Ob es wirklich wie vom Westdeutschen Regierungssender WDR gemeldet 10.000 Menschen waren, die sich am 21.10. in Dortmund versammelten um Reden von Ministerpräsident Clement und anderen Größen aus Politik und Showgeschäft zu zuhören und damit gegen den am gleichen Tag in Dortmund stattfindenden Naziaufmarsch zu protestieren sei einmal dahingestellt. Vielleicht waren es auch nur 10.000 Liter Bier oder 10.000 Grillwürstchen, die bei dieser Gelegenheit verzehrt wurden. Auf jeden Fall waren es erfreulich viele Menschen, die sich zu der als Aufstand der Anständigen angekündigten Veranstaltung einfanden. Zu den Anständigen zählten sich neben der SPD und den ihr nahestehenden Organisationen auch unangefochten ein Mittvierziger in Schaftstiefeln und mit Schwarz-Rot-Goldener Armbinde. Vielleicht war das Kriterium Anständig ja doch nicht so geeignet, um die NazigegnerInnen zusammenzufassen. Nach hierzulande weit verbreiteten Kriterien jedenfalls würde ein Nazi, der mit Schlips und Kragen in gepflegtem Deutsch die Forderung Ausländer raus erhebt wohl eher darunter fallen, als z.B. müffelnde Bunthaarige, die dagegen demonstrieren.
Nun, die TeilnehmerInnen dieser Veranstaltung werden ihre Gründe gehabt haben, ihren Protest auf diese Weise zum Ausdruck zu bringen und damit den Naziaufmarsch zwar nicht kommentarlos aber auf jeden Fall ohne wirklichen Widerstand hinzunehmen. Für ca. 3.000 Menschen jedoch stand an diesem Tag fest, daß sie versuchen würden, den Naziaufmarsch z.B. durch Blockaden auf der Strecke zum Stoppen zu bringen. Sie verließen daher den Aufstand der Anständigen um statt dessen einen anständigen Aufstand zu versuchen, wie ein Demonstrationsteilnehmer mit Megaphon es nannte. Nachdem mehrere Verbotsanträge gescheitert waren hatte die Polzei bereits im Vorfeld angekündigt, weder Kosten noch Mühen zu scheuen um den Nazis denAufmarsch zu ermöglichen - darunter auch den Dortmunder Nazis, die sich vor wenigen Monaten auf Flugblättern mit ihrer Freundschaft zu einem dreifachen Polizistenmörder aus ihren Reihen brüsteten und die drei Toten Polizisten als Drei zu eins für Deutschland bilanzierten. Mehrfach versuchten verschiedene Demonstarionszüge von AntifaschistInnen, auf die Strecke zu gelangen. Dabei wurden Absperrungen der Polizei mehrfach umgangen und verschiedentlich auch PolizistInnen, die versuchten, sich in den Weg zu stellen beiseite gedrückt - nachdrücklich, aber gewaltfrei genug, dass den betroffenen PolizistInnen, der Einsatz ihrer Schlagstöcke als unverhältnismäßig erschien und sie ihn deshalb unterließen. Letzten Endes jedoch fand sich jeder Demonstrationszug jedoch irgendwann einer Absperrung aus Wasserwerfern und sogar Panzerfahrzeugen gegenüber. Spätestens bei diesen Sperren griff die Polizei dann auch häufig genug zu unverhältnismäßiger Gewalt, um die Demonstrationszüge zurückzudrängen. Dabei kam es auch zu Angriffen auf PolizistInnen, die aber glücklicherweise mit Helmen und Schilden gut gegen Verletzungen gesichert waren und nur wenige leichtveletzte zu beklagen hatten. In diesem Zusammenhang wurden erstmals zahlreiche AntifaschistInnen festgenommen. Die Zahl der eingesetzten PolizistInnen wollte der Sprecher der Polizeiführung nicht bekannt geben. Doch für die Kosten des Polizeieinsatzes zugunsten der Nazis hätte das Land NRW sicherlich den einen Lehrer oder die andere Lehrerin einstellen können.
National befreite Zone in Dortmund - präsentiert vom Land NRW
Wieder einmal sperrte die Polizei damit ein ganzes Stadtviertel für die Nazis ab und schenkete ihnen das, was von den Nazis selbst als National befreite Zone bezeichnet wird; ein Gebiet auf dem sie frei von jeglicher Anfeindung und von allem was sie stört agieren können. Nur wenigen Anwohnern des betroffenen Viertel gelang offensichtlich der Versuch, sich den Nazis in den Weg zu stellen, sie wurden von Ordnern der Nazis beiseite geschoben. Die der bsz verfügbaren Zahlen über die Beteiligung an der Nazidemo schwanken zwischen Knapp 400 Faschisten aus der gesamten BRD (Aktionsbündnisses Wir stellen uns quer!) und 600 (WDR). Aus Bochum begaben sich ca. 40 Nazis zu dem Aufmarsch. Die den Nazis überlassene Strecke soll lediglich ca. einen Kilometer betragen haben, wegen der starken Proteste mußte sie von der Polizei erneut eingeschränkt worden. Das Aktionsbündnis fasst zusammen, die Nazis hätten unter Polizeischutz und unter Ausschluß der Öffentlichkeit eine äußerst kurze Runde um ihren Treffpunkt gedreht. Fernsehbilder zeigten die Nazis in einem menschenleeren Viertel.
Nachdem der doch recht kurz geratene Aufmarsch gegen 16.00 Uhr beendet war, und die meisten Nazis sich von einem extra für sie von der Polizei freigehaltenen S-Bahnhof auf die Heimreise begaben, suchten größere Nazigruppen am Dortmunder Hauptbahnhof die Konfrontation mit den AntifaschistInnen. Ihre Attacken auf heimreisende AntifaschistInnen führten zu militanten Auseinandersetzungen; die Polizei verhaftete erneut zahlreiche AntifaschistInnen oder nahm sie in Polizeigewahrsam. Laut Fernsehberichten richteten zwei Zivilpolizisten sogar ihre Schußwaffen auf AntifaschistInnen um sich schützend vor eine Gruppe Nazis zu stellen, die sich partout mit einer deutlichen Überzahl von AntifaschistInnen anzulegen versuchten, aber wohl an die Falschen geraten waren. Nach Berichten der Bild-Zeitung, hatten dabei die Nazis die Auseinandersetzung durch einen Schlag mit einer mitgeführten Eisenkette eröffnet.
Das Aktionsbündnis wirft in diesem Zusammenhang der Polizei vor, keinerlei Vorkehrungen getroffen zu haben, um ein Aufeinandertreffen zu verhindern. Nach Angaben des Aktionsbündnis nahm die Polizei die Auseinandersetzungen in der Innenstadt später zum Anlass, willkürlich abreisende AntifaschistInnen zu verhaften, die irgendwie autonom aussahen. Schwarze Kleidung, Sonnenbrille hätten für eine Verhaftung ausgereicht. Insgesamt sollen über 300 AntifaschistInnen von Polizei verhaftet, bzw. in Gewahrsam genommen worden sein. Daß Aktionsbündnis berichtete, daß ein Großteil der Festgenommenen sei erst 15 bis 16 Jahre alt gewesen sei und mutmaßt, die Polizeiführung habe mit der hohen Zahl von Festnahmen nachträglich Gründe für ihren Großeinsatz gegen die DemonstrantInnen vorschieben wollen. Trotz dieser hohen Zahl bleibt die Bilanz wohl dennoch Positiv: Die Nazis mussten erfahren, das Tausende von Menschen sie bei der Verbreitung ihrer menschenverachtenden Ideologie nicht einfach werden gewähren lassen. Es liegt an jeder und jedem, ihnen diese Erfahrung nicht nur anläßlich von Aufmärschen zu bereiten, sondern bei jeder Gelegenheit und vor allem im Alltag. Im Sportverein, an der Uni, in der Innenstadt und an der Wohnheimtheke.
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