Missachtet die Polizei das Hausrecht der Uni?

Illegitimer Polizeieinsatz

Die Proteste gegen die Gastprofessur von Mesut Yilmaz – als ehemaliger Ministepräsident der Türkei politisch verantwortlich für zahllose Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Folter und Mord – an der Ruhr-Universität halten an. Und sie sind der Bochumer Polizei offenbar mehr ein Dorn im Auge als der Ruhr-Universität.

Jedenfalls mühen die Mannen und Frauen des Bochumer Polizeipräsidenten Wenner redlich oder vielmehr unredlich, die Protestierenden einzuschüchtern und in ein kriminelles Licht zu rücken. Zur Not auch wider besseres Wissen.

Am Montag letzter Woche hielt Yilmaz einen Vortrag im Internationalen Begegnungszentrum Beckmanns-hof – attraktiv gelegen im Botanischen Garten der Ruhr-Universität. Rund 40 DemonstrantInnen machten sich vom StudentInnenhaus aus dorthin auf den Weg, um auch diesen Yilmaz-Auftritt nicht unkommentiert und losgelöst von den unter seiner Regierungsveranatwortung begangenen Verbrechen geschehen zu lassen. Dort erwartete sie bereits ein Polizeiaufgebot in vollkommen überzogener Größe und mit unerklärlicher Konfrontationsbereitschaft. Bereits im Vorfeld war von Seiten der Polizei aus ein agressives Vorgehen agekündigt worden. Ein Bochumer Staatsschützer sprach einen AStA-Referenten auf der Straße an und forderte ihn auf, die für diesen 16. Juni angekündigten Proteste als Demonstration anzumelden. „Ja, hätten die Herren und Damen, getrieben von ihrer Sorge um das Versammlungsrecht, doch einfach mal bei uns im Büro angerufen, statt unsere ReferentInnen zu belästigen, von denen sie gar nicht wissen können, ob sie über die aktuellen Planungen im Bilde sind“, meint Jan Reinecke, Vorsitzender des AStA der RUB dazu: „Dann hätten wir ihnen auch gleich erklärt, dass der Campus der Ruhr-Uni nicht in dem Sinne öffentlicher Raum ist, als das wir eine Demo anmelden müssten. Die Unileitung hat hier Hausrecht und deren Einverständnis hatten wir und haben es auch weiterhin, sowohl generell als in diesem Fall auch ausdrücklich.“

Anzeige gegen Studi

Umso verblüffter musste der AStA zur Kenntnis nehmen, dass die Polizei mal eben einen der Protestierenden, einen Studenten der Ruhr-Uni, zum „Rädelsführer“ beförderte, gegen diesen Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetzt erstattete und dies auch gleich der Öffentlichkeit per Presseerklärung mitteilte. „Ja, sowas kennt man und frau, hat auch schon davon gehört: Eine sinnlose Anzeige wird von Seiten der Polizei erstattet, um das Anliegen der Demonstration und die DemonstrantInnen als quasi kriminell hinzustellen“ kommentiert Reinecke lakonisch: „Dem stehen wir gelassen gegenüber. Mit Sorge und Verärgerung nehmen wir allerdings zur Kenntnis, dass die Polizei versucht, durch Schikanen und Tätlichkeiten unseren Handlungsspielraum selbst an der Uni einzuschränken. Da ist Zivilcourage gefragt, da sollte sich niemand einschüchtern lassen.“

Mit „Tätlichkeiten“ spielt er auf die Rangeleien an, zu denen es bei dem Versuch von PolizistInnen kam, den Protestierenden den Zutritt zum Botanischen Garten der RUB zu verwehren. Dabei wurden ohne jede Aufforderung, das Betreten des Botanischen Gartens zu unterlassen und ohne jede vorhergehende, in solchen Fällen vorgeschriebene Ankündigung eines polizeilichen Eingreifens, Protestierende angefasst und festgehalten.

Der Botanische Garten gehört zur Universität, anders als das Gebäude des Beckmanshofes, welches verpachtet ist, dessen Betreten von den Protestierenden jedoch weder versucht noch angekündigt wurde. Weder wurde der Zutritt zu der Veranstaltung gestört noch die Veranstaltung irgendwie beeinträchtigt. Und von einer irgendwie gearteten Gefahr, etwa für Yilmaz, konnte zu keinem Zeitpunkt eine Rede sein. „Es wäre eine schöne Gelegenheit gewesen, Herrn Yilmaz zu zeigen, wie Protest in einer Gesellschaft mit angwandten Rechten der BürgerInnen ablaufen kann“, kommentiert Jan Reinecke, „die Bochumer Polizei hat ihm lieber gezeigt, dass es schon okay ist, im Zweifel auf so was zu Pfeifen.“

Den Verbrecher angeprangert

Die meisten DemonstrantInnen ließen sich nicht von der Polizei einschüchtern und schlängelten zw. drängten sich durch die PolizistInnen und das Tor des botanischen Gartens. Dann wurde um den Beckmannshof eine Leine gespannt, an die die Namen von ca. 150 ErstunterzeichnerInnen des Aufrufes „Yilmaz ausladen“ geklebt waren. Dabei wurde Musik auf mitgebrachten Instrumenten gemacht und nach der Melodie von „Frère Jacques“ gesungen wurde: „Mesut Yilmaz, Mesut Yilmaz, schläfst Du gut? Hörst Du nicht die Schreie, hörst Du nicht die Schreie?“

Auf mehr oder weniger taube Ohren stoßen die Protestierenden nach wie vor bei der Universität mit ihrem Anliegen: Mesut Yilmaz mit Schande vom Hof zu jagen – immerhin eine Schande, die er selbst auf sich geladen hat. Und die auf alle abfärbt, die ihn durch eine Gastprofessur aufwerten. Selbst AStA-VertreterInnen müssen sich bei überregionalen Bündnistreffen Fragen gefallen lasen, wie so etwas an der Ruhr-Uni möglich ist. Und natürlich bleibt die Frage nach der Rolle der einzelnen universitären Akteure und Akteurinnen bei den misslichen Ereignissen am 16. Juni bis hinab zum Hausmeister.

RUB-Historiker Prof. Adanir: „Ich hätte Yilmaz nicht eingeladen“

Am letzten Mittwoch fand unterdessen ein Diskussionsabend unter dem Titel „Türkei: Politik und Menschenrechte seit den 1980er Jahren“ statt. Amnesty International und das Wissenschaftsforum der Sozialdemokratie hatten eingeladen, und rund 50 BesucherInnen fanden den Weg ins „Haus der Geschichte des Ruhrgebiets“. Dies ist auch der Ort, an dem mehrere Auftritte von Yilmaz als Gastprofessor der Ruhr-Uni stattfaden. Nachdem der RUB-Historiker Adanir in seinem Einführungsvortrag zur Geschichte der Türkei die Rolle Yilmaz' nach Berichten Bochumer MenschenrechtsaktivistInnen „deutlich verharmlost“ hatte, wurde er in der anschließenden Diskussion deutlicher: Ihn habe niemand gefragt. Aber er hätte Yilmaz jedenfalls nicht eingeladen.

Der RUB-Historiker Faulenbach, der auch Unterbezirksvorsitzender der Bochumer SPD ist, zog als Moderator der Veranstaltung ein ausführliches Resumée. Er konstatierte, dass es weiterhin erhebliche Menschenrechtsverletzungen in der Türkei gibt. Ein klares Urteil über die Rolle und Verantwortlichkeit von Yilmaz für die Menschenrechtsverbrechen während seiner Regierungszeit traue er sich aber auch nach der Veranstaltung noch nicht zu.

AStA-Referat für Grund- und Freiheitsrechte


Mensawoche steht unter dem Motto „weniger kostet mehr“

Einheitsbrei liegt schwer im Magen

JedeR war schon einmal in der Mensa oder hat in einer der Cafeten gegessen, viele von uns leben in Wohnheimen und ein paar von uns sind sehr froh, ihr Kind während der Vorlesungen und Seminare in guten Händen zu wissen, nämlich in der unieigenen Kindertagesstätte.

Das alles und noch viel mehr tut das AkaFö für uns. Es versorgt uns mit preiswertem Essen und Wohnraum und kümmert sich besonders um StudentInnen mit Kindern oder mit einer Behinderung.

Doch diese Aufgabe kann es nur erfüllen, wenn es genug Geld dazu hat. Jetzt stehen konkrete Pläne der Landesregierung im Raum, sich bis 2004/05 aus der Förderung der StudentInnenwerke zurückzuziehen. Die ASten in NRW haben beschlossen, gegen dieses Vorhaben mobil zu machen. Wir wollen darstellen, warum für viele StudentInnen eine weitere Sozialbeitragserhöhung ein massives Problem wäre und warum StudentInnenwerke unverzichtbar für viele Studierende sind.

Die Grenzen des guten Geschmacks

Einen Vorgeschmack von dem, was das bedeutet, haben wir schon in den vergangenen Jahren bekommen: Die 40 Mio. Euro, die der Landeshaushalt zur Förderung der StudentInnenwerke vorsieht, wurden seit Jahren nicht erhöht, was durch die Inflation eine faktische Kürzung bedeutet. Der Sozialbeitrag musste erhöht werden, um einen Teil der Kosten zu tragen. Jetzt zahlen wir 55 Euro pro Semester für das AkaFö. Doch Hartmut Krebs, zuständiger Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft und Forschung, findet einen Sozialbeitrag von 80-100 Euro vollkommen vertretbar. Wohl gemerkt nur für das AkaFö! Das bedeutet fast eine Verdoppelung der Beiträge, oder, um es deutlicher zu sagen: 50 Euro mehr pro Semester. Das entspricht genau der Summe der Einschreibegebühren, gegen die wir uns im letzten Jahr erfolgreich mit unserem Streik gewehrt haben. Für unsere Landesregierung ist der Rückzug aus der StudentInnenwerkförderung anscheinend die Einführung solcher Gebühren von hinten durch die Brust.

Das ist nicht der einzige Hebel, den das Land ansetzen kann. Beispiel Studienkonten: Auch durch die Regelabbuchung für „LangzeitstudentInnen“ ab Sommersemester 2004 (die im Übrigen 650 Euro betragen wird – auch diese Summe kommt mir bekannt vor), werden unsere Belastungen steigen. Denn wir werden weniger werden, Hochrechnungen zufolge 150.000 landesweit. Da muss dann der Rest alles zahlen.

Doch das ist erst der Anfang für uns Studis. Der Hauptteil der Verluste der StudentInnenwerke wird durch eine Erhöhung der Mieten und Essenskosten wieder hereingeholt. Oder einfach durch schlechtere Qualität, denn die kostet auch Geld. So muss überlegt werden, ob es sich noch lohnt, vier verschiedene Essen und Extras in Mensa und Cafeten anzubieten. Es reichen doch auch ein oder maximal zwei Menues, oder?

Zukunftsvisionen?

Diesem Gedankengang sind wir einfach mal gefolgt und bieten Euch, quasi als Vorschau in die Zukunft, am Dienstag, dem 24. Juni in der Mensa unter dem Motto „Einheitsbrei“ nur zwei Essen an. Beides sind Suppen, eine vegetarische und eine mit Fleisch. Das ist es auch schon mit der Vielfalt, denn auch die ist teuer.

Doch das ist nicht unser einziger hellseherischer Akt diese Woche. Am Donnerstag, dem 26. Juni, wird auf der Wiese vor den geisteswissenschaftlichen Gebäuden eine „Zeltstadt“ errichtet werden, in der auch übernachtet werden kann. Es wird Live-Musik geben und eine kleine Feierei, denn bald könnte es soweit sein, dass wir uns auch nur noch Zelte als Wohnraum leisten können. Und als ob die Belastungen für das AkaFö nicht genug wären, müssen die Studierendenwerke jetzt auch die Kosten für die Renovierung und Bau von Wohnheimen komplett selbst tragen, was dazu führt, dass Wohnraum ungenutzt bleibt (wie im Wohnheim Laerholzstraße 80 zu sehen). Zu Ende gebaut werden kann ja erst, wenn wieder Geld hereingekommen ist. Auch Neubauten können nicht oder nur wenige errichtet werden, obwohl Zimmer dringend benötigt werden. So weit ist es schon heute.

Dass mit den Zuwendungskürzungen die sozialen Ungerechtigkeiten einen neuen Höchststand erreichen werden, ist wohl jedem und jeder klar.

Schon heute müssen 70% aller Studis für ihren Lebensunterhalt selber aufkommen. Was natürlich für die Länge des Studiums nicht günstig ist, was wiederum durch Studiengebühren bestraft werden soll. Den StudentInnenwerken und somit uns die Unterstützung zu versagen, ist besonders ein Schlag gegen StudentInnen aus einkommensschwächeren Familien. Die vergleichbar günstigen Angebote des Wohnens und Essens machen es erst einer größeren Schicht von jungen Menschen möglich, zu studieren.

Ricarda Thrun
(AStA-Referentin für Hochschulpolitik)


Kurzmeldungen

Kind, Küche, Hörsaal

Wie gut es Frauen heute doch haben, so nachdem das mit der Emanzipation alles geklappt hat und so. Geradezu „befreit“ sind sie, gibt es doch heutzutage, zumindest hier in Deutschland, keine geschlechtsspezifische Diskriminierung mehr, keine Nachteile im Berufsleben, keine Probleme auch Führungspositionen zu bekommen. Das Einzige, was heute noch zählt, ist bekanntlich Leistung, Leistung, Leistung. Neuste Zahl um diesen Fortschritt zu belegen: Der Frauenanteil bei den Habilitationen hat einen neuen Rekordstand erreicht. Er stieg im Vergleich zum Vorjahr um phänomenale 25%, im Vergleich zum Stand vor 10 Jahren gar um 66%! Wenn das kein Fortschritt ist. (Der Männeranteil sank derweil, die neuen „Opfer“ halt, auf läppische 78%.) Unerwähnt bleibt in der Statistik natürlich, dass der Anteil von Frauen unter den C4-Professorinnen gerade mal bei knapp 7% liegt.

Der Ball ist rund

Am 4. Juli steigt das erste mixed Open GeoKick Fußball-Turnier auf dem Bolzplatz hinter GB.

In einer heimeligen Kombüse behielt Glücksfee Jens Ogoniak ein ruhiges Händchen bei der offiziellen Auslosung für den 1. Open GeoKick. Die internen Equipes bilden Dynamo Bätschela PrototypInnen, Speerspitze des Proletariats Bätschela, 4. Lokomotive Bambinis und Deportivo Georilla Kick it like Sparwasser sowie eine Abordnung von Geodozenten. Desweiteren qualifizierten sich trotz überaus strenger Anforderungen zusätzlich der FC Stalingrad 1:5 sowie gegen alle statistischen Wahrscheinlichkeiten eine Schnittmenge von MathematikerInnen. Erfolgreich erreichte die Profi-Mannschaft der GeologInnen, immerhin vorletzte der DFB-Kreisliga C, die Endrunde. Die Abschlussfeier findet anschließend gemeinsam mit der FAN-Kurve bei glühender Holzkohle und Hopfensaft statt. Nicht durchsetzen konnte sich Oberschiedsrichterin Rebecca Sirsch mit der Regel, dass jedeR Torschütze/Torschützin beim ersten Treffer Gelb sieht und beim zweiten unter die Dusche geschickt wird. Die Auslosung ergab folgendes Ergebnis:

Gruppe A
Deportivo Georilla Kick it like Sparwasser
Schnittmenge Mathe
GeoDozis
Speerspitze des Proletariats Bätschela

Gruppe B
FC Stalingrad 1:5
Dynamo Bätschela PrototypInnen
GMG e.V.
4. Lok Bambini

Alles was ich will, ist die Regierung stürzen

Auch wenn „Die goldenen Zitronen“ auf ihrem neuesten Album nur noch von den „Schwierigkeiten, die Regierung zu stürzen“ singen, würde ihnen der Optimismus des obigen Ausspruches wohl gefallen. Unter diesem Motto findet vom 4. bis 6. Juli in Bochum das alljährliche Spektakel der JungdemokratInnen/Junge Linke NRW statt.

In Arbeitsgruppen, mit Vorträgen, Kunst und Kultur beschäftigen sich die Teilnehmenden mit dem Thema ‚Privatisierung‘.

Das Einführungsreferat am Freitag hält Regina Schwarz (Mitglied der Redaktion Infobrief gegen neoliberale Politik und Konzernherrschaft). Weiter geht es mit „kanak attac“: offensiver Antirassismus – Kampf um Rechte und Repräsentation – ein multimedialer Streifzug mit Murat Güngör und Miltiadis Oulios. Danach wird eine bunte Simpsons-Filmnacht geboten, Ende offen.

Der Samstag wird bestimmt durch Arbeitsgruppen und Workshops, die sich überwiegend um die Privatisierung und Globalisierung drehen. Am Samstagabend spielt Black Ash. Am Sonntagmorgen wird u. a. die Kampagne gegen Rechtsrock vorgestellt. Das Spektakel endet Sonntagmittag mit der Bochumer Gruppe Easy X. Der Teilnahme am gesamten Programm ist kostenlos. Und auch wenn „Die goldenen Zitronen“ nicht kommen werden, lohnt der Besuch sicher.

Das ausführliche Programm ist zu finden unter: http://www.jungdemokratinnen.de/spektakel-2003.htm oder kann angefordert werden unter JD/JL, Herner Str. 79, 44791 Bochum.

Kein Raum der Nazi-Musik – auch nicht in Eller und Lierenfeld!

Demo gegen RechtsRock

Am 3. Juli 2003 wird es genau drei Jahre her sein, seitdem 2000 Mitglieder der neonazistischen Rock-Band „Reichswehr“ zwei Mi-granten griechischer und afghanischer Herkunft am S-Bahnhof Düsseldorf-Derendorf angegriffen haben. Drei Jahre, in denen der „Vorfall“ bei den allermeisten DüsseldorferInnen in Vergessenheit geraten sein dürfte. Von den damaligen Tätern ist schon lange nicht mehr die Rede. Dabei gibt es die Band auch heute noch und sie ist aktiver denn je. Ihre zwei umtriebigsten Mitglieder leben völlig ungestört in Eller/Lierenfeld. Und nicht nur sie: Auch RechtsRocker anderer Bands und weitere Neonazis scheinen sich in Düsseldorf recht wohl zu fühlen. Selbst der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz hatte bereits in seinem Jahresbericht 1999 über „gefestigte Neonazi-Strukturen“ in Düsseldorf berichtet. Letztendlich wurden die fünf Angreifer am 14. März 2001 zu 18-monatigen Bewährungsstrafen verurteilt.

Hat die Band sich aufgelöst? Mitnichten! In der aktuellen Ausgabe Nr. 90/91 des Hildener RechtsRock-Magazins „Rock Nord“ ist „Reichswehr“ sogar mit einem vierseitigen Interview vertreten. Im Herbst letzten Jahres erschien beim Label „Ohrwurm-Records“ ihre erste CD mit dem Titel „Kaiserreichstreue“, eine zweite ist in Arbeit. Aufmachung der CD und deren Liedtexte lassen an Eindeutigkeit nicht zu wünschen übrig: „Denn wir räumen dieses Land jetzt auf. Erinnert Euch an unsere Ahnen. Es wehen stolz, die Schwarz-Weiß-Roten Fahnen“ und „Denn wir sind deutsch und rein“, weiß die selbst ernannte „Reichswehr“ ihrem Publikum mitzuteilen. Alles deutet auf gute und über Jahre gewachsene Kontakte in der neonazistischen Szene hin. Guten Kontakt pflegt „Reichswehr“ z.B. zu der international aktiven RechtsRock Band „Oidoxie“ aus Dortmund, die sich offen zur englischen Naziterrorgruppe „Combat 18“ („Kampf Adolf Hitler“) bekennt und zu Ehren des „Führers“ auch mehrfach im Ausland auf „Adolf Hitler Geburtstagskonzerten“ aufgetreten ist.

Düsseldorf: „Immer eine gute Adresse“?

Einmal mehr ist eine trügerische Ruhe in die Landeshauptstadt eingekehrt, die mit Werbeslogans wie „immer eine gute Adresse“ wirbt. Schließlich machen sich Neonazis nicht gut in einer Möchtegern-Weltstadt und bei einer Bewerbung als Olympia-Stadt oder als WM-Austragungsort. Man benötigt sie auch gerade gar nicht (mehr). Die Vertreibung von gegen ihre drohende Abschiebung demonstrierenden Roma-Familien schaffen CDU-Oberbürgermeister Joachim Erwin und seine Mannen auch ohne Hilfe der extremen Rechten. Das gleiche gilt für die Vertreibung von Junkies, Obdachlosen, Punks und anderen ,unerwünschten' Personen aus der Innenstadt. Diverse neonazistische Angriffe bis hin zu Mordversuchen in den letzten Jahren lassen sich auch in Düsseldorf nicht einfach wegdiskutieren. Beispiele aus den letzten Jahren waren neben dem Angriff am S-Bahnhof Derendorf der 26-fache Mordversuch durch einen Brandanschlag auf ein AussiedlerInnenwohnheim im Juli 1996 in Wersten sowie die Messerangriffe im Mai 2001 in Golzheim und im Juni 2001 in Bilk, bei denen mehrere Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden. Und darüber hinaus eine Vielzahl weiterer Angriffe, die – wenn überhaupt – nur wenig öffentliche Beachtung fanden. Ließen sich neonazistische Aktivitäten einmal nicht unter den Teppich kehren, weil die Presse oder antifaschistische Gruppen darüber berichteten, galt das erste Interesse der Stadtoberen, den „guten Ruf“ Düsseldorfs zu retten: Die Existenz der extremen Rechten in Düsseldorf wurde einfach verschwiegen oder zumindest bagatellisiert. Und dieses Verschweigen wird auch heute noch praktiziert: Nirgendwo erfährt die lokale Öffentlichkeit zum Beispiel aus offiziellen Verlautbarungen von oben genannten RechtsRock- Strukturen vor Ort. Was es nicht geben darf, das gibt es eben nicht, so einfach ist das. Oder aber, was ebenfalls bezeichnend ist: Offizielle Stellen sind nicht einmal über das rechte Treiben informiert. Die Neonazis wird’s freuen. So können sie weiterhin völlig ungestört ihrem Wirken nachgehen. Bis zum nächsten Mal an irgendeinem S-Bahnhof. – dann vielleicht an einem in Eller?!

Enough is enough!

Wir rufen dazu auf, aus diesem Konsens auszuscheren und überall dort Unruhe zu stiften, wo Ruhe zur obersten Bürgerpflicht erklärt wird. Wir wollen lautstark gegen Faschismus und dessen Verbreiterung im kulturellen Bereich demonstrieren, und rufen alle zur Teilnahme an der Demonstration gegen RechtsRock am 3. Juli 2003 in Düsseldorf-Eller auf:

Kein Raum der Nazi-Musik!

Keinen Fußbreit allen Faschisten!

Weder in Eller/Lierenfeld noch sonst irgendwo!

We will rock you!

Demonstration: 18:30 Gertrudisplatz, Düsseldorf-Eller (S-Bahn S7 bis Eller, U-Bahn U75 bis Eller Mitte/S-Bf. Eller, beide fahren auch über Hauptbahnhof)
Weitere Infos unter:
http://www.antifakok.de http://www.antifa-nrw.de

Buch zur Website erschienen

Wer ist revolutionärer?

Ganz in der Tradition der bsz zur Einleitung ein Adorno-Zitat: „Soziologen aber sehen der grimmigen Scherzfrage sich gegenüber: Wo ist das Proletariat?“

Das fragte sich auch die Alternative Liste der Uni Köln und stellte fest: Keine Revolution ohne hochentwickelte Militärtechnologie, keine Revolution mit den vereinten ArbeiterInnenmassen, denn zumindest die Jungen wollen Günter Jauch als Kanzlerkandidaten. Die Lösung: Ein revolutionäres Quiz, 27 mal je 15 Fragen inklusive dreier Joker auf der Seite http://www.wer-wird-revolutionaer.de. Gerettet waren die Semesterferien-Öffnungszeiten in wenig frequentierten Fachschaftsräumen, gerettet auch die langwierigen Plena in Büros, in denen man nebenbei Computer spielen konnte. Zwar ist auch der AStA in Köln nicht reich genug, um das Wissen „der linken Gehirnhälfte“ entsprechend zu entlohnen, aber, wer braucht schon nach der Revolution noch Geld. Höchstens das Proletariat, aber das ist ja verschwunden, wie es ausschaut, zumindest aus dem Blickfeld der UnigängerInnen.

New Economy

Das Online-Quiz ist so weiterhin tatsächlich höchst unterhaltsam, und jetzt, passend für lange Zugfahrtzeiten und gesellige Abende im gemieteten Haus, gibt es dies auch in Buchform. Hier gibt es zwar keine Joker, aber immerhin unterschiedlich ausführliche Erläuterungen zu den richtigen und falschen Antworten, was den Lerneffekt um einiges erhöht. Erinnert wird man durch diese Erläuterungen etwa nicht nur daran, dass der jetzt zwar spektakulär, aber unpolitisch zu einem frühzeitigen Ende gekommene Benny Beimer bei Robin Wood aktiv gegen Atompolitik und Stromkonzerne kämpfte, sondern auch an die anderen sozialen und unsozialen Bewegungen, die so ihren Weg in die beliebte Vorabendserie gefunden haben: Neonazis, TierrechtsaktivistInnen, PuddingbombenattentäterInnen … Das wappnet sogar für die „Quizshow“.

Old Economy

Auch wird an Zeiten erinnert, in denen „Kein Blut für Öl“ nicht nur der bekannteste und zu allem Unglück auch noch einer der beliebtesten Demosprüche war. Verteilte doch der Weiberrat 1968 noch Flugis mit „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“. Natürlich wissen informierte Linke auch ohne Frage- und Antwortspiele, dass die Aussagen von PolitikerInnen nicht kongruent sein müssen, dass der spätere Verteigungsminister Franz-Josef Strauß mal die Wiederbewaffnung Deutschlands kategorisch ablehnte, dass Heiner Geißler kein verirrter Linker in der CDU ist, sondern immerhin noch 1983 behauptete, der Pazifismus der Dreißiger Jahre sei Schuld an Auschwitz gewesen, aber es kann ja ganz praktisch sein, das beim familiären Spieleabend schwarz auf weiß vor sich zu haben bei den Leuten, die nur das, aber dann auch alles glauben, was gedruckt steht. (In diesem Zusammenhang: Der Kapitalismus ist die Wurzel allen Übels …)

Am Ende ertönt, wie das Schriftmedium vermuten lässt, auch bei Erreichen der Höchstpunktzahl nicht von irgendwoher die Internationale (es sei denn, man hat vor lauter Spieltrieb die Revolution verpasst), dennoch kann man sich linksradikal wie bildungsbürgerlich gegen die meisten Dinge, die da kommen mögen beim Bewerbungsgespräch etwa beim Ludwig-Quidde-Forum, gefeit fühlen, in der Tat wird man danach sogar wissen, was Ludwig Quidde von Gustav Stresemann unterschied. Fragen und Antworten fordern schon bei den „billigen“ Anfängen deutlich mehr Wissen als das RTL-Nicht-Ganz-Äquivalent, und m.E. auch mehr als die Online-Version. So viele leichte EinsteigerInnenfragen hat das linke Universum halt auch nicht zu bieten.

tas

Wer wird Revolutionär? Das erste Quiz für rote Socken, Frankfurt/Main: Eichborn 2003, 7,95 Euro


Von Düffels Rinderwahnsinn in einer Inszenierung des lurch.theaters im Musischen Zentrum

Let us entertain you

Das lurch.theater, das im vergangenen Herbst mit Gesine Danckwarts Girlsnightout überaus erfrischend debütierte, erarbeitete in seiner zweiten Produktion unter der Regie von Sevtap Özkutlu und Dirk Schwantes die Familiensatire Rinderwahnsinn.

Die Überzeugungen der Eltern Karlmarx und Muttermeinhof sind bei deren Kindern Hänselundgretel und Faustersterteil nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Tochter träumt von nichts anderem als einer normalen spießbürgerlichen Familie und macht es sich zur Aufgabe, ihrem Vater einen dicken Bauch anzumästen, denn dicke Bäuche liebt sie. Der Sohn, ein promovierter Jungnazi will zwar rebellieren, aber nur gegen die Gesinnung der Eltern, vor allem aber gegen die Simplifizierung „Gut und Böse“. Nicht das Sein sondern das Schambein bestimmt das Bewusstsein und die Wahrheit ist die Geilheit – Parolen, mit der er Muttermeinhof zur Weisglut treibt. Vom dem plötzlich eintreffenden Besuch, dem Vetterausdingsda, der eigentlich nur das Klo benutzen will, denkt Muttermeinhof, er sei ein Mittelsmann der Kommandoebene der RAF. Doch Vetterausdingsda erzählt nur vom vermeintlichen Rinderwahnsinn auf dem Lande. Hänselundgretel verliebt sich in diesen Vetterausdingsda, entspricht sein Bauchumfang doch dem Maß ihrer Träume. Am Ende erschießt der Vetterausdingsda Karlmarx und hinterlässt einen um den Vatermord gebrachten Faustersterteil, eine am Glauben an die Menschheit verzweifelte Muttermeinhof sowie eine geschwängerte Hänselundgretel.

Im Bauch der Farce lauert die Tragödie

In dieser Farce des 1966 geborenen John von Düffel,prallen die Klischees der 68er auf die ihrer Kinder, was für das Ensemble des lurch.theaters Anlass ist, zu schauspielerischen Hochleistungen aufzudrehen. Nikolaus Koch verkörpert Vater Karlmarx als Wollpullover tragenden Alt-68er, ohne dabei permanent in das typische Klischee abzurutschen; der Vater ist die aufgeklärte Ruhe in Person, ist sie aber auch gleichzeitig wieder nicht. Auf jedem Fall aber ist er der Gegenpool zu Meike Misia, die Muttermeinhof als durchgreifende Revoluzzerin gibt und damit nach ihrem Auftritt die Szene beherrscht. Elisa Müller stellt Tochter Hänselundgretel, die lieber Kittelschürze statt Aufnäher von Che Guevara oder rote Sterne trägt, als naiv-romantische sMädchen dar, das eigentlich genau wie ihre Eltern an ihre Ideale glaubt – nur sind diese nicht gesellschaftspolitischer Natur. Boris Mercelot als Faustersterteil überzeugt als zwischen den Fronten stehender Sohn, der sich vom übermächtigen Vater befreien will, letztlich aber versagt. Vervollständigt wird dieser Reigen der Darsteller durch Heiko Jansen, der den Vetterausdingsda, Dingsda ist übrigens irgendwo im Osten, als ein von den Ereignissen überrolltes Landei spielt und eher zufällig zum Mörder von Karlmarx wird.

Auch wenn der Wortwitz Düffels des öfteren ins Kalauerhafte abrutscht, überzeugt die Inszenierung durch ihren flotten Rhythmus, die überspringende Spielbegeisterung der Darsteller sowie einer durchdachten Regie, die die Kurzlebigkeit des Stücks mit dem Zeitgeist paart. Was bleibt zu sagen? Das lurch.theater kommt wieder einmal seinem Motto nach, gut zu unterhalten.

Ivonne Woltersdorf

Weitere Aufführungstermine sind der 27. und 28. Juni 2003, jeweils 19.30 Uhr im Musischen Zentrum.
Mehr Infos zum Stück und zur Gruppe gibt es unter der sehr schönen Internetseite http://www.lurch-theater.de.

China auf dem Weg zum Kapitalismus

Kommunismus nach Mao

China in Aufruhr: Das chinesische Wirtschaftswunder wird erschüttert von Klassenkämpfen. In den Zentren der alten Schwerindustrie kommt es zu Streiks und es formiert sich eine neue chinesische ArbeiterInnenbewegung. Millionen von StaatsarbeiterInnen in der bankrotten Industrie werden entlassen. Die Massenproteste richten sich gegen Arbeitslosigkeit und Verscherbelung der Renten- und Sozialkassen der Betriebe. Die StaatsarbeiterInnenschaft in China war eine privilegierte Kaste. Für die große Mehrheit der ChinesInnen, die Bauern und Bäuerinnen, HändlerInnen und VertragsarbeiterInnen gab und gibt es weder Unfall- noch Rentenversicherungen, noch billige Wohnungen und Kindergartenplätze. In China existieren keine staatlichen Sozialleistungen, sondern jeder Staatsbetrieb versorgt seine ArbeiterInnen selbst. Nun sind die schwerindustriellen Staatsbetriebe und damit auch der Sozialstaat der Arbeitseinheiten (Danwei) bankrott.

Glaubt man den Analysen der Hongkonger Zeitung South China Morning Post, richtet sich die Arbeiter-Innenbewegung im Nordosten Chinas nicht gegen die Partei und das System, sondern gegen ManagerInnen und lokale Kader. Die Proletarisierung von Abermillionen chinesischer Bauern und Bäuerinnen in einer Dekade bezeichnet der britischen Historiker Hobsbawn als größte Umwälzung von Klassenverhältnissen seit der Jungsteinzeit. Vielleicht sind es über 200 Millionen Bauern und Bäuerinnen, die in den Städten Arbeit suchen. Trotz dieses Drucks bleibt das System noch stabil, weil die staatlich gesicherte, bäuerliche Gleichmacherei auf dem Dorf den Gegenpol zum rasanten Staatskapitalismus der Stadt bildet. JedeR chinesische Bauer/Bäuerin bekommt von der Dorfregierung ca. 1 Mu (1/15 Hektar) Land zugeteilt und besitzt das Nutzungsrecht. Dieses Stückchen Land ist die „Lebensversicherung“ gegen Hunger für die Einzelnen. Fast alle Bauern und Bäuerinnen, die in der Stadt als TagelöhnerInnen arbeiten, lassen den Rest der Familie zu Hause das Feld bestellen. Die Bauern und Bäuerinnen waren Anfang der 80er Jahre sowohl die WegbereiterInnen als auch die GewinnerInnen der Reformen. Spontan lösten sie ab 1978 gerade in den ärmsten Regionen die Volkskommunen auf und verteilten das staatliche Land unter den Familien. Es dauerte bis 1982, dass sich der Reform-Flügel um Deng Xiaoping diese Politik auf die eigenen Fahnen schrieb.

Durch das Bevölkerungswachstum, die hohe Steuerlast und die niedrigen Getreidepreise stößt dieser „Bauernsozialismus“ an seine Grenzen. Die Krise dieser Agrarordnung treibt die Bauern und Bäuerinnen auf Suche nach Arbeit in die Städte. Die Stabilität der staatskapitalistischen KP beruht bis heute darauf, die egalitäre Agrarordnung aufrecht zu erhalten und „Bauernlogen“ weitgehend zu verhindern. Der Preis dafür ist ein völlig unökonomisches Zwergbauerntum. Das die Proletarisierung der Bauern und Bäuerinnen und die Verstädterung Chinas seit den 80er Jahren in einem so rasanten Tempo vor sich geht, hat historische Ursachen in Mao Zedongs Sozialismus-Modell. 20 Jahre verhinderte die KP jede Urbanisierung der Gesellschaft. Der Hauptinhalt des Modells war: „Ausbeutung“ der Bauernschaft durch staatlichen Zwangsaufkauf des Getreides zu Billigpreisen, um den Aufbau der Schwerindustrie zu finanzieren. Die Bauern und Bäuerinnen fesselte die Partei mit Hilfe eines Pass-Systems (Hukou) an die Scholle und die ArbeiterInnen an ihren Betrieb.

Mit der Entwicklung des Marktes und Lockerung des Pass-Systems ist die Trennung zwischen städtischer und ländlicher Gesellschaft erdrutschartig zusammengebrochen. Die WanderarbeiterInnen kommen aber nicht als gleichberechtigte BürgerInnen in die Städte, sondern auf dem Boden des aus der Planwirtschaftsära übriggebliebenen sozialen Apartheitssystems. Wer den Bauern-Pass (nongye hukou) oder den einer anderen Stadt hat, kann sich z.B. in Peking nicht langfristig niederlassen. Die rechtlosen WanderarbeiterInnen protestieren viel seltener als die StaatsarbeiterInnen, da sie mit dem Dorf verbunden, nicht organisiert und froh sind, überhaupt in der Stadt arbeiten zu können. Nicht wenige StädterInnen, auch die StaatsarbeiterInnen, sind gegen die Abschaffung des Hukou, da sie die Konkurrenz aus dem Dorf und den Anstieg der Kriminalität fürchten. Die GewinnerInnen des chinesisches Wirtschaftswunders sind nicht nur eine kleine Minderheit, sondern hunderte Millionen Menschen. In den Städten befinden sich breite Schichten im Konsumrausch. In der Mao-Ära war die Ernährungsfrage nicht gelöst. Nach der rasanten Erhöhung des Lebensstandards der Bauern und Bäuerinnen in den 80er Jahren entsteht heute auch eine neue Armut in den Städten. Die neuen Reichen und UnternehmerInnen haben wohl momentan an einer demokratischen Entwicklung kein Interesse. Die KP Chinas schützt jetzt per Verfassung ihr Eigentum und unterdrückt zudem noch die ArbeiterInnen- und Bauernbewegung.

Bei allen Klassen in China scheint – auch bei Unzufriedenheit mit der Parteidiktatur – die Angst vor „Chaos“, sprich einem schwachen Staat, groß zu sein. Die Geschichte zeigt, dass in China mit dem Staat auch die Gesellschaft zerfallen könnte. Kriminelle Banden und Geheimgesellschaften befinden sich schon jetzt im Aufschwung. Viele Kader nutzen ihre Macht, um sich auf kriminelle Weise zu bereichern. Die Mitglieder der Kommunistischen Partei sind heute schon längst nicht mehr die ArbeiterInnen und Bauern von einst, sondern die Mittelschichten in den Städten und der Staatsapparat. In der Volksbefreiungs-Elitearmee kann man ohne gesellschaftliche Beziehungen und Abitur nicht dienen. Wie schon 1989 kann diese Armee leicht gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden.

Nun will die Partei auch ideologisch die gesellschaftliche Veränderung einholen. Die Privatunternehmen sollen verstärkt als neue Parteimitglieder gewonnen werden. Anders ausgedrückt: Die Partei will ihren Schwerpunkt zu den Gewinnern des Wirtschaftswunders verschieben. Die Antwort der KP auf die Krise der Staatsindustrie, des chinesischen Westens und des Dorfes ist noch mehr ausländisches Kapital ins Land zu holen. Die KP erzieht alle ChinesInnen zum Nationalismus und Hass auf die JapanerInnen. Langfristig könnte dieser Schuss nach hinten losgehen.

Felix Wemheuer

Der Autor hält am Donnerstag, den 26. Juni im Kulturcafe um 20 Uhr einen Vortrag zu diesem Thema.


Kolumne

Sheriff, übernehmen Sie

Wenn ich schlecht drauf bin, sehe ich fern. Ich zappe. Und immer wieder lande ich dabei auf der Autobahn. Oder im Revier. Ausnüchterungszelle. Beweisaufnahme. Es scheint so, als wären manche Fernsehsender nur dazu erfunden worden, uns die Vorzüge und beruhigende Präsenz der Polizei in allen Lebenslagen deutlich zu machen.

Meistens kurz vor den Dauerwerbesendungen mit Chuck Norris, dem alten Texas Ranger. Neulich jedenfalls landete ich wieder bei der Autobahnpolizei. Allein die Einsatzzentrale machte mir Kopfschmerzen. Diese rauchenden Männer mit väterlichem Blick. Ein Blick, den Vater aufsetzt, wenn er sagen will: „Lott ma Jung, ich mach datt schon (aus dir wird eh nix außer Dichter)!“ Der Autobahnwachtmeister jedenfalls steht neben einem umgestürzten Tiertransporter, der quer auf der Piste liegt. Verwirrte Tiere irren hin und her. Die meisten liegen noch im umgekippten Anhänger. Ihre Körper sind so heiß, dass Qualm aufsteigt. Es ist Winter bei Kabel 1. Auf dem Laster steht „Wir fahren tierschonend!“ Der Autobahnwachtmeister grinst und kratzt sich mit dem Funkgerät am Hinterkopf wie ein Schwager beim Umzug, der nur rumsteht und nichts tragen will.

Auf RTL II kontrollieren zwei Beamte die Papiere einer asiatischen Frau. „XY ist eine illegale Einwanderin und Prostituierte!“ sagt der Sprecher. Es ist derselbe Sprecher, der sonst auch von Brustvergrößerungen, Swinger Clubs oder illegalen Autorennen erzählt. „Hier, kumma“ sagt der Beamte zu seinem Kollegen. „Holländischer Pass. Kannse noch nichma abschieben!“ Ja, sowas aber auch!

Ich frage mich, warum ich vor dem Fernseher sitze. Ich schalte um. Toto und Harry. Bochums Starpolizisten. Sie stehen in der Wohnung eines Mannes, dessen Kumpel feist grinsend am Küchentisch sitzt und weit weniger Syntax verwendet als jeder deutsche Polizist. Er kann nicht genau erklären, warum sein Freund die Bullen gerufen hat, die Kamera schwenkt wieder auf den Typen, der anscheinend seine „randalierende Freundin“ loswerden will. Die Frau sitzt still und empört auf der Couch und tut so, als wenn er der Böse wäre. Beide sehen aus wie Charles Bukowski. Die Wohnung stinkt bis durch den Bildschirm. Nach zehn Minuten zäher Debatte haben Toto und Harry die Gemüter beruhigt und ziehen wieder ab. „Meistens werden wir zu Sachen gerufen, die man auch selbst klären könnte. Da fehlt einfach die Kommunikationsebene!“ sagte Toto neulich bei Harald Schmidt. Vielleicht haben einfach alle zuviel fern gesehen. Die Kopfschmerzen werden schlimmer.