Beitrag zur Feminismus-Debatte erschienen

Quo vadis dekonstruierte Geschlechterhierarchie?

Zwischen Konstruktion und Dekonstruktion herrscht Konfusion, so sehen es zumindest die Autorinnen des Bandes „Hand aufs dekonstruierte Herz. Verständigungsversuche in Zeiten der politisch-theoretischen Selbstabschaffung von Frauen“. Ausgangspunkt des Bandes ist die Bestandsaufnahme, dass seit Beginn der 90er Jahre marxistisch-feministische Positionen abgelöst wurden von dekonstruktivistischen und sich damit einerseits eine Veränderung in der feministischen Theoriedebatte, aber andererseits auch Konsequenzen für die politische Praxis ergeben haben.

Den Anstoß für die dekonstruktivistische Debatte gab Judith Butlers viel beachtetes Buch „Gender Trouble“, welches entscheidenden Einfluss auf die theoretische, aber auch die politische Debatte im (deutschen) Feminismus hatte. Vor allem war und ist die Position von Butler eins: umstritten. Während jüngere Frauen Butlers Positionen viel abgewinnen können, kritisieren ältere Feministinnen, dass Butlers Ansichten der „Selbstabschaffung von Frauen“ Vorschub leisten würden und jedwedes politische Handlungskonzept verunmöglichen würden.

Politische Standpunkte

Die sechs Beiträge des Buches versuchen dabei, sich mit den unterschiedlichen Konsequenzen, welche die Veränderungen in der Theoriedebatte nach sich ziehen, auseinander zu setzen. Der Blick ist dabei relativ breit gewählt, jedoch machen die Autorinnen selber zugleich immer deutlich, welche Position sie beziehen. Claudia Koppert versucht in ihrem Beitrag eine Bestandsaufnahme: Was ist erreicht worden in den letzten dreißig Jahren? Sind die Ziele, mit denen die Frauenbewegung in den siebziger Jahren angetreten ist, umgesetzt oder gezähmt und gesellschaftlich integriert worden? Im zweiten Beitrag, den man auch als Beitrag zur Generationendebatte der Frauenbewegung lesen kann, setzten sich die beiden jungen Feministinnen Patricia Purtschert und Maja Ruef mit dem Feminismus in den 90er Jahren auseinander und konstatieren, dass der Bezug auf Butler und die dekonstruktivistische Debatte eben nicht in einem unpolitischen „Anything goes“ verharren muss. Beate Selders fragt in ihrem Beitrag „Das Unbehagen mit der Transgender-Debatte“ nach den Implikationen der Butlerschen Theorie und zeichnet die Differenzen, aber auch die Anknüpfungspunkte zwischen Dekonstruktion und marxistischen Theorieströmungen nach. In den Augen von María Do Mar Castro Varela bietet die dekonstruktivistische Debatte neue Optionen, wie sie in ihrem Beitrag darlegt.

Abschließend fragt Claudia Koppert, welche Konsequenzen sich aus beiden feministischen Strömungen ergeben, wo die Anknüpfungspunkte, aber auch die Differenzen liegen. Sie kommt zu dem Schluss, dass beide Blickwinkel einander zwar nicht gänzlich ausschließen, aber dennoch schwierig zusammen zu denken sind.

Die Auseinandersetzung suchen

Wodurch sich das Buch besonders auszeichnet, ist, dass klar Stellung bezogen wird, und zwar vor allem für die politische Handlungsfähigkeit und für den politischen Anspruch, den jede feministische Debatte haben sollte. Es handelt sich bei der Aufsatzsammlung nicht um eine wissenschaftliche oder theoretische Abhandlung, sondern um Meinungen, die diskutiert werden können, sollen und müssen. Genau hierfür bilden sie eine hervorragende Grundlage, auch wenn sicherlich nicht jedem Aspekt zugestimmt werden kann. In diesem Sinne kann man den Band als Beitrag verstehen, sich kritisch, vor allem jedoch politisch mit feministischer Theorie auseinander zu setzen und damit etwas zurück zu gewinnen, was mancherorts in der aufgeregten Theoriedebatte, die tendenziell eher eine wissenschaftliche war und ist, verloren gegangen sein mag. Daneben, und das hängt mit dem ersten Aspekt zusammen, sind die Beiträge in einer Art und Weise verfasst, die leicht verständlich ist und viel aus persönlicher Sicht reflektiert. Dies macht die Beiträge oft anschlussfähig für eigene Erfahrungen, die so in einem theoretischen Kontext verortet werden können und damit nicht mehr abstrakt bleiben. Und wofür der Band bzw. die Herausgeberinnen allemal ein großes Lob verdient haben, ist der Titel des Buches, dessen Ruhm allein durch den etwas umständlichen Untertitel geschmälert wird.

vw

Claudia Koppert und Beate Selders (Hg.): Hand auf’s dekonstruierte Herz. Verständigungsversuche in Zeiten der politisch-theoretischen Selbstabschaffung von Frauen, Königstein: Ulrike Helmer Verlag 2003, 12,95 Euro.