1919 schrieb der junge Brecht einen Einakter, worin er dem (heute ja immer noch recht lebendigen) Kleinbürgertum seinen Bankrott vorführte, den Kampf ansagte und ihm seine Verlogenheiten und Neurosen mit zynischem Karacho um die Ohren knallte. Auf dieser Kleinbürgerhochzeit ist wirklich alles Zerstörung - die Braut ist schwanger, die Schwester verschwindet mit einem Freund der Familie, die selbstgebauten Möbel gehen nach und nach in die Brüche, die Gäste hassen sich, das Thema Sexualität schwelt unausgesprochen im Raum, und zusammengehalten wird das alles von ein paar Fetzen Etikette und Umgangsform. Da braucht man nicht drüber streiten, so kaputt war es damals, und so kaputt ist es immer noch, und nichts ist bekannt, was es bessern könnte.
Wie aber bringt man im Jahr 2000 einigermaßen interessant auf die Bühne, was man als ähnliche Zerstörungsorgie doch vielleicht jeden Tag im Fernsehen bewundern kann (freilich ohne die subversive Brillanz des Dialogs)? Und weiter: Brechts Stücke sind geniale Inszenierungen, so wie sie auf dem Papier stehen, da gibt es nichts dran zu ruckeln. Nichts für individualistisches Regietheater, mehr was für Textknechte (was ich übrigens weniger negativ finde als es sich anhört). Jürgen Uter, der bei dieser Inszenierung Regie führt, geht dann auch konsequent den Textknecht-Weg. Verstörend oder irritierend ist gar nichts an seiner Kleinbürgerhochzeit. Die Einwohner der Familienhölle machen sich mit teuflischer Lust kaputt - wie mans erwartet; die Möbel krachen eindrucksvoll zusammen - wie mans erwartet; und alles geht den logischen Gang ins totale Chaos. Das hypernaturalistische Bühnenbild - eine hufeisenförmige Banketttafel, Lampions, pittoreske Gestecke, ständig dampft es aus irgendwelchen Schüsseln - ist zum Schluss gottseidank in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem es von ausgerissenen Tischbeinen, Scherben und Tränen wimmelt. Loriot. Nichts wahnsinnig Neues also.
Es wird aber schön gespielt. Besonders das Brautpaar hat es mir angetan. Sébastien Jacobi macht den Bräutigam, eine drollige Mischung aus Gerard Depardieu und Otto Waalkes, mit schmierigem Haar und sich gen Ende häufenden Wutanfällen. Und Silvia Fink als Braut zeigt Gebiss wie weiland Evelyn Hamann in den besten - schon wieder - Loriot-Szenen, zappelt herum und bemüht sich ständig, ihren etwas angeschwollenen Bauch zu verbergen. Auch der Rest der Belegschaft treibt routiniert die Zerstörung des gemütlichen Eigenheims voran, insbesondere der Freund des Bräutigams (Michael Kamp) mit Elvis-Tolle und seinem fiesen Vortrag der Keuschheitsballade in Dur vertauscht seine anfänglich guten Manieren immer mehr mit zotigem Haudrauf-Verhalten. Das ziemlich spießig aussehende Publikum amüsierte sich köstlich.
Das ist ja die bekannte Tragik: Diese Stücke sind Repertoirestücke, und Brecht ist ein Künstler mit der politischen Brisanz eines Adalbert Stifter (nicht seine Schuld!). Wenn man ihn gut nachspielt wie hier, hat man allerbeste Unterhaltung, mehr nicht. Wenn Castorf oder Schleef Brecht inszenieren, dann zerhackstücken sie ihn gleich ganz. Vielleicht hatte Heiner Müller kurz vor seinem Tod einen neuen, abseits liegenden Ansatz gefunden - seine Arturo Ui - Inszenierung beweist es. Aber abgesehen von alledem, wer Lust hat, sich mal wieder auf gut klassische Art und Weise im Theater zu amüsieren ohne größere intellektuelle Erschütterungen in Kauf zu nehmen, soll sich die Kleinbürgerhochzeit ruhig ansehen. Spaß machts allemal.
Sebastian Kirsch
Nächster Termin:
10.11
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