letztes Update: 20.12.2007

Automobilindustrie im westdeutschen Wirtschaftswunder (1945-1979)

Die Automobilindustrie gilt als eine der Schlüsselindustrien des deutschen „Wirtschaftswunders“. Wie kaum ein anderes Produkt symbolisiert der VW Käfer den Aufbruch in die Massenkonsumgesellschaft, der sich in den fünfziger Jahren anbahnte. Zudem strahlte die Automobilindustrie über Kopplungseffekte weit auf andere Branchen aus. Während der Prosperitätsphase übernahm sie so rasch die Rolle eines Führungssektors und setzte Kernbereiche besonders dynamischer Wachstumsbranchen miteinander in Beziehung. Trotz vielfältiger Forschungen zur Automobilindustrie nach 1945 kann der Kenntnisstand über die Wirtschaftsgeschichte der Branche noch immer als unbefriedigend gelten. Ziel des Forschungsprojekts ist es, im Verbund aus drei Teilprojekten die spezifischen Erfolgsbedingungen der bundesrepublikanischen Automobilindustrie von der Prosperitätsphase bis hin zur krisenhaften Entwicklung in den 1970er Jahren zu erschließen. In drei Teilstudien – zu den Themen „Unternehmensfinanzierung“, „Industrielle Beziehungen“ und „Hersteller-Zulieferer-Beziehungen“ – sollen entscheidende Determinanten der „Prosperitätskonstellation“ (Lutz) herausgearbeitet werden. Gleichwohl steht dabei auch die Krisentauglichkeit und potenzielle Wandlungsfähigkeit des Bedingungsgefüges im Fokus.



Call for Paper


Automobilwirtschaft im langen 20. Jahrhundert: Kontinuität, Krise, Wandel

Veranstalter: Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, Ruhr-Universität Bochum; in Kooperation mit BMW Classic

Datum, Ort: 04.10.2010-05.10.2010, München

Deadline: 15.03.2010

Absatzprobleme, Produktionsstopps und Liquiditätsengpässe – die Problemlagen, mit denen sich die Automobilbranche gegenwärtig auseinandersetzen muss, sind schwerwiegend und voraussichtlich folgenreich. Viele Indizien sprechen dafür, dass die Automobilmärkte im kommenden Jahrzehnt in mancherlei Hinsicht anders aussehen werden als bisher. Angesichts von Unternehmenszusammenbrüchen und Übernahmediskussionen erscheint es denkbar, dass traditionelle Anbieter ihr gewohntes Profil verändern oder aus dem Markt austreten. Auch die Berichterstattung in der Wirtschaftspresse legt nahe, dass sich die Automobilmärkte in einer Übergangsphase befinden: Das Auto sei „in Verruf geraten“, bilanziert die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit Blick auf die aktuelle Situation und diagnostiziert eine generelle „Krise des Automobils“. Es scheint, „als habe ... längst vorhandener Zweifel am Auto ... einen Kristallisationspunkt gefunden“, kommentiert mit ganz ähnlicher Stoßrichtung DIE ZEIT.

Mit durchaus vergleichbarer Wortwahl hatten zeitgenössische Beobachter schon während der Automobilflaute in den Jahren 1974/75 eine „Tendenzwende“ auf den Automobilmärkten konstatiert. Ohnehin scheint die Wahrnehmung von Ursachen, Verlauf und prognostizierten Folgen der Krise erstaunliche Parallelen zu vorangegangenen Branchenkrisen aufzuweisen. Dazu gehört z.B. der derzeit oftmals angeführte Befund einer verfehlten, marktfernen Produktpolitik der Automobilhersteller, die anscheinend umwelt- und ressourcenpolitischen Erfordernisse vernachlässigten; aber auch der Befund einer „Kundenkrise“ angesichts der Unsicherheit über die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung im allgemeinen sowie über die Stellung des Automobils in der Gesellschaft im besonderen. Hinzu kommt die Sorge traditionsreicher Automobilhersteller vor dem Verlust von Marktanteilen an neue Anbieter auf dem Weltmarkt. Schließlich kreist auch die aktuelle Kontroverse um Sinn oder Vergeblichkeit wirtschaftspolitischer Stützungsmaßnahmen für die Automobilindustrie – seien es Abwrackprämien oder staatliche Kreditgarantien für gefährdete Unternehmen – im Kern um altbekannte Argumente.

Jedoch bergen das aktuelle Krisenszenario und die Krisendiskussion um die Automobilbranche mehr historischen Gehalt als die bloße Aktualisierung formelhaft geführter ordnungspolitischer Kontroversen.

Die oben genannten Stichpunkte verweisen auf die Historizität von Branchenproblemen und Anpassungszwängen sowie – generell – auf das Spannungsfeld im Übergang zwischen Boom und Krise. Der „Schock der Auto-Krise“ (FAZ, 22.11.2008) scheint die historisch gewachsenen Strukturen der Automobilwirtschaft unter erheblichen Anpassungsdruck zu setzen. Zugleich wirft der Krisendiskurs implizit die Frage nach dem künftigen Entwicklungs-, Wachstums- und Wertschöpfungspotenzial der Automobilbranche auf, was ihre anerkannte Position als Schlüsselindustrie, auf lange Sicht betrachtet, ebenfalls mit einem Fragezeichen versehen mag. So wird die aktuelle Auto-Krise gegenwärtig sowohl von den involvierten Akteuren als auch von den Medien als Wendepunkt wahrgenommen und markiert damit, ungeachtet des konkreten Inhalts der variierenden Prognosen, eine Gelenkstelle der jüngeren Branchengeschichte.



Dies erscheint Anlass genug, um den Blick auf die nun mehr als ein Jahrhundert umfassende Wirtschaftsgeschichte eines Industriezweigs zu richten, dessen historischer Entwicklungspfad durchaus kontrastreiche Verläufe aufweist und dessen Wirtschaftsgeschichte – trotz vielfältiger Teilstudien zur Automobilgeschichte – noch immer als bemerkenswert unerforscht gelten kann.

Im Rahmen der Tagung „Automobilwirtschaft im langen 20. Jahrhundert: Kontinuität, Krise, Wandel“, die am 4. und 5. Oktober 2010 in München stattfinden wird – organisiert vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte der Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit BMW Classic – sollen daher Forschungen zur Branchen- und Unternehmensgeschichte der Automobilindustrie gebündelt werden, um – davon ausgehend – allgemeine Aspekte der Entwicklungslogik und Funktionsweise der Automobilwirtschaft diskutieren zu können.

Dabei soll es jedoch nicht ausschließlich – wie der aktuelle Bezug vielleicht nahe legen könnte – um Krisenszenarien innerhalb der Automobilwirtschaft gehen. Vielmehr ist zu bedenken, dass der gegenwärtig diagnostizierte „Schock“ der Auto-Krise, (der seinerseits auch kein historisches Novum darstellt!), wohl nur vor dem Hintergrund einer vorhergehenden Wachstums- und Prosperitätserfahrung verstanden werden kann. Mithin wäre auch danach zu fragen, wie sich die Automobilwirtschaft von ihren Anfängen zu einer Schlüsselindustrie oder zu einem „Führungssektor“ entwickelte, um anhand von Fallstudien Kontinuitätsaspekte und Brüche des Entwicklungspfades in der Abfolge von Boom und Krise zu identifizieren.



Im Folgenden seien daher – losgelöst von chronologischen Gesichtspunkten – einige Grundfragen und thematische Achsen der Tagung stichwortartig skizziert.



1. Die Doppelperspektive von Boom und Krise legt nahe, zum einen die Wachstums- und Erfolgsvoraussetzungen von Unternehmen der Kraftwagenindustrie zu beleuchten. Dazu gehört, ganz allgemein gesprochen, unternehmerisches Handeln in Wechselwirkung mit den jeweiligen Rahmenbedingungen in verschiedenen Phasen der Automobilgeschichte. Zu analysieren wären daher verschiedene Dimensionen oder besser: Triebfedern des branchengeschichtlichen Entwicklungsprozesses. Ausgehend von dem Unternehmen als zentraler Organisationseinheit innerhalb der Automobilwirtschaft sind für eine systematische Gliederung zunächst vier Bezugspunkte herauszustellen, die freilich eng miteinander verknüpft und nicht immer klar zu trennen sind:



A. Unternehmensführung / Steuerung des Unternehmens / Unternehmensstrategien (z.B. Marktstrategien, Produktpolitik, Internationalisierung, Unternehmensorganisation, Betriebspolitik)

B. Das Produkt auf seinem Markt (Produkt und Verbraucher, Marken, Automobilkultur etc.)

C. Produktion und industrielle Arbeitswelten (Arbeitsbeziehungen, Produktionsorganisation etc.)

D. Unternehmen und sein Umfeld (Automobilwirtschaft und Staat, Automobilindustrie im Systemvergleich, Automobilpolitik, Verkehrspolitik etc.; Automobilwirtschaft und andere Akteure)



2. Wie die aktuelle Auto-Krise aber auch der Blick in die Branchengeschichte zeigt, sind Krisenszenarien oft als Wendepunkt oder als Zäsur wahrgenommen worden, die den Auftakt zu einer qualitativ veränderten Entwicklungsphase markieren. Gleichwohl scheinen, in historischer Betrachtung, manche Kontinuitätslinien mitunter auch gegen die Annahme zu sprechen, dass unter dem Druck von Krisensituationen tatsächlich pfadschöpfende oder pfadverändernde Weichenstellungen erfolgen. Diese Frage könnte auf der Tagung anhand von Fallbeispielen in vergleichender Perspektive diskutiert werden. So erscheint es sinnvoll, verschiedene Krisenerfahrungen innerhalb der Automobilindustrie im langen 20. Jahrhundert (z.B. u.a. Weltwirtschaftskrise, Auto-Krise der 1970er Jahre etc.) zum Gegenstand zu machen.

Um „typische“ Krisenszenarien oder „Krisenmuster“ oder auch „typische“ Krisenursachen herauszuarbeiten, sind realwirtschaftliche, branchenbezogene Krisenverläufe ebenso aufschlussreich wie Krisenüberwindungsstrategien von Automobilunternehmen (Unternehmensstrategien zur Marktanpassung, z.B. Fusionen, Trusts, Rationalisierung, Staatseingriffe, Marketing, Erschließung neuer Märkte).

Zudem könnten auch Krisendiskurse weitere Zugänge zu dem Verständnis der Logik von Automobilmärkten im Spannungsfeld von Boom und Krise bieten (Krisenwahrnehmung, Prognosetechniken in der Automobilwirtschaft; wiederkehrende Argumentationsmuster, z.B. Managementversagen, Ruf nach Staatseingriffen etc.; „Medienwirklichkeiten“ versus realwirtschaftliche Entwicklungen usw.).



Auch diese zweite thematische Achse lässt sich mit den unter 1. A-D subsumierten vier Bezugssystemen erschließen.



3. Das Etikett als Schlüsselindustrie hat die Automobilindustrie, betrachtet man das deutsche Fallbeispiel, in der Phase der Nachkriegsprosperität erworben. Darüber hinaus ist es Teilen der Automobilwirtschaft gelungen, ihr „Wirtschaftswunderwachstum“ (Sussebach) auch nach dem sogenannten „goldenen Zeitalter“ fortzuschreiben. Gleichwohl sollte das Konferenzthema nicht auf die Branchengeschichte nach 1945 verengt werden, um längerfristige Kontinuitäten berücksichtigen zu können.



Die unter 1. und 2. skizzierten Problembereiche sowie die Untersuchungsdimensionen A-D sollen kein festes Analyseraster für die Tagungsbeiträge vorgeben, sondern die thematischen Achsen aufzeigen, innerhalb deren das Spannungsfeld von Boom und Krise diskutiert werden soll. Die Leitfrage nach „Kontinuität, Krise und Wandel der Automobilwirtschaft“ deutet die Grundfragen an, an denen sich die gemeinsame Arbeit auf der Tagung orientieren könnte:

Dies sind – wie geschildert – die Frage nach der Entwicklung, der Logik und Funktionsweise von Automobilmärkten, die Frage nach Wachstumsvoraussetzungen und Entwicklungsblockaden und die Frage nach dem evolutionären und unter Krisendruck möglicherweise forciertem Wandel von Bausteinen der Automobilwirtschaft, von Rahmenbedingungen, Handlungsspielräumen der Akteure.



Um die Einreichung von Themenskizzen (ca. 1 Seite) für einen Tagungsbeitrag wird bis zum 15.03.2010 gebeten. Erbeten werden Beiträge aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive, aber auch Themenvorschläge aus angrenzenden Disziplinen (z.B. Industriesoziologie, Wirtschaftswissenschaften) sind willkommen. Theoriegeleitete Beiträge (z.B. Theorie der Pfadabhängigkeit, Neue Institutionenökonomik etc.) sind besonders erwünscht. Der chronologische Rahmen umfasst die Branchen- und Unternehmensgeschichte von den Anfängen der Automobilindustrie bis zur jüngeren Vergangenheit. Der geographische Bezugsrahmen ist vorerst offen.



Die Vorschläge sind zu senden an:

Dr. Stephanie Tilly
Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte
Ruhr-Universität Bochum

E-mail: nc-tillyst@netcologne.de

Kontakt:

Dr. Stephanie Tilly
(nc-tillyst@netcologne.de)

Anna Balzer

Peter Schuster
(automobilprojekt.rub@googlemail.com)

Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte
Ruhr-Universität Bochum



Dr. Florian Triebel
(florian.triebel@bmwgroup.com)
BMW Group Classic
Schleißheimer Str. 416
80935 München

URL:      http://www.ruhr-uni-bochum.de/automobilprojekt/

Die Projektgruppe ist organisatorisch verankert am Lehrstuhl für Unternehmensgeschichte der Ruhr-Universität Bochum und wird durch die Gerda-Henkel-Stiftung gefördert.

Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte
Gerda Henkel Stiftung


gefördert durch die