Wenn Kapitalisten den Kapitalismus kritisieren...

(cs) Über Neoliberalismus und die Krisen im aktuellen Wirtschaftssystem sind in den letzten Jahren eine Menge Bücher veröffentlicht worden. Meistens stammten sie von den in diesem Zusammenhang üblichen Verdächtigen, linken Soziologen und Kapitalismuskritikern wie dem französischen Sozialwissenschaftler Pierre Bourdieu. Von allen, die unverändert an den freien Markt glauben, werden sie vermutlich kaum ernstgenommen.

Es gibt ein Buch über diese Krise, bei dem das vermutlich anders sein dürfte. Es heißt „Die Krise des globalen Kapitalismus“ und stammt von dem Ungaroamerikaner George Soros. Er ist keiner der üblichen Verdächtigen, er ist weit davon entfernt. Soros ist Börsianer, und kein unbekannter. Vielen gilt er als der Guru der Spekulanten, seine Quantum-Group verwaltet in ihren Fonds mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Außerdem war er an den Spekulationen gegen das britische Pfund beteiligt, die 1992 das feste Wechselkurssystem des EWS in die Knie zwangen. Im Zuge der Asienkrise 1997 wurden er und seine Gruppe ebenfalls verdächtigt, gegen die thailändische Zentralbank spekuliert zu haben und damit mit zu den Auslösern dieser Krise zu gehören.

Soros ist aber auch in den ehemaligen Ostblockstaaten stark engagiert und versucht dort, mit Hilfe von Stiftungen zivilgesellschaftliche Strukturen aufzubauen. Sein Ziel dabei ist es, in diesen Staaten das Entstehen von demokratischen Systemen nach westlichen Vorbildzu fördern und ein Abgleiten in neue autoritäre Regime zu verhindern.

Diese beiden Seiten seiner Arbeit schlagen sich in seinem Buch nieder. Natürlich kritisiert er nicht den Kapitalismus an sich, sondern nur den Neoliberalismus, bzw., wie er sich ausdrückt, den Marktfundamentalismus, der behauptet, die gesamte Gesellschaft müsse nach marktwirtschaftlichen Grundlagen funktionieren. Das ist eine Position, mit der sich der leidenschaftliche Anhänger von Karl Poppers Theorie der offenen Gesellschaft nicht anfreunden kann. Im Gegenteil, er bezeichnet sie als ideologisch und nicht minder dogmatisch als die Grundlagen der alten Ostblockgesellschaften. Seine Forderung ist es, dass die Staaten und die Gesellschaften dem Markt Rahmenbedingungen setzen und Grenzen vorgeben müssen und, dass sie auf keinen Fall sich selbst, ihre sozialen Sicherungssysteme oder gar Bildungsinstitutionen und Kultur nach marktwirtschaftlichen Kriterien organisieren dürfen. Seine Befürchtung ist, dass sich aus der marktradikalen Ideologie letztendlich wieder eine geschlossene Gesellschaft entwickelt, die keine Kritik an ihren Grundlagen mehr zuläßt, keine Bewegungs- und Diskussionsspielräume mehr hat.

Nebenbei greift er die etablierten Wirtschaftswissenschaften scharf an, weil er deren Theorien in seiner Alltagserfahrung an den Börsen nicht wiederfindet. Insbesondere geht es ihm dabei um das Axiom, dass Märkte immer zu einem Gleichgewichtszustand tendieren. Dies, so Soros, ist eine der größten Fehlannahmen der Ökonomie an sich. Seine Beobachtung geht viel mehr dahin, dass sich gerade Börsen in Boomphasen sehr weit vom Gleichgewicht entfernen und dies erst sehr spät in großen Crashs korrigieren können, das nicht das Gleichgewicht, sondern Trends das Verhalten der MarktteilnehmerInnen bestimmen. Auch daran macht er seine Forderung nach Grenzen und Kontrolle des Marktes fest.

Soros Buch ist sicherlich nicht das Richtige für sattelfeste Marxisten oder andere ideengeschichtlich fundierte Kapitalismuskritiker. Aber jedeR, der sich mit einer Gegenposition zur herrschenden Meiniung, alles nur ökonomisch zu sehen, überhaupt einmal auseinandersetzen will, und jedeR, der/die Argumente sucht, um mit neoliberale Ideologen zu diskutieren ohne die kapitalistischen Grundannahmen zu verlassen, wird dieses Buch sehr wertvoll und lesenswert finden. Und auch wer schon zu der Erkenntnis gekommen ist, dass Kapitalismus letztendlich doch nicht das Wahre ist, findet bei Soros weitere Kritikpunkte. Sicherlich richtig liegt auch jedeR, der/die BWL studierenden Geschwistern oder marktradikalen Eltern ein Buch schenken will, mit dem sie zumindest zum Nachdenken angeregt werden können.

George Soros,
Die Krise des globalen Kapitalismus, erschienen als Fischer-Taschenbuch, 16,90 DM

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