Total langweilig

Frauen dürfen gegen Männer kämpfen, aber nur auf Befehl

Ob sie Feministin sei oder wenigstens eine emanzipierte Frau? Auf diese Frage vertraute Tanja Kreil, die vor dem Europäischen Gerichtshof erkämpft hat, dass Frauen in der Bundeswehr nunmehr auch in Kampfeinheiten eingesetzt werden können, der taz an: „Ich bin total langweilig. Ich wollte nur einen Job bei der Bundeswehr haben und neue Techniken kennenlernen.“

Der Einzug der 244 Frauen, die am 2. Januar 2001 als erste weibliche Soldaten in den normalen Truppendienst der Bundeswehr eingetreten sind, führte noch einmal zu öffentlicher Erregung, nachdem schon der „Fall Kreil„ Anfang 2000 stark beachtet worden war. Feministinnen, Friedensbewegte und viele andere meinten, dies sei ein entscheidender Schritt – je nach Sichtweise auf dem Wege zur geschlechterpolitischen Gleichberechtigung oder zur Militarisierung der bundesdeutschen Gesellschaft. Tatsache ist: Frauen sind in bezug auf die Verwendung in der Bundeswehr nunmehr formal gleichgestellt, womit das Primat des Juristischen vor dem Biologischen in der Frage des Tötens auf Befehl durchgesetzt wäre. Das heißt, jede Frau hat jetzt das Recht, sich für oder gegen den Kriegsdienst zu entscheiden. Wieviel Grund zur Aufregung gibt es darüber hinaus?

Das Verteidigungsministerium hat in einem Papier zur „Neuausrichtung der Bundeswehr“ im Herbst 2000 schlicht benannt, was für die Bundeswehr beim Einsatz von Frauen relevant ist: Frauen sollen nach Eignung, Befähigung und Leistung eingestellt werden. Eine Quortierung für bestimmte militärische Verwendungen oder Truppenteile soll es nicht geben. Frauen sollen im täglichen Dienst mit ihren „männlichen Kameraden“ gleich behandelt werden. Weibliche Dienstgradbezeichnungen wird es nicht geben. Mittelfristig rechne man mit einem Frauenanteil von 7 bis 10 Prozent. Ende der Durchsage.

Bisher beträgt der Frauenanteil bei Bundeswehrsoldaten 1,5 Prozent. Frauen wurden bislang nur im Sanitäts- oder Musikdienst eingesetzt. Solche Soldaten gelten im völkerrechtlichen Sinne nicht als „Kombattanten„. An Waffen ausgebildet werden sie aber trotzdem, und zum Selbstschutz oder zur „Kameradenhilfe„ sollen sie die Waffen auch einsetzen. Die 244 Neuen unterscheidet von ihren bereits in der Bundeswehr dienenden Geschlechtsgenossinnen also, dass sie ausdrücklich für den Einsatz in Gefechtssituationen – sprich für das Töten auf Befehl - ausgebildet werden und dass ihnen zumindest formal alle Ausbildungswege bis hin zum Einsatz in Eliteeinheiten offenstehen. Im Sanitätsdienst wurde in den 90er Jahren ein Frauenanteil von rund 20 Prozent erreicht. Von diesen Frauen hat es bisher eine zum General gebracht; eine andere, die Ärztin Christine Bauer, zur ersten Hubschrauberpilotin der Bundeswehr. Letztere, über die in den Medien als Beispiel einer erfolgreichen Soldatin viel berichtet worden war, wurde vom Aushängeschild eines vermeintlich offeneren Geists in der Bundeswehr zum mutmaßlichen Opfer des militärischen Männerbunds, das nach einem Selbstmordversuch noch immer im Koma liegt. Ob Frauen bei der Bundeswehr gleiche Aufstiegschancen haben wie Männer, wird sich erst in zehn oder zwölf Jahren zeigen – so lange dauert es normalerweise, bis ein Berufssoldat zum Hauptmann wird. Über die Chancen, aufgrund des Geschlechts in der Bundeswehr diskriminiert zu werden, lässt sich leichter spekulieren. So zeigen Erfahrungen bei der Polizei, die mit einem Männeranteil von 80 Prozent bis heute eine Männerdomäne ist, dass Frauen häufig aufgrund ihres Geschlechts gemobbt oder sexuell belästigt werden. Dabei sind es gerade die jüngeren unter den männlichen Polizisten, die Frauen als störend ansehen: Sie fürchten die Konkurrenz. Auch in der US-Army, deren Frauenanteil mit 14 Prozent der weltweit höchste in einer Freiwilligenarmee ist, zeigt sich, dass dem Einsatz von Frauen insbesondere in qualifizierteren Einheiten mit den entsprechenden Aufstiegschancen, erhebliche Widerstände entgegenstehen. Ein Bericht des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr prognostiziert schon jetzt einen vergleichbaren Widerstand unter den männlichen Soldaten. Und unter der Hand lassen sich Bundeswehrangehörige schon mal zu der Bemerkung hinreißen, 20 Prozent Frauen im Sanitätsdienst, das sei jetzt aber genug. Selbst wenn die Bundeswehr insgesamt einen Frauenanteil von 10 Prozent erreichen würde, wäre dies weiterhin ein marginaler Anteil. Von diesen Frauen zu erwarten, dass sie kraft bloßer Anwesenheit aus den Männern von vorgestern die geschlechterpolitischen Vorreiter von morgen machen würden, ist gelinde gesagt unrealistisch.

Allerdings gibt es Kräfte in der Bundeswehr, die Frauen in ihren Reihen wünschen, allen voran der Bundeswehrverband, der auch die Klage von Tanja Kreil unterstützt hatte. Der Hintergrund ist ein spezifischer Personalbedarf, den die Bundeswehr zur Zeit nicht decken kann. Der Bundeswehr fehlen zwar nur bedingt die Bewerber, geeignete Bewerber fehlen ihr aber allemal. Das liegt daran, dass die qualifizierteren unter den männlichen Schulabgängern nach wie vor lieber den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern und berufliche Chancen im zivilen Bereich suchen. Wenn Frauen hier also eine Karrierechance und unqualifizierte Männer eine Konkurrenz vermuten, so zu Recht.

Außerdem benötigt die Bundeswehr zur Legitimation ihrer „neuen Aufgaben„, also den militärischen Einsatz out of area, weibliches Personal. Wer behauptet, sich in einem humanitären Einsatz zur Rettung von Zivilpersonen zu befinden, die durch Kriegsereignisse und Gewalterfahrung traumatisiert wurden, muss sich den Anstrich der sozialen Kompetenz geben. Im Unterschied zu männlichen Soldaten, so die Argumentation, wirken Frauen auch in Uniform weniger aggressiv. In diesem Diskurs werden Frauen, die Gewalt überlebt haben, und Frauen, die als Soldatinnen einer Gewaltinstitution angehören, in ganz besonderer Weise aufeinander bezogen.

Tatsache ist: Wo immer im letzten Jahrzehnt Soldaten, sei es in UN-Mission oder in vorgeblich humanitären Einsätzen, auftauchten, stiegen Prostitution, Zwangsprostitution und andere Formen sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Die Tatsache von 14 Prozent Frauen in der US-Army hat ebensowenig verhindert, dass ein amerikanischer Kfor-Soldat im Januar 2000 ein kosovoalbanisches Mädchen vergewaltigte und ermordete, wie die Anwesenheit weiblicher Sanitätssoldaten im Kosovo verhindert, dass ihre männlichen Kameraden „sexuelle Dienstleistungen„ minderjähriger Zwangsprostituierter in Anspruch nehmen. Die Idee, das würde in Zukunft anders werden, nur weil das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr jetzt gender trainings durchführt, in denen Soldaten lernen sollen, ob ein Offizier einer Frau niederen Ranges die Tür aufhalten darf oder nicht, ist absurd. Mit einem Vergleich wesentlich größerer Dimension gesagt: Obwohl in der DDR Frauen fast ausnahmslos berufstätig und weitgehend wirtschaftlich selbständig waren, führte das nicht dazu, dass Männer Frauen, die mit ihnen zusammenlebten, in selteneren Fällen misshandelt hätten. Zur Verwirrung oder gar zur fundamentalen Umwälzung der Geschlechterrollen gehört offenbar mehr als die Tätigkeit von Frauen in „Männerberufen“.

Fazit: Natürlich bedeutet es keinen emanzipatorischen Fortschritt, wenn Frauen in der Bundeswehr gehorchen lernen. Und nicht zufällig betonen die Frauen, die jetzt in die Bundeswehr eingetreten sind, in den Medien unermüdlich, dass sie „keine Emanzen„ sind. Das Wissen um Übergriffe, die sich gegen sie oder gegen Zivilistinnen richten können, wird sie nicht davon abhalten, sich bei der Bundeswehr zu bewerben, wenn sie dort Ausbildung und Beschäftigung vermuten und unpolitisch genug sind, den Kriegsdienst für einen Beruf wie jeden anderen zu halten. Eine modernisierte Armee bleibt ein militärisches und militaristisches Instrument zur Durchsetzung politischer und ökonomischer Ziele. Der Zweck dieses Instruments, ob mit oder ohne Frauen, ist nicht neu. Man nennt ihn Krieg.

Ulrike Gramann

Redakteurin von illoyal.
Journal für Antimilitarismus.
www.illoyal.de)

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