RUB » Alumni » Im Gespräch » Sport » Michael Welling

2004

Dr. Michael Welling

Senior Director Market & Sales Sportfive GmbH

Dr. Michael Welling studierte von 1993 bis 1998 Wirtschaftswissenschaft, Geschichte und Politik an der Ruhr-Universität. Er arbeitete schon vor Beendigung seines Studiums bei der Firma adidas, kehrte dann aber noch einmal an die RUB zurück, um seine Dissertation über Markenführung zu schreiben. Welling spielt, guckt und erlebt gerne Fußball und konnte seine Leidenschaft zum Beruf machen: Er war bis 2007 als Assistent des Vorstands beim VfL Bochum 1848 tätig und arbeitet heute bei der Sportfive GmbH in Hamburg.

 

 

PBT, Schnibrö und die Kiwi. [...] Diese Abkürzungen haben sich irgendwann mit dieser ganzen E-Mailerei eingebürgert.

RUB Alumni: Wie sind Sie zum Studieren nach Bochum gekommen?

Welling: Ursprünglich komme ich aus dem Emsland, aus einem Dorf bei Lingen. Ich hatte mich entschlossen, BWL zu studieren und wäre von der ZVS nach Marburg geschickt worden. Da wollte ich aber nicht hin, denn mit Marburg assoziierte ich eher etwas Provinzielles, Konservatives und außerdem war Marburg ganz weit weg von irgendwelchen Fußballplätzen.

Ich bin dann ganz bewusst ins Ruhrgebiet und nach Bochum gegangen, weil ich nicht in so eine typische Studentenstadt wie Osnabrück, was in unserer Region nahe gelegen hätte, oder Münster wollte; ich wollte in eine Stadt, in der auch ganz „normale“ Menschen sind. In Bochum ist das Studium ein Teil des Lebens, aber man hat auch mit ganz vielen Leuten zu tun, die nicht studieren und dadurch wird man nicht ständig auf das Student-Sein reduziert.

Ich habe an der RUB eigentlich sehr gerne studiert: Wirtschaftswissenschaft nach dem Bochumer Modell, also sowohl BWL als auch VWL. Während des Studiums habe ich Praktika gemacht und durch ein solches Praktikum habe ich dann auch meine erste Stelle nach dem Studium bei adidas bekommen. Ich war schon in Herzogenaurach, da bekam ich das Angebot, an der RUB bei Prof. Hammann zu promovieren und bin dafür wieder nach Bochum zurückgegangen.

Nach meiner Promotion habe ich eine Zeit lang in verschiedenen Projekten als „Unternehmensberater“ und als Dozent gearbeitet und bin schließlich wieder in Bochum gelandet, beim VfL.

RUB Alumni: Sie konnten also ihr privates Interesse für Fußball auch in den beruflichen Bereich mit hinein nehmen?

Welling: Ja, während meiner Zeit am Lehrstuhl habe ich mich u. a. mit Marktforschung befasst. Wir haben z. B. ein Projekt durchgeführt, bei dem wir die Internet-Auftritte von Fußball-Bundesligisten mit Hilfe von SPSS [Software für statistische Analyse von Daten, d. Red.] analysiert haben – das war noch zu Beginn des Internet-Booms.
Dadurch habe ich dann angefangen, - neben einfach nur „Spässken haben“ mit Fußball - mich aus einer ökonomischen und spezifischen Marketing-Sicht heraus mit Fußball auseinander zu setzen.
Zum Beispiel haben wir dann auch ein Seminar mit dem Titel „Ökonomie des Fußballs“ veranstaltet, bei dem Professoren und Mitarbeiter referierten, aber auch Praktiker. Natürlich waren unter anderem auch Vertreter des VfL anwesend, wir kamen ins Gespräch, und als ich erzählte, dass ich über „Markenführung“ promoviere, kam die Frage, ob ich mich denn auch mit Fußball auseinandersetze. Daraufhin habe ich den VfL seit 2003 immer mal wieder beraten und verschiedene Projekte betreut, und wir haben das Thema Markenführung gemeinsam nach und nach ausgebaut.

Als wir dann im letzten Jahr mit dem VfL die nächsten Projektschritte besprachen, stand ich gerade vor der Entscheidung, an einer FH eine Professur zu übernehmen, weiter als freier Unternehmensberater zu arbeiten oder mich beruflich ganz neu zu orientieren. Und dann hat mir der VfL Bochum angeboten, das Projekt als Mitarbeiter voran zu treiben. Diese Herausforderung habe ich gerne angenommen. Es ist halt natürlich auch immer so ein „Kleiner-Jungen-Traum“, bei einem Fußballverein zu arbeiten, wenn man schon im Alter von 10 Jahren gemerkt hat, dass man selber zum Fußballspielen doch zu schlecht ist …

RUB Alumni: Was beinhaltet dieses Projekt beim VfL?

Welling: Es geht um Markenführung und Leitbildentwicklung. Da geht es um Fragen wie: wie arbeiten wir eigentlich, welche Werte haben wir tatsächlich, von denen wir uns leiten lassen beim Durchführen unserer Handlungen. Genau das gemeinsam mit allen zu entwickeln, denen der VfL eine Herzensangelegenheit ist, ist meine Aufgabe.

RUB Alumni: Im Zuge dessen arbeiten Sie ja auch mit der RUB zusammen, z. B. bei der Erstsemesterbegrüßung …

Welling: Genau. Also die Idee ist einfach: Der VfL ist ein Teil von Bochum – immer schon gewesen. Dennoch möchten wir noch stärker in Bochum präsent sein. Deswegen haben wir das Projekt „Wir sind Bochum – wir sind VfL“ gestartet. Und im Zuge dessen gehen wir auf Bochumer Entscheidungsträger zu und versuchen uns hier in Bochum stärker zu verankern. Und eine große Institution in Bochum ist natürlich die RUB! Zurzeit gehen wir auf die Fakultäten zu und haben uns bei vier Fakultäten (Sozialwissenschaft, Wirtschaftwissenschaft, Juristische Fakultät und Sportwissenschaft) an der Erstsemesterbegrüßung beteiligt. Parallel dazu haben wir zusammen mit dem bomi e. V. [Bochumer Marketing-Initiative, studentischer Verein an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, d. Red.] und den vier Fakultäten für die Erstsemester auch eine „Rallye“ durch Bochum veranstaltet. Wir möchten, dass die Erstsemester in Bochum ankommen und tatsächlich richtig heimisch hier werden.

RUB Alumni: Wenn Sie an Ihre Zeit an der RUB zurück denken, gibt es etwas, das Sie besonders vermissen?

Welling: Ja, PBT, Schnibrö und die Kiwi.

RUB Alumni: ??

Welling: „PBT“ ist „Pilsbier trinken“, „Schnibrö“ ist das Schnitzelbrötchen aus der Cafeteria und „Kiwi“ ist die Abkürzung für „Kippenwiese“, die nicht immer ganz so ordentliche Wiese vor den G-Gebäuden, da, wo halt noch so angedeuteter Rasen ist, der aber von Zigarettenkippen durchsetzt ist. – Diese Abkürzungen haben sich irgendwann mit dieser ganzen E-Mailerei eingebürgert, wenn wir heute zusammentreffen, reden wir manchmal auch noch so.

Auf der Kiwi, der Kippenwiese vor den G-Gebäuden, haben wir oft gesessen. Da konnte man sich noch einfach so ein Stück Freiheit nehmen und auch mal sagen, ach, heute machen wir uns mal einen schönen Tag. Manchmal haben wir dann angefangen, Bier zu trinken und zu schnacken und zum Essen gab es halt ein Schnitzelbrötchen. Diese freie Zeiteinteilung, diese Unbekümmertheit, das war schon eine gute Sache. Heute ist es so, dass natürlich durch den Job Termine da sind, die man einhalten muss, da kann man nicht mehr so spontan sagen, ach, heute lass ich das einfach mal.
Diese Freiheit vermisse ich schon manchmal, dieses Unbeschwerte, die Ruhe, die man hatte, und auch die vielen Möglichkeiten, die man wahrnehmen konnte.

RUB Alumni: Wie lange haben Sie denn gebraucht, das Geschoss-System der RUB-Gebäude zu durchschauen?

Welling: Ich denke heute noch manchmal drüber nach. So richtig verstanden habe ich es glaube ich bis heute nicht. – Es ist zwar relativ einfach, was die grundlegenden Sachen angeht. Die üblichen Wege hat man ziemlich schnell drauf gehabt. Wenn man aber mal woanders hingehen musste, da wurde es dann schwierig. Z. B. beim Rechenzentrum in NA, da habe ich mich immer verlaufen, weil für mich als GC-Gänger der Ausgang immer auf Ebene 02 war, 02 Nord bzw. im Süden 05. Aber im NA ist er ja auf der Ebene 01, die gibt es ja wiederum im GC gar nicht. Das war eine ganz große Katastrophe, da habe ich dann immer gedacht, das wird nie was.
Als ich später bei der Fachschaft mit gearbeitet habe, gehörte es natürlich auch dazu, den Erstsemestern das Geschoss-System nahe zu bringen, indem man sie sich erst mal gründlich verlaufen ließ.

RUB Alumni: Was verbindet Sie als nicht gebürtiger Bochumer heute mit Bochum?

Welling: Ich bin ein assimilierter „Ruhrpotti“. Ich schätze die Ehrlichkeit der Leute hier sehr und komme insbesondere mit Bäckereifachverkäuferinnen sehr gut klar. Andernorts musste ich da schon des Öfteren die Erfahrung machen, dass das nicht so unkompliziert funktioniert.

RUB Alumni: Verbindet Sie denn jetzt, abgesehen von Ihrer beruflichen Karriere, noch etwas mit der RUB?

Welling: Ja klar, 10 Jahre meines Lebens. Mindestens. Elf Jahre sogar. Eigentlich die schönsten Jahre bislang. Natürlich verklärt man rückblickend immer alles, aber für mich war das mit die schönste Zeit. Ich habe meine engsten Freunde und auch meine jetzige Freundin an der Uni kennen gelernt. Von daher wird die Zeit an der RUB immer einen wichtigen Teil meines Lebens ausmachen.

RUB Alumni: Wenn Sie heute noch einmal anfingen zu studieren, würden Sie dann den gleichen Weg noch einmal gehen? Würden Sie auch wieder nach Bochum kommen und an die RUB gehen?

Welling: Das ist immer so schwierig, wenn man mit dem Wissen von heute eine Entscheidung von damals treffen soll. Ich würde spontan sagen: ja. Ich würde Bochum wieder wählen. Das habe ich nicht bereut. Ich würde aber auf jeden Fall noch mehr Zeit im Ausland verbringen. Und ich würde vielleicht an zwei Studienorten in Deutschland studieren, um noch mal etwas anderes kennen zu lernen. Aber ich würde auf jeden Fall wieder nach Bochum gehen. Ich würde dort auch wieder Wirtschaftswissenschaft studieren. Ich würde mich aber auch viel intensiver mit Geschichte befassen, um das studium generale mehr zu nutzen. Und mich da nicht zu sehr von irgendwelchen Noten, Scheinen usw. antreiben lassen, sondern das Studium als Bildungszeit nutzen.

RUB Alumni: Ein ganz bürokratisch-sachlicher Schwenk zur Hochschulpolitik: Wenn Sie heute an der Stelle des Rektoren oder Kanzlers wären, was würden Sie anders machen?

Welling: Ich verfolge das natürlich nicht mehr so intensiv, wie ich das zu der Zeit gemacht habe, als ich selbst noch da war. Meiner Ansicht nach macht die RUB gerade sehr viele Dinge richtig, z.B. bei der Exzellenz-Initiative oder bei der Universitätsallianz Metropole Ruhr [Vereinbarung zur engeren Kooperation der Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen, d. Red.].
Als Marketing-Mensch, da bin ich ganz ehrlich, hätte ich natürlich viele Dinge ein bisschen früher eingeleitet. Ich glaube, die RUB muss auch Markenführung betreiben, ganz klassisch, um sich als Universität zu positionieren. Die Ruhr-Uni steht sogar vor einer ähnlichen Herausforderung wie der VfL. Wenn man Leute von außerhalb fragt, was sie mit Bochum verbinden, da kommt der VfL, da kommt im akademischen Bereich die RUB, Starlight Express, das Schauspielhaus. Ich glaube aber, dass das bei den Bochumern selbst nicht so verankert ist. Bei der RUB kommt dazu, dass sie eine typische Pendleruni ist. Die Studierenden fahren von angrenzenden Städten hierher, sind aber in Bochum zu wenig verankert. Das ist sehr schade. Wenn man an der Stelle etwas nachholen würde, würden viel mehr Leute in der Retrospektive die Studienzeit, die Institution Hochschule und die Stadt natürlich als besondere Dinge verbinden und dann auch in Erinnerung halten. Deswegen glaube ich, dass die Uni noch mehr Präsenz in Bochum zeigen muss. Das ist mein Eindruck als Marketing-Mann.

RUB Alumni: Wie positionieren Sie sich bezüglich der Studiengebühren?

Welling: Auch ein sehr schwieriges Thema. Da bin ich hin- und hergerissen. Auf der einen Seite wüsste ich heute nicht, ob ich damals angefangen hätte zu studieren, wenn es Studiengebühren gegeben hätte. Ich habe während des gesamten Studiums gearbeitet, auch in den Semesterferien. Zum Glück habe ich Jobs als studentische Hilfskraft bekommen, was immer sehr angenehm ist, was die Zeiteinteilung angeht, ich habe aber auch auf dem Bau gearbeitet usw. Da wären Studiengebühren in meiner Wahrnehmung eine große Hürde gewesen.
Aber – und das ist das Entscheidende – ich finde die Idee von Studiengebühren eigentlich sehr sinnvoll. Einfach als Anreiz für beide Seiten. Als Anreiz für die Studierenden: sie bezahlen etwas für eine Leistung, die sie erhalten und – das ist ja leider so – wenn man etwas bezahlt, schätzt man das, was man bekommt, meistens mehr, als wenn man es umsonst bekommt. Langfristig kann so auch die Verkürzung der Studienzeiten erreicht werden. Gleichzeitig sind die Studiengebühren ein Anreiz für die Hochschule: für die Lehrenden, die sich dann auch als Dienstleister verstehen sollten. Aber Studiengebühren sollten immer mit der Maßgabe einhergehen, dann denjenigen mit einem sozial schwächeren Hintergrund das Studium trotzdem zu ermöglichen. Es müsste Modelle geben, um den Leuten die Angst zu nehmen, dass das Studium zu teuer ist.

RUB Alumni: Haben Sie dafür Ideen?

Welling: Was ich von der Grundidee für sinnvoll erachte ist die Überlegung, dass die Rückzahlung auch abhängig ist vom späteren Einkommen. Juristen und Wirtschaftswissenschaftler kommen oft in Berufe, in denen sie gut verdienen, während andere Absolventen immer noch mit dem Problem zu kämpfen haben, später angemessene Jobs zu kriegen. Die sollten dann meiner Ansicht nach weniger bezahlen müssen. Ich finde, das kann man nicht gleich behandeln an der Stelle.

RUB Alumni: Was würden Sie den heutigen Studierenden mit auf den Weg geben?

Welling: Das wirkt immer so altklug, oder? Ich weiß immer noch, wie es war, als ich selber jünger war. Das war immer ein bisschen irritierend, wenn Leute, die vielleicht fünf oder zehn Jahre älter waren, mit klugen Tipps gekommen sind. Aber ich habe Einführungsveranstaltungen gemacht, in denen ich versucht habe, den Leuten zu vermitteln, das Studium als Chance zu sehen. Die Möglichkeit zu haben, in viele Bereiche rein zu schnuppern. Sich entfalten zu können, sich vom Elternhaus zu lösen, ganz andere Leute kennen zu lernen. Sich selbst zu hinterfragen, den Horizont zu erweitern. Das sind die Dinge gewesen, die mir wichtig waren, und von denen ich mir auch wünschen würde, dass das weitere Studentengenerationen machen. Vor diesem Hintergrund sollten auch Studiengebühren ein Anreiz für Studierende sein, nicht in eine Konsumhaltung zu verfallen, wie es leider auch zu meiner Zeit war. Sie sollten Dinge hinterfragen und nicht das Wort des Professors als Autoritätsperson einfach so hinnehmen. Was man den Leuten nahe bringen muss, ist, dass sie selber denken.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

RUB Alumni-Verzeichnis

eintragen und Mitglied werden