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2005

Gudrun Norbisrath

Ressortleiterin WAZ-Wochenende und Feuilleton-Chefin

Frau Norbisrath studierte von 1966 bis '75 Germanistik, Theaterwissenschaft und Publizistik in Bochum. Seit 1975 ist sie bei der WAZ in den Ressorts Politik, Reportage, Wissenschaft, Umwelt und Kultur. Im WAZ-Wochenende erschien von 1982 bis '89 die Porträt-Serie "Gesichter des Reviers", vom Müllarbeiter bis Uta Ranke-Heinemann. Seit 1985 ist Frau Norbisrath Ressortleiterin WAZ-Wochenende und seit 2000 Feuilleton-Chefin. Sie hat Lehraufträge an den Universitäten Dortmund, Witten und Essen, u.a. über "Das Handwerk des Schreibens". Außerdem ist Gudrun Norbisrath Herausgeberin von Büchern über das Ruhrgebiet ("Mehr als Romantik", "Die gestohlene Jugend", "Als die D-Mark kam").

Wir haben, im Sommer '68 das Rektorat besetzt und ordentlich Zoff mit Kurt Biedenkopf bekommen

RUB Alumni: Warum haben Sie damals Bochum als Studienort gewählt?

Frau Norbisrath: Die Entscheidung für Bochum habe ich 1966 ganz unspektakulär getroffen. Ich bin in Hilden geboren, also in der Nähe, als Hochschulorte kamen deshalb nur Köln und Bochum in Frage, denn ich sollte (mit 18 damals noch nicht volljährig) vorerst zu Hause wohnen. Meinen Eltern habe ich erzählt, dass die gerade neu gegründete Ruhr-Universität als Arbeitsuni gelte - das stimmte. Was sie nicht wussten: Mein Freund hatte eine Oma in Bochum-Linden und sollte natürlich in Bochum studieren.

RUB Alumni: Was fällt Ihnen für eine nette Anekdote ein, wenn Sie an Ihr Bochumer Studium zurückdenken?

Frau Norbisrath: Eine Anekdote ... Wir haben, im Sommer '68 das Rektorat besetzt und ordentlich Zoff mit Kurt Biedenkopf bekommen, der damals Rektor war. Ist das eine nette Anekdote? Wir fanden die Sache damals zwar sehr ernst, aber auch sehr amüsant. Schön waren auch die beinahe täglichen Sit-ins auf der Wiese zwischen den Gebäuden MA und MB; mehr Uni gab's ja damals noch nicht. Ach ja, und dann gibt es noch die Geschichte von meiner Magisterarbeit, die sich mit der Rezeption Heinrich Heines an deutschen Hochschulen nach '45 befasste. Ich habe u. a. empirisch gearbeitet und einen Fragebogen an die betroffenen Hochschullehrer geschickt, und weil ich die These verfolgte, dass die Beschäftigung mit Heine seit den 60er Jahren zunehmend auch politische Gründe haben müsse, fragte ich kess (und, wie ich fand, äußerst subtil): "Sind Sie Mitglied der GEW?" Darauf schrieb die große alte Käte Hamburger lapidar an meinen Professor Hans-Joachim Schrimpf: "Die Rezeptionsästhetik treibt seltsame Blüte." Ich möchte lieber nicht wiederholen, was der "Proff" mir darauf gesagt hat. Die Fragebogenaktion wurde jedenfalls schlagartig beendet.

RUB Alumni: Wie würden Sie Ihr Studium in vier Worte zusammenfassen?

Frau Norbisrath: Vier Worte über mein Studium: Es war zu lang.

RUB Alumni: Wie lange hat es gedauert, bis Sie das Geschosssystem der Universität durchschaut haben?

Frau Norbisrath: Das Geschosssystem war damals wirklich noch kein Problem.

RUB Alumni: Welchen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit besitzen Sie noch heute?

Frau Norbisrath: Ich habe mein Studienbuch noch. Darin lese ich mit Vergnügen, dass ich im ersten Semester (1966/67) "Methoden der Inhaltsanalyse" bei Kurt Koszyk belegt habe, außerdem "Der deutsche Minnesang von den Anfängen bis zu Walther" und die Grundkurse Gotisch und Mittelhochdeutsch. Die Semestergebühr betrug übrigens 100 DM, davon waren 70 DM Sozialbeitrag und 30 DM Aufnahmegebühr; ab 1968 musste dann, wie ich mit Staunen feststelle, Unterrichtsgeld bezahlt werden und eine Studiengebühr auch.

RUB Alumni: Was vermissen Sie an meisten, wenn Sie an Ihre Studienzeit an der Bochumer Uni zurückdenken?

Frau Norbisrath: Was ich vermisse: Vielleicht das Bratwurstglöckle an der Querenburger Straße? Oder die Kneipe "Backofen"? Nein, im Ernst: Die Uni vermisse ich schon deshalb nicht, weil ich ihr lange beruflich verbunden war, als Hochschul- und Wissenschaftsredakteurin. Nach dem Studium allerdings hat es einige Jahre gegeben, in denen ich die Uni nicht betreten habe - die Erinnerung an die mörderische Examenszeit hat mich lange verfolgt.

RUB Alumni: War Ihr Studium für Sie im Nachhinein wesentlich für Ihren jetzigen Beruf?

Frau Norbisrath: Ich habe im Germanistikstudium den analytischen Zugang zur Literatur bekommen, den man zusätzlich zur Liebe und Begeisterung eben auch braucht. Das Publizistikstudium hat mir wenig fachliche Impulse gegeben, außer denen, die ich in Hilmar Hoffmann Filmseminaren erhielt. Ein paar Semester Soziologie (bei Urs Jaeggi - unvergesslich!) waren sehr erhellend. Und Theaterwissenschaft war herrlich unnütz, mit dem alten Günter Skopnik, dem Bochumer Schauspieldirektor, dessen "Lehre" in köstlichen Geschichten aus dem Theater bestand. Dazu schnorrte er Rothändle; er war dabei, sich das Rauchen abzugewöhnen ...

RUB Alumni: Wenn Sie heute noch einmal studieren würden, welches Fach würden Sie heute wählen?

Frau Norbisrath: Wenn ich noch einmal studieren könnte, wäre die erste Wahl unbedingt wieder Germanistik: um zu sehen, was sich in dieser Wissenschaft inzwischen verändert hat. Außerdem würde ich mich gern ausführlich mit Geschichte und Philosophie beschäftigen. Vielleicht auch mit Theologie.

RUB Alumni: Was würden Sie gerne den heutigen Bochumer Studierenden mit auf dem Weg geben?

Frau Norbisrath: Was ich den Studenten mit auf den Weg geben möchte? Lernt, soviel ihr kriegen könnt. Diese Chance bekommt ihr nie wieder.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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