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2010

Prof. Dr. Ruth Rissing-van Saan

Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof (BGH)

Prof. Dr. Rissing-van Saan studierte ab 1966 Rechtswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Nach Referendariat und Promotion durchlief sie verschiedene Stationen am Amts- und Landgericht Bochum, bis sie 1975 Richterin auf Lebenszeit wurde. 1988 wurde Prof. Dr. Rissing-van Saan zur Bundesrichterin gewählt und wechselte von ihrem geliebten Bochum nach Karlsruhe. Dort wird sie, nach dann 22 Jahren Dienst am Bundesgerichtshof, im kommenden Jahr pensioniert werden.
Aber seit 2008 hat die Ruhr-Universität sie wieder: als Honorarprofessorin an der Juristischen Fakultät der RUB gibt Prof. Dr. Rissing-van Saan ihr in langjähriger Praxis erworbenes Wissen im Straf- und Prozessrecht an Studierende weiter.

Die Fotokopiergeräte waren allerdings noch sehr selten, so dass wir überwiegend noch mit der Hand abschreiben mussten ...

RUB Alumni: Sie haben 1966 Ihr Studium an der RUB begonnen, wie sah denn zu dieser Zeit der Campus aus?

Prof. Rissing-van Saan: Da standen hier gerade mal zwei oder drei Gebäude aus der I-Reihe. Sonst war hier mehr oder weniger noch freies Feld. Es war schon ein Abenteuer, morgens hierher zu kommen, weil man nie so recht wusste, ob irgendwo wieder eine Baugrube oder Ähnliches offen war. Trotzdem war es aber eine sehr schöne Zeit.

RUB Alumni: Warum fanden Sie das so schön?

Prof. Rissing-van Saan: Ich fand es spannend hier: Die RUB war zwar alles andere als eine fertige Universität, aber dafür hatten wir damals den ganz großen Vorteil, dass auf zwanzig Studenten ein Assistent kam. Wir bekamen in den Seminarbibliotheken gut Platz und wir hatten genügend Bücher. Die Fotokopiergeräte waren allerdings noch sehr selten, so dass wir überwiegend noch mit der Hand abschreiben mussten ... Aber wie gesagt: Insgesamt war es eine spannende Zeit, eine Pionierzeit.

RUB Alumni: Warum hatten Sie sich entschieden, Jura zu studieren?

Prof. Rissing-van Saan: Ich hatte eine Klosterschule in Neuss besucht, und da gehörte es sich eigentlich noch nicht, dass Mädchen irgendetwas anderes studierten als Pädagogik. Vielleicht war es also ein bisschen eine Trotzreaktion von mir, Jura zu wählen.

RUB Alumni: Und warum ist es dann Bochum geworden? Und nicht Köln oder Bonn …?

Prof. Rissing-van Saan: Mich hat hier der Neuanfang gereizt. Ich wollte an keine etablierte Universität, und bei Bochum dachte ich, da wird etwas aufgebaut, da muss ich doch mal sehen ob da etwas Besonderes geboten wird. Wurde es auch, man hatte das Gefühl, man ist von Anfang an dabei.

RUB Alumni: Aber Sie haben auch einen Abstecher nach Freiburg gemacht …

Prof. Rissing-van Saan: Ja, zwischendurch bin ich zwei Semester in Freiburg gewesen und dort habe ich dann ein ganz anderes Universitätsleben kennengelernt. Aus ökonomischen Überlegungen heraus bin ich wieder nach Bochum zurückgekehrt, denn in Freiburg hätte das Studium wahrscheinlich vier oder fünf Semester länger gedauert: Die Ablenkungsmöglichkeiten waren dort so zahlreich … Ich liebe Freiburg heute noch heiß und innig und deswegen fühle ich mich da unten in Karlsruhe auch nicht so ganz fremd. Aber nach meiner Pensionierung werde ich wohl wieder nach Bochum zurückkommen. Ich habe ja hier auch jetzt meine Aufgaben. Es ist für mich eine große Ehre, an meiner Heimatuniversität Honorarprofessorin sein zu dürfen. (Prof. Rissing-van Saan ist Lehrbeauftragte an der Juristischen Fakultät der RUB, Anm. d. Red.)

RUB Alumni: Wollten Sie schon immer gerne Richterin werden?

Prof. Rissing-van Saan: Ja, das Richteramt war eigentlich immer mein Traum, weil es eine besondere Herausforderung ist, nicht nur rechtlich, sondern auch von der Verantwortung her. 1975 wurde ich in Bochum zum Richter auf Lebenszeit ernannt. – Das ist lange her, und jetzt ich bin nun schon im 21. Jahr in Karlsruhe, das ist in der Tat Wahnsinn! Wenn ich dann nächstes Jahr pensioniert werde, habe ich endlich die Möglichkeit, mich – nicht mehr unter diesem ganz großen Stress und Termindruck – hier noch ein bisschen wissenschaftlich zu betätigen und mit jungen Leuten zu arbeiten. Das macht mir großen Spaß.

RUB Alumni: Wenn Sie an Ihr Studium zurückdenken, fallen Ihnen nette Begebenheiten ein?

Prof. Rissing-van Saan: Es war einfach alles nett. Weil es noch nicht so viele Möglichkeiten für die Studierenden gab, kulturell und kommunikativ miteinander was zu machen, wurden die Cafeterien in den einzelnen Gebäuden zum Zentrum. Da kamen Kommilitonen morgens um neun, stellten ihre Aktentasche hin, spielten Doppelkopf bis nachmittags um 16, 17 Uhr und gingen wieder nach Hause. Einen Hörsaal hatten die nicht von innen gesehen, aber sie hatten offensichtlich viel Spaß. Zum Teil ist aus denen sogar noch etwas Ordentliches geworden, erstaunlicherweise, sie haben nur ein paar Semester länger gebraucht (schmunzelt).

RUB Alumni: Vielleicht sollte die Juristische Fakultät mal ein Doppelkopfturnier für ihre Alumni ausrichten?

Prof. Rissing-van Saan: Ja, das wäre mal was. Inzwischen beherrsche ich das Doppelkopfspielen auch, damals habe ich es noch nicht gekonnt.

RUB Alumni: Gab es Dozenten, die sie besonders geprägt haben?

Prof. Rissing-van Saan: Das waren natürlich ganz herausragende Köpfe, gar keine Frage. Professor Biedenkopf, Professor von Münch, Paul Mikat und natürlich nicht zuletzt mein Doktorvater Professor Geilen. Das sind noch die Herren der alten Schule gewesen.

RUB Alumni: War es schwer für eine Frau mit den ganzen Herren zurechtzukommen?

Prof. Rissing-van Saan: Nein. Diesbezüglich habe ich nie etwas erlebt, was mir nachhaltig in Erinnerung geblieben wäre. Das war vielleicht auch ein Vorteil dieser jungen und im Aufbau begriffenen Universität, es gab noch keine festen Strukturen. Der Spruch „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ war hier nicht gerechtfertigt, es gab weder tausend Jahre, noch Talare.

RUB Alumni: Hatten Sie denn viele Kommilitoninnen in Ihrem Jahrgang?

Prof. Rissing-van Saan: Erstaunlicherweise waren es gar nicht so wenige, schon durchaus 10 Prozent. Von der Ruhr-Universität traten damals relativ viele junge Richterinnen in Bochum ihren Dienst an, deswegen hieß das Landgericht Bochum in den Landgerichtspräsidentenkreisen „Metzes Harem“, nach dem Landgerichtspräsidenten Hans Metze. Bundesweit hatte sich das noch nicht so durchgesetzt wie just hier.

Das ist, glaube ich, insgesamt ein Phänomen des Ruhrgebiets. Man ist hier sehr viel herzlicher und weltoffener, hat von Anfang an gelernt, z.B. auch mit anderen Nationalitäten umzugehen. Das ist auch ein wesentliches Merkmal der Ruhr-Universität, so wie ich sie jetzt in den letzten Semestern erlebt habe: Sie ist menschlicher als andere Universitäten, der Mensch ist hier nicht nur dazu da, um wissenschaftliche Funktionen zu erfüllen, sondern der Mensch und die Wissenschaft sind gleich wichtig.

RUB Alumni: Einer Ihrer Schwerpunkte in Ihrer richterlichen Tätigkeit war bzw. ist das Strafrecht, da hat man mit menschlichen Schicksalen und auch mit grausamen Fällen zu tun. Ist es schwierig, wenn man bei dieser Arbeit menschliche Aspekte zurückstellen und nur nach Recht und Gesetz urteilen muss?

Prof. Rissing-van Saan: Sie fragen mich jetzt nach über 30 Jahren Berufspraxis. Da ist schon Einiges unter die Haut gegangen, das ist gar keine Frage. Aber als Juristin oder Richterin kann und darf man nicht mit allen mitleiden. Mit der Zeit bekommt man eine gewisse beruflich bedingte Distanz zu den einzelnen Fällen. Natürlich ohne den Menschen hinter den verschiedenen Rollen eines Falles – Opferrolle, Täterrolle – zu übersehen. Wenn man im Prozess sitzt und mit den Menschen spricht, den Angeklagten und sein Verhalten sieht, die Zeugen und die Geschädigten hört usw., das ist schon ganz was anderes als beim BGH: dort entscheidet man ja rein nach Aktenlage.

RUB Alumni: Haben Sie beim BGH den Kontakt zu den Menschen vermisst?

Prof. Rissing-van Saan: Ja doch, den habe ich sehr vermisst. Ich war 1985 zur ordentlichen Vorsitzenden des Bochumer Schwurgerichtes ernannt worden, das war mein Traumjob und ich wähnte mich am Ziel meiner Karriere. Und dann fragte man mich drei Jahre später, ob ich Bundesrichterin werden wolle, da habe ich gesagt: „Muss das sein? Können wir nicht noch fünf Jahre warten? Ich bin doch jetzt da, wo ich eigentlich immer hinwollte.“ Aber wenn ich gewartet hätte, wäre diese Chance vertan gewesen. Also entschied ich mich für den BGH. Die ersten Jahre sind mir auch sehr schwer gefallen, das muss ich wirklich sagen. Letztlich hat die Arbeit am BGH mir aber doch viel Freude gemacht, denn man arbeitet in einem Bereich, der zwischen Praxis und wissenschaftlicher Betätigung liegt und beide, wie an der Uni, zusammen führen muss. Auch wenn ich es immer spannender fand, im Verhandlungssaal zu agieren als nur Akten zu lesen.

RUB Alumni: Haben Sie schon das neue Gerichtslabor der juristischen Fakultät kennengelernt? (Ein Modell-Gerichtssaal, in dem Studierende Verhandlungen einüben können, Anm. d. Red.)

Prof. Rissing-van Saan: Ja, das finde ich sehr gut. Ich werde das Gerichtslabor zukünftig mehr nutzen, nur bedeutet es viel Arbeit, entsprechende Akten so vorzubereiten, dass man ein Rollenspiel veranstalten kann. In dieser Atmosphäre kann man das Ganze mal ein bisschen plastischer darstellen, besser als in einem Hörsaal oder einem Seminarraum.

RUB Alumni: In Ihrer Position arbeiten Sie wahrscheinlich unglaublich viel, nehmen häufig Akten am Wochenende mit nach Hause ...

Prof. Rissing-van Saan: Ja, für z. B. kulturelle Dinge habe ich nur sehr, sehr wenig Zeit. In meiner Freizeit bin ich meistens wissenschaftlich tätig, ich gebe ja noch den Leipziger Kommentar für das materielle Strafrecht mit heraus und die Arbeit an der Universität muss ja auch vorbereitet werden. Das alles während ich noch aktiv im Berufsleben stehe.

Ich habe aber durchaus auch andere Interessen, höre gerne klassische Musik, und gehe gern ins Theater, besonders hier in Bochum. Die Kulturhauptstadt-Angebote finde ich auch ganz toll. Ich reise und wandere gerne, gehe auch in Museen und besuche andere Städte.

RUB Alumni: Sie sind ja nun schon seit einigen Semestern Lehrbeauftragte hier bei uns. Was wünschen Sie sich von den heutigen Studierenden?

Prof. Rissing-van Saan: Dass sie vielleicht ein wenig mehr Selbstbewusstsein und Mut entwickeln, auch eigenständig zu denken und kreativ zu arbeiten. – Natürlich nachdem man das Handwerk beherrscht und einschätzen kann, wo Spielraum ist und wo nicht.

Aber das muss natürlich auch von den Lehrenden gefördert werden, sie sollten versuchen, die Kreativität der Studierenden zu wecken.

RUB Alumni: Besitzen Sie noch Gegenstände aus Ihrer Studienzeit?

Prof. Rissing-van Saan: Nein. – Doch! Ich habe noch meine erste schriftliche Arbeit aus der Anfänger-Arbeitsgemeinschaft. Der damalige Assistent, Professor Ulsenheimer, er war auch zu meiner Antrittsvorlesung hier, der kann sich auch noch sehr gut daran erinnern. (lacht) Die hab ich noch, weil das für mich ein Aha-Erlebnis war: die erste Arbeit mit „sehr gut“ bewertet, das gab mir natürlich einen enormen Schub.

Ich erinnere mich auch noch an die Zwischenprüfung: Da wurde dann die alte Mensa an der Overbeckstraße extra für die Prüfung geräumt, und wir saßen dort unter Aufsicht, die Assistenten zogen durch die Reihen und guckten ob wir auch ja nicht schummelten oder abguckten.

RUB Alumni: Haben Sie auch mal geschummelt?

Prof. Rissing-van Saan: Ja sicher, wer hat denn nicht geschummelt! Ich habe den kleinen „Schaeffers Grundriss“ unter die Bücher gelegt, aber weil ich zu ungeschickt war, fielen mir die Dinger immer runter. Ich bin dann auch aufgefallen und hab es dann seinlassen …

RUB Alumni: Dürfen Sie nach Ihrer Pensionierung Ihre rote Richter-Robe behalten?

Prof. Rissing-van Saan: Ja, die ist mein Privateigentum. Ich habe lange noch meine schwarze Robe vom Bochumer Landgericht behalten, weil ich im Hinterkopf hatte, wenn es Dir nicht gefällt beim BGH dann gehst Du halt wieder zurück …

RUB Alumni: Lässt man sich so etwas eigentlich maßschneidern?

Prof. Rissing-van Saan: Ja, die Roben sind Maßanfertigungen. Zunächst hatte ich eine gebrauchte rote Robe gekauft – das ist schon eine Investition, die sind nicht so billig. Diese war aber aus schwerem Wollstoff und der Sommer in Karlsruhe ist so furchtbar drückend. Da habe ich mir dann vor 15 Jahren mal den Luxus gegönnt, mir eine neue mit etwas leichterem, moderneren Gewebe zuzulegen. Wenn jemand kommt, der diese Robe tragen kann, würde ich sie ihm oder ihr auch gerne weitergeben. Das ist für mich kein Statussymbol.

RUB Alumni: Aber eine schöne Erinnerung, denn eine rote Robe haben ja nicht sehr viele Menschen.

Prof. Rissing-van Saan: Das ist wahr. Aber ehrlich gesagt habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch!

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