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2010

Dr. Michael Weinhold

Chief Technology Officer (CTO), Leiter der Stabsabteilung Technik und Innovation Siemens AG, Energy Sector

Dr. Michael Weinhold studierte von 1983 bis 1988 an der Ruhr-Universität Elektrotechnik und promovierte anschließend bei Prof. Manfred Depenbrock am Lehrstuhl für Erzeugung und Anwendung elektrischer Energien (heute: Lehrstuhl für elektrische Energietechnik und Leistungselektronik, Anm. d. Red.). Danach ging er zur Siemens AG, die ihn 1997 zum „Erfinder des Jahres“ kürte. Heute ist Dr. Weinhold Energieforschungschef bei Siemens Energy und leitet als Chief Technology Officer (CTO) die Stabsabteilung Technik und Innovation.

Bochum ist etwas unscheinbar, nicht schillernd,
aber ungeheuer fleißig und effizient.

RUB Alumni: Herr Dr. Weinhold, bei allem, was man über Sie liest, scheint immer durch, dass Sie von Elektrizität sehr fasziniert sind.

Dr. Weinhold: Ja! Ich wollte das eigentlich immer studieren, Elektrotechnik. Schon als kleiner Junge war ich fasziniert davon, habe gebastelt, mit Experimentierkästen selbst gelötet und viel dazu gelesen. Das Faszinierende an Elektrizität ist, dass wir ja kein Sinnesorgan dafür haben,  dabei ist elektrische Energie so unglaublich allgegenwärtig und wichtig.

RUB Alumni: Warum haben Sie sich damals entschieden, in Bochum zu studieren?

Dr. Weinhold: Zum Studium selbst bin ich durch Manfred Depenbrock gekommen, der war – und ist bis heute – der Nachbar meiner Eltern.  Er erzählte mir viel über Elektrotechnik, bestärkte mich darin, an der Ruhr-Universität zu studieren und holte mich dann schon im dritten Semester zu seinem Lehrstuhl, seitdem bin ich in der Energietechnik unterwegs.

RUB Alumni: Was machen Sie heute bei Siemens?

Dr. Weinhold: Ich bin für Forschung und Entwicklung im gesamten Energiesektor von Siemens zuständig, das geht von Öl- und Gas-Exploration, Kraftwerkstechnologien inklusive erneuerbarer Netztechnologien, bis hin zu Übertragung und Verteilung von Energie. In dieser Funktion leite ich die Abteilung Technik und Innovation und mein Titel lautet Chief Technology Officer.
Ich mache jeden Tag einen ziemlichen Ritt durch verschiedene Themen, sei es Elektromobilität, Energiespeicher, Höchstspannungs-Gleichstromübertragung über Tausende von Kilometern oder Tiefsee-Öl- und Gas-Exploration – das sind Themen, mit denen ich mich zum Beispiel heute befassen werde.

RUB Alumni: Sie arbeiten ja auch bei dem großen Desertec-Projekt (Übertragung von in Wüstenregionen erzeugtem Solar- und Windstrom nach Europa, Anm. d. Red.) mit. Was genau machen Sie da?

Dr. Weinhold:  Ich kam erstmals vor einigen Jahren mit Desertec in Berührung, damals war das ein kleiner Kreis hauptsächlich von philanthropisch motivierten Organisationen wie Greenpeace oder der Club of Rome.

RUB Alumni: War das nicht erst mal fremd für Sie?

Dr. Weinhold: Siemens hat da überhaupt keine Berührungsängste, für mich war es sicher neu: ich hatte damals noch nicht so viel mit Organisationen jenseits der harten Technik zu tun gehabt, das lag aber auch daran, dass ich neu in der Position war. Ich fand das spannend, ich erinnere mich an Besprechungen in der italienischen Botschaft in Berlin, dort saßen wir am kleinen Tisch und es tauschten sich 15, 20 Menschen aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Stoßrichtungen aus: um was geht es, wo sind die Knackpunkte etc. Denn: technologisch gesehen gibt’s da keine. Wir könnten das bauen, sofort. Jetzt geht es darum herauszufinden, was die Gesetze, die Regularien, die politischen Randbedingungen sind, um ein Geschäftsszenario zu entwickeln, das potenzielle Investoren begeistert.

RUB Alumni: Technisch ist es also kein Problem, Desertec zu realisieren?

Dr. Weinhold: Nein, in der Tat. Jetzt ist vielmehr wichtig, diese Vision, nämlich Europa von Nordafrika aus mit Strom zu versorgen, in Nordafrika erst mal signifikant werden zu lassen. Das ist auch sehr eng verbunden mit einer sozialen und politisch-gesellschaftlichen Entwicklung in den Ländern Nordafrikas, das ist ja eine Riesenchance für sie. Es muss natürlich eine Win-Win-Situation entstehen: die Länder Nordafrikas müssen etwas davon haben und die Investoren und Europa müssen auch was davon haben. Es geht weiß Gott nicht um Solar-Imperialismus.

Es ist eine fantastische Chance, den Ländern dort in ihrer Entwicklung zu helfen und gleichzeitig dem Klimawandel entgegen zu wirken. Desertec ist eine fantastische Vision, sie ist spektakulär. – Wobei sie, wie schon gesagt, aus technischer Sicht mittlerweile relativ unspektakulär ist.

RUB Alumni: Wir sind direkt in Ihr Thema eingestiegen, ich würde jetzt gerne noch ein bisschen auf Ihre Studienzeit eingehen. Können Sie sich erinnern, wie es war, als Sie das erste Mal auf dem Campus standen?

Dr. Weinhold: Die Ruhr-Universität hat eine sehr kompakte Architektur, sehr betonlastig. Es wirkte damals kalt, das ist aber besser geworden durch das Anstreichen der Gebäude. Es ist mittlerweile  etwas farbenfroher geworden. Die Ruhr-Uni macht auf den ersten Blick einen kompakten und effizienten Eindruck, und so ist sie auch. Ungeheuer effizient.

RUB Alumni: Da sind wir ja schon wieder bei Ihrem Thema: Effizienz …

Dr. Weinhold: … und die Uni passt auch zu Bochum: Bochum ist etwas unscheinbar, nicht schillernd, aber ungeheuer fleißig und effizient. Und gut und stark. Je mehr man mit Bochum zu tun hat und mit der Uni, desto mehr mag man beides. Und dann tut’s weh, wenn man weg muss. Für mich persönlich war es schon ein großer Verlust, nicht mehr in Bochum zu leben.

RUB Alumni: Sie haben ja auch noch gute Kontakte zur Ruhr-Universität, oder?

Dr. Weinhold: Ja, ich bin noch sehr häufig am Lehrstuhl von Andreas Steimel, fast jeden Monat. Wir tauschen uns aus über wissenschaftliche Themen, und wir machen gemeinsam Forschungsprojekte. Das ist schon eine enge Verzahnung; seit ich bei Siemens bin, also in den letzten 17 Jahren, hat das nicht nachgelassen.

RUB Alumni: Das hören wir gerne! Vermissen Sie etwas, wenn Sie an Ihre Studienzeit zurückdenken?

Dr. Weinhold: Ich hatte damals sicher viel mehr Freiheit und es war durch die Kompaktheit des Campus einfach möglich, mal in andere Gebäude reinzugehen, in andere Fakultäten, z.B. herrschte bei den Geistes- oder Naturwissenschaftlern doch ein ganz anderer Geist.
Das wäre auch meine Empfehlung an die Studierenden, dass sie diese Gelegenheit ergreifen und diesen Vorteil der Ruhr-Uni nutzen, dass man hier ohne lange Fußwege in andere Fakultäten reinschnuppern kann und breitbandiger wird. Gerade für Ingenieure ist das wichtig, denn was Ingenieure tun, hat auch enorme gesellschaftliche Bedeutung: Denken Sie an die Bewältigung des Klimawandels, da hängt sehr viel auch von Technologien ab, die akzeptiert werden müssen von den Menschen. Natürlich ist auch das Verhalten der Menschen ein wichtiger Faktor, wie sie mit Energie und der Umwelt umgehen.

RUB Alumni: Denken Sie, dass wir uns noch rechtzeitig einen anderen Umgang mit Energie angewöhnen können?

Dr. Weinhold: Ja, das kriegen wir hin, aber da müssen wir natürlich die Ärmel hochkrempeln. Das ist ein globales Thema, auf der ganzen Welt verstanden. Ich bin in vielen Ländern unterwegs und treffe viele Menschen, unsere Kunden aber auch Wissenschaftler, und alle wissen, was wir machen müssen, wo die Hebel liegen. Die liegen im Strom! Das ist ein Haupthebel, weil er eben die Integration größter Mengen erneuerbarer Energien gestattet und auch die effiziente Ableitung über weiteste Entfernungen. In der Endanwendung können Sie fast alles mit Strom machen, nehmen Sie die Elektromobilität, die ja auch ein großes Thema an der Universität ist. Oder die Windenergie, die Windturbinentechnik, die auch erforscht wird an der RUB, Gebäudetechnik, Gebäudeisolation …

RUB Alumni: Es muss also beides zusammenkommen: die Technik, die das Energiesparen ermöglicht, aber auch das Verhalten der Menschen.

Dr. Weinhold: Wir haben da drei Kräfte, die zusammenwirken müssen: erstens die Wissenschaft, also die Universitäten, zweitens die Industrie, wie wir, und drittens Politik und Gesellschaft. Die drei müssen da wollen. Also die Akademiker, die weiterdenken, durchaus auch verrückte Ideen, die plötzlich gar nicht mehr verrückt sind, sondern furchtbar interessant und praktisch. Die Freiheit der Forschung ist ungeheuer wichtig, das Querdenken und Zusammenarbeiten über die Disziplinen hinweg. Das sehe ich auch weltweit mehr und mehr. Das ist natürlich auch eine Riesenchance für die Ruhr-Universität, weil sie so viele Disziplinen vereint und so gut ist in den Disziplinen.

RUB Alumni: Siemens hat Sie 1997 zum „Erfinder des Jahres“ ernannt, als Top-Innovator. Woher nehmen Sie Ihre Energie, um so kreativ zu sein?

Dr. Weinhold: Zum Einen ist das sicher die Begeisterung an der Sache, das zieht sich durch wie ein roter Faden, meine Themen faszinieren mich einfach. Das Zweite ist die Interaktion mit Menschen,  und auch die Begeisterung und Leidenschaft der Menschen zu spüren, die das mit vorantreiben, die Dinge besser machen möchten. Nicht einfach anders, sondern besser. Das gibt mir recht viel und natürlich bin ich auch von meinem Netzwerk abhängig, das mir Informationen gibt, das mir sagt „das ist nicht richtig, was Du sagst, das muss anders sein“ oder „das ist anders“. Das Arbeiten mit Menschen in einem Netzwerk ist ein ganz wesentlicher Faktor, aber dann natürlich auch das Zurückziehen und selbst auf den Hosenboden setzen und Analysieren.

RUB Alumni: Da haben Sie noch Zeit für?

Dr. Weinhold: Ja, die nehme ich mir einfach. Das passiert natürlich häufig in den Abendstunden oder am Wochenende, weil ich tagsüber recht stramm durchgetaktet bin, oder auch wenn ich unterwegs bin. Ich mache viel bei Bahnfahrten oder in Flugzeugen, da kommt keiner an Sie ran oder man kommt selbst auch nicht an andere ran, da ist man dazu gezwungen, einfach mal nachzudenken.

RUB Alumni: Fällt Ihnen eine nette Anekdote aus Ihrer Studienzeit ein?

Dr. Weinhold: Was ich nie vergessen werde, sind diese Riesen-Papierflieger, die im HNA gestartet wurden und dann von den obersten Reihen bis ganz nach unten segelten. Solche großen Papierflieger habe ich nie mehr wieder gesehen. Ich kann mich an eine Experimentalphysik-Vorlesung erinnern, da fühlten sich Einige herausgefordert, das gleich umzusetzen mit diesen Riesen-Flugapparaten.

Gute Erinnerungen habe ich auch an die internationale Atmosphäre an der Ruhr-Uni. Meine besten Freunde, die an der RUB promoviert haben, sind Brasilianer und arbeiten heute als Professoren in Brasilien. Dieser Kontakt ist auch nie abgerissen, das ist schon toll.