Interview mit türkischem Menschenrechtler Haluk Gerger

Schulbank statt Lehrstuhl

Im Zuge der vom AStA veranstalteten Internationalismus-Woche war auch der türkische Politologe Haluk Gerger in Bochum. Er war bis 1982 Dozent an der Universität Ankara. Dann wurde er dort aufgrund seiner Kritik an der türkischen Regierung entlassen. Darüber hinaus ist er Mitbegründer und ehemaliger Vorsitzender der türkischen Menschenrechtsorganisation IHD. Mehrmals war er wegen seines Engagements in türkischen Gefängnissen. Im Zuge der Gastprofessur von Mesut Yilmaz interviewte die bsz Gerger und befragte ihn zur Lage in der Türkei während Yilmaz’ Amtszeit und in der derzeitigen Situation.

bsz: Herr Gerger, im Jahre 1982 wurden Sie als Dozent der Universität Ankara entlassen und gerieten später oftmals in Haft aufgrund Ihres Einsatzes für die Menschenrechte in der Türkei. Was waren die Anlässe für Ihre Entlassung und die Verhaftungen?

Haluk Gerger: Von jeher ist der türkische Staat stark vom Militär beeinflusst. Mit dem Militärputsch vom 12. September 1980 verschärfte sich diese Situation und es kam zu radikalen Umstrukturierungen in der Gesellschaft. Auch an den Universitäten kam es zu zahlreichen Entlassungen von linksliberalen, demokratischen oder kommunistischen DozentInnen. Fast alle Kräfte, die sich für den Frieden im Land einsetzten, fielen diesen „Säuberungen“ zum Opfer. Vom Krieg gegen die PKK und andere kurdische Gruppen wurde auch die gesamte türkische Gesellschaft erfasst. Element dieses Krieges war vor allem Folter und Mord an der kurdischen Bevölkerung. Auf der anderen Seite bewirkten der Einfluss des Militärs und eine chauvinistische Ideologie, dass die türkische Bevölkerung abhängig von Gewalt wurde und demokratische Werte zerstört wurden. Die Forderung nach Frieden oder Demokratie galt als Vaterlandsverrat oder terroristisch. Da ich mich genau dafür einsetzte wurde ich von der Universität entlassen und später inhaftiert.

bsz: Wie Sie wissen, befindet sich zur Zeit der ehemalige türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz als Gastprofessor an der Universität hier in Bochum. Wie würden Sie die Menschenrechtssituation während seiner Amtszeiten (es waren insgesamt drei, Anm. d. Red.) beschreiben?

Haluk Gerger: Yilmaz ist mit dem Militärputsch in die Politik gekommen, d.h. er ist ein Produkt dieses Putsches. Ziel seiner Partei (Mutterlandspartei, Anm. d. Red.) ist es, auch bei einem Rückzug des Militärs aus den politischen Entscheidungsfeldern, dessen Macht und dessen Strukturen zu erhalten. Die Macht der Militärs sollte also institutionalisiert werden. In seiner Zeit wurde der Kampf gegen die KurdInnen intensiviert. Auch die Menschenrechtsverletzungen gegenüber der türkischen Linken nahmen zu und es kam wiederholt zu Folter, Verschwindenlassen von Personen oder Todesstrafen ohne vorherige Gerichtsverhandlung. Darüber hinaus weitete sich unter Yilmaz die Korruption stark aus.

Im übrigen ist Yilmaz aber nur ein zweit- bis drittklassiger Politiker. Als er abgewählt wurde, gelang ihm noch nicht einmal der Wiedereinzug ins türkische Parlament.

bsz: In wie weit halten Sie eine der Forderungen der Menschen, die gegen die Gastprofessur von Yilmaz protestieren, diesen auf die Anklagebank statt auf einen Lehrstuhl zu setzen, für legitim?

Haluk Gerger: Yilmaz ist, neben anderen Bürokrat-Innen und Teilen des Staatsapparates, mitverantwortlich für die Zerstörung von 4.000 kurdischen Dörfern, dem Mord an etwa 26.000 Personen und 30.000 Opfern im Krieg gegen die KurdInnen. Mehr als 1.000 MörderInnen wurde bis heute kein Prozess gemacht. Gegen die Personen, die andere Menschen zu Tausenden gefoltert haben, ist bis heute nichts unternommen worden. Da Yilmaz für dieses schreckliche Bild der Gewalt mitverantwortlich ist, sollte er diese Verantwortung auch tragen.

Somit erschreckt und verbittert es mich umso mehr, dass Yilmaz von einer deutschen Hochschule als Gastprofessor eingeladen wurde. Durch drei Lehraufträge, die ich hier in der Bundesrepublik wahrnehmen konnte, kenne ich die wissenschaftliche Landschaft Deutschlands recht gut. Bisher hatte ich ein gutes Bild von der Unabhängigkeit und Objektivität der deutschen WissenschaftlerInnen. Umso größer ist meine Verärgerung über die Einladung an Yilmaz.

bsz: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die bundesrepublikanische Regierung in den Konflikten in der Türkei?

Haluk Gerger: Sowohl die Regierung der Bundesrepublik als auch die anderen europäischen Staaten und die USA spielen eine doppelte Rolle in diesem Konflikt. Einerseits fordern sie die Einhaltung der Menschenrechte seitens der Türkei. Andererseits unterstützen sie den Krieg der türkischen Regierung mit Waffenlieferungen und Wirtschaftsinvestitionen. Somit spielen sie eine paradoxe Rolle. Ihre Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte haben ihr Fundament verloren und sie wirken unglaubwürdig.

bsz: Herr Yilmaz betont während seines Aufenthaltes in Bochum wiederholt, in der Türkei seien viele Gesetze und auch die Verfassung geändert worden. Diese Änderungen würden die Türkei auf den Weg der Demokratisierung bringen. Wie schätzen Sie dies ein?

Haluk Gerger: Diese Veränderungen sind leider nur kosmetische. Die Gesetzesnovellierungen werden nur aufgrund des internationalen Drucks durchgeführt, nicht aufgrund von Forderungen der türkischen Bevölkerung. Die Änderungen gelangen nicht in das Bewusstsein der Menschen. Trotz der Änderungen ist die Presse weiter unterdrückt und es kommt zu Menschenrechtsverletzungen. Somit dienen diese Worte von Yilmaz auch nur seinem Anliegen, nach außen Eindruck zu machen. Auch er ist immer noch den alten Gedanken und Ideologien verhaftet. Dies sieht man beispielsweise auch daran, dass er die Protestiereden an der Ruhr-Uni kollektiv als TerroristInnen und PKK-SympathisantInnen verunglimpft. Anstatt Gesetze zu ändern, sollte er seinen Kopf ändern und anstatt Unterricht zu geben, sollte er selber Unterricht in Sachen Menschenrechte nehmen.

bsz: Sehen sie für die Zukunft noch Hoffnung auf eine Demokratisierung in der Türkei?

Haluk Gerek: Wenn es eine Hoffnung gibt, dann liegt diese in allen Menschen, die in der Türkei leben. Eine Demokratisierung kann es nur aus einer inneren Dynamik heraus geben. Die Menschen müssen diese Entwicklung selber machen. Yilamz und andere blockieren diese Entwicklung. Die Hoffnung liegt in den Leuten, die die Hoffnung nicht aufgeben, und nicht in der internationalen Staatengemeinschaft. Zu diesen Leuten zähle ich im übrigen auch. Intellektuelle, GewerkschafterInnen, Studierende und alle progressiven Menschen auf der ganzen Welt. All diese Personen sind unsere Partner im Kampf für eine demokratische Türkei.

bsz: Wir bedanken uns sehr herzlich für dieses Interview.

wc, Ferhad Baran und Murad Piran.


Aufstand im Iran

Studistreiks in Teheran

Laut offiziellen Quellen gingen am Dienstag, dem 10. Juni 2003 in Teheran die Studentinnen und Studenten auf die Straßen, um gegen die Privatisierung der Universitäten zu protestieren.

Die Proteste verstärkten sich während der folgenden Tage immer mehr und haben sich zu politischen und Anti-Regierungs-Demonstrationen entwickelt. Tausende von Menschen in Teheran schlossen sich den Studentinnen und Studenten an und demonstrierten gemeinsam. Laut letzten Informationen halten diese Demonstrationen an. Weiter gab es spontane Proteste in den Städten Shiraz, Ishafan und Ayvaz.

StudentInnen demonstrieren

Viele Studentinnen und Studenten wurden von den „Sicherheits-Organen“ der Regierung, meistens durch islamische Zivilpersonen, die von der Regierung angeheuert und unterstützt werden („Ansar“), brutal zusammengeschlagen, Dutzende wurden festgenommen. Die StudentInnenwohnheime im Uni-Viertel in Teheran wurden von diesen „Ansar“, die mit Knüppeln, Tränengas und Ketten bewaffnet waren, gestürmt. Sie haben auch die Demonstrantinnen und Demonstranten auf der Straße verprügelt und verletzt, zum Teil festgenommen und vernommen. Die StudentInnen und andere Menschen, die zur Unterstützung derselben auf die Straße gekommen waren, verteidigten sich und versuchten, diese brutalen Attacken nicht unbeantwortet zu lassen.

Widerstand der ArbeiterInnen

Am Montag, dem 16. Juni demonstrierten zusätzlich die Textilarbeiterinnen und -arbeiter in der Stadt Behshahr im Norden Irans. Auch diese Demonstration wurde von vielen Einwohner-innen und Einwohnern unterstützt. Die ArbeiterInnen und DemonstrantInnen versammelten sich vor dem Rathaus der Stadt und forderten, dass der Bürgermeister sich zeigt und ihren Forderungen nachkommt. Die ArbeiterInnen verlangten die sofortige Auszahlung ihrer seit 27 Monaten nicht bezahlten Löhne.

Nur ein Brief statt Löhnen?

Nachdem der Bürgermeister und andere Verantwortliche der Regierung sich den ArbeiterInnen und den Menschen auf der Straße nicht stellen wollten, bewarfen die DemonstrantInnen das Rathaus mit Steinen und Fenster wurden zerbrochen. Diese Demo dauerte bis zum späten Abend an, die Atmosphäre in der Stadt bleibt weiterhin sehr angespannt. Der Bürgermeister von Behshahr ließ durch einen Brief angekündigen, dass der Lohn der ArbeiterInnen für einen Monat bezahlt werde, der Rest werde bald folgen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die schon immer leere Versprechen bekommen haben, haben angekündgt, ihren Kampf so lange fortzusetzen, bis alle Löhne bezahlt und alle Forderungen umgesetzt werden.

Die Proteste der letzten Tage und Wochen sind Ausdruck des Protestes und Kampfes der Menschen im Iran gegen ihre miserablen Lebensbedingungen und die jetzige Regierung. Die Menschen kämpfen oft schon seit 24 Jahren gegen deren menschenfeindliche Politik. Sie verdienen die Unterstützung aller freiheitsliebenden Menschen, Parteien und Organisationen.


Kurzmeldungen

Aktion Notbremse: Verfahren eingestellt

Beim letzten Nazi-Aufmarsch am 22. Februar versuchte die Polizei den direkten Protest gegen die Nazis zu unterbinden. Sie veranlasste u.a., dass eine S-Bahn mit DemonstrantInnen nicht am Sammelpunkt der Nazis, dem S-Bahnhof Langendreer-West, halten sollte. Die Polizeistrategie war voraussehbar. Punktgenau auf dem Gleis in Langendreer-West wurde die Notbremse gezogen und die geplante Sitzblockade konnte stattfinden. Ein Demonstrant wurde von der Polizei beschuldigt, die Notbremse betätigt zu haben. Das Verfahren gegen ihn wurde jetzt gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 400 Euro eingestellt. Das Bochumer Friedensplenum ruft in diesem Zusammenhang zu Spenden auf: Stadtsparkasse Bochum – BLZ 43050001 – Kontonummer 1394709. Stichwort Notbremse.

KartoffelhasserInnen

Die TU München plant nicht nur wirre Experimente mit Studiengebühren ab dem ersten Semester; sie baut auch Kartoffeln an. Gentechnisch manipulierte, auf einem „Versuchsfeld“. Aber nicht etwa isoliert, sondern unter freiem Himmel. Das wird von UmweltschützerInnen immer wieder kritisiert und wurde es auch in diesem Fall. Schließlich sind die Risiken einer unkontrollierten Verbreitung nicht abzusehen. Genehmigt wurde der Freisetzungsversuch trotzdem, von Verbraucherschutzministerin Künast. Nun können UmweltschüzterInnen mit ihren Forderungen ja vor den verschlossenen Türen grüner PolitikerInnen Wurzeln schlagen – die bayrischen Genkartoffeln konnten es nicht. Am 24. Juni haben Unbekannte sie herausgerissen. Die Polizei beziffert den Schaden auf 10.000 Euro.

Wahlen in NRW

In der letzten Woche haben einige Studierendenschaften in NRW ein neues Studierendenparlament gewählt, so geschehen an der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf, außerdem in Duisburg/Essen und Dortmund. Die 17 Sitze in Düsseldorf verteilen sich dabei folgendermaßen: MSB Spartakus sechs Sitze, Jusos vier Sitze, Neue Fortuna Liste ein Sitz, RCDS vier Sitze, Internationale Unabhängige Liste ein Sitz und die LHG erhielt auch einen Sitz. Die Wahlbeteiligung in Düsseldorf sank um knapp zwei Prozent auf 9,25 Prozent.

In Dortmund verteilen sich die Sitze des neuen Studierendenparlaments wie folgt: Uni Dortmund: Alternative Liste: 9 Sitze, Anwesenheitsliste (Fachschaften): 8 Sitze, LSD (Liberale): 8 Sitze, ÖDS (Ökos): 5 Sitze, IDL:5 Sitze, Jusos:4 Sitze, Internationale Liste:4 Sitze, Linke Liste: 2 Sitze und DSB: 1 Sitz.

Bei gerade mal acht Prozent lag die Wahlbeteiligung in Duisburg/Essen, die erstmals gemeinsam ein Studierendenparlament wählten, und auch die Ergebnisse sind schlimmer: Satte zwölf von 37 Sitzen strich der RCDS für sich ein. Genützt hat ihnen das jedoch nichts, wegen Unregelmäßigkeiten bei der Wahlauszählung wird die Wahl wiederholt, weswegen wir uns an dieser Stelle auch die übrigen Ergebnisse sparen.

Welche Koalitionen sich aus diesen Ergebnissen ergeben, darüber wird die bsz berichten.

Bochumer Zustände

Aus einer Mitteilung der Bochumer Polizei: „In der Nacht zu Dienstag, gegen 00.40 Uhr, nahmen Beamte der Polizeiinspektion Mitte auf dem Buddenbergplatz, am Südausgang des Hauptbahnhofes, einen 23-jährigen Bochumer fest, der zuvor grundlos zwei Obdachlose angegriffen hatte. Der Beschuldigte hatte die beiden 33 und 49 Jahre alten Geschädigten zunächst beleidigt. Anschließend war es zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit den Nichtsesshaften gekommen, in deren Verlauf der Täter auch zwei leere Bierflaschen auf eines der Opfer warf. Der 23-Jährige, der bereits mehrfach als Gewalttäter in Erscheinung getreten war, äußerte ferner nationalsozialistische Parolen. Er wurde in das Polizeigewahrsam gebracht. Die weiteren Ermittlungen in diesem Fall dauern an.“

Wünsche werden doch nicht wahr

Metrorapid nun für immer abgehoben

Nach langer Schwindsucht ist er verschieden, der Metrorapid ist tot. Nachdem schon mal das eine oder andere Milliönchen in den Planungen des Metrorapids versumpft ist, trennt sich die NRW-SPD nun von ihrem Prestigeobjekt. Schöner wäre es vielleicht nur noch, wenn sich NRW von der SPD trennt. Industrie und Landesregierung schustern sich schon gegenseitig den schwarzen Peter zu, wer nun Schuld ist, dass der Transrapid nun erstmal nur in Bayern fahren soll.

Die Industrie „bedauert“ die Entscheidung und stellt sie als politische dar, während die Landesregierung, genauer unsere so geliebte SPD, sich über fehlendes Finanzierungsengagement der Industrie beklagt. Und auch der Bund ist nicht ganz unschuldig an der Sache, schließlich hätten auch von der Bundesregierung Finanzzusagen gefehlt. Naja, wie auch immer, wir müssen uns wohl darauf einstellen, dass die Bahnfahrt von Dortmund nach Düsseldorf fahrplanmäßig (d.h. also rein theoretisch) auch weiterhin 53 Minuten dauern wird, anstelle von angepeilten 37 Minuten.

Wie günstig für die SPD, dass zur Zeit Krisengespräche mit den Grünen stattfinden und somit der längst überfällige Metrorapidausstieg als Bonbon für die von uns mindestens ebenso geliebten Grünen gilt. Günstig ist nicht nur der Zeitpunkt, zu dem Herr Steinbrück das Projekt Metrorapid einstampft, viel günstiger ist noch die Größe des Brockens, den die SPD damit den Grünen hinschmeißen kann. Man müsse sich gegen das Wünschenswerte und für das Mögliche entscheiden, so Peer Steinbrück, den man nun wohl Peer Teer nennen darf, so wie er den Autobahnbau voran treibt. Schließlich müssen auch die Grünen einen Schritt in die Richung der SPD machen und denen was geben.

Und wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn

Damit lässt sich jetzt vielleicht der eine oder andere Flughafenausbau bei den Grünen durchsetzen. Oder vielleicht auch ein paar Kilometer Autobahn, wie beispielsweise die sogenannte „Opelspange„ von Dortmund über Bochum nach Düsseldorf. Bleibt einzig offen, was denn nun mit dem Kohlepfennig passiert. Dass die Stimmung in NRW nach Steinbrücks Ankündigungen wieder gestiegen ist, und sowohl die Grünen als auch die SPD wieder „zuversichtlich„ sind, ihre Ehekrise in den Griff zu bekommen, liegt auf der Hand. Wie sollte es auch anders sein, wenn die SPD gleich die ganze Hand gibt, während die Grünen doch vermutlich schon mit dem kleinen Finger zufrieden gewesen wären.

Auch, wenn das Kriegsbeil noch nicht endgültig begraben ist, stehen die Zeichen also nicht mehr ganz so auf Sturm. Das mit dem Metrorapid, so Bärbel Höhn, sei schon eine „gute Lösung.“ Was die FDP gleich dazu veranlasst hat, sich beleidigt in die Ecke zu verkriechen und zu erklären, dass es ohne Metrorapid auch keine Koalition mit den GenossInnen aus Düsseldorf geben werde.

Metro-S-Bahn statt Metrorapid

Als Ersatz für den Metrorapid soll es jetzt die von Umwelt- und Verkehrsverbänden schon lange geforderte „Metro- S-Bahn“ geben, allerdings existiert die zur Zeit nur als Worthülse. Vielen wäre bestimmt geholfen, wenn nur der RE zwischen Dortmund und Düsseldorf alle zehn Minuten fahren würde. Aber das wäre wahrscheinlich zu wenig Prestige und zu wenige Planungsgelder könnten unter den „Begünstigten“ der doch so gar nicht geliebten SPD verteilt werden. Außerdem würden die Sozis somit den eigenen Nahverkehrskonzepten für das Ruhrgebiet aus den 70ern gerecht, das geht nun wirklich nicht.

Stattdessen kommt man gleich lieber wieder vom Regen in die Traufe. Steinbrück und die NRW-SPD haben nämlich nicht nur entschieden, den Metrorapid nicht, die Metro-S-Bahn dafür jedoch sehr wohl zu bauen, sondern zugleich auch den Herren Schröder und Stolpe die Zusage aus dem Kreuz geleiert, 1,7 Milliarden Euro für das neue Lieblingsprojekt locker zu machen.

Schade ist nur, dass niemand mehr nach den Milliönchen fragt, die bei der landeseigenen „Projekt Ruhr GmbH“ für die Bewerbung des Magnetwahnsinns im Waschmittelstil gelandet sind. Delikat dabei: Der sonst doch etwas pingelige Landesrechnungshof vergisst bei der Überprüfung der Werbeagentur schlichtweg den Punkt Metrorapid.

Wunsch und Wirklichkeit

Wo wir übrigens gerade schon beim Wünschenswerten bzw. Möglichen waren: Jetzt, wo der Metrorapid nicht mehr ist und auch nicht sein wird, ist es doch möglich, dass das Wünschenswerte vielleicht doch wieder möglich wird. Wünschenswert wäre es nämlich, wenn es keine Studiengebühren, Studienkonten, Zu-spät-zurückgemeldet-Gebühren, Studiausweis-verloren-Gebühren und sonstigen Schwachsinn gäbe. Ob das wohl möglich wird, jetzt, wo es keinen Metrorapid mehr gibt und höchstens noch in Bayern geben wird (wo er natürlich nicht Metro-, sondern Transrapid heißen wird)? Also mal sehen, wann und ob Bayern vielleicht auch noch zur Vernunft kommt (falls das überhaupt möglich und nicht nur wünschenswert ist …).

Markus Brüne
(AStA-Referat für Ökologie) und vw


Blur: Think Tank-Ideenfabrik

Neues von der Insel

Vor einem Jahr wurde der Britpop an sich von der Intro für tot erklärt: Britpop, so die These, sei nur noch was für die ewig Gestrigen, die, die nichts Neues mögen. Dummerweise kommt das Blatt damit nun in eine Erklärungsnot, wo in den letzen drei Monaten doch gerade drei neue Britpop-Alben erschienen sind oder zumindest Alben von Bands, die in den 90er Jahren zur ersten Riege der britischen Popszene gezählt wurden. Denn sowohl Blur als auch Placebo und Radiohead haben gerade neue Platten herausgebracht (die in der Intro natürlich auch hochgejubelt werden …)

Was Blur angeht, so hat die Intro mit ihrer Lobhudelei auch durchaus recht. Recht haben mögen sie sogar mit ihrer These vom Tod des Britpop: Das liegt aber eher daran, dass es sich um eine äußerst dämliche Methode handelt, Musik mit einem Label zu belegen, nur weil die Bands alle aus demselben Land kommen. Insofern macht die Intro damit nichts anderes, als ein Etikett, an dem sie selber nicht ganz unschuldig ist, nun schön abzuknibbeln. Es ist zwar nun schwerer, die oben genannten Bands in Schemata zu pressen, das macht es aber deswegen noch längst nicht langweiliger, ihnen zuzuhören. Gleichzeitig heißt das auch, dass sich Blur weiter entwickelt haben, innovativer und mutiger geworden sind und neue Wege gehen und sich nicht mehr nur einfach in die Gitarrenpop-Ecke stecken lassen.

Ideenfabrik

Aber wie sollen sie auch, wenn sie nicht mal einen Gitarristen haben? Nachdem Gitarrist Graham Coxon im letzten Herbst während der Aufnahmen zum neuen, mittlerweile siebten Album die Band verlassen hat und Blur zum Trio zusammengeschrumpft sind, mochten manche befürchten, dass weniger Gitarre die Sache nicht besser macht. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Statt auf Gitarren setzen Blur nun auf Elektronik und Sequenzer und schaffen es so, zugleich vertraut und doch neu zu klingen. Begleitet wird das Ganze nicht nur von mehr Groove und Dynamik, sondern auch von immer neuen Hörerlebnissen, weil die Songs längst nicht mehr so einfach gestrickt sind wie noch vor einigen Jahren und Platten. Mit Think Tank knüpfen Blur an die bereits im 1999 veröffentlichten Album 13 gezeigte Experimentierfreude an: Für die Aufnahmen zu Think Tank verfrachtete Damon Albarn seine Band kurzerhand nach Marokko, um dort verschiedene Tracks mit marokkanischen MusikerInnen einzuspielen. Dies ist jedoch kein Anlass, deswegen gleich von Weltmusik zu reden, wie dies in manchen Rezensionen der Fall ist. Die marokkanischen Einflüsse finden sich diskret im Hintergrund und umfließen die Musik, anstatt sie zu dominieren. Was das Album stattdessen auszeichnet, ist, wie sollte es auch anders sein, die dominante Stimme von Damon Albarn. In jedem Fall trifft der Titel das, was eineN erwartet: Neues statt dem ewig Gestrigen, um das Bild von Tod des Britpop ein wenig überzustrapazieren. Da hilft es auch nur wenig, dass es sich bei dem Label „Britpop“ nicht um eine Selbstbeschreibung der Bands, sondern vielmehr um ein von der Musikindustrie gewähltes handelt.

I ain’t got nothing to be scared of

Eins zeichnet die Musik der Jungs aus England dennoch nach wie vor aus und macht sie in den Augen der Verfasserin dieses Artikels in jedem Fall zur Siegerin der wohl bis in alle Ewigkeit andauernden Rivalität mit Oasis: Blur sind nach wie vor abwechslungsreich und waren es auch immer. Der Meinung war ich jedoch auch schon, als ich noch gar nichts von der „hochsterilisierten" (Bruno Labadia) Rivalität zwischen beiden wusste und mein Wissen über Musik sich auf die kleine Welt von MTV 120 Minutes beschränkte.

Und für die, die es noch nicht bemerkt oder sonst wo gelesen haben: Das Album hat auch einen Hidden Track namens „White Noise", der nicht, wie sonst so oft üblich, am Ende des Albums versteckt ist, sondern gehört werden kann, wenn man den ersten Track zurückspult. Der Song hätte sich auf dem Soundtrack von Trainspotting übrigens bestens gemacht …

vw

Blur: Think Tank, EMI 2003


AStA bringt studentische Kultur auf die Bühne

Sommernachtskultur

Vom 7.-10. Juli findet zum dritten Male rund um das Kulturcafé auf dem Bochumer Uni-Campus das studentische Kulturfestival Sommernachtskultur statt. Das AStA-Kulturreferat hat für die vier Tage ein buntes Programm aus Film, Konzerten, Theater und Party zusammengestellt. Viele der beteiligten Künstlerinnen und Künstler sind – wie auch die VeranstalterInnen – selbst noch Studierende. Mit der Sommernachtskultur will der AStA in Kooperation mit boSKop auch eine Alternative zum Campusfest anbieten, auf dem studentische Kultur nur noch am Rande Platz hatte.

Das Festival ist aufgeteilt in vier thematische Tage: Montag ist der Tag des Bildes. Wie der Name schon sagt, werden hier die visuellen Reize stimuliert. Aber das ist noch lange nicht alles, denn obwohl ein Stummfilm gezeigt wird, wird es auch etwas auf die Ohren geben. Zum ersten mal wird im Kulturcafé ein Film mit Livemusik begleitet. Musiker sind Alex Morsey am Kontrabass, Axel Knappmeyer am Saxophon und Olaf Schneider am Klavier.

Ab 20 Uhr darf man gespannt sein auf diese Symbiose aus alten Schwarzweissbildern und jazzigen Liveklängen bei entspannter Sofaathmosphäre im Kulturcafé und kann vielleicht ein bisschen davon spüren, wie es früher war ins Kino zu gehen, als es noch keinen Tonfilm gab und diese deshalb immer live begleitet wurden.

Bewegung am Dienstag

Dienstag ist der Tag der Bewegung. Auf der Bühne bewegen werden sich an diesem Abend die „Die Hottenlotten“ aus Bochum. Die Hottenlotten haben sich bei einem Improkurs an der RUB gefunden und zeigen Improvisationstheater vom Feinsten. Seit nunmehr zehn Jahren zeigen sie improvisierte szenische Gestaltung auf Publikumszuruf bis die Lachmuskeln schlapp machen. Die Akteure spielen ungeprobte Szenen, die sie sich vom Publikum vorgeben lassen und entwickeln daraus direkt auf der Bühne rasante, absurde und zum Biegen komische Geschichten, um deren Nicht-Wiederholbarkeit die immer größer werdende Schar der Impro-Maniacs im Ruhrgebiet oftmals trauert.

Austausch am Mittwoch

Am Mittwoch wird beim Tag des Austausches die Bühne für noch unbekannte Talente offen stehen. Es soll eine Mischung der verschiedenen Open-Stage-Konzepte sein: Comedy oder Performance, aber auch Poetry Slam soll seinen Platz haben. Als multimediale Komponente wird es auch Video Slam geben. Wer also schon immer mal im Rampenlicht stehen wollte, hat am Mittwoch ab 20 Uhr seine/ihre Chance. Mehr Infos und Anmeldungen unter 0234-32-25159 oder in Raum SH09 (AStA-Kulturreferat).

Am Donnerstag heißt es dann beim Tag des Tones zum ersten Mal: „Sommernachtskultur goes Gassi“. Was oft schon geplant war, Teile der Sommernachtskultur draußen stattfinden zu lassen, wird dieses Jahr endlich wahr: Die Endausscheidung des Bochumer Newcomerfestivals findet an der frischen Luft vor dem Kulturcafé statt. Ab 19 Uhr werden die vier Gewinner der zwei Vorausscheidungen um die Gunst des Publikums und der Jury kämpfen. Nachdem das Campusfest in diesem Jahr nicht stattfindet, hat das Newcomerfestival bei der Sommernachtskultur eine neue Heimat gefunden. Ab 22 Uhr geht’s dann im Kulturcafé weiter mit einem Topact, danach wird dann bei Tanzmusik noch kräftig gefeiert, bevor die dritte Sommernachtskultur um vier Uhr ihre Pforten schließt.

Mark Högn
(AStA Referat für Kultur und Sport)


The Bard’s Tale III: P2P nach Verizon

Argh! It’s the well-known Pirate-Hunter

Den Barden, der übers Land zieht und in Versen über aktuelle Ereignisse berichtet, gibt’s nich mehr. Neben dem Bedürfnis nach genauerer Information als er sie liefern kann oder will, hat allein die technische Entwicklung (Buchdruck, Radio, Internet) seinen Beruf überflüssig gemacht.

Ähnliches droht heute bekanntlich der Content-Industrie, der der gewissenlose Diebstahl über File-Sharing-Programme das letzte Hemd auszieht. Vor gerade einmal 11/2 Monaten (bsz Nr. 597 vom 14. Mai) mussten wir hier über die 60 Mrd.-Dollar-Klage gegen vier amerikanische Studenten berichten und prognostizierten, dass es hierzulande noch etwas dauern würde, bis Bertelsmann und Co. wahllos Leute verklagen. Wohl bis zum Herbst.

Aber wie üblich von Anfang an. Warum gibt es überhaupt Breitband-Internet (z.B. T-DSL) für EndverbraucherInnen? Für die viel beschworenen Wunder der neuen Wissensgesellschaft wie e-Mail oder Online-Shopping reichten die vorhandenen Netze eigentlich aus, selbst Online-SpielerInnen sind mit ISDN oft besser bedient (X-Box und PS2 mal ausgenommen). Über die dicken Leitungen sollen halt dick „Inhalte“ verkauft werden: Online-Video (Sex war schon immer der Internet-Markt überhaupt), Live-Übertragungen von Konzerten oder Sport-Ereignissen, Computerspiele mieten, im Online-Shop das neue Sofa in einer 3D-Ansicht sehen etc.

Dass dieses „Breitband-Bezahl-Internet“ gefloppt ist, liegt neben der gleichzeitigen Existenz eines ähnlich guten „Umsonst-Internets“ sicher auch an der meist miserablen Qualität der Bezahl-Inhalte (das allein nach den heiligen Gesetzen des freien Marktes). Da passt es der Industrie (bzw. den armen Newcomer-SongwriterInnen und Tonstudio-Putzkräften) natürlich nicht, wenn jemand ihre Produkte umsonst im Internet zur Verfügung stellt. Diese illegale genutzten File-Sharing-Dienste (P2P = Peer-to-Peer; User zu UserIn, kein zentraler Server, keine zentrale Kontrolle), die in der technischen Umsetzung, Lieder auch finden und auch downloaden können, den kommerziellen Anbietern meist überlegen sind, sind angeblich allein für Umsatzeinbußen, Gewinnrückgang, Entlassungen und weniger Förderung für neue „Talente“ verantwortlich.

Diese Argumentation ist aus mehreren Gründen zweifelhaft, hier allerdings soll es nur um den einen unstrittigen Punkt gehen, dass die maßgeblich von Lobby-Verbänden mitgestalteten neuen Copyright-Gesetze File-Sharing (endgültig) illegal machen sollen.

In den USA mit dem Digital Millenium Copyright Act (DMCA) und nachfolgenden Gesetzen schon etwas länger, in Deutschland mit der gerade durchgezogenen (bsz Nr. 594) und der im Herbst anstehenden Reform des „Urheberrechts in der Informationsgesellschaft“ im Rücken, setzen die Interessenverbände der Phonoindustrie nun alles daran ihr Recht auch durchzusetzen.

Wer wird der Superpirat?

Die Klage gegen die vier Studenten war nur Teil einer Kampagne, in deren nächstem Schritt die Recording Industry Association of America (RIAA) im Moment angeblich Daten über Hunderte oder Tausende von UserInnen sammelt, die einen „substantial amount“ von Songs anbieten. Diese sollen innerhalb der nächsten Monate „zur Abschreckung“ verklagt werden, wie gehabt auf 150.000 U.S.-Dollar Schadenersatz pro angebotenem Song. Was genau ein „substantial amount“ ist, sagt die RIAA absichtlich nicht, will sie doch so viele wie möglich der durchschnittlich 4.500.000 UserInnen (allein auf KaZaA) verunsichern. Am Tag der Bekanntgabe dieses Plans sank die NutzerInnen-Zahl der beliebtesten Dienste prompt kurz ab, ist aber inzwischen wieder auf gewohntem Wachstumskurs. Was genau die amerikanischen MusikliebhaberInnen von der RIAA da noch zu erwarten haben, lässt sich schwer abschätzen.

Vitaliengeschwister Obacht!

In Deutschland ist Gnadenfrist bis Herbst, bis die umstrittene Gesetzesreform wohl durchgesetzt ist. Das Medienecho nutzend hat der deutsche Industrieverband für den Herbst schon ähnliche Massenklagen angekündigt. Auch hier lässt sich kaum sagen, was daraus wird.

Qualifizierte Prognosen sehen im Moment am ehesten professionelle und semi-professionelle File-Sharer in Gefahr, die über Uni- oder Firmenanschlüsse systematisch oder massenhaft Songs anbieten oder zur Verfügung stellen. Gut 90% aller NutzerInnen von Tauschbörsen laden nur selten und wenige Songs runter, stellen meist nur wenige ihrer Dateien zur Verfügung. Diesen wollen die Lobby-Verbände zwar Angst machen (Angst verkauft CDs), verklagen werden sie sie (hoffentlich) erstmal nicht.

Und wenn doch? Technisch sind die neuesten P2P-Tools bereits in der Lage, das File-Sharen komplett zu anonymisieren, jeden Versuch, die NutzerIn zu verklagen, erheblich zu erschweren oder ganz unmöglich zu machen. Falls die etablierten Programme (KaZaA, Grokster, eMule) zu „unsicher“ werden, könnte es sein, dass die Leute einfach das Programm wechseln. Diese etablierten Programme, die die absolute Mehrzahl aller NutzerInnen auf sich vereinigen, werden vorraussichtlich auch das erste Ziel sein.

Neben der unbestreitbar extrem praktischen und angenehmen Funktion, umsonst, aktuell und umfassend Musik, Filme, ja fast alle digitalen und digitalisierbaren Medien zur Verfügung zu haben, sind P2P-Programme aber auch an sich eine faszinierende und vielversprechende technische Entwicklung. Dass die Möglichkeit, ohne zentrale Server (und damit Kontrollmöglichkeit) Daten, also auch Informationen und Nachrichten, austauschen zu können, heutzutage so sinnvoll ist wie eh und jeh (dank Digi-Cams vielleicht sogar ein bisschen sinnvoller), zeigt nicht nur der letzte bzw. aktuelle Krieg. Dass diese alternativen Medien meist allerdings niemand zur Kenntnis nimmt zeigt wiederum der vorletzte (Kosovo).

Mit ihren Angriffen auf illegales und unrechtes File-Sharing setzt nun die Industrie auch zum Angriff auf diese neue Technologie an. Das wird allerdings eher nicht klappen. Die bsz bleibt sicherheitshalber aber mal am Thema dran.

dek


bsz Jobbörse

Gerichtshocker

Es bestehen die größten strukturellen Analogien zwischen einem/r FacharbeiterIn an Fließbändern und juristischen FacharbeiterInnen im Fernsehen. Wo die einen immer die selben Schrauben oder Schweißnähte an Autos, Waschmaschinen oder Handys anbringen, fertigen die anderen immer die selben Sentenzen und Dia- oder Monologe über übermäßigen Alkoholkonsum, ungelenke Tretübungen an MitbürgerInnen und vermutlich auch Samenraub an.

Unterschiede existieren nur in der gesellschaftlichen Akzeptanz und Resonanz auf die Verschraubung von Paragraphen oder Telefonen. Unnötiger noch als der Job einer Barbara Salesch aber ist der ihrer FernsehzuschauerInnen. Das meint nicht die Menschen, die beim Bügeln oder Kiffen sogenannte Gerichtssendungen schauen, sondern all jene, die ohne Zwang von Berufs wegen bei diesen Sendungen im improvisierten Gerichtssaal sitzen. Unbeantwortet ist bis heute die Frage, ob diese Leute eine extra Ausbildung machen müssen, bevor sie diesen Job ausführen dürfen. Vermutlich ist dies aber von Nöten.

Denn welcher Mensch könnte schon das immer selbe miesepetrige Gesicht aufsetzen, wenn sich das folgende Familiendrama abspielt: A ist mit B liiert und sie besitzen eine Wohnung und vermeintlich auch ein Kind. Mit im Haus wohnt die Verdächtige C, die früher mit A zusammen war und ihn „irgendwie immer noch will“ (O-Ton C). Sie wird verdächtigt, mit einer Perücke bewaffnet A in ihrer Wohnung aufgelauert und ihr Säure ins Gesicht gekippt zu haben. Durch Zeugenvernehmung wird C überführt. Doch am Ende kommt dann noch ein weiterer Clou. C fällt, natürlich rein zufällig, ein Vaterschaftstest aus der Tasche. Dort steht, dass nicht A der Vater des Kindes von A und B ist. Dieses ist vielmehr D, der Vetter von A, der B mal besucht hat, wenn A bei der Nachtschicht war. C war in die Wohnung eingedrungen, um F, dem Baby, den Schnuller zu entwenden, um den Vaterschaftstest in Auftrag geben zu können.

Nun gibt es also Menschen, die auch noch im Kulissengerichtssaal sitzen und zwischen SchauspielerInnen, Brüllaffen-ähnlichen ZeugInnen der Anklage und couragierten AnwältInnen weder grölen, noch mit Bierdosen schmeißen, geschweige denn lachen. Somit ist ihr Job komplett unnötig.

Wichtig bei all diesen Gerichtsendungen ist eh nur eins: Dass nämlich am Ende ein Urteil „im Namen des Volkes“ gesprochen wird. Denn, was in dessen Namen geschieht, ist immer gut. Somit sind Gerichtssendungen, auch wenn sie stupide sind wie Fließbandarbeiten, ein wichtiger Kurs in StaatsbürgerInnenkunde. Ihr einziger Zweck ist, ein Gewaltverhältnis, nämlich das der bürgerlichen Rechtssprechung, als natürlich und wichtig darzustellen. Da hilft nur das alte Motto von Peter Lustig:
Abschalten.