Eugenik und Rassismus

Die Biopolitik im
Argumentationszusammenhang der Neuen Rechten

„Im Rahmen dieser Ethik ist es möglich und notwendig, lebenswertes und lebensunwertes Leben zu unterscheiden und das lebensunwerte zu vernichten.“
(Peter Singer 1994)

„Zur Demokratie gehört also notwendig erstens Homogenität und zweitens - nötigenfalls die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen.“ (Carl Schmitt 1923)

(mek) Mit dem Durchbruch der Evolutionstheorie im 19. Jahrhundert änderte sich das Natur- und Weltbild innerhalb der Wissenschaften grundlegend. Das zentrale Leitmotiv allen naturwissenschaftlichen Forschungsstrebens wurde plötzlich durch die Erkenntnis bestimmt, alles Leben verdanke seine Existenz wie auch die Form derselben der natürlichen Zuchtwahl, der Auslese der Bestangepaßten. Mit dieser Entwicklung ging nicht zufällig die Entstehung von Rassismen einher.

Was bedeutet “Biopolitik”?

Hinter dem nicht immer eindeutig verwendeten und schwer greifbaren Begriff der “Biopolitik” verbirgt sich zunächst die Feststellung, daß physische wie auch psychische Gesundheit heutzutage ein sowohl das Alltagsleben und -denken jedes Durchschnittsmenschen wie auch öffentliche Diskurse und aktuelle Tagespolitik bestimmendes Thema geworden ist. Der Mensch als Individuum wird zunehmend über seine körperliche Konstitution, damit seine Leistungsfähigkeit beurteilt und über eine auf das vermeintliche Wohl der “Gesamtgesellschaft” ausgerichtete Gesundheitspolitik auf allgemeine Verwertungsinteressen zugerichtet. Die körperliche Verfaßtheit jedes einzelnen Mitglieds des “Gemeinwesens” ist in diesem Kontext nicht länger individuelle Befindlichkeit, sondern muß sich an der gesellschaftlichen Norm messen lassen. Die suggerierten gesellschaftlichen Erfordernisse gebieten, wer oder was gesund und nützlich sein soll. Die Allgemeinheit besitzt - vermittelt über den gesellschaftlichen Diskurs und legitimiert durch das Konstrukt eines “berechtigten Interesses”-, der Staat über die Möglichkeit gesetzlicher Regelungen das Recht des Zugriffs auf das Individuum. “Der menschliche Körper wird zum Austragungsort des politischen Geschäftes” (Udo Sierck,Normalisierung von rechts).

Die ”Neue Rechte”

Die Strukturen der Neuen Rechten reichen von parteipolitischen Organisationen über intellektuelle Zeitungsprojekte wie “Mut” und “Junge Freiheit” bis weit in den akademischen Wissenschaftsbetrieb. An den Universitäten, wo sich bereits in den 70er Jahren studentische “national-revolutionäre Basisgruppen” gründeten, gab es etliche reputierte WissenschaftlerInnen, die als ChefideologInnen dafür Sorge tragen konnten, faschistischen Leitbildern eine neue, “wissenschaftlich fundierte”, scheinbar humane Legitimation zu verschaffen. So geht es den Anhängern der “Neuen Rechten” nicht mehr maßgeblich um ein Leugnen oder Verherrlichen der Greueltaten des Hitlerfaschismus. Ihre politische Konzeption beruht vielmehr darauf, völkischem, rassistischem, nationalistischem, patriarchalem und antidemokratischem Gedankengut eine wissenschaftlich anmutende Legitimation auf Basis intellektueller Argumentationsmuster zu verschaffen. Erklärtes Ziel ist es, mittels eines wisenschaftlichen Anstrichs die “kulturelle Hegemonie” zu erringen, indem “auf die Ideen, die Sitten , die Denkweise, den Bedeutungsinhalt der Werte, die Künste und die Erziehung” eingewirkt wird.

....im wissenschaftlichen Diskurs

Erkenntnistheoretisch stellt die neurechte Konzeption auf die naturgegebene Ungleichheit der Menschen ab, welche ein Denken in Kategorien wie “Volk” und “Rasse” unabdingbar mache. Diese Ungleichheit manifestiere sich beispielsweise daran, daß die “europäisch-okzidentale Zivilisation der Weißen” im Gegensatz zu “allen übrigen Kulturen” die größten Fortschritte im Bereich der Technik und Wissenschaft hervorgebracht habe. Die “spezifisch europäischen Eigenarten”, welche diese Vormachtstellung der “Europiden” begründen, gelte es demnach zu erhalten und zu fördern. Das naturgegebene Prinzip der Ungleichheit erfordere, die “Kultur” und “Rasse” vor “naturwidriger Entfremdung” zu schützen, indem gegen jegliche “Gleichmacherei” im Sinne bürgerlicher Aufklärungsideale, marxistischer Philosophie oder christlicher Ethik zu Felde gezogen wird.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Das biologistische Menschenbild der modernen Biowissenschaften ist aus diesen Gründen wie gemacht für die Verbreitung neurechter Ideologien. Ohne die alte Nazirhetorik bemühen zu müssen, kann auf diesem Wege die alte völkische Argumentation von der Schädigung der “Volksgesundheit” und des “Gemeinwohls” durch nicht normgemäße Personen verbreitet werden. Dabei ist es durch die Instrumentalisierung aktueller Diskurse möglich, Einfluß auf die öffentliche Meinung zu gewinnen und kulturell hegemonial. Aus dieser Position, so glauben die VertreterInnen der “Neuen Rechten” lasse sich später auch die politische Vormachtstellung erringen. Die biopolitischen Vorstöße sind für ihre Argumentationen interessant, weil jede Normsetzung und jede Definition des Normalen, Gesunden zugunsten eines Allgemeininteresses zwangsläufig einhergeht mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung derjenigen, die von diesen Normen abweichen.

Ausgehend von der These über die angebliche Dominanz der genetischen Anlagen einschließlich des “menschlichen Triebapparates” ist es möglich, nahezu jede Eigenschaft, jedes körperliche Merkmal und jedes menschliche Verhalten für angeboren zu erklären und damit eine Theorie der naturgewollten Ungleichheit aufrechtzuerhalten. Forciert und etabliert wird dieses Menschenbild im öffentlichen Bewußtsein teilweise durch Vereinnahmung, teilweise durch bewußte Mitarbeit namhafter WissenschaftlerInnen im Bereich der Psychologie, Biologie, Medizin und Sozialwissenschaften, sowie der sich daran anlehnenden Wissenschaftszweige. Mit Hilfe dieser Strategie, durch Anleihe bei so gut wie allen relevanten Wissenschaftszweigen baukastenartig eine eigene Argumentation für die These von der natürlichen Ungleichheit der Menschen zu entwickeln, ist die Neue Rechte in der Lage, flexibel und ohne die Gefahr, auf Ablehnung zu stoßen, ins öffentliche Bewußtsein zu dringen. Ohne Probleme können politische Konzeptionen gegenläufiger Bewegungen per Definitionsmacht vereinnahmt werden, die Inbesitznahme wissenschaftlicher Felder ermöglicht eine scheinseriöse Verbreitung der neurechten Konzepte. Auf diesem Wege hat eine Entwicklung eingesetzt, die zwangsläufig eine Ideologie stützt, welche die Lösung sozialer Fragen durch biologische Anpassung der Menschen an wirtschaftliche Sachzwänge zu erreichen sucht. In der Konsequenz dieser auf reinem “Kosten-Nutzen-Denken” basierenden Erwägungen schadeten behinderte, kranke und unangepaßte Menschen der Gesellschaft. Forschung und Selektion am Menschen wird zur unabdingbaren Notwendigkeit im Namen des Allgemeininteresses stilisiert, eugenische Konzeptionen werden im Namen der Verantwortung für das „Wohl der Gemeinschaft“ zum Pflichtprogramm erklärt.

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