Im ersten Buch der kleinen Reihe „Widerstand und Vision“ betätigte sich Jörg Bergstedt als akribischer Datensammler und libertärer Enthüllungsjournalist, der sämtliche Umweltorganisationen und „kapitalismuskritischen“ NGOs à la Attac daraufhin durchbürstete, wie Postensicherheit, Spendenakkumulation und Etablierung als Trademark ihren eigentlichen Zweck als subversive politische Gegenkräfte längst unterlaufen hätten. Im zweiten Band der Reihe wird er grundsätzlicher und präsentiert eine streitbare, aber interessante Fundamentalopposition, die nur die eine Frage stellt: was hilft dabei, Hierachie abzubauen?
Wer sich heutzutage mit kritischen Büchern zu Kapitalismus oder Ökologie auseinandersetzt, kriegt meist die Katze im Sack. Kapitalismuskritik bedeutet da in weiten Teilen den Ruf nach einem stärkeren, „guten“ Staat, der selbstlos die entfesselten Kräfte des Marktes reguliert und korrigiert. Moderne Umweltschützer hingegen vertrauen immer öfter auf die Kräfte des Marktes und des Eigennutzes. Ökokapitalismus soll – wie etwa im Fall der handelbaren Luftverschmutzungsrechte im Kyotoprotokoll – zu mehr Ressourcenschonung führen, weil nur das gespart würde, was bare Münze kostet. Egal ob reformistische Attac-Anhänger oder radikale Anti-Imperia-listen, egal ob Vertrauen in NGOs und Großorganisationen oder grimmige Arbeit in Basisgruppen: immer wieder, so die Leitthese von Bergstedts neuem Buch – versuchen politisch engagierte Menschen den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben, indem sie soziale und ökologische Missstände mit einem „Mehr“ an Herrschaft zu bekämpfen versuchen. Mehr Staat, mehr Markt, mehr formale und informelle Hierarchien zur „Effektivierung“ der eigenen politischen Arbeit. Bergstedt selbst plädiert für einen anderen Weg und nimmt das Prinzip Herrschaft a priori ins Visier. Seine Leitunterscheidung bildet nicht das scheinbare Gegensatzpaar Reform oder Revolution, sondern die Unterscheidung von Konkurrenz und Kooperation, von Herrschaft und Herrschaftslosigkeit. Nur, wer soziale und ökologische Probleme – egal, wie dringend sie auch immer erscheinen - mit grundsätzlichen Fragen der Selbstbestimmung und Emanzipation in Verbindung bringe, könne das Problem an der Wurzel packen. Nachhaltig, modern, staatstreu? ist ein recht nüchtern geschriebenes, aber konzeptionell leidenschaftliches Plädoyer gegen das pragmatische Denken in Teilschritten und Machbarkeit und gegen die Anpassung an die als „Naturgesetz“ empfundenen Mechanismen von Markt und Staat und von Herrschaft als Prinzip, das implizit selbst noch die kleinste Basisgruppe durchziehen kann. Der stärkste Abschnitt des Buches ist dabei fast genau in der Mitte plaziert: ein historischer Abriss von 2000 Jahren Menschheitsgeschichte, der aufzeigt, dass Umweltzerstörung nicht erst seit dem Aufkommen des „Kapitalismus“ oder der „Industrialisierung“ in die Welt tritt, sondern immer schon ein Resultat von Herrschaft und Konkurrenzprinzipien war. Es gab nie ein goldenes Zeitalter und Hochkulturen fielen schon in der Vormoderne an den Folgen ihres ökologischen Raubbaus. Zugleich wird vorgebracht, dass die Orientierung an Teil-Lösungen ohne generelle Hinterfragung des Herrschaftsprinzips schon immer die favorisierte Ideologie der Weltverbesserer war und dass sie niemals zum Ziel führen konnte. Wie immer kann und wird man natürlich auch Bergstedt vorwerfen, mit seiner Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft einem Paradies im Diesseits auf Basis einer hoffnungslosen Idealisierung des Menschheitspotentials anheim zu fallen. Was dieses Buch aber im Vergleich zum üblichen linken Diskurs erfrischend und erbaulich macht, ist die klare Frontstellung gegen all die Idealisierungen von Herrschaft, Staatsmacht, heldenhaften Nationen und Volksgruppen, „erfolgreichen“ NGOs und den Kräften des Marktes, welche große Teile der Linken und der Umweltbewegung immer noch pflegen. Wer sich auf diese Schrift einlässt, muss sich - und darin ähnelt diese Herangehensweise den Analysen von Foucault - danach zum alles durchdringenden Prinzip Herrschaft irgendwie positionieren. Und wenn es dazu führt, dass man sein Selbstbild vom antiautoritären Anarchisten ein für allemal aufgeben muss.
Oliver Uschmann
Jörg Bergstedt: Nachhaltig, modern, staatstreu?
Frankfurt a.M. / London: IKO 2005.
[Widerstand und Vision Bd. 2]. 217 Seiten,
Euro 14,- www.iko-verlag.de