Sehr geehrte Damen und Herren
in der Ausgabe der BSZ vom 3. Juli 2000 berichten Sie über ein Forschungsprojekt der Fakultät für Sozialwissenschaft zu den ökonomischen Folgen sexueller Gewalt, das auf einer Pressekonferenz am 7. Juni d.J. in Anwesenheit des Dekans der Fakultät und des Künstlers und Studenten der Sozialwissenschaft Andres Ginestet der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. In Ihrem Bericht nennen Sie die von uns seinerzeit vorgestellte neue Herangehensweise an das Problem der Erforschung der Folgen sexueller Gewalt zumindest fragwürdig. Eine dermaßen verzerrende und einseitige Darstellung Ihres Blattes erfordert im Sinne der Sache Richtigstellungen.
Richtig ist, daß Herr Ginestet als Privatperson die Stiftung Seiltänzer ins Leben gerufen hat. Die Stiftung soll langfristig einerseits dessen künstlerische Aktivitäten im Zusammenhang der Aufklärung von Ursachen und Folgen sexueller Gewalt finanziell absichern. Andererseits sieht Ginestet vor, damit die wissenschaftliche Forschung zu diesem Thema zu fördern. Da ihm daran liegt, Wissenschaft und Kunst über dieses Thema zusammenzuführen, hat er folgerichtig den Kontakt zu Wissenschaftlern der Fakultät für Sozialwissenschaft mit dem Ziel der Beratung gesucht. Daraufhin haben sich einige Mitglieder der Fakultät sowie Studierende zur Mitarbeit bereitgefunden. Erstes Produkt dieser Zusammenarbeit ist ein Fragebogen, der mit den Instrumenten der quantitativen Sozialforschung die ökonomischen Kosten sexueller Gewalt erfassen will. Dieser Fragebogen ist mit der üblichen Sorgfalt und selbstredend auf dem Boden des gegenwärtigen Forschungsstandes erarbeitet worden. Die Beteiligten unterstellen nicht, daß die ökonomischen Kosten die alles andere in den Schatten stellenden Folgen sind. Sie gehen vielmehr davon aus, daß über die Ermittlung des monetären Schadens eine Signalwirkung für die Aktivierung öffentlicher und politischer Aufmerksamkeit erreicht werden kann. Die Fragenbögen werden über ausgesuchte Therapeutenpraxen an Opfer verteilt. Der besonderen Betroffenheit wird durch das Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und PatientInnen Rechnung getragen.
Die Unterzeichner sind der Uberzeugung, daß durch ihre Mitarbeit an dem Fragebogen eine wichtige Dimension der Folgen sexueller Gewalt erschlossen werden kann. Die Aufgeregtheit der Gegendarstellung und bestimmter Kreise der Universität ist nicht nur unangemessen und offenbar vordergründig, sondern sie kann auch die Chance wissenschaftlicher Aufklärungsarbeit mit dem Ziel ein schmerzhaftes Problem unserer Gesellschaft mindern zu helfen, behindern.
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Ulrich
Widmaier
Dr. Klaus Schaper
Dr. Frank Thieme
Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Sozialwissenschaft
13 Oktober 2000