehen. Zwei als Clowns geschminkte Spieler bombardieren einander in einer Kulisse aus rot-gelbem Sackleinen mit Fragen. Ein 200 Fragen umfassender Katalog, die Fantasien der PerformerIn-nen und die Situation liefern das Material für wechselnde Themen. Mit Hilfe einer verständlichen Regel werden unvorhersehbare Effekte erzeugt, die gleichsam körperlich, als Affekt oder motorische Intervention in das geregelte Spiel hineinspielen. Zu dem, was die britischen PerformerInnen meisterlich beherrschen, gehört die Kunst, in der Vorstellung das eigene Medium, die im Aufführen selbst gegebene Handlung, hervortreten zu lassen. Wie mit dem eigenen Medium umzugehen ist, wie man sich der Macht der Medien widersetzt und was darunter überhaupt zu verstehen ist, wird auch die eingeladenen WissenschaftlerInnen beschäftigen, so etwa die AgambenSchülerin Milena Massalongo aus Verona oder den Alexander KlugeSpezialisten Rainer Stollmann (Bremen). Analyse und viel Stoff für die Diskussion darf man sich von den Beiträgen des Literaturtheoretikers und Philosophen Werner Hamacher (Frankfurt/New York/Baltimore), des AdornoSchülers Al Goergen aus Mailand und der Expertin für deutschjüdische und feministische Literatur Barbara Hahn aus Nashville versprechen. Neben den auswärtigen Gästen sind auch ExpertInnen aus Bochum mit von der Partie, so der Medienwissenschaftler Manfred Schneider, die TheaterwissenschaftlerInnen Ulrike Haß und Nikolaus Müller-Schöll sowie der Chefdramaturg und designierte Salzburger Schauspielchef Thomas Oberender.

Alexander Kerlin

Symposium „Politik der Vorstellung“
2.-4. Juni im Schauspielhaus Bochum

Nähere Informationen und Programm www.rub.de/theater/symposium