ARGUMENTE GEGEN DEN KONSENS
Die politische Seite von Noam Chomsky

"Einem Geist zu begegnen, der unsere Wahrnehmung von der Welt radikal verändert, stellt eine der beunruhigendsten, aber zugleich auch eine der befreiendsten Erfahrungen im Leben dar."
So heisst es in einem Vorwort zu einem der bedeutendsten Denker unserer Zeit - Noam Chomsky. In Europa wurde er primär als Linguist für seine bahnbrechende "generative Grammatik" bekannt, die bereits die Grundzüge seines Denkens offenbart. Man kann sie im Ganzen anzweifeln, aber in ihrem inneren Aufbau ist sie von bewundernswerter Logik und argumentativer Sorgfalt. Chomsky ist kein Dogmatiker, kein Prophet. Er ist ein ruhiger, besonnener Mensch, der mit Argumenten arbeitet, wo andere nur Phrasen dreschen. Und deshalb soll hier auf sein politisches Werk aufmerksam gemacht werden, dass wirklich zu den durchschlagendsten Texten gezählt werden kann, die einem im Leben begegnen werden - vorausgesetzt, man hat ein Rest von Mißtrauen und Neugier in sich und schluckt nicht alles glücklich und dumm, was einem tagtäglich vorgekaut wird.
In seinen politischen Büchern beschäftigt sich Chomsky vor allem damit, "einen offiziell beglaubigten Mythos nach dem anderen" zu zerstören und das "Offensichtliche" sichtbar zu machen, das sich hinter der Propaganda der Politik und der Medien verbirgt. Er gehört zu den vehementesten Kritikern der US-Außenpolitik und beteiligte sich theoretisch und praktisch an den Protesten gegen die Kriege in Vietnam, am Golf und im Kosovo.
Er wendet sich gegen die inhumane Logik des Kapitalismus und seiner Ideologie. Dabei sammelt er akribisch Beweise und Fakten, die seine Thesen untermauern, wirft ein Licht auf Zusammenhänge, die man so nie gesehen hätte und stellt Fragen, die man so nie gefragt hätte. Am Ende werden auch diejenigen Leser, die elementare Kapitalismuskritik bisher für utopischen Quatsch und paranoide Verschwörungstheorie gehalten haben, zugeben müssen, das ihre Sicht der Welt bislang etwas einseitig gewesen ist. Und wodurch war diese Sicht geprägt - durch den Konsens. Und wer macht den Konsens? Die Medien, die Mächtigen.
Chomsky verwendet viel Mühe darauf, den Leuten klar zu machen, dass die Konzepte von "Demokratie", "freier Meinungsäußerung" und "freier Presse" leere Luftblasen sind, die nur dazu dienen, die Menschen in einer Illusion zu halten, die ihnen suggeriert, frei zu sein. Bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass Macht & Medien gemeinsam einen "Konsens" schaffen, der nur bestimmte Meinungen zulässt. Die Zensur liegt in dem, was nicht gesagt wird. Die Gedankenkontrolle der Menschen liegt darin, dass man ihnen ein Weltbild präsentiert, indem der Kapitalismus als Prinzip nie angezweifelt wird. Die Amerikaner - als Synonym des kapitalistischen Westens - sind immer "die Guten". Ihre Kriege sind gerecht, ihre Politik der "bezahlten Armut" durch Niedriglohn-Jobs ohne Sozialsysteme, ihre Ausbeutung der Südhalbkugel - all das ist Naturgesetz. Der Starke siegt, so sei es.
Die Medien sind ein Teil dieses Spiels, sie sind Werkzeug der Macht und nicht kritische Beobachter. Sie sind in den Händen mächtiger Konzerne. Sie kritteln hier, sie kritteln da. Manchmal wird ein Krieg auch als "tragischer Fehler" bezeichnet, so als könne man nichts für die Fehler der eigenen Macht. Elementar kritische Positionen, die die innere Logik des Kapitalismus anzweifeln, haben keine Chance, aus ihren kleinen Kreisen in die Öffentlichkeit zu dringen, da die großen Medien nur denen gehören können, die das System tragen.
Selbst Chomsky - der als weltberümter Professor am MIT (Massachusetts Institute Of Technology) lehrt und dessen politische Vorträge in Amerika tausende von Leuten besuchen, wird von der Machtmaschinerie geschnitten und bekämpft. Selbst der liberale "Boston Globe" bespricht keines seiner Bücher, setzt sie nicht mal auf die Liste der Neuerscheinungen und verweigert sogar Besprechungen aller Bücher des Chomsky-Verlages South End Press. Die Pressefreiheit ist da - die Bücher können erscheinen - aber die Maschinerie des kapitalistischen Konsens verhindert, zensiert und denunziert Leute wie Chomksy als "Extremisten". Chomsky dazu : "Sicher, ich bin Extremist, weil ein Gemäßigter jeder ist, der die Macht des Westens unterstützt und ein Extremist jeder, der sich gegen sie wendet."
Besonders enttäuscht ist Chomsky von den Intellektuellen dieser Welt, die er genauso wie die Journalisten als "ideologische Manager" eines imperialen Systems bezeichnet. Genau wie die Medien tragen sie alle den Konsens - Kapitalismus und Amerikas dominante Willkür als gottgegebenes Naturgesetz. Auf den Vorwurf, die intellektuelle Tradition zu verraten, antwortete er : "Die intellektuelle Tradition ist eine Tradition der Dienst-barkeit gegenüber der Macht, und wenn ich sie nicht verraten würde, müsste ich mich meiner selbst schämen."
Spätestens beim Lesen seiner Bücher und Kommentare über Vietnam, Ost-Timor, den Golfkrieg, den Kosovo-Krieg, die Dominanz der Konzerne, das CIA, das FBI, das Pentagon und die Medien, wird einem klar, dass der Konsens, mit dem uns die Medien tagtäglich füttern, eine gefilterte, gesteuerte Sicht der Welt ist, die nur dazu dient, elementare Zweifel zu verwischen. Eine perfide orwellsche "Wahrheit", die deswegen so effektiv ist, weil sie innerhalb ihrer eigenen Logik viel Spielraum für Diskussionen lässt. Da geht es um Job-Politik, Kartell-Rechte, Börsen-Stories, Umweltschutz und Entwicklungshilfe, aber niemals wird dabei die Logik des Kapitalismus an sich angezweifelt. Niemals erhält essentielle Kritik Einzug in die öffentliche Diskussion - sie könnte die Leute ja auf dumme Gedanken bringen, wäre sie so fundiert wie die eines Noam Chomksy.
Die Freiheit der Meinung liegt innerhalb des kapitalistischen Konsens, sie ist die Wahl zwischen zwei Seiten derselben Medaille. Chomsky : "In diesem System betrachtet man die Bevölkerung als Ganze lediglich als Ansammlung unwissender und lästiger Außenseiter, eine verwirrte Schafherde. Und es sind die verantwortlichen Männer, die die Entscheidungen treffen und die Gesellschaft vor dem Stampfen und der Wut der Herde beschützen müssen. Da wir aber in Demokratien leben, erlaubt man den Leuten - der verwirrten Herde - gelegentlich, ihr Gewicht zugunsten des einen oder anderen Mitglieds der verantwortlichen Klasse in die Waagschale zu werfen. Das nennt man dann Wahlen."
Chomksy bezeichnet sich dabei zwar als einen "libertären Sozialisten", aber er hat nie einer bestimmten Strömung der Linken abgehört und immer sein ganz individuelles Ding durchgezogen. Dieser kleine Text kann nicht klar machen, wie beeindruckend dieses Ding ist - die wenigen Zitate sind nur Blaupausen seiner Einstellung und spiegeln in keinster Weise die Argumentationsfolgen und Belege seiner Bücher wieder. Diese aber muss man selber lesen. Und mit Verlaub - wer sich den Büchern Chomskys und den Anregungen und elementaren Denkansätzen seiner Schriften von vorneherein verschliesst, der hat nur Angst, aus seiner bequemen Lebens-Illusion aufzuwachen, in die er der "Konsens" sanft und kuschelig gebettet hat.....

Oliver Uschmann
Einige Titel :

Sprache und Politik
Haben und Nichthaben
(beide Philo Verlag 99)
Die politische Ökonomie der Menschenrechte
(Trotzdem 99)
Die Mächte und ihre Zukunft. Der Mensch in der globalen Ordnung
(K.Boer 99)
Vom politischen Gebrauch der Waffen (Guthmann Peterson 87)
Erkenntnis und Freiheit
(Suhrkamp 73)

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