Am 1. Mai 2010 hat das Bochumer Zentrum für Mittelmeerstudien seine Arbeit aufgenommen. Es ist die erste wissenschaftliche Einrichtung Deutschlands, die der epochenübergreifenden geistes- und sozialwissenschaftlichen Erforschung dieser vielschichtigen Kontaktzone Afrikas, Asiens und Europas gewidmet ist. Gefordert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ist mit dem Zentrum für Mittelmeerstudien eine transdisziplinare Plattform entstanden, welche die mediterranistischen Aktivitäten an der Ruhr-Universität Bochum bündelt und mit der nationalen und internationalen Mittelmeerforschung vernetzt. Im Mittelpunkt der Forschung stehen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Fragen, die durch geographische, natur- und politikwissenschaftliche Perspektiven erweitert werden und damit zukünftig zur Etablierung der Mediterranistik und zur Weiterentwicklung der Area-Studies in Deutschland beitragen soll. Ressourcen, Konnektivität und Translokalitat im Mittelmeerraum von der Antike bis zur Gegenwart bilden die Kernthemen des Zentrums. Mit historischer Tiefenschärfe werden sowohl Netzwerke und Verflechtungen mediterraner AkteurInnen als auch Abgrenzungsprozesse und Konflikte betrachtet. Die wissenschaftlichen Schwerpunkte des Zentrums liegen bisher auf folgenden Forschungsfeldern:
Forschungsfeld 1: Migration, Siedlung und Diaspora
Forschungsfeld 2: Soziale Netzwerke und Wissenstransfer
Forschungsfeld 3: Interkulturelle Kommunikation, Pragma und Dogma
Forschungsfeld 4: Politik, Seeherrschaft und Diplomatie
Das Institut für Archäologische Wissenschaften ist an diesem transdisziplinären Forschungszentrums im Rahmen des Forschungsfeldes 2 eingebunden.
Forschungsfeld 2
Das Mittelmeer trennt die in diesem geographischen Raum lebenden Menschen, ermöglicht durch die Seewege aber zugleich eine hohe Konnektivität zwischen den verschiedenen Regionen. Damit legen das Meer und seine naturräumlichen Gegebenheiten den Grundstein für die Herausbildung weitreichender sozialer Netzwerke. Ihre Entstehung und Verdichtung wird zudem durch die Suche und Nutzung von Ressourcen materieller und ideeller Art begünstigt und stabilisiert. Bis in heutige Zeit wird der Zugriff auf die nur ungleich verteilten Rohstoffquellen oder auf technische und soziale Innovationen weit entfernter Regionen häufig zu einem bedeutenden Machtfaktor im politischen und sozialen Miteinander der Mittelmeeranrainer.
Die Übertragung von Wissen bildet dabei einen entscheidenden Faktor und wichtigen Motor dieser Vorgänge. Verschiedene überregionale Austauschformen eröffnen sowohl direkt durch die Mobilität von Bevölkerungsgruppen oder einzelnen Akteuren wie Gesandten, Händler/innen, Handwerker/innen und Söldnern als auch indirekt durch das Medium importierter Güter oder empfangener Geschenke den involvierten Regionen einen Pool neuer Ideen als Inspirationsquelle für Innovationen in ihrer eigenen Gemeinschaft und führt vielfach zu einer Interaktion dieser Wissensbestände.
Der Genese und diachronen Entwicklung transmediterraner Netzwerke sowie der darüber stattfindende Wissenstransfer soll im Rahmen dieses Forschungsfeldes besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dabei soll auch der Weg, auf dem neues Wissen in eine Gesellschaft gelangt in den Fokus rücken. Vom Transfer einer Neuerung, über die soziale Gruppe, die damit erstmals in Kontakt tritt bis hin zu ihrer Akzeptanz oder Ablehnung durch die lokal vorherrschenden Gesellschaften mit ihren eigenen Werten, Normen und Alltagserfahrungen stellen neben den zugrunde liegenden sozialen Netzwerken den Untersuchungsgegenstand von Forschungsfeld 2 dar.

