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2012

Dr. Jörg Schmidt

Brandassessor und Leiter der Stabstelle städtisches Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz bei der Berufsfeuerwehr der Stadt Köln

Dr. Jörg Schmidt studierte von 1992 bis -96 Chemie auf Diplom an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Dissertation über molekulare Katalysatoren stellte er an der Ruhr-Universität und der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin fertig. Nach einem mehr als zweijährigen Referendariat legte er 2003 sein Staatsexamen als Brandassessor am Institut der Feuerwehr in Münster ab. Heute ist er für die Berufsfeuerwehr der Stadt Köln tätig und koordiniert deren Großeinsätze
 

Der Kölner Karneval ist eine Herausforderung,
aber natürlich auch schon Routine.

RUB Alumni: Herr Dr. Schmidt, ist der Kölner Karneval eine Katastrophenlage für Sie und Ihre Mitarbeiter oder ist das schon Routine?

Dr. Schmidt: Der Kölner Karneval ist eine Herausforderung, aber natürlich auch schon Routine. Hier ist insbesondere der Rettungsdienst gefragt, weil in der Bevölkerung der Gebrauch von Alkohol ausufert und in Folge dessen kommt es zu Stürzen, Glasscherbenverletzungen und so weiter.

RUB Alumni: Was genau ist Ihre Aufgabe bei der Feuerwehr der Stadt Köln?

Dr. Schmidt: Ich bin Leiter der „Stabstelle städtisches Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz“ der Berufsfeuerwehr Köln. Ich bin dafür zuständig, mit meiner Abteilung Planungen für sehr komplexe Großeinsätze zu organisieren oder zu entwickeln. Ich befasse mich damit, wie man Führung organisieren muss, wie man große Lagen so koordiniert, dass alle gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten und sich nicht gegenseitig ins Gehege kommen.

RUB Alumni: Wie sieht ein klassischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Dr. Schmidt: Wie bei vielen Führungskräften in der Wirtschaft oder öffentlichen Verwaltung: Ich bin derjenige, der Informationen managt und bewertet, und ich teile Informationen und Aufgaben den geeigneten Mitarbeitern zu. Ich kümmere mich darum, Erkenntnisse weiterzuentwickeln, zusammenzufassen und das von Zeit zu Zeit auch als neuen Stand der Wissenschaft festzuschreiben. Ein bisschen Marketing für unseren Bereich muss ich auch machen.

RUB Alumni: Es geht also gar nicht so sehr darum, Feuer zu bekämpfen?

Dr. Schmidt: Ja, genau. Wir heißen zwar noch „Feuerwehr“, aber letztendlich gehören weniger als 5 % unserer Aufgaben zur Brandbekämpfung. Zu 85 % befassen wir uns mit dem Rettungsdienst; das heißt, wir bekämpfen medizinische Gefahren, die dem Bürger drohen, z.B. durch Herzinfarkt, Schlaganfall, Unterzuckerung. 10 % unserer Arbeit besteht in der Bereitstellung von technischer Hilfe: wenn z.B. bei einem Verkehrsunfall Personen in Fahrzeugen eingeklemmt sind, wenn Personen in Fahrstühlen eingeschlossen sind, bis hin zum gesamten Umweltschutz: Öllachen auf der Straße, leckgeschlagene Chemieanlagen oder Chemietransporte. Wirklich außergewöhnliche Lagen, für die wir besondere Organisationsformen brauchten, waren für uns der Archiveinsturz in Köln (2009, Anm. d. Red.) und der Chemiebrand in der Firma INEOS, ehemals Bayer Dormagen (2008, Anm. d. Red.), das war der größte Feuerwehreinsatz der Nachkriegsgeschichte.

RUB Alumni: Wie war das damals beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs? Hatten Sie für solche Fälle einen Einsatzplan?

Dr. Schmidt: Wir haben natürlich keinen Plan für „eingestürzte Archive“, aber wir haben Pläne für allgemeine Einsatzlagen, wie z.B. einen Hauseinsturz in Folge von Gasexplosion. Dieser Plan ist auch zunächst „gezogen“ worden, wie wir sagen, ergänzt mit der Möglichkeit von vielen Verletzten. Man befürchtete nämlich zunächst, dass sehr viele Menschen unter den Trümmern lägen. Damit konnten wir die Maßnahmen der ersten Stunde ergreifen, anschließend mussten wir zusätzliche Detailentscheidungen treffen, die nur spezifisch mit dieser Lage zu tun hatten, die man also nicht vorplanen konnte.

RUB Alumni: Was waren die ersten Maßnahmen?

Dr. Schmidt: Als Erstes galt es, den Boden zu sichern; wir gossen Flüssigbeton in den Krater, um den Bodendruck zu stabilisieren. Wir haben uns sehr schnell Know-how geholt: bei den Bauingenieuren im eigenen Haus und auch bei der DMT (Deutsche Montan Technologie, Anm. d. Red.), die über viel Erfahrung im Grubenwesen verfügt. Und dann mussten wir uns natürlich um die 70 Kölner, die Hab und Gut, Haus und Hof verloren hatten, kümmern. Es gab zwei benachbarte Schulen, deren Abschlussklassen kurz vor dem Abitur standen, und so weiter und sofort.

RUB Alumni: Also zunächst ging es erst einmal darum, Menschenleben zu retten.

Dr. Schmidt: Genau, das ist grundgesetzlicher Auftrag der Feuerwehr. Aber schon früh lief dann auch die Rettung der historischen Dokumente an. Auch das war eine Situation, die nicht vorgeplant sein konnte, sodass wir Lösungen „in der Lage“ entwickeln mussten.

RUB Alumni: Würden Sie sagen, dass Ihr Studium Sie auf diese Tätigkeit vorbereitet hat?

Dr. Schmidt: Was ich aus dem Studium mitgebracht habe, ist Methodenkompetenz: Ich bin in der Lage, komplexe Zusammenhalte zu analysieren, zu zerteilen in einzelne Abhängigkeiten voneinander und zu überlegen, wie kann ich das eine oder andere positiv beeinflussen, wenn ich dieses und jenes tue oder unterlasse.

RUB Alumni: Wie kam es nach Ihrer Promotion zu der Entscheidung, zur Feuerwehr zu gehen?

Dr. Schmidt:Eigentlich erst spät. Als ich mit der Promotion anfing, habe ich noch die klassische Ausbildung gemacht, mit dem Ziel in die Forschung zu gehen. Während der Promotion wurde mir aber klar, dass die molekulare Katalysatorenforschung eine sehr trockene und sehr nüchterne Sache war. Sie hatte sehr viel mit Gerätetechnik und großem Literaturstudium zu tun und wenig mit menschlichen Kontakten. Bei meinen Hobbys und Freizeitaktivitäten hatte ich aber immer schon viel mit Menschen zu tun und das habe ich auch genossen – ich war Jugendleiter, habe Jugendfahrten veranstaltet und war seit meinem Zivildienst im Rettungsdienst ehrenamtlich tätig. Letztendlich hat das den Ausschlag gegeben, dass ich mir einen Arbeitsplatz gewünscht habe, bei dem ich mehr mit Menschen agieren kann – und der Rest war Zufall!

RUB Alumni: Inwiefern Zufall?

Dr. Schmidt: Wie das immer so läuft: Während meiner Promotionszeit habe ich einmal im Zug einen Physiker und einen Bauingenieur kennengelernt, die erzählten, dass sie bei der Feuerwehr arbeiteten. Das war für mich neu, dass man als Akademiker zur Feuerwehr gehen kann, ich hatte immer gedacht, dass dort Handwerker arbeiten, aber keine Akademiker. Die beiden erzählten also von ihrer Referendarausbildung, dass es um die Verschmelzung von technischem und naturwissenschaftlichen Wissen und um die Interaktion mit Menschen geht. Und das ist das, was ich auch bis heute genieße: Wir haben hier fast die gesamte Bandbreite der Ingenieure, und unter den Naturwissenschaftlern haben wir Chemiker, Physiker und Biochemiker. Bei den Kollegen im Einsatzdienst, auf den Fahrzeugen, da haben Sie die ganze Palette des Bauhandwerks dabei. Es ist einfach wunderbar, auf der einen Seite diese geballte fachliche Kompetenz zur Verfügung zu haben und auf der anderen Seite mit Menschen zu arbeiten, um mit gemeinsamer Kraft Menschen aus Notlagen zu befreien.

RUB Alumni: Sie schwärmen ja richtig!

Dr. Schmidt: Ja, in der Tat! (lacht)

RUB Alumni: Sie schätzen also an Ihrem Beruf besonders die Interdisziplinarität. Da waren Sie bei der Campus-Uni RUB ja am richtigen Ort, oder?

Dr. Schmidt: In der Tat, ich habe damals die Ruhr-Universität Bochum als Studienort ausgewählt, eben weil sie eine Campus-Universität war. Das wollte ich während des Studiums nutzen und auch mal zu einer interessanten Veranstaltung eines anderen Bereichs hingehen. – Im ersten Semester habe ich das auch noch geschafft: Ich war bei den Geisteswissenschaftlern und den Medizinern. Während meiner Diplomarbeit lernte ich das interdisziplinäre Arbeiten kennen: Prof. Dr. Freund, mein späterer Doktorvater, forschte in der physikalischen Chemie, und an seinem Lehrstuhl arbeiteten Kollegen aus der Chemie, Physik und Mineralogie, Ingenieure waren auch dabei. Da habe ich zum ersten Mal erlebt, dass man, wenn man Know-how aus verschiedenen Bereichen zusammenbringt, unheimlich viel erreichen kann. Mich hat es auch geistig gereizt, gezwungen zu sein, die eigene „Denke“ zu verlassen. Ein Mineraloge oder ein Ingenieur denkt anders als ein Chemiker – und das ist spannend.

RUB Alumni: Wie würden Sie rückblickend Ihr Studium beurteilen?

Dr. Schmidt: Wir sind damals noch „klassisch“ ausgebildet worden. Das heißt für die Forschung, weniger für eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft, der Industrie, oder wo ich jetzt zum Beispiel bin, in der öffentlichen Verwaltung. Da habe ich, rückblickend, schon ein bisschen Orientierungshilfe und Vorbereitung auf die Tätigkeit als Akademiker in Führungsposition vermisst. Diesen ganzen Bereich der Sozialkompetenzen, Personalführung, Wissen darüber, wie Systeme und Organisationen funktionieren, das haben wir alles nicht gelernt. – Das mag sich heute geändert haben.

RUB Alumni: Ja! Z.B. gibt es an der RUB seit einigen Jahren den Career Service,er qualifiziert Studierende im Bereich der Softskills und unterstützt sie bei Berufsorientierung und -einstieg. Auch der Optionalbereich hilft Studierenden, sich sowohl für eine wissenschaftliche Tätigkeit als auch für den außeruniversitären Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

Dr. Schmidt: Ja, ich bin Dozent an der Fachhochschule Köln, dort gibt es auch dergleichen für die Studierenden.

RUB Alumni: Besitzen Sie noch einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit?

Dr. Schmidt: Ein Reagenzglas habe ich aufgehoben und ein schönes altes Chemikalienglas mit einem Schild, das man mit Wachsstift beschriften kann. Solche Dinge stehen schon noch aus Sentimentalität bei mir herum.

RUB Alumni: Fällt Ihnen eine nette Anekdote aus ihrer Studienzeit ein?

Dr. Schmidt: Uns taten immer die Kollegen leid, die das Praktikum „Chemie für Mediziner“ halten mussten, man konnte es nämlich schon riechen – auf den Toiletten.

RUB Alumni: ??!

Dr. Schmidt: Die Mediziner hatten sich – naturgemäß – ihr Wissen über Chemie angelesen und es auswendig gelernt. Folglich gingen sie in der Praxis häufig unachtsam mit Ammoniak um, so dass sie die Dämpfe inhalierten. Dementsprechend stanken die Toiletten zu diesen Zeiten immer nach Harnstoff – auch außerhalb der Spargelzeit. (lacht) Wir wussten immer, welche Praktika gerade liefen.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch!

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