Unileitung weiter in der Kritik wegen Yilmaz

Protest gegen Gastprofessur wächst an

Auf der Pressekonferenz am 1. April waren es vor allem kurdische Studierende gewesen, die ihren Unmut äußerten und kritische Fragen stellten. (vgl. hierzu auch bsz 592, 9. April 2003). Doch inzwischen hat sich der Protest gegen die Gastprofessur des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz an der hiesigen Fakultät für Sozialwissenschaft ausgeweitet. Prominente Unterstützung fanden die Protestierenden in der ehemaligen niedersächsischen Justizministerin und jetzigen SPD-Landtagsabgeordneten Heidi Merk. Diese wandte sich mit einem Brief an den Rektor der Ruhr-Universität, in dem sie unter anderem schreibt:

„[...] mit tiefer Betroffenheit habe ich zur Kenntnis genommen, dass Ihre Universität beabsichtigt, Herrn Mesut Yilmaz eine Gastprofessur anzutragen. Meine Betroffenheit rührt aus sehr profunder Kenntnis seiner Regierungspolitik zwischen 1991 und 1998 bzw. seinen geäußerten Auffassungen im türkischen Parlament. Das Land Niedersachsen hatte sich seit 1990 insbesondere mit den katastrophalen Folgen einer groß angelegten Vertreibungspolitik der Kurden befasst und sich bemüht, Hilfe und Unterstützung den Flüchtlingen, den Vertriebenen und Gefolterten zuteil werden zu lassen. Als damalige Justiz – und Europaministerin habe ich die zerstörten Gebiete mehrfach besucht und mich von dieser völkerrechtswidrigen Politik überzeugen können. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass eine so hoch angesehene Universität wie die Ihre, es nicht verdient, einen Mann zum Gastprofessor zu machen, der in erheblichem Maß die von mir beschriebene Politik mit den grauenhaften Folgen bestimmt und durchgeführt hat. Es gibt sicherlich genügend Frauen und Männer, die besser für diese vorgesehene Gastprofessur geeignet sind, als der von Ihnen Vorgeschlagene. Ich würde mich freuen, wenn Sie deshalb von der Vergabe der Gastprofessur Abstand nehmen würden.“ Was die Regierungspolitik des Vorsitzenden der türkischen Mutterlandspartei ANAP angeht, so findet sich unter www.bo-alternativ.de eine umfangreiche Linksammlung, die die Verbrechen des türkischen Staates unter Yilmaz’ Regentschaft dokumentiert.

Selbst die Grünen sind dagegen

In einem Artikel in der Berliner Tageszeitung junge Welt äußert sich Ulla Jelpke, ehemalige PDS-Bundestagsabgeordnete und innenpolitische Sprecherin der Partei, über die Verbrechen in kurdischen Gebieten und gegenüber der türkischen Opposition wie folgt: “In der Regierungszeit von Yilmaz wurden mehr als fünf Millionen Kurden vertrieben, rund 5000 kurdische Dörfer zerstört. Die etwa 60000 politischen Gefangenen in der Türkei wurden bei polizeilichen Verhören systematisch gefoltert. Todesschwadrone und Militärs töteten Tausende von Kurden und türkischen Linken. Die politisch Verantwortlichen taten nichts, um die Verbrechen aufzuklären, geschweige denn, die Täter zu verfolgen. Antiterrorgesetze, die Einschränkung der Pressefreiheit und des Rechts auf freie Meinungsäußerung, Verbote von Parteien, Organisationen und Gewerkschaften brachten unzählige Intellektuelle, RechtsanwältInnen und Linke hinter Gitter." Somit zeichnet sich ab, dass der Unileitung und der Fakultät für Sozialwissenschaften mit diesem vermeidlichen Experten für die Fragen nach einer Verständigung zwischen Europa und dem Islam ein lupenreines Eigentor gelungen ist. Mit Protest von so prominenten Stellen hatten sie wohl nicht gerechnet.

Naivität oder Unverfrorenheit?

Auch seitens der Studierenden und der Bochumer Öffentlichkeit regt sich der Widerstand immer vernehmlicher. Neben der eingangs erwähnten Kurdistan-AG planen auch der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften, die Medizinische Flüchtlingshilfe und der AStA, das Engagement von Yilmaz nicht kommentarlos hinzunehmen. So kam es bereits zu ersten Gesprächen zwischen AStA, Unileitung und der Dekanin der Sowi-Fakultät Ilse Lenz. Auf die Problematik angesprochen äußerten sich diese ähnlich ausweichend wie noch auf der Pressekonferenz. Von der Gastprofessur wolle man nicht Abstand nehmen und die Diskussion mit Yilmaz eröffne auch den Studierenden der RUB die einmalige Möglichkeit mit einem Kenner aus der politischen (Folter-) Praxis ins Gespräch zu kommen. Auf die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei unter dem Ministerpräsidenten Yilmaz angesprochen wurden die Ausflüchte dann besonders kurios. Solange man Yilmaz keine persönlichen Verantwortungen für die Verbrechen nachweisen könne, sei im auch kein Vorwurf zu machen. Denn wo es keinen Richter gibt, da gibt es bekanntermaßen nur weiße Westen und Unschuld. Da wohl jedem Menschen klar sein dürfte, dass es unter PolitikerInnen nicht üblich ist, Folterbescheide oder Befehle zur Erstürmung kompletter Dörfer persönlich anzumelden oder zu unterschreiben, mutet diese Aussage sehr verwunderlich an. Ob hier die Naivität von des Amtes wegen eigentlich an Politik interessierten ProfessorInnen oder aber eine ganz eigene Mischung aus Zynismus und Unverfrorenheit spricht, stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe leider noch nicht fest. Am 15. Mai soll nun Yilmaz seinen ersten Vortrag im Rahmen seiner Gastprofessur halten. Die RUB lädt um 19 Uhr alle Interessierten in die Räumlichkeiten der Bibliothek des Ruhrgebietes (Clemensstr. 17–19, Nähe Schauspielhaus) ein. Vielleicht hoffen die Verantwortlichen ja, das die Leute, die sich gegen Yilmaz äußern werden, diesen Ort nicht finden mögen. Der AStA, der FR Sozialwissenschaften und die Medizinische Flüchtlingshilfe planen zur Zeit einige Protestaktionen. Nach den bisherigen Diskussionen und den Reaktionen der Unileitung und der Sowi-Fakultät werden diese, so steht zu befürchten, kaum Auswirkungen haben. Die Leute, die Yilmaz an die Ruhr-Uni geholt haben, scheinen das Problem beharrlich aussitzen zu wollen.

wc


Demo in Düsseldorf am 30. April

Kapitalismus abschalten

Der von den NationalsozialistInnen als Feiertag inthronisierte „Tag der Arbeit“ ist für die meisten Menschen immer noch Anlass, um sich als umherschweifende Horden zusammenzurotten und gemeinschatflich zu betrinken.

Ein Klassiker sind ebenfalls diverse Demonstrationen und Kundgebungen der sogenannten „Volksparteien“ oder ihrer linientreuen AnhängerInnenschaft aus den Gewerkschaften. Darüber hinaus gibt es auch das schon zum Standardprogramm der radikalen Linken gehörende Spielchen zwischen den Kreuzberger Jugendlichen und der Staatsmacht, die gemeinsam diverse Stadtteile Berlins unsicher machen. In Düsseldorf geht es jedoch bereits einen Tag eher los, mit einer Demo gegen alles Böse in der Welt, vor allem jedoch gegen den Kapitalismus.
„Du musst raus – Du musst die Welt retten!“ [Die Sterne]
Die verschärften politischen und ökonomischen Bedingungen bestimmen derzeit den Alltag: Zunehmender Stress auf der Arbeit, Kürzungen im Sozialbereich, Unternehmenspleiten und massenhafte Kündigungen oder die Einführung von Studiengebühren. Gesellschaftliche Gruppen, die nicht in den Mainstream passen, erfahren zunehmend Repression, Überwachung und Kontrolle. Zur Not schiebt man sie einfach ab: Die einen werden aus den Innenstädten vertrieben, die anderen brutal außer Landes verbracht. Die offensichtlichsten Symptome dieser Entwicklung gelten als hinzunehmende Nebeneffekte „notwendiger Reformen des Sozialstaates“, um Deutschland auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu machen. Dafür sollen alle „den Gürtel enger schnallen“?

„Das ist soziale Marktwirtschaft: langweilig wird sie nie …“ [Blumfeld]

Die herrschende kapitalistische Ordnung beruht auf der Aneignung fremder Arbeitskraft zur Herstellung von Waren. Welche Waren wie und warum erzeugt werden, ist zunächst einmal gleichgültig. Für diejenigen, die das zur Produktion notwendige Kapital zur Verfügung stellen, ist lediglich interessant, dass sich die erzeugten Waren mit Gewinn verkaufen lassen. Dieser Logik des Marktes entsprechend sind derzeit immer mehr gesellschaftliche Bereiche einer Umstrukturierung unterworfen. Soziale Leistungen, Gesundheitsfürsorge oder freie Bildung werden als ‚Markthemmnisse‘ angesehen und radikal zusammengestrichen: Wer Arbeitslosengeld bekommt, soll zukünftig zu Arbeitseinsätzen bei Niedrigstlöhnen gezwungen werden können, Krankenversicherungen werden in absehbarer Zeit nur noch für jene erschwinglich sein, die nachweisen können, dass sie bestimmte Leistungen zum Erhalt ihrer Gesundheit erbringen, und die schrittweise Einführung von Studiengebühren zeigt deutlich, dass auch Bildung schon immer eine Ware war, die zukünftig nur noch für jene zugänglich sein wird, die sie sich leisten können. In der Frage „Sozialismus oder Barbarei“ sind nach wie vor beide Optionen offen – entscheiden wir uns für die Richtige!

Deshalb: Den Widerstand organisieren! Kapitalismus abschaffen! Kommt zur linksradikalen Demonstration am 30. April 18 Uhr Oberbilker-Markt in Düsseldorf! Jede Revolution hat ihren Vorabend!


Kurzmeldungen

Burschen-Sprecher verteidigt Neonazi

Vor dem Aachener Amtsgericht begann am 15. April der Prozess gegen den Neonazi Marc Königs aus dem Umfeld der „Kameradschaft Aachener Land“. Ihm wird vorgeworfen, im Oktober 2001 während der Welle falscher Milzbrandsendungen einen solchen Brief an die Aachener jüdische Gemeinde verschickt zu haben. Zweiter Punkt der Anklage ist der Vorwurf, einem Antifaschisten mit Ermordung gedroht zu haben. Der Arbeitslose Königs bestreitet die Drohungen und beschuldigt einen Berliner NPD-Sympathisanten, den angeblich mit Milzbranderregern gefüllten Brief versendet zu haben. Dem habe er Briefumschläge geschenkt, was den ihn belastenden Fingerabdruck auf dem Brief erkläre.

Verteidigt wird Königs von Karsten Rausch von der Berliner Kanzlei Quensell und Kollegen. Rausch (Mitglied der Berliner Burschenschaft der Märker) ist beim Verbindungsdachverband Deutsche Burschenschaft (DB) für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Der bsz ist Karsten Rausch ein Begriff, seit der im Namen seines Mandanten Oliver Harf von der bsz eine Gegendarstellung verlangte. Die bsz hatte Oliver Harf, Sprecher der der extremen Rechten zuzuordnenden Aachener Burschenschaft Libertas Brünn und Vorstandsmitglied der Aachener NPD als „Nazi-Burschen“ bezeichnet. Schon merkwürdig, wer in Aachen alles auf die Idee kommt, ausgerechnet einen Anwalt aus Berlin zu bemühen. Aber natürlich würde die bsz die DB nie als Teil des braunen Sumpfes bezeichnen. Sonst müssten wir ja wieder Gegendarstellungen drucken, verfasst von Menschen, die ziemlich offensichtlich nicht Lesen und Schreiben können. Die erwähnte Burschenschaft Libertas Brünn pflegt übrigens häufige gesellige Kontakte mit der Bochumer Burschenschaft Prager Arminia.

Sekt und Schnittchen

Auf dem traditionellen AStA-Empfang hat sich am Dienstag der neue AStA der universitären und lokalen Öffentlichkeit vorgestellt. Bevor sich die rund fünfzig Gäste über Sekt und Schnittchen hermachen konnten, begrüßte der Vorsitzende Jan Reinecke die Anwesenden und die einzelnen Referate stellten sich und ihre Arbeit vor.

Neben dem Dauerbrenner Studiengebühren will sich der AStA u.a. mit der Gastprofessur für Yilmaz, den Nachwehen des Irakkriegs beschäftigen. Da das Sommerfest in diesem Jahr ausfällt, möchte das Kulturreferat die Veranstaltungswoche Sommernachtskultur (Anfang Juli) weiter ausbauen und dabei auch das Finale des Newcomerfestivals integrieren.

Alles noch schlimmer

In der letzten Ausgabe (bsz 594, S. 1) berichteten wir von Plänen der KultusministerInnen-Konferenz, den Zugang von Bachelor-AbsolventInnen zu Masterstudiengängen zu erschweren. In Baden-Württemberg ist das schon lange Realität. Die „Eckwerte für die Genehmigung von BA-und MA-Studiengänge“des Wissenschaftsministeriums vom 19. Mai 1999 besagen unter Punkt 3.:

„Die Zulassung zu einem MA-Studiengang setzt einen überdurchschnittlichen Abschluss voraus. Die aufnehmende Hochschule kann die zulassung auch von spezifischen Vorraussetzungen (Bestehen einer Zulassungsprüfung, Auswahlgespräch, Affinität des grundständigen Abschlusses, Berufserfahrung, Ausländerquote) abhängig machen.“

Diese Vorgaben wurden inzwischen schon in die Prüfungsordnungen für Masterstudiengänge an den Plilosophisch-/Philologischen Fakultäten (vom 9. September 2002) übernommen (http://www.uni-freiburg.de/ga). Hier heißt es unter Paragraph 1 Absatz 1: „Die Zulassung zum Masterstudiengang setzt einen überdurschnittlichen ersten berufsqualifizierenden Abschluss voraus, dessen Hauptfach in einem konkreten Bezug zu den Inhalten des gewünschten Masterfaches stehen muss.“

Es ist allerdings möglich, dass für einzelne Studiengänge eine Zulassung über ein Eignungsfeststellungsverfahren auch ohne „überdurschnittlichen“ ersten Abschluss möglich ist. Kürzlich wurde sogar ein Master durchgeboxt, der einen „deutlich überdurchschnittlichen“ ersten Abschluss voraussetzt.


Zur Intervention gegen die Friedensvolksgemeinschaft am 12. April in Köln

Für eine handvoll Dollar

Eine Kölner “Friedensdemonstration" ohne Besuch beim Amerikahaus ist eigentlich gar nicht denkbar. So etwas hat Tradition, so etwas muss sein. Bei der am 12. April 2003 stattgefundenen, von der „Jugend gegen den Krieg“ organisierten so genannten Antikriegs-Demonstration (mit dabei u.a. die Antifa K, Attac Köln, MLPD, SAV), wurden die ca. 500 teilnehmenden Personen, bei ihrer Ankunft an besagtem Etablissement, jedoch von einer 15 Personen zählenden Gruppe antideutscher KommunistInnen empfangen. Nur der die beiden Parteien trennenden PolizistInnenkette war es zu verdanken, dass es nicht zu physischen Angriffen auf diese wenigen antifaschistischen GenossInnen kam.

Es ist zumindest halbwegs kritischen Personen hinlänglich bekannt, dass ein beträchtlicher Teil der bundesdeutschen Friedensbewegung seine Dynamik aus einer wahnhaften Projektion speist, die sich dem Hass auf Israel und seine Schutzmacht USA verdankt. Es sollte daher niemanden verwundern, dass aus dem Sprechchorklassiker “U-S-A – internationale Völkermordzentrale" beim Anblick der antifaschistischen Transparente und Israel- bzw. USA-Fahnen recht schnell ein “Tötet Bush und Scharon" bzw. “Intifada bis zum Sieg" oder ganz ohne Umschweife “Juden raus" wurde. Einige “PazifistInnen" (Manche beschimpften die “StörerInnen" und drohten: “Ich merke mir dein Gesicht. Ich weiß wo du wohnst") mussten gar von ihren eigenen Leuten zurückgehalten werden. Auch gab es mehr als einen Versuch, an der Polizeikette vorbei der Transparente oder gleich der dahinter stehenden AktivistInnen habhaft zu werden.

Die Demonstrationsleitung schien weder fähig noch willens, sich von dem Mob tobender AntizionistInnen zu distanzieren. Es bleibt abzuwarten, inwiefern insbesondere die auf der „Friedensdemonstration“ mitlaufenden Antifagruppen dieses Versäumnis korrigieren. Konsequenterweise sollte dies zu einer Aufkündigung jeglichen Engagements innerhalb einer unheilbar dem antiamerikanischen und antzionistischen Ressentiment verfallenen „Friedensbewegung“ führen. Es folgen einige Auszüge aus den verteilten Flugblättern.

“Stoppt den Krieg! Boykottiert die Kriegsgewinnler. Zum Beispiel: Disney Films, Comics, Mickey Mouse, Donald Duck and others.“ www.motherearth.org “Wussten sie, dass: die Medien die Anzahl der Kriegsopfer in Bagdad und Basra für ‚unzählbar‘ erklärt haben." Arbeiterkommunistische Partei Irans
“Sie (die Imperialisten, der Verf.) haben in Irak-Kurdistan schwere Waffen verteilt, damit die Kurden und Iraker sich gegenseitig vernichten. (...) Nieder mit Imperialismus, Faschismus und jeglichen Reaktionen." Konföderation der Arbeiter aus der Türkei in Europa
“Beim Wort genommen – Wir fordern von Bundeskanzler Schröder: Keine Überflugsrechte, keine Stationierung von US-Truppen! (...) Schutz der Palästinenser! Schluss den Finanz- und Waffenlieferungen an Israel! (...) Deutschland raus aus der Nato!" Kein Blut für Öl!
„In Palästina toben Kämpfe mit der israelischen Besatzungsmacht. (...) Bundeswehrsoldaten schützen US-Einrichtungen in Deutschland, damit die USA mehr Truppen in die Golfregion verlegen konnten.“ Organisation für den Aufbau einer kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands
“Wie Hitler 1939 benutzt auch Bush 2003 den Krieg als Mittel, um von inneren sozialen Spannungen abzulenken und sie nach aussen zu richten. (...) Wenn das Vorgehen der israelischen Armee in den besetzten Gebieten
„zurückhaltend“ ist, kann man sich vorstellen, was der Bevölkerung in einem besetzten Irak unter Garner bevorsteht. (...) Die Haltung, die Schröder und Chirac zum aggressiven Kurs der US-Regierung einnehmen, erinnert an die Appeasement-Politik, mit der die britische Regierung in den dreissiger Jahren auf das Expansionsstreben Hitlers reagierte." World Socialist Web Site

Die Teilnehmer der Demonstration mögen diese Informationen für wahnsinnig interessant erachten, die AktivistInnen der Antideutschen Gruppen aus NRW würden sie wohl eher als nur wahnsinnig qualifizieren. “Antideutsche working for de Yankee Dolla!", so steht’s bei indymedia. Wir freuen uns auf den fetten American Express Scheck und die anschliessenden Ferien im schönen Texas.


Alljährliches Hordenbesäufnis in Marburg

Geschichten aus der Provinz

Im oberhessischen Marburg ist man traditionsbewusst. Seit 1903 wird hier alljährlich im Juli der sogenannte Marktfrühschoppen gefeiert. Ursprünglich wollten damit die Marburger Bürger den Studierenden mit Freibier, Gesang und Blasmusik danken, dass sie viel Geld für Mieten und Lebensunterhalt in der Stadt ließen. Ein Fest, wie es die männlichen Studenten aus ihren Verbindungen kannten.

Da Traditionen naturgemäß der Moderne trotzen, wird auch heute noch so gefeiert wie ehedem: Korporierte Männer jeden Alters mit Band und Mütze, viel Bier am Morgen, Gesänge von Vaterland und Ehre, Blasmusik und BürgerInnen mit vom Alkohol gezeichneten Gesichtern und erhitztem Gemüt: das konservative Milieu der Stadt gibt sich die Ehre. Hier vollzieht sich alljährlich die Vereinigung angeblich liberaler Verbindungen mit jenen, die klar neofaschistisch sind. Hier kommt zusammen, was zusammengehört. Das Verbindungswesen zeigt seine Gemeinsamkeiten: Männerbund, hierarchische Strukturen, Elitenbildung und das konservative bis rechtsextreme Weltbild, das man im Spektrum der Verbindungen findet.

Protest gegen die Reaktion

Doch seit bald zehn Jahren störte Kritik das eintönige Fest der Korporierten. Mit Demonstrationen, Veranstaltungen und Aktionen auf dem Marktplatz gelang es immer wieder, Kritik am Verbindungswesen wahrnehmbar zu machen und das Treiben auf dem Marktplatz zu stören. Unter dem Eindruck der Proteste bleiben inzwischen viele BürgerInnen dem Fest fern. Von den ursprünglich mehreren tausend Menschen sind nur noch ein paar Hundert übrig: die Korporierten und Marburgs Konservative. Wer heute noch am ersten Juli-Sonntag auf den Markt kommt, ist in politischer Mission unterwegs. Korporationen sind in Marburg ständige Begleiter: Nachwuchswerbung mit Band und Mütze vor der Uni, Couleur-Bummel an warmen Sommerabenden, Vorträge, Verbindungspartys, hier und da ein Band in der Mensa und mehr als dreißig repräsentative Verbindungsvillen im ganzen Stadtgebiet. Nicht zu vergessen die vielen Alten Herren in Politik, Verwaltung, Uni und Wirtschaft.

korporierte Lokalpolitik

Dass diese korporierten Netzwerke funktionieren, beweist die Lokalpolitik regelmäßig, wenn es gilt, den Marktfrühschoppen gegen Widerstände durchzuboxen. So scheiterte der Marburger AStA 1999 mit dem Versuch, ein antikorporiertes Fest anstelle des Frühschoppens auf dem Marktplatz auszurichten. Obwohl keine andere Veranstaltung bis dato angemeldet war, verweigerte die Stadt eine Genehmigung. Der Frühschoppen konnte in seiner üblichen Form stattfinden – „spontan“ und nicht angemeldet, wie es bereits Tage vorher in der Presse hieß.

„Spontan“ standen dann auch Musik, Bier und die Polizei mit mehren Hundertschaften bereit. Mittlerweile müssen sich die Veranstalter des organisierten Besäufnisses nicht mehr mit solchen Kleinigkeiten herumärgern. Die Stadt hat den Marktplatz nun gleich für mehrere Jahre im Voraus an sie vermietet.

Eine besondere Provinzposse spielte sich 2002 ab. Mehre DemonstrantInnen wurden damals unter den Augen der Polizei von Festbesuchern geschlagen. Während die Verfahren wegen Körperverletzung gegen die Schläger eingestellt wurden, erhielten mehre DemonstrantInnen Strafbefehle über mehrere hundert Euro wegen versuchter Nötigung und Verstößen gegen das Versammlungsgesetz. Ihnen wurde die Störungen des Festes mit Trillerpfeifen vorgeworfen. Dass hier offenkundig mit zweierlei Maß gemessen wurde, musste selbst die Lokalpresse feststellen. Besonders pikant an dem juristischen Nachspiel war, dass einer der Hauptorganisatoren des letzten Marktfrühschoppens zugleich Oberstaatsanwalt in Marburg ist. Auch dieses Jahr sind wieder Proteste für den 6. Juli gegen den Marktfrühschoppen angekündigt.

Paul Wellsow


VegetarierIn und Mensch werden

Helges sinnreicher Unsinn

Nun macht er auch das Theaterparkett unsicher: Mit seinem Pferdemusical-Debüt Mendy – Das Wusical stiftet Helge Schneider einmal mehr (Un-)Sinn und (Sinnes-)Verwirrung, wobei er sich wie gewohnt virtuos stolpernd über jenes (un-)sichere Terrain konstruktiver Dekon-struktion bewegt, das sich wie ein roter Teppich durch sein Gesamtwerk zieht. Was im Verlauf der geradlinig verworrenen Wusical-Handlung seit der Premiere am Gründonnerstag dem geneigten Publikum des Bochumer Schauspielhauses vorgeritten wird, ist nicht nur äußerst kurzweilig, sondern galoppiert an der Abbruchkante des Plots sogar tierisch rasant auf einen animalisch-altruistischen Appell zu: VegetarierIn zu werden oder doch lieber gleich Mensch …

Die stark pubertierende weibliche Hauptfigur des Mendy-Wusicals, Wendy (Julie Bräuning), liebt ihren Hengst Mocca (André Meyer, klasse!), doch er liebt sie nur bedingt – denn zu ‚wirklicher Liebe‘ gehöre schließlich auch Sex … Während sich der Alltag für Mendy-Wendy eher klischeehaft-trist präsentiert und sich befehlsartige Zurechtweisungen der Mutter – ‚Lady Mama‘ (Martina Eitner-Acheampong, euphorisch bejubelt) – mit absurden Dialogen abwechseln, erscheint der sattellose Ausritt auf dem geliebten Pferd als einziger Fluchtpunkt. Auch die übrigen Familienmitglieder benötigen ständig Ersatzmittel für ihre chronischen Defizite: So geht für den nach einem ‚Rodeo-Unfall‘ an den Rollstuhl gefesselten Familienvater (Bernd Rademacher) nichts über seinen weißen Porsche, für dessen neue ‚Niederquerschnittsreifen‘ Mocca an einen Pferdemetzger vertickt werden soll; und für Lady Mama ist ein Stallknecht-Lover (Martin Horn) der einzige Lichtblick, wenn er auch zuweilen vergisst, sein Schuhwerk vor Betreten der Wohnung an der ‚Stiefelabstreifkante‘ zu säubern und schließlich von ihr – allerdings eher zufällig – mit dem Beil erschlagen wird.

Pferde-Passionsgeschichte?

Nach der Pause meldet sich dann Chef Schneider persönlich zu Wort und erläutert mit einem „Vorwort von Arno Grün“, worum es in dem Wusical eigentlich geht – um Kindeserziehung: Gegen Ende erfährt die Handlung dann eine dramatische Wendung, die dem bürgerlichen Trauerspiel entlehnt scheint: Als Mocca ins Schlachthaus gebracht werden soll (dessen Fleischabfälle angeblich in der Mensa der Pädagogischen Hoschschule Duisburg aufgetischt werden), erklärt Wendy ihre Bereitschaft zum heroischen Selbstopfer: „Nehmt mich an Moccas statt.“ Als sie dann tatsächlich zusammen mit diversen Mitwesen (darunter das Schaf Dolly) auf ihre Hinrichtung wartet, trällert die Kuh Lisa (Tana Schanzara, großartig!) einen ‚Anti-Tierverwertungssong‘, dessen doppelbödige Botschaft einer von sozialdarwinistischer Regression geprägten Gegenwartsgesellschaft – so charmant es eben geht – den Spiegel vorhält: „Geb’ keine Milch mehr; ich rentier’ mich nicht mehr, jajaaa. / Gestern noch auf der Wiese, in der freien Natür, heute schon im Schlachthof, was kann ich denn dafür …“ Am Ende geht der Schlachthof dann in Flammen auf, die Tiere werden gerettet, der Vater kommt (nachdem er die Mutter mit dem Porsche totgefahren hat) in der Feuersbrunst um und Mendy – inzwischen Vollwaise – heiratet Mocca, der sich nunmehr als Mensch enttarnt. Zusammen mit Helge und den BühnenarbeiterInnen wird das Publikum schließlich im großen Finale des Schlussgesangs dazu aufgefordert, ebenfalls Mensch zu werden (oder vielleicht wenigstens VegetarierIn …).

Die Feuilletons der überregionalen Zeitungen zeigten sich zurückhaltend-kritisch bis leicht euphorisiert über den Musical-Verschnitt des ‚Metakomödianten‘ Schneider. Als „trojanisches Pferd, mit dem Intendant Matthias Hartmann die Spaßkultur seines Vorgängers Leander Haußmann wieder ins Haus“ lasse, wollte die FAZ das Stück verstanden wissen. Mit der Grenze zum Verriss kokettierend, heißt es dort: „Die Veranstaltung hoppelt wie ein zotteliges Shetlandpony daher, das in der Wiener Hofreitschule auftritt.“ (FAZ, 19. April 2003: „Wen der Hafer sticht“) In eine ähnlich Richtung zielt die – allerdings weit wohlwollendere – Rezension der „Pferde-Passionsgeschichte“ in der Süddeutschen, die dem Wusical-Schöpfer unterstellt, Von sich selbst bekifft zu sein: „Die Schauspieler stehen manchmal auf der Bühne wie Zeichen, die nicht wissen, was sie bedeuten sollen, und es gibt Momente, in denen das ganze Stück wirkt wie eine Form, die verdutzt ihrem Inhalt dabei zuschaut, wie er flüchtet, die Straße hinunter rennt, in einer Kneipe verschwindet und sich ein Bier und zwei Joints bestellt. Das macht das Publikum am Ende auch.“ (sz, Ostern 2003) In der Frankfurter Rundschau wird ‚Doc Snyder‘, (auch wenn er ohnehin „kein Revolutionär“ sei) attestiert, „sein avantgardistisches Potential“ beim Theater-Debüt hierbei allerdings nicht ausgeschöpft zu haben. (FR, 19. April 2003: Oben blinken die Lämpchen. Helge halt […].)

Ulrich Schröder


Support your local scene – Teil 7

Thorsten Krawinkel

Ich hätte nicht gedacht, dass Wattenscheid so schön ist. Zumindest am Abend. Schwer bepackt latsche ich durch die Straßen zur Kulturkneipe Hannes, schiele in alte Fenster, erblicke Erker, Verzierungen, alte Architektur. Das Hannes ist eine kleine Eckkneipe, schüchtern drückt sie sich an den Rand eines großen Platzes, am Fenster im unteren Stockwerk baut Thorsten Krawinkel gerade seine „Bühne“ auf. Es gibt auch oben einen Raum für größere Veranstaltungen, Hennes Bender und Christian Hirdes hängen an den Wänden, turbulente Abende hat es schon gegeben, doch heute soll es gemütlich werden, direkt unten an der Theke, mit dem Rücken zur Scheibe, fast wie in Nightwash.

Kinder surren auf einem Spielteppich unter der Treppe, es ist ein Familienbetrieb und auf niedliche Art persönlich, Volker Wendlandt von den Kassierern schneit herein und setzt sich zu mir, er wird Thorsten heute Abend auf der Gitarre begleiten, der Musikus der Bochumer Punkhelden ist ein gutmütiger Mensch sympathischster Art, interessiert sich eigentlich für Jazz, liest auf Poetry Slams Splattergeschichten mit einer Handpuppe und ist ebenso wie ich ein Fan von Kafka. Wir bestellen zwei große Pils und reden uns in Rage.

Gott im Alltag

Schließlich geht’s los. Thorsten lässt’s langsam angehen, er wäre kein Fall für die schnelle und hektische Comedywelt des Fernsehens, wo schon in der ersten Minute drei plumpe Knaller kommen müssen. Sein Metier ist die Langsamkeit, genüsslich geht er als Auge durch die Welt und beobachtet Menschen, Szenen und Details, um sie irgendwann und irgendwo in seinem Programm auftauchen zu lassen. Er erzählt von jungen Paaren, die schweigend auf der Straße nebeneinander gehen, bis die Frau plötzlich fragt, ob sie noch Parmesan zu Hause haben. Er spricht von OptimistInnen, die einen Cent auf der Straße finden und jauchzen, dass sie im Gegensatz zu früher jetzt das Doppelte von ’nem Pfennig abgestaubt haben. Er liest Kurzgeschichten wie Mein erstes Mal oder Am Arsch hängt der Hammer und wenn er so von Chemie, BWL oder TheologiestudentInnen erzählt, dann kriecht da plötzlich die Kulturkritik leise in seinen Vortrag, wenn am Schluss all diese Professionen doch nur als Religion da stehen. Er ist verschmitzt und manchmal auch raffiniert, auch haftet ihm und seinem Ich-Erzähler diese Loser- und Slackermentalität an, die sich zwischen Kreisligafußballplätzen und Lokalkolorit abspielt. Und wenn dann eine seiner Figuren ihren Arbeitsalltag damit verbringt, den Kaffeautomaten mit Geldstücken zu beschmeißen, auf dass doch endlich eines Tages die Münze wunderhaft aus dem Flug in den Schlitz dringe, dann ahnt man vielleicht, was mit dem Titel des Abends – Gott im Alltag – gemeint sein könnte. Krawinkel zieht dann schon mal gern die Augenwinkel hoch, lacht verschmitzt und schweigt, als wisse er mit uns zusammen selbst nicht genau, ob man über dieses Leben nun lachen oder weinen soll.

Zwischendrin setzt sich Volker Wendlandt auf den Stuhl, spielt gediegen Jazzgitarre und kann sich die Poesie der Kassierer dann doch nicht ganz verkneifen. „Ich will Sex mit einem älteren Mann, denn so bin ich gestrickt“, singt er und die BesucherInnen im Hannes grinsen über ihrem Milchkaffee. Leider muss ich aufbrechen und auch hier geht mein Druckplatz zuende. So sei nur noch angemerkt, dass Thorsten Krawinkel auch als Comiczeichner unter dem Motto Bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal wecken zu sehen ist, so etwa im Café Zacher in der Brüderstraße in Bochum. Und wer den zurückgelehnten, verschmitzten Beobachter des Alltags einmal live erleben will, kann das für umsonst am 8. Mai im Kulturcafé der Uni tun, wo Thorsten auf die Planken der Initiative Treibgut steigt, die zum siebten Mal zur Lesung Gestrandet – Literatur aus dem verschollenen Leben einlädt.

Oliver Uschmann


Neuere Studien über Heidegger erschienen

Der sich tragierende Selfmade-Man

Durch Günther Anders’ (1902–92) klares, vielseitiges Werk kann man denken lernen, auch wenn sein Sprachgebrauch deutlich vom eigentümlichen Vokabular eines seiner Lehrer, Martin Heidegger, geprägt ist. Mit Über Heidegger liegen nun umfangreiche Notizenkonvolute, sowie eine deutschen Übersetzung seines nur schwer zu greifenden, wichtigen Aufsatzes On the Pseudo-Concreteness of Heidegger’s Philosophy von 1948 vor, in denen er sich über Jahrzehnte mit der Philosophie seines ehem. Lehrers auseinandersetzte.

Während Anders, jüdischer Herkunft und mit Kontakt zu linken Kreisen, aber nicht politisch organisiert, über Paris (März 1933) in die USA (1936) flüchtete, dort Kontakt zu Brecht, Thomas Mann, Herbert Marcuse, Adorno et al. hatte, aber Außenseiter blieb und sich mit „odd jobs“ über Wasser halten musste, wurde Heidegger Rektor der Uni Freiburg.

Dessen biographische Verknüpfung mit dem NS, sein frühes Bekenntnis zu ihm wie sein Engagement ist bekannt. Das bloße Nacherzählen historischer Fakten macht die politischen Biographien auch der Heidegger-KritikerInnen (wie bspw. die vielbefeindete von Victor Farias, Heidegger und der Nationalsozialismus) jedoch unergiebig. Heidegger, „der das Wort wie eine Monstranz vor sich herträgt und … sich ein eigenes Idiom mit besonderem Wahrheitsanspruch zurechtgebogen hat“, „wohlig gewiegt von Wagnerschen Ramsch-Assonanzen“ (Robert Minder), hat die Ideologie schon in die Sprache gepackt. „Auf Frühe ist er aus“ (312), mit „Ursprungsvokabeln“ (227), an der „Quelle“ von Volkes Seele und Kraft, wo das Sprechen zum Raunen wird. So begleitete er „die Bewegung als deren gelehrte Variante“ (312). Wie Adorno, der im ersten Teil der Negativen Dialektik und im Jargon der Eigentlichkeit begründete, dass Heideggers „Philosophie bis in ihre innersten Zellen faschistisch ist“, wie für seinen Schüler Karl Heinz Haag (Kritik der neueren Ontologie), so ist auch für Anders die Auseinandersetzung mit Heideggers Denken wichtiger, sein politisches Verhalten nur Symptom. Noch stärker dringt Anders in Heideggers Philosophie ein, zeichnet ihre Logik nach, zeigt an zahlreichen Aspekten Inkonsistenzen, unerklärte Setzungen und ideologische wie politische Konsequenzen auf. Er zeigt immer wieder, wie in Heideggers scheinbar gänzlich esoterischer Welt Geschichte und Gesellschaft anwesend sind und durchscheinen.

Der Mensch als Monolith

Das Reaktionäre an Heideggers Philosophie ist gleichzeitig das, was an ihm so anziehend für die Intelligenzija war und ist: Er stellt eine Diagnose über die Verfassung des Menschen in der Moderne, die trotz aller „verquältesten sprachlichen Anstrengungen“ (242) und trotz „jenes begrifflichen Betrugs, der ja, in geradezu einzigartiger Weise, das Werk Heideggers durchzieht“ (195), so falsch nicht ist, aber er verdeckt dabei ineins deren Gründe und Änderbarkeit. Mit ihm konnte sie „fliehen aus den ernsten Problemen in den Ernst als Beruf“ (69). Formuliert zur Zeit der Weimarer Republik thematisiert sie zwar „die Einwirkung der Krise auf das Individuum“ (114), artikulierte aber „eine konkrete gesellschaftliche Situation, ohne es selbst zu wissen, spekulativ“ (147). „Vor dem Nichts“ steht der arbeits- und obdachlose Kriegsverlierer; zum verachteten „Man“ geworden ist das jenseits seiner Funktionalität bedeutungslose Subjekt von Kapital & Staat. Dies sieht Heideger „nicht als Beschreibung einer bestimmten geschichtlichen Situation, … sondern als Beschreibung menschlicher Existenz überhaupt“ (207). Derart „geworfen“, bindungs- und herkunftslos, soll das „Dasein“ „sich zum Selbst machen, ohne in die verdinglichende und entselbstende Realität wirklich einzugreifen.“ Stattdessen werden zum einen durch sprachliche Tricks die „entselbstenden Faktoren aus der Welt in das Dasein rückverlegt“ und ebenso wie Freiheit zu ‚Seinsweisen‘ deklariert (267), zum anderen wird nicht gefragt, woher das „Man“ kommt, sondern die Schuld am „Uneigentlichsein“ dem „Dasein“ selbst angelastet. Ihm gibt Heidegger eine „Askesetechnik“ zur „Ablösung von der Welt zum Zwecke des Selbst-Werdens.“ „Eigentlich“ mache der „Tod“; hier stehe das Dasein unvertretbar und vereinzelt vor dem „Nichts“. Mit der „düsteren nihilistischen Trotztechnik“ (48f.), sich auch diese äußerste Heteronomie zu seiner ureigensten Sache umzudeuten, hinter der die „Versäumnispanik“ dessen steht, „dessen Leben keine andere Aufgabe kennt als dieses Leben selbst“ (56), begnügt er sich, anstatt „eine dem Menschen angemessene eigentliche Welt zu schaffen“ (58). Die Emphase des Lebens, die ihn so anziehend macht(e), schlägt um in Lebensfeindlichkeit. „Kein Mensch könnte seinen Mitmenschen schlechter behandeln als Heideggers ‚Dasein‘ sich selbst“ (104).

Sehr starkes Wirken

In der Existenzphilosophie sieht Anders die letzte der „drei Invasionswellen in Frankreich“ (215). Tom Rockmore hätte seine Monographie besser „Die französische Philosophie (und Heidegger)“ genannt. Über erstere erfährt man formell viel (wie verläuft die akademische Bahn? wer hat wen wann wo gelesen und gehört? was heißt „Meisterdenker“? usf.), inhaltlich wird es bereits dünn bis fraglich; über Heidegger erfährt man so gut wie nichts. Wer eine Übersicht über sämtliche Literatur haben möchte, wird gut bedient. Sonst lernt man nur, was man vorher schon wusste: Heidegger hat stark auf die französische Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg gewirkt. – Und wie? Sehr.

Dies ist schade, denn auch wenn Rockmores frühere Studie On Heidegger’s Nazism and Philosophy weniger auf den Faschismus in Heideggers Denken abhob, sondern es eher diskursgeschichtlich einordnete, so war mehr zu erhoffen: Inwiefern steckt Heidegger in der postmodernen Philosophie? Bspw. Heideggers Todes-Raunen bei Georges Bataille und beim frühen Jean Baudrillard kommt gar nicht vor. Wieviel Faschismus hat sie dabei absorbiert? Welche Schlüsse lässt ihr Reden über den NS und die Shoah zu? Zu „zeigen, in welcher Richtung die Existenzphilosophie“ wie die Postmoderne „liegt, um den Zeitgenossen zu verhindern, in sie hineinzugeraten“ (Über Heidegger, 44), diese Chance ward vertan.

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Günther Anders: Über Heidegger. Hg.v. Gerhard Oberschlick in Verbindung mit Werner Reimann als Übersetzer. Nachwort von Dieter Thomä. München: Beck, 2001. ca. 480 Seiten, 34,90 Euro.
Tom Rockmore: Heidegger und die französische Philosophie. Aus dem Amerikanischen und Französischen von Thomas Laugstien. Lüneburg: zu Klampen, 2000. ca. 300 Seiten, 29,– Euro.


Kolumne

Kontrollierter Einstieg

Eigentlich ist es ja wirklich kein Grund zum Lachen, wenn auf einmal auch die bogestra, ganz im Sinne des Otto-Katalogs, seit etwa einem Jahr bereits die Fahrgäste per Kamera, seit einem Monat nun aber auch noch deren Fahrkarten kontrolliert. Grund genug für die bsz, den guten alten Unsymp wieder einzuführen.

Niemand hat sich so richtig aufgeregt, als vor etwa einem Jahr in einem Teil der Bogestra-Busse Kameras installiert wurden, die die Fahrgäste überwachen sollen. Seit dem 14. April (wahrscheinlich, damit es nicht als Aprilscherz erscheint), haben die Damen und Herren BusfahrerInnen nun auch die Aufgabe, die Fahrkarten der Einsteigenden zu kontrollieren. Unter dem Motto „Ehrlich fährt am längsten“ (was das Vorzeigen der Fahrkarte mit Ehrlichkeit zu tun hat, sei mal dahingestellt), werden diese albernen Methoden nun durchgesetzt. Für einige alte Leute auch gleich eine gute Gelegenheit, ihr altes Blockwart-Gehabe wieder aufleben zu lassen. „Junge Frau, ihre Karte müssen Sie schon vorzeigen“, schallte es mir entgegen, als ich, vom Busfahrer völlig unbehelligt, den Einstieg wagte. Damit werde ich wohl wieder aufs Fahrrad umsteigen müssen, um derartigen Horrorszenarien entgehen zu können, und den Ausstieg zu wagen. Der Zweck der Veranstaltung ist zwar eindeutig, jedoch in einer kleinen empirischen Studie ließ sich nachweisen, dass während einiger Stunden Busfahrt allein einmal eine Karte verkauft wurde, alle anderen Fahrgästen waren im Besitz von Dauerkarten. Wenn das selbst einer unbeteiligten Mitfahrerin gelingt, ist das doch sicherlich auch für die Bogestra, die immerhin zweimal im Jahr arbeitssuchende Studis in die weite Bogestra-Welt schickt, um Umfragen zum Fahrverhalten erstellen zu lassen, kein Problem. Gibt es wirklich so viele schwarze Schafe, die schwarzfahren, dass das diesen Schritt rechtfertigt? Muss man dafür Verspätungen, verärgerte Fahrgäste und Blockwart-Mentalität in Kauf nehmen?

Aber die Bogestra war ja schon immer für den ein oder anderen Scherz zu haben: Um die Straßenbahnen Richtung Gelsenkirchens Arena AufSchalke vor den marodierenden Fußballhorden zu schützen, hat man die StraßenbahnfahrerInnen von Seiten des FC Schalke 04 mit Fanutensilien jeder Art ausgestattet. Ist zwar nett vom Rudi Assauer, jedoch sind sich die FahrerInnen nicht mal zu blöd dazu, den Kram auch wirklich anzuziehen, was spätestens, wenn die Bahn am Wattenscheider Lorheidestadion vorbei fährt, ein bisschen lächerlich aussieht. Ganz zu schweigen natürlich von dem Eindruck, den man bekommt, wenn Schalke gerade mal wieder vom grandiosen VFL besiegt wurde und die Bochumer FahrerInnen in Schalke-Uniform in Bochum eintrudeln.