Anlässlich der Angriffe auf die Gedenkstädte „Alte Synagoge“ in Essen:

Über den Antisemitismus der Linken

Zuerst versuchten die Demonstranten, das Gebäude zu stürmen. Als ihnen die Polizei den Weg versperrte, warfen sie mit Pflastersteinen und Betonplatten die Scheiben der Alten Synagoge ein. Nur mit Mühe konnten weitere Übergriffe verhindert werden, als am vergangenen Samstag Palästinenser - gemeinsam mit deutschen Unterstützern - wegen der Ereignisse im Nahen Osten in Essen demonstrierten.

Jungle World, 11. Oktober 2000

Der geschilderte Angriff auf die Gedenkstätte „Alte Synagoge“ in Essen war keine Tat militanter Neonazis. Ebensowenig waren es die verbalen Attacken, die „deutsche Unterstützer“ am von palästinensischen Nationalisten anlässlich der Eskalation im Oktober ausgerufenen „Tag des Zorns“ gegen die Teilnehmer einer Mahnwache vor der Synagoge in Berlin-Kreuzberg losließen. „Was seien schon ein paar Steine gegen die Bomben, die auf Palästina fallen, riefen sie. In der Nacht hatten Unbekannte die Fenster der Synagoge eingeworfen. ‘Israelis sind Kindermörder’, stand tags darauf an der Mauer neben der Synagoge zu lesen.“ (ebd.)

Was mag die linken Mittäter des Essener Synagogenangriffs motiviert haben? Wir können vermuten, dass sie den Vorwurf des Antisemitismus von sich weisen, als Tatmotiv ‘Solidarität mit dem palästinensischen Volk’ geltend machen und, palästinensische Steine gegen israelische Bomben aufrechnend, die wahren Schuldigen in Israel verorten würden. Ebenso können wir annehmen, dass wir es mit den Resten jener breiten Strömung der 68er-Bewegung zu tun haben, die in den ‘nationalen Befreiungsbewegungen’ des Trikont das revolutionäre Subjekt gefunden zu haben glaubte und dabei inmitten von ‘Befreiungsnationalis-men’ gelandet war, die sich im Laufe der Zeit vielfach als völkische Unternehmungen entpuppten. Vielen dieser ‘Befreiungskämpfe’ war ein diffuser, von antiamerikanisch-antiwestlichen und antisemitisch-antiisraelischen Projektionen durchzogener Antiimperialismus zu eigen, den die deutsche Linke bereitwillig aufnahm. Diese Konstellation ließ eine antikapitalistische Aktualisierung des deutschen Nationalmythos zu, der das „Volk“ bekanntlich als eine von der westlichen Zivilisation als äußerem und dem finanzkapitalistischen Judentum als innerem Feind bedrohte Gemeinschaft halluzinierte. An die Stelle des ”Volks” trat dabei dessen Arbeiterklasse.

Den Ereignissen zum „Tag des Zorns“ ging eine langjährige Praxis von Angriffen gegen „israelische Einrichtungen“ voraus, die die Politik der radikalen Linken in den siebziger und achtziger Jahren durchzog und erst Ende der achtziger Jahre als subtile Form des Antisemitismus erkannt wurde. In den Bildern und Parolen, die diese Linke hinterließ, finden sich zahlreiche Beispiele eines ‘antizionistischen’ Antisemitismus, der sich über das Feindbild Israel und die Identifikation mit dem palästinensischen Befreiungsnationalismus vermittelte. Die Parole >Boykottiert ”Israel”! Waren, Kibbuzim und Strände! Palästina - das Volk wird dich befreien! COLOR=#000000 FACE="AGaramond"> auf einer Hauswand der Hamburger Hafenstraße und der Abdruck unzähliger brennender oder zerschlagener Davidsterne auf den Plakaten der Palästina-Soligruppen waren der optische Ausdruck eines Diskurses, der dem ‘zionistischen Gebilde Israel’ jegliche Legitimität absprach.

Wie jeder Antisemitismus, funktionierte der ‘Antizionismus’ der Linken unabhängig vom Verhalten oder auch nur Vorhandensein des ‘Juden’. Seine ständige Selbstrechtfertigung durch den Verweis auf die Politik Israels entpuppt sich, untersucht man sie genauer, als Projektion der deutschen Verbrechen auf den Staat der Überlebenden. Auf welche Weise diese Projektion vonstatten ging und wie sie in einem terroristischen Handeln gegen den halluzinierten ‘zionistischen’ Feind mündete, kann am Beispiel zweier Texte der Roten Armee Fraktion (RAF) und der Revolutionären Zellen (RZ) rekonstruiert werden.

Zwei Monate nachdem die palästinensische Gruppe „Schwarzer September“ während der Olympischen Spiele in München 1972 neun israelische Sportler als Geiseln genommen hatten, veröffentlichte die RAF eine Strategieschrift, in der sie die Geiselnahme als richtungsweisend für den „antiimperialistischen Kampf“ glorifizierte. Unzweideutig sprechen ihre Verfasser von „Israels Nazi-Faschismus“: israelische Militäroperationen werden zum „Ausrottungskrieg“, Mosche Dayan zum „Himmler Israels“ und über die israelische Regierung heißt es, sie habe ihre Sportler „verheizt wie die Nazis die Juden“. Apodiktisch erklärte die RAF: ”Die Aktion des Schwarzen September war antifaschistisch.”

Wie die meisten Achtundsechziger, operiert die Rotarmistenfraktion hier mit einem Faschismusbegriff, der die Deutschen, sofern sie sich dem Proletariat zurechnen, vom Nazismus freispricht. Dadurch, dass der Faschismus als Herrschaftsform des Imperialismus definiert wird, erscheint er zugleich als ein System, das sich unabhängig von nationalistischen und antisemitischen Dispositionen entwickle. „Der Nationalsozialismus“ folgert die RAF, „war nur die politische und militärische Vorwegnahme des imperialistischen Systems der multinationalen Konzerne.” Was hingegen 1933 in Deutschland an die Macht gelangt war, war in dieser Logik nicht der Faschismus - denn dieser etablierte sich ja erst Jahrzahnte später als multinationale Macht -, sondern der misslungene Versuch seiner vorzeitigen Verwirklichung: „Raffgierig wie die Kapitalistienklasse - besonders in Deutschland - nun einmal ist, wollte sie, unter der Führung der Flick-, Thyssen-, Krupp-, IG-Farben-Konzerne unter den noch unreifen Bedingungen schon haben, was sie später sowieso gekriegt hätte. Fickrig ging sie das Bündnis mit dem alten, absterbenden Kleinbürgertum ein, lud sich dessen irrationalen Antisemitismus an den Hals [und] gingen das Bündnis mit der ideologisch rückwärtsgewandten Nazi-Partei ein. Statt die Entfaltung seiner eigenen Möglichkeiten abzuwarten, sich Länder und Völker ohne militärische Abenteuer zu unterwerfen, fingen sie den 2. Weltkrieg an“.

Wenn die RAF also vom „Israels Nazi-Faschismus“ schrieb, so war dies weit mehr als ein polemischer Fehlgriff. Es war die Kurzformel einer doppelten Projektion, die die Judenvernichtung auf Israel und den Faschismus auf den Imperialismus (und damit wiederum auch auf Israel) projezierte: es war der Freispruch des (deutschen) Volkes, dem zu dienen die RAF pathetisch vorgab.

Äußert sich der Antisemitismus der RAF also vor allem in ihrem Faschismus- und Imperialismusbegriff, so belegen einige Bekennerschreiben der Revolutionären Zellen aus den Jahren 1978 und 1979 die nahezu bruchlose Integration antisemitischer Verschwörungsphantasien ins antiimperialistische Weltbild. Auch dort ist vom „faschistischen Genozid am palästinensischen Volk“, vom „Holocaust an den Palästinensern“ und dergleichen die Rede. Darüberhinaus aber definieren die Attentäter künftige Anschlagsziele in Deutschland: „Zionistische Zentralen etwa wie die jewish agency, die von hier aus die israelische Siedlungspolitik strategisch plant und vorbereitet oder der jüdische Nationalfond, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, über ein engmaschiges Netz von Spenden und Stiftungen, in das sämtliche Juden integriert sind, jedes Jahr Millionenbeträge nach Israel zu transferieren, um damit die Errichtung von zionistischen Wehrdörfern und -siedlungen zu finanzieren.“ Der vermeintliche ‘Holocaust’ an den Palänstinensern wird damit zur Tat der Juden schlechthin. Ihre Darstellung als engmaschiges Netz, das die Gesellschaft geldsaugend durchdringt, erinnert an die wohl meistgedruckte antisemitische Grafik des vorigen Jahrunderts: das Judentum als Krake, die einen Globus umschlungen hält.

Die antisemitische Stereotypie bricht in der folgenden Schilderung der „zionistischen Zentren“ geradezu hemmungslos hervor: „Diese Institutionen haben es sich zum Prinzip gemacht, in ihrer unmittelbaren Umgebung kulturelle und soziale jüdische Einrichtungen anzusiedeln (Altenfürsorge, Kinderkrippen etc.) - oder einfach in ein normales Wohnhaus voller Familien zu ziehen, mit der Absicht, dass bei Anschlägen auf ihre Agenturen möglichst viele Menschen getroffen und verletzt werden, um diese dann nach uralter und bewährter zionistischer Strategie als ‘antisemitische Ausfälle’ denunzieren zu können. Diese Art der Verschanzung, die ganz systematisch unbeteiligte Menschen als lebende Schutzschilde missbraucht, die zumeist gar nicht wissen, wer sich da mitten zwischen sie gesetzt hat, ist eine der niederträchtigsten und menschenverachtendsten ‘Spezialitäten’ des Zionismus. Das heißt nicht, dass wir Anschläge auf zionistische Institutionen dieser Art für falsch halten, das heißt lediglich, dass wir uns über eins im klaren sein müssen: der israelische Staat und seine Vertretungen hier in der BRD arbeiten mit allen Mitteln (Wenn’s sein muss, auch mit Toten) und ihnen ist kein Preis zu hoch, um den Leuten ihre Propagandaparolen einzukämmern: dass nämlich der antizionistische Kampf nur ein weiteres blutiges Glied in der Kette der Judenverfolgung sei.“ Man könnte annehmen, einen Auszug aus den >Protokollen der Weisen von Zion COLOR=#000000 FACE="AGaramond"> gelesen zu haben.

Im antiimperialistischen Kampf auch einmal den Kindergarten oder das Altenheim einer jüdischen Gemeinde angreifen zu dürfen, ist die Konsequenz dieses Haltung. Noch in der Drohung mit der antisemitischen Tat spricht sich der Attentäter frei vom Antisemitismus, indem er ihn zum perfiden Trick seines Opfers erklärt. So nimmt der Antisemit an, gegen den Antisemitismus zu kämpfen, da er das ‘Judentum’ meint, wenn er von Antisemitismus spricht: „Der Kampf gegen den Zionismus ist der entschiedenste Kampf gegen jeglichen Antisemitismus. Denn genauso wie er die faschistischen Verbrechen bekämpft, bekämpft er die Verbrechen des israelischen Staates an den Palästinensern, die selbst Semiten sind.“ Zynischer und zugleich dümmer hätte die Projektion der Judenvernichtung auf ihre Überlebenden nicht zuende gedacht werden können.

Mehr als zwanzig Jahre hat die radikale Linke bedurft, um das Offensichtliche auch nur zu erkennen: ihre diskursive und zuweilen terroristische Teilhabe am Antisemitismus der Bundesrepublik. Die Ereignisse am ‘Tag des Zorns’ lassen befürchten, dass diese antisemitischen Dispositionen in einigen Szenemilieus mobilisierbar bleiben werden. Doch trifft, was für das radikal gebliebene Segment der 68-Bewegung gilt, zugleich auf das regierungsfähig gewordene zu. In Serbien einen Holocaust, in Milosevic einen Hitler, in den Operationen der jugoslawischen Armee einen Ausrottungskrieg zu erkennen: auch hier ist die alte Leier mobilisierbar geblieben.

Thomas Müller

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