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2005

Jörg Thadeusz

Journalist und Moderator

Jörg Thadeusz studierte zwischen 1990 und 1994 Geschichte, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften in Bochum und München. Während seines Studiums arbeitete er bereits beim WDR. Thadeusz war einer der ersten Moderatoren bei dem Radiosender 1 LIVE, der 1995 auf Sendung ging. Sein Studium beendete Jörg Thadeusz nicht mehr und ist seitdem als freier Journalist und Moderator unter anderem für WDR, NDR und rbb tätig. Dort hat er auch seit 2005 seine eigene Talkshow "Thadeusz".

Wenn ich mir das heute noch mal aussuchen dürfte,
würde ich Kapitän zur See.

RUB Alumni: Warum sind Sie damals nach München gewechselt?

Jörg Thadeusz: Weil meine Freundin damals dort ihre Diplomarbeit geschrieben hat. Ich dachte mir: „München! Schweinebraten, schöne Uni, toll!“ Und so bin ich mit dahin gegangen.

RUB Alumni: Und warum haben Sie sich zunächst für Bochum entschieden?

Jörg Thadeusz: Ich habe da gar nicht so viel drüber nachgedacht. Ich komme aus Dortmund und da war das nahe liegend. Außerdem waren dort auch viele, die ich kannte, von daher war das auch eine gesellige Komponente. Meiner Begabung nach, die ich mir damals unterstellt habe, hätte ich ja eigentlich nach Harvard gehen müssen.

RUB Alumni: Und was hätten Sie demnach in Harvard machen sollen?

Jörg Thadeusz: Einfach nur da sein und schlau tun.

RUB Alumni: Sind Sie lieber als Moderator oder Reporter tätig? Und für welches Medium arbeiten Sie am liebsten?

Jörg Thadeusz: Ich mach das eigentlich alles gern. Dadurch, dass ich das alles parallel machen kann, wird das besonders gedeihlich und ist für mich besonders angenehm. Das schönste ist, an besonderen Tagen im Radio zu moderieren. Zum Beispiel Heiligabend oder Silvester, wenn die Leute auch Zeit haben. Nehmen wir mal an es ist gerade etwas Großes, Positives los, beispielsweise ein Fußballspiel oder in irgendeiner Stadt ist ein Riesenfest, dann ist es eigentlich am schönsten, wenn man mit dabei sein kann. Mir macht es besonders viel Spaß, wenn man die Leute an die unterschiedlichsten Orte begleitet – und das kann man im Radio viel besser als im Fernsehen. Ich erinnere mich an eine Sendung an einem Sonntagmorgen bei 1 LIVE, die ging um acht Uhr los und der Redakteur und ich hatten keine besondere Idee. Da haben wir die Leute aufgerufen, sie mögen sich bitte melden, wo sie gerade sind, damit wir ihnen versichern können, dass wir bei ihnen sind. Die Leute haben aus dem Krankenhaus angerufen, ein Mann aus der Museumskantine im Haus der Geschichte in Bonn - von überall wo man es gar nicht erwartet hat. Sogar Soldaten meldeten sich, die in ihrer Kaserne rum hingen und es langweilig hatten. Das find ich fantastisch, wenn das so funktioniert. Da hat man unmittelbar erkannt: „Aha, deswegen machst du hier die Musik an, damit die wenigstens irgendwas haben, was ihnen gerade Spaß macht.“

RUB Alumni: Noch mal zurück zu Ihrer Studienzeit: Was hat Ihnen an der RUB besonders gut und was besonders schlecht gefallen?

Jörg Thadeusz: Besonders gut gefallen haben mir die Romanistik-Studentinnen im GB Gebäude. Besonders missfallen hat mir, dass Lehrende mir den Eindruck vermittelt haben, dass ich da eigentlich überflüssig bin. Ich erinnere mich, dass ein Geschichtsdozent am Anfang aufzeigen ließ, wer denn was mit Medien machen wolle. Da haben sich natürlich sehr viele gemeldet und dann hat er gesagt: „Na gut, dann sind sie hier eigentlich falsch.“

RUB Alumni: Denken Sie denn, dass Sie im Prinzip gar nicht für ein Studium gemacht waren? Oder vielleicht nur nicht für die Ruhr-Universität bzw. eher die RUB nicht für Sie…?

Jörg Thadeusz: Ich glaube, das hat gar nicht unbedingt was mit der Ruhr-Universität zu tun. Nur insofern, als dass das halt eine klassische Massenuniversität war. Wie das heute funktioniert, kann ich nicht mehr beurteilen, aber damals hab ich irgendwann keinen Bock mehr gehabt, dahin zu gehen und Papiere für den Mülleimer zu schreiben. Ich kam aus dem Zivildienst, ich hatte etwas unmittelbar Sinnvolles, etwas unmittelbar Ersichtliches getan und dann kommt man dahin und verabschiedet sich in akademische Höhen - das war wirklich nichts für mich. Aber mit Geschichte beschäftige ich mich bis heute - natürlich nicht akademisch, sondern nach Gusto und völlig willkürlich. Wenn mir nach Napoleon zumute ist, dann nehme ich mir eine Napoleon-Biographie zur Hand und wenn ich dann noch nicht zufrieden bin, nehme ich noch ´ne zweite und so weiter.

RUB Alumni: In der Sendung „extra 3“ moderierten Sie mal einen satirischen Beitrag über die RUB und ihre Baufälligkeit an. Während der Sendung kommentierten Sie nicht, dass Sie selbst mal Studierender hier waren. Was haben Sie damals dabei gedacht?

Jörg Thadeusz: Wenn ich mir das heute noch mal vorstelle, würde ich mich darüber freuen, dass sich da heute Öffentlichkeit für herstellen lässt, während ich damals einfach nur durch diese verschiedenen Betonplatten gegangen bin und mir gedacht habe: „Was ist das hier für´n Mist?“ Ich kann mir vorstellen, dass es bestimmte Architekturfreaks gibt, die das spannend finden, aber für Menschen, die ganz normal beieinander sind, ist das eher nichts.  Das wäre dann ein gewisses Gefühl der Genugtuung, wobei ich keinen Zorn auf die Ruhr-Universität habe. Letztendlich finde ich es toll, dass eine Stadt wie Bochum noch so viele junge Leute hat die dort leben oder zumindest hinfahren.

RUB Alumni: Gleich architektonisch anschließend: Wie lange hat es gedauert bis Sie das Geschoss-System durchschaut haben? 

Jörg Thadeusz: Ich glaube, das habe ich bis zu meinem Abgang nicht wirklich durchschaut.

RUB Alumni: Verbindet Sie denn heute noch etwas mit Bochum oder der RUB?

Jörg Thadeusz: Ich bin ein Ruhrgebietsmann und das bleibt man lebenslang. Dementsprechend möchte ich auch nicht, dass irgendwelche arroganten Leute ankommen und über Bochum schlecht reden - das kann ich auch nicht leiden. An der Ludwig-Maximilians Universität ist es zwar schöner, aber die Studienbedingungen waren auch nicht entscheidend besser.

RUB Alumni: Fällt Ihnen eine Anekdote aus Ihrer Zeit an der RUB ein?

Jörg Thadeusz: Ich hatte mit meinem Bruder gemeinsam ein Seminar belegt - mein Bruder hat ähnlich hochmotiviert studiert wie ich und es ist uns gelungen, während des Seminars synchron einzuschlafen. Das fand ich sehr amüsant. Es ging dabei um Medizin im Mittelalter. Außerdem habe ich immer mit großer Faszination dieses lila gestrichene Frauenbüro betrachtet und gesehen, wie da Theologie-Studentinnen mit stark behaarten Unterschenkeln reingelaufen sind. Prima fand ich auch immer, dass sich Studentinnen der katholischen Theologie in diesen Cafeterien so gerne in die Arme fielen, obwohl die sich mindestens am Vortag, wenn nicht an dem Tag selbst schon gesehen hatten. Die trotteten in ihren Sandalen aufeinander zu, nahmen sich ganz herzlich in den Arm und ich dachte: „Och guck mal, es gibt doch auch noch Liebe an dieser Universität.“

RUB Alumni: Wenn Sie Ihr Studium in vier Worten zusammenfassen müssten, wie würden Sie das machen?

Jörg Thadeusz: Verschenkte Zeit, schlechter Kaffee.

RUB Alumni: Verschenkte Zeit sagen Sie - finden Sie denn, dass Ihnen Ihr Studium gar nichts gebracht hat?

Jörg Thadeusz: Ich glaube ich habe das Wort Numismatik für Münzkunde gelernt. Und ich weiß, was in den Bibliotheken los war und wie schwer es für die Studierenden war, das Buch, das sie dringend lesen sollten, mal in die Hand zu kriegen. Wie das heute ist, weiß ich nicht - ich hoffe, dass sich da etwas geändert hat. Weiteres aber nicht, weil ich einfach zu wenig engagiert war. Ich habe schon nebenbei beim Radio gearbeitet und fand das immer sehr viel relevanter. Ich würde heute wahrscheinlich keine vernünftige Bibliographie zustande bringen, auch keinen wissenschaftlichen Text. Mir würde vielleicht ein Text gelingen, der den Dozenten nicht nervt, während er ihn liest, aber akademischen Kriterien würde der nicht gehorchen. Da bin ich aber auch ganz froh drum, denn wenn ich das täte, würde ich in meinem Job Probleme kriegen.

RUB Alumni: Haben Sie etwas Einblick in hochschulpolitisches Geschehen?

Jörg Thadeusz: Nur das, was ich aus den Nachrichten kenne. Ich sehe anständige gutaussehende Studierende, die gelegentlich gegen Studiengebühren demonstrieren und dann sehe ich weniger gut aussehende Bildungspolitiker, die sagen: „Studiengebühren müssen aber sein.“ Das ist das, was ich dann so mitkriege.

RUB Alumni: Wie ist denn Ihre Meinung zu Studiengebühren?

Jörg Thadeusz: Ich bin ein wenig hin und her gerissen. Als Kind aus eher einfachen Verhältnissen, hätten meine Eltern die Studiengebühren nicht aufbringen können und ich selber hätte sie dann herbeiarbeiten müssen. Ich finde aber auch die Argumente nachvollziehbar, dass wenn man dafür bezahlen muss, es den Leuten mehr wert ist. Ich finde Studiengebühren aber nur dann wirklich gerechtfertigt, wenn gewährleistet ist, dass die Studierenden da toll studieren können. Daran mag ich aber nicht wirklich glauben. Ich kann mir gut vorstellen, dass diejenigen, die die Kohle einsammeln, sie an anderer Stelle verjuxen und nicht dafür sorgen, dass die Studierenden eben die Bücher haben, die sie brauchen oder dass sie in vernünftigen Räumen sitzen und dass sie vor allen Dingen das Gefühl kriegen, dass sie während sie studieren gehen, einer respektablen Tätigkeit nachgehen – denn ich finde das sehr respektabel, wenn man sich  mit Bildung beschäftigt. Und zwar nicht nur mir der Art von Bildung, die rein wirtschaftlicher Bemessung genügt.

RUB Alumni: Wenn Sie Rektor oder Kanzler der RUB wären - was würden Sie dann anders machen? Oder was hätten Sie damals anders gemacht?

Jörg Thadeusz: Ich hätte erst mal darauf geachtet, den Lehrkörpern einiges klarzumachen. Und zwar, dass die Studierenden Kunden sind, dass sie nicht nur da sind, weil ihnen nichts besseres einfällt, sondern dass sie da sind, um etwas hinzuzulernen, um sich eventuell für eine Karriere vorzubereiten, um aber auch zu wachsen. Ich würde anregen, dass den Studierenden geholfen wird, ins Ausland zu kommen, weil ich das eine der relevantesten Angelegenheiten überhaupt finde.  Ich würde anstiften, dass die Studierenden sich auf dem Campus wohlfühlen, dass sie da gerne hinkommen, dass sie die Zeit dort gerne verbringen. Und natürlich würde ich mich auch darum kümmern, dass die Dozenten Freude daran haben, den Studierenden Bildung und Wissen zu vermitteln.

RUB Alumni: Gibt es etwas, was sie trotzdem aus Ihrer Studienzeit bzw. aus Ihrer Zeit an der Bochumer Uni vermissen?

Jörg Thadeusz: Das ist so ähnlich wie an der Schule - es ist so eine kuschelige Zeit. Man sitzt beieinander und redet über Dinge, über die man normalerweise nicht die Gelegenheit hat sich zu unterhalten. So kenne ich das zumindest aus den inspirierteren Geschichts- oder Politikseminaren - dass man mal über das Große Ganze redet. Wenn man als Journalist arbeitet, dann verengt sich die Perspektive ja und man verliert das Große Ganze aus dem Blick. „Was ist eine parlamentarische Demokratie und warum funktioniert die, wie sie funktioniert?“ und nicht „Was ist Kurt Beck eigentlich für ´n Typ? Ist der kanzlerkandidatentauglich oder nicht?“ Im täglichen Geschäft wird die Perspektive ja oft sehr eng. Das finde ich das Schöne: dass man die Gelegenheit hat, sich ausführlich mit Sachen zu beschäftigen und nicht nur immer an der Oberfläche rumdümpelt.

RUB Alumni: Wenn Sie heute Ihren Karriereweg noch mal begehen würden, was würden Sie anders machen? Würden Sie überhaupt etwas anders machen?

Jörg Thadeusz: Selbstverständlich! Ich würde zu aller Erst mal einen greifbaren Beruf lernen, nach Möglichkeit ein Handwerk oder zum Beispiel eine Krankenpflegerausbildung. Dann würde ich mir überlegen ein Studium anzufangen, das eine Praxiskomponente hat. So was wie Jura oder Volkswirtschaft - das würde für mich heute interessanter sein. Oder auch ein abgefahrenes naturwissenschaftliches Fach, wo man sich dann Spezialwissen aneignet, was einem so schnell keiner mehr nehmen kann.

RUB Alumni: Und würden Sie dann auch trotzdem wieder in den Journalismus gehen oder würden Sie einen anderen Beruf wählen?

Jörg Thadeusz: Wenn ich mir das heute noch mal aussuchen dürfte, würde ich Kapitän zur See.

RUB Alumni: Das ist ja recht exotisch - wie kommen Sie darauf?

Jörg Thadeusz: Weil ich das einfach cool finde. Das ist ein sehr aufregender Beruf. Ich finde es faszinierend, dass man so große Schiffe perfekter einparken kann, als einen Golf. Man ist unterwegs, schaut auf den Horizont und man bewegt sich in einem noch so unerforschten, mysterienumrankten Erdbereich - das finde ich faszinierend.

RUB Alumni: Sie sind ja aber doch sehr erfolgreich als Journalist und Moderator - trotzdem zweifeln Sie daran, ob das für Sie die Erfüllung ist?

Jörg Thadeusz: Ich bin ja nun auch mittlerweile 38 Jahre alt und ich würde Erfüllung gewiss nicht mit beruflichem Erfolg gleichsetzen. Also die Erfüllung ist eigentlich die schwierigere Angelegenheit, als sich einigermaßen im Beruf zu bewähren. Ich bewege mich ja seitdem ich 21 Jahre alt bin im Medienbereich, danach ist man gewiss kein unkritischer Euphoriker mehr. Es gibt sehr, sehr viele gute Journalisten, die ihre Sache sehr lauter machen, aber es gibt auch einige Blender, Nassauer und auch Heckenschützen und die gefallen mir nicht.

RUB Alumni: Woran arbeiten Sie derzeit?

Jörg Thadeusz: Ich muss ein Buch schreiben, über norddeutsche Leute, die ich bei meiner Wanderung durch Norddeutschland 2005 getroffen hab. Dann werde ich mir irgendwann, wenn Zeit ist, wahrscheinlich erst gegen Ende dieses Jahres, wieder einen Roman vornehmen.

RUB Alumni: Was haben Sie genau bei der Wanderung gemacht?

Jörg Thadeusz: Da bin ich von der Hallig Südfall nach Gosleim Hartz gewandert, begleitet von einem NDR-Team. Ich hatte kein Geld dabei und musste bei fremden Leuten arbeiten, um bei denen übernachten zu können und was zu Essen zu kriegen. Die Serie hieß: „Der Norden umsonst“.

RUB Alumni: Was würden Sie letztendlich den heutigen Bochumer Studierenden mit auf den Weg geben?

Jörg Thadeusz: Sich nicht von irgendwelchen altklugen Arschlöchern, die fast 40 sind, irgendwelche Ratschläge geben lassen (lacht). Ich würde zuerst mal dazu raten, sich das Leben schön zu machen und das alles zu genießen, was später nicht mehr so einfach geht. Das man sich in so einem vagen Raum treffen kann, wo viele irgendwelche Jobs machen müssen, wo es aber auch einfach mal ein bisschen Zeit gibt und nicht so krasse Zwänge, wie später, wenn man unter Produktionsdruck steht. Und vor allem so viel wie möglich von der Welt kennen zulernen. Soviel wie möglich woanders studieren gehen. Wenn man im Beruf in irgendein anderes Land geschickt wird, ist es längst nicht mehr so leicht, andere Menschen kennen zulernen, wie als Studierender einer Universität, wo sowieso ganz viele Leute einer Generation rum rennen. Ich würde den Leuten raten, waghalsigen Liebesgeschichten nachzugehen. Das sollte man unbedingt machen, während der Studentenzeit - das wird später alles verhängnisvoller und schwieriger. Da erinnere ich mich an die Fakultätsbibliotheken: während ich lesen sollte, habe ich immer so wahnsinnig schöne Frauen gesehen, wie später nie wieder auf einen Haufen.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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