Keine Interviews mehr für rechte Zeitungen

In den letzten Monaten gelang es der Wochenzeitung Junge Freiheit, einem Organ der extremen Rechten mehrfach, Interviews mit Demokraten an Land zu ziehen. Darunter auch die NRW-Landesvorsitzenden der Jugendabteilungen von SPD und CDU

So gab etwa Charlotte Knobloch, Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland der JF Anfang Oktober ein ganzseitiges Interview; ebenso die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bremen, Elvira Noah. Von anderen Repräsentanten der jüdischen Gemeinden wurde dieses Vorgehend vehement kritisiert. So erklärte der Vizepräsident des Zentralrates, Michel Friedman, es für problematisch, sich in der jetzigen Zeit „einer Zeitung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, als Gesprächspartner anzudienen“. Intern soll er sich nach Zeitungsberichten noch deutlich schärfer geäußert und das Interview verurteilt haben. Zentralratspräsident Paul Spiegel schloss sich dieser Kritik an. Man müsse „es sich sehr genau überlegen, welchem Organ man sich zur Verfügung stelle, denn man werde allzu leicht missbraucht“, sagte Spiegel der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, hatte im Zusammenhang mit Knoblochs Interview von einem nicht zu überbietenden Skandal gesprochen. Der Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums, Julius Schoeps, warf Knobloch vor, sich dem Ideologieorgan der Rechten zur Verfügung zu stellen.

Nach mehrstündiger Diskussion beschloss das Direktorium, das zweithöchste Gremium des Zentralrates, in Medien der extremen Rechten zukünftig keine Gesprächspartner mehr zu sehen und übte damit deutliche Kritik an Charlotte Knobloch.

Im November gelang der JF ein weiterer Coup: In einer Presseerklärung bejubelte Thorsten Thaler als Chef vom Dienst der ultrarechten Postille, dass die „Landesvorsitzenden der Jungsozialisten und der Jungen Union in Nordrhein-Westfalen“ sich bereitgefunden hatten, der JF ein Interview zu geben. Der JuSo-Chef von NRW, Sebastian Jobelius, rechtfertigte sein Vorgehen u.a. damit, daß ja auch sein Kollege von der JU in der gleichen Ausgabe zum gleichen Thema ein Interview gegeben habe. Zwar gelte es durchaus, die JF zu bekämpfen, doch müsse angesichts der erschreckenden Erfolge der extremen Rechten, die bis zur Herausbildung einer Vorherrschaft in einzelnen Regionen reichten, über Alternativen nachgedacht werden. Deswegen gelte es, neben öffentlichen Protestaktionen, auch rechtsradikale Jugendliche, bevorzugt solche, die in ihren Ansichten noch nicht gefestigt seien, direkt anzusprechen. Das Medium einer Zeitschrift der extremen Rechten ermögliche es dabei, in die abgekapselte Welt der Nazimilieus vorzudringen.

„Diese Vorstellung ist naiv“, führte Thomas Lill, Mitarbeiter im Arbeitskreis Antifaschismus der Fachhochschule Düsseldorf, auf Nachfrage der bsz dazu aus: „Zum einen hat Sebastian Jobelius eine völlig falsches Bild von der Leserschaft der Jungen Freiheit. Das ist weniger der jugendliche Nazi-Mitläufer als vielmehr der Alte Herr einer ultrarechten Burschenschaft. Und bei dem ist in Punkto Überzeugen Hopfen und Malz verloren. Und selbst wenn Sebastian Jobelius einen Text in einer Zeitschrift für jugendliche Neonazis plazieren könnte, sollte er nicht vergessen: Die sozialpädagogische Forschung ist sich weitgehend einig, daß jugendliche Nazis nur zu überzeugen sind, wenn man aus einer Position der Stärke zu ihnen spricht, also die Rahmenbedingungen für das Gespräch ebenso bestimmt wie dessen Ablauf und dabei klare Grenzen für das Gespräch setzt. Rassismus z.B. ist nicht diskutierbar.“ Das Interview sei insofern vollkommen ungeeignet um die von Sebastian Jobelius angesprochenen Ziele zu erreichen, bzw. sei es „schlimmer noch: Kontraproduktiv. Wer Faschozeitungen als Gesprächspartner akzeptiert, wertet sie auf,.leistet einen Beitrag dazu, ihre aus gutem Grund bestehende Ausgrenzung aufzuheben. Die jugendlichen Neonazis, sollten sie die JF denn lesen, werden das genau so begreifen und sich in ihrer Position eher bestärkt fühlen. Gut gemeint ist eben das Gegenteil von gut gemacht“.

Nach Auskunft von Norbert Meyerhöfer, Sprecher des Bundesarbeitskreises Antifaschismus bei den Jung-Sozzen, wurde das Jobelius-Interview auch verbandsintern im Bundesausschuß thematisiert und einhellig abgelehnt. „Tenor war, dass man solchen Zeitschriften selbstverständliche kein Interview gibt.“ Er selbst sei „wütend und entsetzt“: „Sebastians Rechtfertigung für das Interview ist bestenfalls als naiv und unwissend zu nennen.Verbandsintern wird es dazu noch einige Diskussionen geben. Wir wollen das aber nicht an die große Glocke hängen, da dies der JF womöglich noch zusätzlich Wind in die Segel bläst.“

Hingegegen lag der bsz bis Redaktionsschluß keine Stellungnahme von Gliederungen der Jungen Union zu dem Interview ihres NRW-Vorsitzenden Ralf Brauksiepe, Bundestagsabgeordneter und ehemaliger WiWi-Studi an der RUB, vor. Zu seiner Verteidigung möchte die bsz daher an dieser Stelle anmerken, dass seine Beiträge zum Interview wenig geeignet waren, die Junge Freiheit zu einer lesenswerten Zeitschrift zu machen. Als Kostprobe hier seine Antwort auf die Frage nach den Ursachen für den Zulauf von Jugendlichen zur NPD: „Das ist ein Konglomerat von Gründen. Da stecken viele Einzelschicksale dahinter. In den neuen Ländern hat es natürlich auch mit dem Erbe der DDR zu tun. Dazu kommt Gruppenbildung sowie Protesthaltung gegen alles Etablierte.“ Aha. So genau wollten wir´s doch gar nicht wissen.

[zur 517-Hauptseite]
[Leserbrief schreiben]