Wenn vom Ende des Normalarbeitsverhältnisses die Rede ist, wird zunehmend auch von prekärer werdenden Beschäftigungsverhältnissen gesprochen. Dass Prekarität in einem globalen Kontext betrachtet werden muss und auch weiter zu verstehen ist als nur als Unsicherheit eines Arbeitsverhältnisses und welche Widerstandsmöglichkeiten es gibt, wurde am vergangenen Wochenende auf der internationalen Konferenz Prekarisierung und Migration: Die Kosten rebellieren diskutiert.
Über 200 Menschen zog es von Freitag bis Sonntag in die Fachhochschule Dortmund, wo das Forum für Gewerkschaftslinke Labournet ein vielfältiges Programm auf die Beine gestellt hatte, dass eine internationale Perspektive auf das Thema Prekarisierung bieten sollte. Schon im Aufruf zur Konferenz wurden die Gemeinsamkeiten prekärer Arbeitsverhältnisse beispielhaft an verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen umrissen. Ob LagerarbeiterInnen, McDonalds-Servicekräfte, Call Center-Agents, Ich-AGs und MigrantInnen, die in deutschen Haushalten oder auf Baustellen arbeiten, gemeinsam ist ihnen, dass sie für einen Niedriglohn unter ungesicherten Bedingungen und oft ohne Existenzsicherung arbeiten. Fehlende Arbeitsrechte und fehlender Gesundheitsschutz sind Alltag in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Im Aufruf zur Konferenz wird aber auch schon auf die Verschiedenheit der Beschäftigungsverhältnisse verwiesen, so unterschieden sich diese nicht nur in ihren Bedingungen, sondern auch im Selbstverständnis, in den Perspektiven und Zielen der Beschäftigten.
Geregelte und ungeregelte Prekarisierung
Während des Eröffnungspodiums am Freitag benannte Mag Wompel von Labournet diese Unterschiede dann konkreter, indem sie z.B. zwischen geregelter und ungeregelter Prekarisierung unterschied. Unter geregelte Prekarisierung können demnach die Hartz-Konzepte und Tarifvertragsabschlüsse, die die Rechte der ArbeitnehmerInnen zugunsten einer Standortsicherung zunehmend einschränken, gefasst werden. Als ungeregelt kann dagegen Prekarisierung gelten, die noch nicht mal Regulierung unterliegt und mit Rechtlosigkeit und völliger Ungesichertheit verbunden ist.
Hagen Kopp vom antirassistischen Netzwerk kein mensch ist illegal stellte heraus, dass Prekarisierung auf die Gesamtexistenz verweist, indem sie z.B. Aufenthaltsstatus und die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit begrifflich fassen kann. Als Herausforderung formulierte Kopp, eine Definition von Prekarität zu entwickeln, die auf eine vereinheitlichende Kollektivität, im Sinne von Prekarität betrifft alle gleich, verzichtet, aber eine gemeinsame Verortung und transnationale Vernetzung umfassen kann. In der politischen Praxis bedeutet das, wie Wompel formuliert, den Versuch aus der Heterogenität einen Vorteil zu machen. Sie betonte gleichzeitig, dass es gemeinsame Forderungen geben müsse, die einen Anspruch auf das Recht auf ein würdiges Leben herausstellen und langfristig in eine bessere Gesellschaft weisen müssten. Die politische Vernetzung und die gemeinsamen Kämpfe müssten dabei unbedingt international ausgerichtet sein.
Globale Migration
Auf der Konferenz gab es hierfür eine Menge praktischer Ansätze und Möglichkeiten internationaler Vernetzung. Beim Auftakt berichtete eine türkische Gewerkschafterin über den Streik von PostarbeiterInnen in der Türkei und in mehreren Workshops am Samstag wurde über weltweite soziale Kämpfe berichtet und es konnte mit vorwiegend aus europäischen Ländern angereisten Gruppen über deren politische Arbeit diskutiert werden.
Ein Hauptfokus lag dabei auf globaler Migration und der Lebens- und Arbeitssituation von MigrantInnen in europäischen Ländern. Die feministische Gruppe Respect aus Berlin, die sich als Teil eines europaweiten Netzwerkes versteht, verdeutlichte auf dem Auftaktforum, was Prekarisierung für Migrantinnen bedeutet, die in bundesdeutschen Haushalten arbeiten. Oftmals werden diese nach Ablauf ihrer Aufenthaltsfrist illegalisiert und somit entrechtet, was von den ArbeitgeberInnen meist ausgenutzt wird, um die Arbeitskraft der Hausarbeiterinnen bis ins letzte auszubeuten. Die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit ist für die Hausarbeiterinnen oft extrem erfahrbar. In einem Workshop wurde dann vor allem über die Möglichkeiten und Praktiken der Erkämpfung von Rechten aufgezeigt. Feministische Gruppen, neben Respect die spanische Gruppe precarias a la deriva (lateinamerikanische Hausarbeiterinnen) und das Autonome Integrationszentrum für Migrantinnen (MAIZ) aus Österreich stellten ihre Arbeit vor und diskutierten u.a. die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Gewerkschaften. Im Fokus stand hier auch die Thematisierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung (wie sie in der Hausarbeit par excellence stattfindet) und des Zusammenhangs von Rassismus und Sexismus. Ganz deutlich wurde von den Vertreterinnen der Gruppen gemacht, dass es nicht darum geht, Migrantinnen als wehrlose Opfer darzustellen, sondern als handelnde Subjekte mit klaren Bedürfnissen und Ansprüchen.
Metro-Revue
Wie Prekarisierung innerhalb einer weltweiten Verwertungskette aussehen kann, wurde am Samstagabend in der Metro-Revue anschaulich demonstriert. Am Beispiel des Konzerns Metro wurde gezeigt, dass die niedrigen Preise für Obst und Gemüse in den Metro-Unternehmen durch die maximale Ausbeutung marokkanischer MigrantInnen auf südspanischen Gewächshausplantagen ermöglicht werden. Auch wurde ausführlich darüber berichtet, wie in Metro-Unternehmen der Türkei den ArbeiterInnen nicht mal eine Existenzsicherung durch ihre Arbeit ermöglicht wird und wie der türkische Staat diese Prekarisierung durch gesetzliche Mindestlöhne unter dem Existenzminimum unterstützt.
Die Perspektive auf Widerstände gegen weltweite Prekarisierung und Entrechtung, die auf der Konferenz konsequent entwickelt wurde, sollte zur vermehrten Organisierung sozialer Kämpfe ermutigen. Die Konferenz selbst stellte hierfür einen weiteren Ansatz dar, den es nun praktisch weiter zu entwickeln gilt.
Kristin Schwierz
Weitere Infos unter: http://www.labournet.de