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"Archivsplitter",
erschienen in der RUBENS, Nr. 48, 1. Dezember 1999


Ruhr-Universität provinziell

Leuchtend prangt es nun, in dunkelblauen Lettern auf gelb-orangenem Untergrund am gerade vom Staatlichen Bauamt sanierten Treppenturm des Verwaltungsgebäudes: RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM.
Ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Namens belegt: diese Hochschule hatte ihren Namen sozusagen schon weg, bevor sie überhaupt begründet, ja sogar bevor über ihren Standort entschieden war. Tatsache ist indes auch: Niemand, insbesondere kein universitäres Gremium, hat sich je mit der Namensgebung im Hinblick auf eine formelle Entschließung auseinander gesetzt. Vielmehr waren in Düsseldorf und Bochum von verschiedenen Seiten Fakten geschaffen worden, die, zusammengenommen, in der heute allgemein akzeptierten Bezeichnung mündeten.
Erstmals ins Spiel gebracht wurde der Name "Ruhr-Universität" nach eigenem Bekunden vom Ministerialdirigenten Frhr. v. Medem, 1960/61 Leiter der Hochschulabteilung des Kultusministeriums, bei inoffiziellen Tischgesprächen anlässlich der ersten Sondierungsgespräche in Bochum (vgl. Archivsplitter in Rubens Nr. 38). Er hatte nicht nur die Hochschule im und für das Ruhrgebiet im Sinn, sondern er wollte mit dem scheinbar versöhnenden Vorschlag auch die leidige Standortfrage entschärfen (was ihm freilich nicht gelang). In der öffentlichen Diskussion wie sie sich in der Presse jener Zeit widerspiegelte, war man ohnehin bereits auf Begriffe wie "Revier-Uni" oder "Ruhrgebiets-Universität" übergegangen, nachdem sich ein Standort im westfälischen Teil des Ruhrgebiets herauskristallisiert hatte. Hier - auf der Achse Münster-Köln/Bonn - sollten die Bildungsreserven des großen Ballungsraumes mobilisiert werden und hier warben die in Frage kommenden Städte immer auch mit ihrem großen Einzugsgebiet.
Seitens der Landesregierung sprach man bereits im Frühsommer 1961 vom "Standort der neuen Ruhr-Universität" und versah diesen Titel nach der Landtagsentscheidung am 18. Juli mit dem Zusatz "Bochum". Fernschriftlich teilte man der Stadtverwaltung am 24.7.1961 mit, "dass bei allen verordnungen, verhandlungen und schriftsaetzen im zusammenhang mit der ruhr-universitaet ab sofort der offizielle arbeitstitel ‚ruhr-universitaet bochum' verwandt werden soll."
Auch dem im September 1961 konstituierten "Beratenden Gründungsauschuß für die Ruhr-Universität Bochum" gab Kultusminister Schütz zu verstehen, dass die verwendete Bezeichnung keineswegs verbindlich sei. Zu den Vorbehalten erklärte der Minister laut Protokoll: "Für den Außenstehenden könnte das Wort ‚Ruhr-Universität' vielleicht einen provinziellen Beigeschmack haben. Auf der anderen Seite sei es zweckmäßig, gewissen Interessen des Landesteiles Westfalen auch in der Bezeichnung Rechnung zu tragen."
Dessen ungeachtet gründeten Bochumer Interessierte im Januar 1962 die "Gesellschaft der Freunde der Ruhr-Universität Bochum", womit sie ein weiteres Präjudiz schufen. Konsequent (und formal korrekt) war es aber auch, dass der Vorsitzende des Gründungsausschusses immer nur mit "...der Universität Bochum" titelte (auch die vielzitierten "Empfehlungen" dieses Gremiums nehmen an keiner Stelle den Arbeitstitel auf), dass die Professoren an die "Universität Bochum" berufen wurden oder dass in der Urkunde zur Grundsteinlegung des ersten Gebäudes der Uni am 2.7.1962 (einem Wohnheim) nur diese unstrittige, weil neutrale Bezeichnung Eingang gefunden hat. Gerade im letzten Fall hatte die Zurückhaltung der Landesregierung ihre Berechtigung, war doch wenige Tage zuvor die Entscheidung gefallen, in Dortmund eine weitere Hochschule zu errichten.
Kein Zweifel konnte aber schließlich mehr bestehen, als der von der Vollversammlung der Bochumer Professoren 1965 erarbeitete Verfassungsentwurf für die Hochschule vom Kultusminister genehmigt wurde. Wie selbstverständlich tauchte hier in Titel und Text die Bezeichnung "Ruhr-Universität Bochum" auf.

Jörg Lorenz, Universitätsarchiv

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