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2010

Dr. Kai Perret

Geschäftsführer der Zoologischer Garten Magdeburg

Dr. Perret studierte von 1989 bis 1997 Biologie an der Ruhr-Universität und wusste schon früh, wo er einmal arbeiten wollte: im Zoo. Dementsprechend wählte er den Studienschwerpunkt Zoologie und schrieb seine Dissertation über das Verhalten von Menschenaffen. Nach einer Zwischenstation beim Allwetterzoo in Münster ist er seit 2003 Geschäftsführer des Zoos in Magdeburg.

 

Wenn man sich ausführlich mit Menschenaffen befasst, bekommt man geradezu einen Spiegel vors Gesicht gehalten.

RUB Alumni: Herr Dr. Perret, gab es zu Ihrer Zeit an der Ruhr-Universität Lehrende, die Sie besonders geprägt haben?

Dr. Perret: Das war natürlich mein Doktorvater, Prof. Preuschoft. Seine Abteilung für funktionelle Morphologie war allerdings nicht an der Fakultät für Biologie verortet, sondern an der Medizinischen Fakultät. Ich habe bei ihm meine Diplom-Arbeit geschrieben und später auch dort promoviert.

RUB Alumni: Was war Thema Ihrer Promotion?

Dr. Perret: Ich hatte schon früh den Wunsch, einmal im Zoo zu arbeiten, daher machte ich schon während des Studiums Praktika im Krefelder Zoo und führte dort Beobachtungsstudien durch. Für meine Dissertation habe ich dann eine klassische Verhaltensstudie an Menschenaffen gemacht, das versprach einen guten Einstieg in die Zoowelt.

RUB Alumni: Finden Sie, dass Affen und Menschen sich stark ähneln?

Dr. Perret: Ja. Wenn man sich ausführlich mit Menschenaffen befasst, bekommt man geradezu einen Spiegel vors Gesicht gehalten. Die Ähnlichkeiten und Parallelen sind frappierend! Ich habe einmal ein schönes Erlebnis im Krefelder Zoo gehabt: Während meines Studiums hatte ich mich viele, viele Stunden, viele Wochen mit den Schimpansen dort abgegeben. Und als ich Jahre später „meine“ Affen mal wieder besuchte, hatte ein zu meiner Zeit junges Weibchen ihr erstes Kind bekommen. Ich stand also an der Scheibe, an die man herantreten konnte, und dann hat mich dieses Weibchen gesehen und wiedererkannt. Sie kam herunter, hielt ihr Erstgeborenes im Arm, genauso, wie wir es machen, und zeigte mir ihr Kind. Sie stellte mir also das neue Familien- oder Gruppenmitglied offiziell vor. Für Affen ist das ein normales Verhalten. Für mich war das rührend, weil die Affen mich – auch Jahre später – als dazugehörig betrachteten.

RUB Alumni: Gibt es einen Ort auf dem RUB Campus, mit dem Sie besondere Erinnerungen verbinden?

Dr. Perret: Ich fand den Botanischen Garten immer sehr schön. Er lag direkt neben unserem Gebäude und man konnte schnell mal eben herübergehen. Das war für mich immer wie eine kleine Oase. Kurz vor Prüfungen bin ich oft einfach nochmal durchgegangen, um ein wenig herunterzukommen – und dann ging es ins Gefecht.

RUB Alumni: Besitzen Sie noch einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit?

Dr. Perret: Ja, meine Ledertasche, die habe ich noch. Und die nutze ich auch heute noch.

RUB Alumni: Die kann man also auch als Zoodirektor noch tragen?

Dr. Perret: Ja, natürlich, das ist kein Aktenkoffer im klassischen Sinne, sondern so eine alte Ledertasche, mit der geht man auch als Zoodirektor noch durch. Und meinen Doktorhut habe ich auch noch! Mit ganz vielen Bildern von Affen und Fotos, die zeigen, wie  ich vor dem Gehege sitze und meine Affen beobachte. Der wurde mir damals von den Kollegen gebastelt und nach der Prüfung überreicht, ich halte ihn hoch in Ehren.

RUB Alumni: Wenn Sie auf Ihr Studium zurückblicken, was bedeutet es Ihnen heute?

Dr. Perret: Das war natürlich eine wunderschöne Zeit, ich habe viele nette Kollegen kennen gelernt, mit einigen habe ich heute noch Kontakt. Fachlich hat es mir sehr gefallen, ich fand alles hoch interessant, selbst die Bereiche, die damals noch nicht so wichtig für mich waren. Wir hatten wirklich sehr gute Professoren, die ihre Forschungsgebiete spannend vermittelt haben, ich hoffe, das ist heute auch noch so. Es war insgesamt ein wunderbares Arbeiten, das muss man wirklich sagen, es hat viel, viel Spaß gemacht. Und ich zehre auch heute noch davon, trotz Internet schlage ich immer noch in den Büchern nach und weiß ganz genau, ach, das hast Du damals mal irgendwann gelernt, schau da noch mal nach, da steht es ganz bestimmt drin.

RUB Alumni: Heute sind Sie Zoodirektor bzw. Geschäftsführer eines Zoos. Wie kommt man da hin? Wie verlief Ihr Weg nach dem Studium?

Dr. Perret: Durch das Thema meiner Diplom-Arbeit und meiner Promotion hatte ich einen ersten Fuß in der Tür. Damit konnte ich erst einmal ein wenig hineinriechen, wie die Zoowelt so tickt. Das ist doch ein sehr eingeschworener Verein, der nichts mit dem zu tun hat, was wir in unserem Studium an Theorie und Methoden gelernt haben, das geht weit darüber hinaus.

RUB Alumni: Inwiefern ist ein Zoo ein „eingeschworener Verein“?

Dr. Perret: Heute ist es schon nicht mehr so schlimm, aber zu meiner Zeit war es so, dass sehr viele Biologen um die Einrichtung Zoo herumschwirrten wie die Motten ums Licht. Das ist natürlich ein sehr interessanter, abwechslungsreicher Beruf, der stellvertretend dafür steht, warum vielleicht der ein oder andere überhaupt begonnen hat, Biologie zu studieren: Man hat  nämlich tatsächlich noch was mit dem „ganzen Tier“ zu tun.

RUB Alumni: Also die Plätze sind sehr begehrt, viele wollen das machen.

Dr. Perret: Genau, viele wollen da rein und deswegen muss man versuchen, irgendwie einen Fuß in die Tür zu bekommen, z. B. durch Praktika oder Forschungsarbeiten. Man muss also erst einmal sehr viel investieren, um überhaupt erst einmal in einen Zoo hineinzukommen. Nicht jeder kann sagen, ich mache jetzt mal vier Wochen Praktikum und bekomme dafür aber kein Geld. Es ist immer viel Eigeninitiative nötig. Und dann muss man auch noch einen aufgeschlossenen Direktor finden, der bereit ist, Praktikanten anzunehmen, weil die ja am Anfang eher Arbeit machen, als dass sie nutzen.

RUB Alumni: Wie lief es nach Ihrer Promotion weiter?

Dr. Perret: Zunächst habe ich eine befristete Stelle im Allwetterzoo in Münster bekommen. Da bin ich dann auch sieben Jahre geblieben. Und von dort aus habe ich mich beworben auf die Direktorenstelle in Magdeburg und das hat dann geklappt.

RUB Alumni: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus, was machen Sie als Geschäftsführer eines Zoos?

Dr. Perret: Leider bringt es der Job mit sich, dass ich mich von den Tieren ein wenig entfernt habe. Im Grunde genommen ist ein Zoo nämlich ein wirtschaftliches Unternehmen. Wir haben derzeit rund 80 Mitarbeiter und verschiedene Abteilungen:  Marketing, eine technische und eine kaufmännische Abteilung, die zoologische Abteilung ist natürlich die größte, dort sind die Tierpfleger tätig. Und eine Veterinärabteilung mit einem Tierarzt. Das ist schon ein größeres Gebilde. Zurzeit runderneuern wir den Zoo mit einem umfassenden Investitionsprogramm, da sind dann innerhalb recht kurzer Zeit 20 Mio. Euro zu bewegen. Meine Tätigkeit läuft also darauf hinaus, den Zoo zu managen, dass er wirtschaftlich auf gesunden Beinen steht. Außerdem mache ich Öffentlichkeitsarbeit, damit wir viele Besucher anziehen. Das ist mein täglich Brot. – Darüber hinaus mache ich täglich meinen Rundgang, um den Kontakt zur Basis zu halten und auch um zu wissen, was mit den Tieren los ist, ob z. B. eines krank ist. Eine Visite, wie im Krankenhaus, fällt immer noch an.

RUB Alumni: Sie drehen also abends noch eine Runde und streicheln das Nashorn?

Dr. Perret: (Lacht) Ja, einige kann man tatsächlich streicheln, wenn Sie Futter dabei haben, geht das.

RUB Alumni: Gibt es in Ihrem Zoo Tiere, zu denen Sie eine besondere Beziehung haben?

Dr. Perret: Zu unseren Menschenaffen habe ich sicherlich einen besonderen Draht, das liegt nahe. Unsere Elefanten mag ich gerne, das sind charismatische Tiere, richtige Persönlichkeiten. Sie stehen in der Beliebtheitsskala bei unseren Besuchern auch ganz oben. Ans Herz gewachsen sind mir unsere Spitzmaulnashörner, weil sie sehr seltene Tiere sind. Im Grunde ist es schon so, dass ich einen Draht zu jedem Tier habe, aber natürlich habe ich ein paar Lieblinge, das sind die Genannten.

RUB Alumni: Wie gehen Sie mit jemandem um, der Kritik an der Einrichtung Zoo an sich übt?

Dr. Perret: Wir selbst sind ja auch kritisch mit unserer Arbeit. Oft ist es so, dass z.B. bei der Tierhaltung etwas vor zehn oder zwanzig Jahren noch in Ordnung und Stand der Technik und Wissenschaft war, aber auf einmal wird man dann von den Entwicklungen überrollt und müsste alles ganz anders machen. Einen Zoo dann entsprechend weiterzuentwickeln und wirklich wieder auf den aktuellen Stand zu bringen, kostet eine ganze Menge Geld und Zeit, und manchmal hinken wir wirklich hinterher, das muss man schon ganz offen ansprechen. Mit konstruktiver Kritik können wir wunderbar umgehen, aber oft sind wir auch mit absoluten Zoogegnern konfrontiert, die jede Form der Tierhaltung ablehnen. Mit denen hat man keine gemeinsame Basis, auf der man diskutieren könnte. Aber da müssen wir auch mit umgehen.

RUB Alumni: Und was sagen Sie solchen Leuten? Was ist der Sinn eines Zoos?

Dr. Perret: Der Sinn eines Zoos ist heute sicherlich ein ganz anderer als vor 30, 40 Jahren, wo es eher darum ging, Tiere zur Schau zu stellen. Sicherlich zeigen wir Tiere, aber wir haben unseren Bestand mehr und mehr dahingehend ausgelegt, bedrohte Tiere zu halten und zu züchten. Ziel ist, eine sogenannte Reservepopulation aufzubauen, die gegebenenfalls dafür genutzt werden kann, diese Tiere wieder auszuwildern. Es gibt eine ganze Menge Beispiele, dass das auch funktioniert. Auch in unserem Zoo geborene Tiere sind schon in Afrika oder Europa wieder ausgewildert worden.

Das zweite ist, dass wir bei unseren Besuchern zur Bewusstseinsbildung beitragen: Wenn man mal überlegt, wie viel Millionen Besucher jedes Jahr allein nur in Deutschland Zoos besuchen, haben wir natürlich die einzigartige Chance, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen und zu sagen, schaut mal, was im natürlichen Lebensraum der Tiere passiert, und ihr könntet helfen, diesen Ort zu schützen. Denn, trotz aller medialen Vermittlung, die es gibt, ist doch das leibhaftige Tiererlebnis immer noch besser als das über einen zweidimensionalen Bildschirm.  Wir versuchen z.B. unter dem Motto „Tierisch nah“, Besucher an Tiere heranzuführen, sie können Tiere füttern oder pflegen. Über diese emotionale Schiene können wir unsere Botschaft gut transportieren. Und das kommt dann letztendlich auch wieder den Tieren im natürlichen Lebensraum zugute, wenn die Leute Engagement entwickeln.

RUB Alumni: Da sind wir ja wieder zurück bei dem, was Sie zu Ihrem Berufswunsch „Zoo“ gebracht hat: die Nähe zu den Tieren.

Dr. Perret: Ja richtig!

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch!