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2005

Dr. Uli Paetzel

Bürgermeister der Stadt Herten

Uli Paetzel studierte von 1991 bis 1997 Sozialwissenschaften und Französisch als Lehramtsstudium an der RUB. Anstatt nach dem Abschluss ein Referendariat zu beginnen, entschied er sich, im Fach Soziologie zu promovieren und erhielt einen Lehrauftrag. Heute ist Uli Paetzel Bürgermeister der Stadt Herten.

 

Was ich bis heute noch nicht ganz verstanden habe ist, dass man auf beiden Flurstrecken Ost und West nicht komplett von Norden nach Süden kommt.

RUB Alumni: Herr Paetzel, können Sie bitte darstellen, wie genau Ihr beruflicher Schritt vom Lehrauftrag an der RUB zum Amt des Bürgermeisters von Herten ausgesehen hat?

Paetzel: Ich habe mich immer für Politik im weitesten Sinne interessiert, war aber nie wirklich aktiv. Als ich 1995 von meinen zwei Auslandssemestern in Frankreich zurückkam, war das auch nicht wirklich anders. Ich kannte in meiner Heimatstadt Herten den ein oder anderen, der politisch aktiv war. Der damalige Bürgermeister wusste, dass ich im Promotionsstudiengang bin und fragte dann, ob ich für ihn so eine Art Wahlkampfmanager sein wollte. Das habe ich damals gerne gemacht. Er sagte mir dann jedoch: „Dafür musst Du dann auch in den Stadtrat gehen!“. Da habe ich gesagt: „Naja, warum eigentlich nicht; sich so nebenher ein bisschen für die eigene Heimatstadt zu engagieren, kann ja nicht schaden.“ Und so war ich dann plötzlich Mitglied des Stadtrates und habe an dieser Arbeit auch eine Menge Freude entwickelt. So bin ich dann ein Stück in die Kommunalpolitik hinein gekommen. Überraschend für alle, erklärte der Bürgermeister dann 2003, dass er nicht noch einmal kandidieren würde. Meine Partei hat sich dann, zur Überraschung vieler, dazu entschieden, einen jungen Kandidaten aufzustellen. So wurde ich zum Bürgermeisterkandidaten, der dann auch zum Bürgermeister gewählt wurde.

RUB Alumni: Können Sie sich noch daran erinnern, warum Sie ausgerechnet Bochum als Studienort gewählt haben?

Paetzel: Nachdem ich mich für das Studienfach Sozialwissenschaften entschieden hatte, habe ich mich danach umgesehen, wie die Sozialwissenschaften an den verschiedenen Universitäten in Deutschland aufgestellt sind. An einigen wurde nur Politikwissenschaften, an den anderen nur Soziologie angeboten. Bochum hatte damals – wahrscheinlich als einzige in Deutschland – eine Mischung, die aus Soziologie, Politik und Wirtschaftswissenschaften bestand. Daneben gab es auch Dinge, die man immer ganz gut gebrauchen konnte, beispielsweise Statistik und Methoden. Die Mischung dieser drei Bereiche, über die man im Grundstudium einen Überblick bekam, und die man im Hauptstudium dann vertiefen konnte, hat mich sehr fasziniert. Das war schlussendlich der Grund dafür, weswegen ich mich für die Universität Bochum entschieden habe.

RUB Alumni: Das Geschoss-System der RUB hat ja durchaus seine „Eigenarten“. Können Sie sich noch daran erinnern, wie lange es gedauert hat, bis Sie sich darin orientieren konnten?

Paetzel: Das Prinzip habe ich relativ schnell nach ein paar Wochen erkannt: Es gibt zwei Aufzugsysteme und hinten im Süden geht es bis Ebene 05 runter. Oben im Norden geht es nicht so weit runter. Was ich bis heute noch nicht ganz verstanden habe ist, dass man auf beiden Flurstrecken Ost und West nicht komplett von Norden nach Süden kommt. Manchmal gibt es da Abgrenzungen, beispielsweise durch Bibliotheken.

RUB Alumni: Bei den ungeraden Geschossen gelangt man nicht immer von Norden nach Süden.

Paetzel: Ach schau an, das wusste ich noch gar nicht! Ich habe das immer eher als lustig empfunden. Für mich war das jetzt nie ein wirkliches Problem. Das war eher eine Herausforderung, sich da durchzuwursteln.

RUB Alumni: Wenn Sie sich konkret an Ihre Studienzeit erinnern, gibt es da Gegenstände, die Sie heute noch besitzen?

Paetzel: Ich hab noch meinen alten Studentenausweis. Da ist natürlich so ein Loch rein gemacht worden, aber den hab ich noch. Den gebe ich auch nicht ab!

RUB Alumni: Was vermissen Sie aus der heutigen Sicht am meisten, wenn Sie an Ihre Zeit als Student in Bochum zurückdenken?

Paetzel: Ach ganz ehrlich, das war ne´ schöne Zeit! Es war sehr unbeschwert, im Grunde wird diese Zeit auch nie wieder kommen. Ich habe wirklich gerne studiert und ich habe auch gerne Sozialwissenschaften und Französisch studiert. Die Mischung war toll, man hat tolle Leute kennen gelernt und man konnte sich Themen aussuchen, die teilweise richtig verrückt waren. Da fallen mir spontan immer einige Seminare ein. Ich habe zum Beispiel bei den Franzosen ein Seminar über die Frauen in der Französischen Revolution gemacht. Also wirklich wunderbare Sachen, die einen wahrscheinlich das Leben lang prägen. Dieses unbeschwerte Lernen und Aufsaugen von Themen, Methoden und Theorien finde ich noch heute toll. Das ist auch für mich immer ein wenig Grund und Ansporn den Studierenden zu sagen: Ihr habt hier so eine einmalige Zeit und soviel Spaß, den ihr haben könnt, wenn ihr euch umschaut. Das dürft ihr nicht „vergeuden“, sondern müsst ihr wirklich nutzen!

RUB Alumni: Wenn Sie von „verrückten Seminaren“ sprechen, fallen Ihnen da vielleicht Anekdoten aus Ihrer Studienzeit ein?

Paetzel: Ich habe mich mal mit einem Kollegen in einem Seminar abgesprochen, in dem uns die Mitstudierenden echt auf den Geist gingen. Wir wussten, dass der Seminarleiter gerne Diskussionen zulässt. Wir haben uns abgesprochen, dass wir beide mal zwei komplett verrückte und gegensätzliche Positionen einnehmen und uns dann mal bewusst wild streiten, um alle ein wenig zu irritieren. Das hat soviel Spaß gemacht.

RUB Alumni: Gibt es denn heute noch etwas, was sie mit der Bochumer Universität verbindet?

Paetzel: Ich habe noch immer einen Lehrauftrag bei den Sozialwissenschaftlern für ein Seminar im Semester, in dem ich versuche, die „verrückten Geschichten“ von damals weiterzuführen. Das mache ich mit großer Freude. Und dann habe ich inzwischen eine Reihe von anderen beruflichen Kontakten zu Instituten oder Einrichtungen der RUB, wo ich in meinem Amt als Bürgermeister Kooperationen aufbauen möchte. Ich versuche den einen oder anderen Kontakt zu nutzen, um gemeinsame Projekte auf die Beine zu stellen. Beispielsweise, was Vereinfachung von Verwaltungssprache oder was die wissenschaftliche Begleitung von Projekten angeht.

RUB Alumni: Wo wir gerade bei Kooperation sind: Haben Sie schon von der Kooperation der Ruhr-Uni Bochum mit dem VfL Bochum gehört?

Paetzel: So etwas halte ich als überzeugter Schalker für vollkommen überflüssig.

RUB Alumni: Bleiben wir bei Ihrer beruflichen Tätigkeit. Sie sind Bürgermeister, Sie haben einen Lehrauftrag, Sie haben repräsentative Aufgaben und sind zudem auch noch Verwaltungsleiter. Wie schaffen Sie es, dies alles in Ihrem Alltag zu koordinieren?

Paetzel: Ach, am Ende ist das gar nicht so wild. Man beginnt morgens um sieben bis halb acht mit dem Lesen der Zeitung. Um acht beginnt man in der Verwaltung die Sachen anzugehen. Wenn man sich gut organisiert, dann kriegt man die Dinge in einem normalen Arbeitsalltag von acht Stunden in der Verwaltung gut abgearbeitet. Dann kommen die Repräsentationstermine hinzu, die machen dann noch mal - je nachdem - vier bis sechs Stunden aus. Wenn man gerne liest und viel Spaß am Lesen hat, dann bekommt man das auch gut hin. Das ist halt eine Frage von Arbeitsorganisation.

RUB Alumni: Sehen Sie bei der Arbeitsorganisation auch manchmal Zusammenhänge mit Ihrer Studienzeit?

Paetzel: Ja, ziemlich stark! Die Lehramtsstudenten waren damals die, für die sich niemand zuständig gefühlt hat. Die mussten ihre Stundenpläne immer selbst machen und das war nicht ganz so einfach. Dann musste man sich immer durch die verschiedenen Vorlesungsverzeichnisse kämpfen und selbst versuchen, die Dinge zu bewältigen. Das war alles nicht so ganz einfach. Aber sich selbst zu organisieren, das hinzubekommen, und sich selbst durch diesen Bochumer Dschungel zu kämpfen, das hat schon geholfen.

RUB Alumni:
Wenn Sie sich heute noch einmal für einen Studiengang entscheiden könnten, würden Sie dann immer noch die gleiche Studienfachkombination und die Bochumer Uni wählen?

Paetzel: Ich würde mich immer wieder für Bochum entscheiden, weil Bochum wirklich eine Menge Spaß macht. Die Dinge, die sich in der Veränderung der Studienorganisation inzwischen ergeben haben, also beispielsweise die Sachen, die in Richtung Creditpoints oder Bachelor- und Master-Studiengänge gehen, denen stehe ich verhalten gegenüber. Von daher würde ich heute vielleicht überlegen, mein Studium komplett im Ausland zu absolvieren. Da weiß ich nicht, ob wir in Deutschland unbedingt auf dem richtigen Weg sind. Aber grundsätzlich bin ich sehr positiv zu Bochum und den Angeboten der Bochumer Uni eingestellt.

RUB Alumni: Stellen Sie sich vor, Sie wären heute Rektor oder Kanzler. Gibt es da konkrete Dinge, die Sie gerne ändern würden?

Paetzel: Schwer zu sagen. Ich kenne mich in den administrativen Zusammenhängen der Ruhr-Universität zu wenig aus, um das einschätzen zu können. Bei solchen Sachen bin ich immer sehr vorsichtig. Ich glaube in den letzten Jahren hat sich die Uni schon in großen Schritten weiterentwickelt. Ein kleines Beispiel: Die Entscheidung zur Rauchfreiheit war sehr gut, die Sanierung der Cafeten im GB- und GC-Bereich, die ich ein Stück näher kenne, war eine gute Entscheidung. Die Studierenden ein Stück mehr an die Hand zu nehmen und zu begleiten ist auch schon ein guter Schritt. Ich glaube, viele Studierende fühlen sich noch immer ein wenig alleine gelassen. Was wir insgesamt noch besser hinkriegen müssten, das ist die bessere Betreuung der Studierenden. Lehre und Forschung müssen insgesamt gleichwertig werden.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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